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[Bd. 4 S. 471]
Oskar von Miller, 1855-1934, von Richard Woldt

Oskar von Miller.
[480a]      Oskar von Miller.
Die Persönlichkeit eines erfolgreichen Ingenieurs, wie es Oskar von Miller gewesen ist, läßt sich nur dann in ihrer vollen Bedeutung würdigen, wenn auch ein solches Arbeitsleben für die Betrachtung hineingestellt wird in die Strömungen und Anforderungen der Zeit.

Für uns in Deutschland ist unser Schicksal als Industrievolk durch die Technik mit entscheidend gestaltet worden. Jener wirtschaftsgeschichtliche Vorgang, wie der Industrialismus entstand, hat oft seine Darstellung gefunden. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nahmen die Wandlungen ihren Anfang. Das unruhevolle Reich des Fabriklebens begann und dehnte sich aus. Wie mit Saugpumpen wurden in die wachsenden Industriebezirke Menschenmassen zu neuartiger Arbeit hineingepreßt. Der Bauernsohn verließ Scholle und Heimat, um in die neue Industriestadt abzuwandern und Fabrikarbeiter zu werden. Die Nachgeborenen aus dem traditionellen handwerklichen Schaffen wurden Maschinenführer. Durch die Technik wurden die Menschen in ein anderes Dasein und in ein anderes Zusammenleben gebracht. Eine neue Gliederung in Nation und Staat wuchs heraus; ein neues Volk entstand.

Weltwirtschaftlich gesehen bildeten drei Nationen in dieser Entwicklung den Vormarsch. England wurde das Mutterland des modernen Fabriklebens und der Maschine. Die ersten Dampfmaschinen setzten sich hier in Bewegung. Der Maschinenbau entwickelte neue Methoden der Eisenbearbeitung, der Siegeszug der Lokomotive nahm in England seinen Anfang, die Grundlagen der modernen Textilindustrie wurden hier geschaffen. Dann wurde Amerika das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Die reichen Bodenschätze an Kohle, Erzen und Petroleumquellen haben auf die Menschen gewartet, die sie kapitalistisch erobern sollten. Ohne Bindungen an Gewohnheiten der Vergangenheit und der alten Heimat Europa nahm der weiße Mann Besitz von diesem Reichtum an Energien und Gütern. Mit rücksichtslosem Eroberungswillen wurde eine neue Welt errichtet und das Maschinenwesen in oft gigantischen Formen gestaltet. Als dritte führende Macht in Technik und Industrie stieß Deutschland vor. Dieses Geschehen findet in der Kurvensprache der weltwirtschaftlichen Produktionsziffern seine eindrucksvolle Darstellung: wie das deutsche Arbeitsvolk in Kohle, Eisen und Maschinen, in Produktion und Verkehr, in Technik und industrieller Arbeit sich Weltgeltung zu schaffen vermochte. Deutschland erlebte ein glückhaftes Aufsteigen [472] zum wirtschaftlichen Erfolg. Der deutsche Mensch ist siegreich auf dem Gebiet der modernen Technik gewesen.

Das neunzehnte Jahrhundert ist die große Wende der technischen Entwicklung von der alten zur neuen Zeit. An den Namen von James Watt knüpft sich der Übergang. Die wichtigen Erfindungen sind freilich immer durch das Zusammenwirken von technischen Menschen einer ganzen Epoche entstanden. Für das Genie beginnt der Vorstoß in das unbekannte Land. Die Bedeutung einer großen Erfindung liegt darin, einen Abschluß und zugleich einen Anfang zu einer neuen Entwicklung herbeigeführt zu haben. In diesem Sinne ist die erste betriebsfähige Dampfmaschine von Watt ein Wendepunkt gewesen. Die primitive Krafttechnik in der Anwendung von Mensch und Tier sowie Wind und Wasser als Kraftmotor war beendet. Der "König Dampf" trat seine Herrschaft an. Über das Ausmaß menschlicher und tierischer Kräfte hinaus, unabhängig von Jahreszeit und Wetter in der Regelmäßigkeit der Arbeitsleistungen, begannen jetzt die neuen Maschinen zu arbeiten. Die Zuverlässigkeit eines geordneten Kraftbetriebes wurde erreicht.

Mit der Erfindung der Dynamomaschine durch Werner Siemens beginnt eine neue Zeit der Kraftwirtschaft. Die jetzt verwertbare Energie der Elektrizität läßt sich verteilen, fortleiten, in vielgestaltige Arbeitsformen umwandeln. Leise surrend, mit früher unbekannten Geschwindigkeiten, setzen sich die Dynamomaschinen und Elektromotoren in Bewegung. Eisenkerne werden mit Drahtspulen umwickelt, Magnetismus verwandelt sich in Elektrizität, und Elektrizität wird umgeformt in Licht, Wärme, mechanische Energie. Wohnungen, Straßen und Arbeitssäle erhalten ihre elektrische Beleuchtung. In den Werkstätten werden die Arbeitsmaschinen durch Elektromotoren angetrieben. Dem Verkehrsleben wird jener neue Rhythmus gegeben, als es gelang, die gehorsamen elektrischen Kraftmaschinen als Antriebmittel überall einzubauen.

Auf dem Gebiet des Konstruierens und der Fabrikation mußten freilich erst die Einzelglieder der Elektrizitätsanlage geschaffen werden. Es wiederholt sich ungefähr der gleiche Vorgang wie im alten Maschinenbau: der Erfinder wird zum Werkmann, die großen technischen Ideen sind vorhanden, und nun gilt es, die entscheidenden Schwierigkeiten zu ihrer praktischen Verwirklichung zu überwinden. Die Einzelaufgaben müssen gelöst werden. Die elektrische Kraftanlage benötigt viel und vielerlei Einzelgegenstände wie Dynamos, Elektromotoren, Schalter, Lampen, Zähler, Sicherungen, Kabelleitungen. Die Aufgaben zweckmäßiger Konstruktion und Herstellung sind zu lösen. Junge unternehmungslustige Werkleute machen sich selbständig. In den wachsenden Fabriken setzen sich Ingenieure an die Zeichentische, bauen Prüffelder, bilden Meßmethoden aus, legen physikalische Gesetze und Formeln fest. Siemens umgibt sich mit einem großen Stab technischer Mitarbeiter. Es ist ein arbeitsfrohes Schaffen überall im industriellen Deutschland: Krupp, Borsig, Schwartzkopff, Schichau, Henschel werden erfolgreiche Männer im Maschinenbau. Und auch die junge Elektroindustrie nimmt den [473] Anlauf, aus der Enge begrenzter Empirie zur wissenschaftlichen Arbeitsmethodik zu kommen. Noch freilich war die Ausführung einer Beleuchtungsanlage oder einer elektrischen Kraftstation für den Besteller eine Angelegenheit des Risikos. Es wurde viel probiert und experimentiert. Der technische Erfolg der Leistung und Zuverlässigkeit für die Ausbreitung des elektrischen Betriebssystems mußte erst erkämpft werden.

Das war die Zeit, in der ein Mann wie Oskar von Miller mit seiner Begabung und seiner Arbeitskraft ein großes Wirkungsfeld finden sollte.

An einem Sonntagvormittag, im August 1881 – so schildert das von Miller in seinen Lebenserinnerungen – sitzen bei einem Frühschoppen in der Regensburger Wurstküche ein paar bayerische Ingenieure zusammen und diskutieren über den Bericht der Augsburger Allgemeinen Zeitung von der elektrischen Ausstellung in Paris. Der junge sechsundzwanzigjährige Praktikant Oskar von Miller war dabei. Sein Vorgesetzter machte den Scherz, hier könnte der junge Kollege sich ausleben, "dem ja der Dienst in Bayern viel zu ruhig sei". Aus dem Scherz wird für Miller Ernst. Er überrascht seine Vorgesetzten mit der Eingabe, als Kommissar der bayerischen Regierung nach Paris zu reisen und über die "Aussichten zur Erzeugung der bayerischen Wasserkräfte von Elektrizität Informationen zu sammeln". Im September war Miller bereits in Paris. Der überwältigende Eindruck der Pariser Ausstellung wird von ihm geschildert:

"Die Beleuchtung übertraf jede Vorstellung. Die Edison-Glühlichter, die im Gewölbe des Saales und im Treppenhaus angebracht waren, strahlten wie Tausende von Sternen von der Decke, die Bogenlampen von Brush, Siemens und Hefner-Alteneck verbreiteten ein bis dahin unbekannt starkes Licht, welches von einem der bedeutendsten Naturforscher dieser Zeit als dem Sonnenlicht ähnlich bezeichnet wurde. Die Kerzen von Jabblochkoff imponierten durch ihre Einfachheit, und die Lampe soleil von Clerk, welche mit dem glühenden Marmorblock eine Bildergalerie erhellte, gab ein besonders schönes und angenehmes Licht, dies erschien wunderbar und märchenhaft. Das allergrößte Aufsehen erregte jedoch eine Glühlampe von Edison, die man mit einem Schalter anzünden und auslöschen konnte, an welcher die Menschen zu Hunderten anstanden, um selbst diese Schalter einmal bedienen zu können.

Neben der Beleuchtung erregte das Erstaunen der Besucher eine telefonische Übertragung aus der Oper. Unsere heutige Generation, die von Jugend auf an das Telefon gewöhnt ist, kann sich keine Vorstellung machen, welche geisterhafte Überraschung es war, als man am Telefon Sänger und Instrumente sowie das Klatschen des Publikums vernahm."

Auf dem Gebiet des Telegrafen- und Signalwesens wird ein Fernschreibeapparat Edisons erwähnt, "bei dem es nur nötig war, mittels eines harten Stiftes auf einen Papierzettel eine Meldung zu schreiben, von welcher dann der Apparat an die Empfangsstation eine genaue Kopie lieferte. Ein solcher Fernschreibeapparat war damals zwischen New York und Philadelphia bereits in Betrieb". [474] Edison hatte eine dynamo-elektrische Maschine nach Paris geschickt, die den bezeichnenden Namen "Jumbo" erhielt und wegen ihrer Leistung von hundertfünfzig Pferdestärken als die größte Maschine dieser Art nach dem Stand der damaligen Entwicklung angestaunt wurde.

Oskar von Miller nahm von dieser Pariser Ausstellung die Absicht mit, ein Projekt der erweiterten elektrischen Kraftübertragung in Deutschland zu verwirklichen. Schon im nächsten Jahr wurde in München eine elektrotechnische Ausstellung ins Leben gerufen. Der französische Elektrotechniker Marcel Deprez hatte seine Berechnungen für die Teilung des elektrischen Stromes und für elektrische Kraftübertragung auf weite Entfernungen veröffentlicht. An einem praktischen Versuch wollte von Miller diese Theorien erproben. Die Zustimmung von Marcel Deprez wurde eingeholt. Zwischen Miesbach und München, auf eine Entfernung von siebenundfünfzig Kilometer, wurde die Anlage eingerichtet... Eines Abends, elf Uhr, nach Schluß der Ausstellung, um ein etwaiges Versagen, einen Mißerfolg nicht allzu offensichtlich werden zu lassen, erfolgte die Aufforderung, die Maschine mit einem gewöhnlichen Kaffeemühlen-Telegrafen in Betrieb zu setzen. "Die Spannung war außerordentlich. Plötzlich fing der Motor an, sich zu drehen, immer schneller, und der Wasserfall, den der Motor treiben sollte, kam in Betrieb. Die Überraschung kann sich heute niemand mehr vorstellen. Marcel Deprez war so freudig erregt, daß er mir um den Hals fiel und mir einen Kuß gab."

Für die Entwicklung der elektrischen Krafttechnik in der Ausnutzung der Naturkräfte war durch diesen Ausstellungsversuch wieder ein Schritt vorwärts getan. Die nächste Etappe der elektrischen Kraftübertragung sollte nach knapp zehn Jahren schon möglich werden. Eine elektrotechnische Ausstellung war der Anlaß. In Frankfurt hatten sich zu einem solchen Unternehmen die tüchtigsten Ingenieure zusammengefunden. Aus dem Stadium des theoretischen Versuches wurde hier in Frankfurt am Main zum erstenmal auf der Erde eine praktisch durchgebildete Fernübertragung elektrischer Energie durchgeführt. In einer Entfernung von hundertfünfundsiebzig Kilometer von Frankfurt bildet der Neckar bei dem Ort Lauffen einen Wasserfall von zwölfhundert Pferdestärken. Der Hauptteil davon wurde an Ort und Stelle von einem Portlandzementwerk als Antriebswerk benutzt. Wieder war Oskar von Miller der technische Leiter der Ausstellung. Er gab die Anregung, einen Teil der vom Neckarfall erzeugten Energie zum Fernbetrieb elektrischer Anlagen in Frankfurt zu benutzen. Dafür stand eine Turbine von dreihundert Pferdestärken zur Verfügung, die später zur Erzeugung elektrischer Energie für die Stadt Heilbronn verwendet werden sollte. Es handelte sich um ein Problem, dessen Bedeutung zwar schon damals erkannt, dessen Lösbarkeit aber von den meisten Fachleuten heftig umstritten wurde. Denn um elektrische Energie über eine so weite Strecke ökonomisch zu übertragen, war die Anwendung einer sehr hohen Spannung notwendig. Es wurde für unmöglich gehalten, eine hierfür genügend sichere Leitungsanlage herstellen zu können.

[475] Dennoch ging man mit großem Mut an die Ausführung. "Vier Staaten mußten bewogen werden, die Erlaubnis zur Durchführung der als äußerst gefährlich geltenden Hochspannungsleitung zu geben: Württemberg, Baden, Hessen und Preußen. Der Versuch gelang. Die ferne Wasserkraft des Neckars illuminierte die Ausstellung, und die Pumpe versorgte einen Wasserfall, der über einen zehn Meter hohen künstlichen Felsen floß. Dadurch wurde der staunenden Mitwelt ein vollständiger Kreislauf der Energie versinnbildlicht. Das Wasser, das in weiter Entfernung am Neckar brausend niederstürzte, hob in Frankfurt wiederum Wasser empor, um es in gleicher Weise herunterschießen zu lassen. Zugleich hat sich aber auch der gischtende Strudel in stille Energie verwandelt, die friedliches, ruhiges Licht erzeugte.

Der junge und energische Ingenieur von Miller hatte durch seine Ausstellungsarbeiten in der deutschen und ausländischen Fachwelt Aufsehen erregt. Führende Männer der Industrie wurden auf seine Arbeitskraft aufmerksam. Die Mittel zu einer Studienreise nach den Vereinigten Staaten, in denen die Elektrotechnik schon wesentlich weiter war als in den europäischen Ländern, wurden bereitgestellt. Ein neuer Ansporn, in der Heimat zu gleichen Resultaten zu kommen, ist für von Miller auf dieser Reise gegeben worden.

Nach seiner Rückkehr machte er dem Bayerischen Staatsministerium den Vorschlag, ein staatliches Büro für die Ausnutzung der bayerischen Wasserkräfte mit Hilfe der Elektrizität einzurichten. Er erklärte sich bereit, die Vorarbeiten dafür ohne besondere Vergütung zu übernehmen. Der Vorschlag wurde abgelehnt, der Bayerische Staat verlor damit für den unmittelbaren Staatsdienst einen

Oskar von Miller, links, mit Thomas Alva Edison.
Oskar von Miller (links) mit Thomas Alva Edison.
[Nach Süddeutsche Zeitung Photo.]
tüchtigen Beamten. Emil Rathenau machte von Miller das Angebot, mit ihm in die Leitung der neugegründeten Edison-Gesellschaft, der späteren Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, einzutreten. Dort hat von Miller sieben Jahre zugebracht. Eine Zeit intensiver Arbeit und großer Erfolge. Die Berliner Elektrizitätswerke mit diesen beiden Männern an der Spitze ließen in ihrer Zentrale an der Spandauer Straße schon im Jahre 1889 Generatoren mit 1000 PS laufen, während die damaligen Maschinen Edisons nur ungefähr 80 PS hatten.

Aber bereits 1890 trat von Miller aus dieser Stellung aus. Nach seinen eigenen Worten hatte er keine Lust, "Aktiendirektor" zu werden. Die ruhige und kommerzielle Entwicklung der Berliner Elektrizitätswerke erschien ihm für seine Arbeitsfreudigkeit und sein ungestüm vorwärtsdrängendes Temperament wohl ein zu ruhiger Wirkungsbereich. Von seinem Münchener Büro aus wurde in den nächsten Jahren eine umfangreiche Tätigkeit für die Ausbreitung der deutschen Elektrizitätswirtschaft entfaltet. In allen Teilen Deutschlands und auch im Ausland hat von Miller elektrische Werke gebaut. Seine Erfahrungen auf diesem Gebiet sind in einem Buch Die Versorgung der Städte mit Elektrizität niedergelegt worden. Als Elektroingenieur war er für seine Zeit immer ein Mann großzügiger Projekte, freilich auch begabt mit jener Energie, die Pläne einer Verwirklichung entgegenzuführen.

[476] Im Jahre 1911 machte von Miller den Vorschlag, in einheitlicher Weise das ganze rechtsrheinische Bayern mit elektrischer Energie zu versorgen. Die Wasserkraft vom Walchensee sollte nach jedem einzelnen Ort in Bayern geleitet werden. Mit dem Wasser, "das vom Walchensee zum Kochelsee herabfällt, müssen die Straßenbahn in Nürnberg ebenso betrieben werden wie die gewerblichen Motoren in Würzburg oder die Dreschmaschinen und Pflüge in der Oberpfalz und Niederbayern". Nach den Plänen von Miller ist auch das Walchenseewerk gebaut worden. Es ist noch heute für unsere Begriffe und die stetig wachsenden technischen Ansprüche ein gigantisches Werk: im Hintergrund die Bergriesen, die weiten Seen. Die Wassermassen werden durch das Wasserschloß geführt, stürzen in den kilometerlangen Rohrleitungen zu Tal, treiben Turbinen und Generatoren und erzeugen den elektrischen Strom, der für einen ganzen Bezirk seine Arbeit zu leisten hat.

Um den weiteren Ausbau elektrischer Kraftwerke zu betreiben und die Anwendung der Elektrotechnik wirtschaftlich auszudehnen, hat Oskar von Miller unablässig in Deutschland und auch im Ausland gewirkt. Seine Bedeutung als Ingenieur innerhalb der technischen Entwicklung unserer Zeit ging über Deutschland weit hinaus. Dafür mag folgende Episode festgehalten werden:

Im Jahre 1930 fand in Berlin eine Weltkraftkonferenz statt. Fünfzig Länder hatten ihre Fachleute nach Berlin geschickt. Der Zweck der Zusammenkunft war Beratung und Klärung, wissenschaftliche Untersuchung und Diskussion, Abwägen der wirtschaftlich-rationellen Methoden und Förderung der wirtschaftlichen Fragen der Energiewirtschaft. Auf dieser Tagung stand das Thema "Europas Großkraftlinien" zur Verhandlung. Der Plan sollte erörtert werden, die elektrische Kraftwirtschaft für den Großraum Europa einheitlich zu regeln. Gedacht war an ein Versorgungsgebiet von folgender Ausdehnung: Von Oslo geht es bis nach Rom. Von Lissabon bis tief hinein nach Rußland, die letzte Station ist Rofto. Vorher zweigt sich in Bukarest eine Linie ab bis nach Konstantinopel. Von Paris bis nach Kattowitz ist noch eine verhältnismäßig kleine Strecke, und die Verbindung von Warschau über Wien–Agram bis nach Elbasan in Griechenland erscheint nach diesem Plan als eine einfache Angelegenheit. Die Kohle, die aus einem russischen Bergwerk stammt und in einer russischen Kraftzentrale verfeuert worden ist, würde sich nach diesen Plänen in das Licht einer elektrischen Glühlampe verwandeln, die unten in Rom die Leselampe eines Bibliothekszimmers erleuchtet. So selbstverständlich ist hier dem Techniker die Überwindung des Raumes geworden.

An dem Vorstandstisch auf der Bühne saß Oskar von Miller. Als er den Saal betrat, wurde er demonstrativ mit freudigem Beifall der Verehrung begrüßt. Dieser Mann hatte in jungen Jahren mit Werner Siemens, Emil Rathenau, Thomas Edison die ersten Anfänge der modernen Elektrotechnik miterlebt und als Ingenieur entscheidende Arbeiten geleistet. Von dem Projekt der hundertfünfundsiebzig Kilometer Kraftübertragung bis zu den Großkraftlinien Europas ist [477] ein weiter Weg gewesen. In diesem Augenblick brachten aus fünfzig Ländern führende Männer der Technik und der Wirtschaft dem großen Deutschen eine spontane Huldigung dar. Mit einer bescheidenen Geste wehrt der alte Mann die Ovation ab. Aber ein tiefer Sinn lag doch in dieser Demonstration: der technische Fortschritt von den ersten Anfängen bis zu dem heutigen Stand der Elektrotechnik hat sich in wenigen Jahrzehnten vollzogen. Als ein Zeuge dieser Entwicklung wurde auf der Weltkraftkonferenz Oskar von Miller betrachtet.


Das Deutsche Museum ist für Oskar von Miller der andere Inhalt seiner Lebensarbeit geworden.

"Am 5. Mai des Jahres 1903 legte Baurat Oskar von Miller einem kleinen Kreis von Gelehrten und Technikern, von Vertretern staatlicher und städtischer Behörden den Plan der Gründung eines Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik vor. Ein Deutsches Museum sollte errichtet werden, der Entwicklung der Naturwissenschaft und Technik gewidmet, eine lebendige Geschichte des Forschungs- und Erfindungsgeistes aller Zeiten und Länder, in welcher der Einfluß der wissenschaftlichen Forschung auf die Technik zu allseitiger Darstellung gelangt, eine Ruhmeshalle der Männer, deren Gedanken und Taten der heutigen Kultur so viel von ihrem besonderen Gepräge gegeben haben, eine Quelle historischer Kenntnis für den Gelehrten, eine Fundstätte fruchtbarer Ideen für den Techniker, Vorbild und Ansporn für das ganze Volk! So der Plan. Die einmütige Zustimmung, die er im Kreise der Geladenen fand, ließ ihn als durchführbar erscheinen und wert, die ganze Kraft daranzusetzen."

Mit diesen Worten beginnt die offizielle Gründungschronik, die später in den Grundstein des Museumsgebäudes eingelegt worden ist.

Gesamtansicht des 'Deutschen Museums' in München.
[464b]      Gesamtansicht des "Deutschen Museums" in München,
die Schöpfung von Oskar v. Miller.
Erbaut 1908–25 von G. und E. v. Seidl und G. Bestelmeyer.

[Bildquelle: Atlantic Photo-Gesellschaft, Berlin.]

Nach dem ersten Erfolg, den Oskar von Miller mit der Aufnahme seiner Idee in einem kleineren Kreise gefunden hatte, wurde der Gesamtplan entworfen. Die Organisation und Finanzierung war einzuleiten. Mit der Sammlung der ersten Modelle wurde begonnen. Ein Heim für die vorhandenen Objekte bot der Staat zunächst durch Überlassung der Räume des alten Nationalmuseums in der Maximilianstraße. Ein Jahr später vollzog sich bereits der Umzug in die Isarkaserne, die 1905 vom Kriegsministerium zur Verfügung gestellt wurde. Zur Gliederung und Sichtung der Sammlungen in den einzelnen Abteilungen und zur Ausarbeitung der Methoden in der Gestaltung und Darstellung wurden Fachleute und Mitarbeiter zusammengetrommelt. Im Oktober 1906 erhielt der Architekt von Seidl mit seinem Entwurf zu dem Neubau des Museums den ersten Preis. Der Bau erforderte eine Summe von zehn Millionen Mark. Stiftungen waren nun zu organisieren, Förderer heranzuholen, Instanzen zu gewinnen. Immer wieder mußten Menschen interessiert werden, immer wieder war für die Idee zu werben. 1906 wurde der Grundstein für den Neubau des Museums [478] gelegt, 1914 war der Bau nahezu fertig, Krieg und Inflation haben die Fortsetzung erschwert. Am 7. Mai 1925, an dem siebzigsten Geburtstag Oskar von Millers, konnte die Eröffnung in den neuen Räumen erfolgen.

Oskar von Miller und Henry Ford bei der Besichtigung des Deutschen Museums 1930.
Oskar von Miller und Henry Ford bei der Besichtigung des Deutschen Museums 1930. Ford besuchte Deutschland 1930 anlässlich der Grundsteinlegung des Ford-Werkes in Köln. Er nutzte die Gelegenheit zu einem Besuch des Deutschen Museums, von dem er sehr angetan war.
[Nach deutsches-museum.de.]
Das Deutsche Museum ist mehr geworden als eine Sammlung von Raritäten. Ruhelos hat von Miller nach Vollständigkeit seiner Sammlungen gestrebt, mit Umgangsformen, über die er sich selbst im Kreise seiner Freunde lustigmachen konnte. Wer ein interessantes Modell oder eine wichtige technische Urkunde besaß, mußte daran glauben. Mit wechselnden Methoden der Taktik und der Überredung wurde das Ziel zu erreichen gesucht. Dann kam die liebevolle Einordnung in die Sammlung. Der große Zusammenhang zwischen Technik, Geschichte, Wirtschaft und Kultur sollte herausgearbeitet werden. Darin war von Miller auch ein guter Pädagoge. Es gibt im Museum Tabellen, Tafeln, Beschreibungen, die von ihm selbst stammen, die immer wieder neu überlegt und geformt wurden, und zum Schluß als Meisterwerke der Darstellungsweise herausgekommen sind. Die Pädagogen auf den technischen und kulturpolitischen Fachgebieten sollten nach München pilgern, um dort zu lernen, wie man aus der souveränen Beherrschung des Stoffes auch in der Darstellungsweise bildhaft und wirksam sein kann.

Der Schöpfungsgedanke für das Deutsche Museum war, die Technik als Kulturmission aufzuzeigen.

Technik ist Gestaltung der Arbeit, hier wird gezeigt, in welchen Formen und mit welchen Mitteln der Mensch aller Zeiten mit dem Leben gerungen hat. Generationen von Erfindern sprechen zu uns. Arbeitsvölker steigen auf, schaffen sich Werkzeuge, bauen Maschinen, entfesseln Naturgewalten. Raum und Zeit werden überwunden, zu Lande, über das Meer und in der Luft. Und immer ist es der Mensch, der kämpft, ringt und mit dem Leben fertig werden will. Nicht der einzelne Mensch, sondern eine ganze Zeit. Es ist das Hohelied der Arbeit, es ist der Strom des Maschinenlebens, wie er durch die Zeiten dahinfließt.

Auch Berufsgeschichte lernt man in München. Die Geschichte der Arbeit ist die Geschichte der Technik. Unsere Zeit des industriellen Lebens ist berufsvernichtend und berufsneubildend. Alte Tätigkeitsformen sind versunken, neue sind entstanden. Die heutigen Formen des Lebens nur mit den Maßstäben der Vergangenheit betrachten zu wollen ist Romantik. Aber es ist Verstehen der Gegenwart, aus der Erkenntnis und der Achtung vor dem Gewordenen den Blick nach vorwärts zu richten, die Bejahung zu dem, was werden muß, sich zu erarbeiten.

In der Bergwerksabteilung zum Beispiel ist ein Stollen der Wirklichkeit nachgebildet worden. Der Besucher macht eine Grubenfahrt. In Modellen und durch Arbeitsszenen werden alte Abbaumethoden veranschaulicht und dem modernen Bergbau gegenübergestellt. Wenn man im Ruhrgebiet sich nur bei dem Bergarbeiter in seiner heutigen Arbeit und in seinem Leben der Gegenwart auskennt, dann weiß man noch nicht alles vom Bergbau. Hier wird dem Besucher gezeigt, [479] wie der Techniker in alte Sitten und Gebräuche der bergbaulichen Arbeitsweise unrastig seine neuen Maschinen hineingestellt hat, wie durch die neuen Bohrhämmer, Grubenlokomotiven und Fördermaschinen, durch die Rechenhaftigkeit der modernen technischen Arbeitsgestaltung auch der alte Bergknappe zu einem Industriearbeiter verändert wurde.

Die gleiche Entwicklung ist für das Verkehrsleben erkennbar. Weit in das Gebiet der Kulturgeschichte führt die Betrachtung der alten Straße mit den ersten Transportmitteln, die der Mensch sich geschaffen hat. Fahrrad, Auto, Eisenbahn sind in lückenloser historischer Folge als Modelle, Abbildungen, Illustrationen aus der damaligen Zeit vorhanden. Die Gegenbeispiele bilden immer den Abschluß einer Entwicklungsreihe. Die ersten Eisenbahnen, die ersten Dampfmaschinen bezeugen, wie hier die technische Revolution für das moderne Verkehrsleben begann. Mit Ehrfurcht betrachten wir diese mühevollen Versuche. Die Lebensgeschichten der Erfinder berichten von Mißerfolgen und Sorgen. Denn die Zahl der ringenden technischen Menschen, die als Erfinder in Armut und Untergang ihr Leben abgeschlossen haben, ist groß gewesen. Es ist ein feiner Zug und man spürt hier in dem Schöpfer des Museums den Wissenden um bestimmte Dinge des Erfinderlebens, wenn unter Diesels Bild im Schaukasten "Erinnerungen" angebracht sind, die zu der Urheberschaft Diesels an der Erfindung seiner Kraftmaschine Beweise liefern. Von Otto Lilienthal ist ein Flugapparat im Original noch vorhanden. Auch diese Erfinderpersönlichkeit gehört zu den tragischen Figuren der Technikgeschichte. Der heutigen Generation wird damit zum Bewußtsein gebracht, was die Menschheit den Pionieren der Technik zu verdanken hat.

Wer nach München kommt und nun auch pflichtgemäß dem Deutschen Museum einen Besuch abstatten will, der bleibt meist länger in den Räumen, als er ursprünglich vorgesehen hatte. Ein Anschauungsunterricht wird ihm gegeben, dessen Wirkungen nach innen er sich nicht entziehen kann. Das Schauen wird zu einem starken Erleben.

Eine Lieblingsidee, der noch Oskar von Miller in seinen letzten Lebensjahren mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit nachgegangen ist, war die große Bibliothek, der Leseraum mit seinen besonderen Benutzungseinrichtungen. Hundertsechzigtausend Bücher und tausendzweihundert Zeitschriften, dazu umfassende Sammlungen von deutschen und ausländischen Patentschriften stehen dem Besucher zur Verfügung. Für die Organisation der Handbibliothek sind neue Wege gegangen worden. Der letzte Jahresbericht vermerkt, daß die Besucherzahlen an Werktagen ungefähr fünfhundertfünfzig, an Sonntagen siebenhundertfünfzig betragen haben.

Das Studiengebäude besitzt ferner eine Anzahl von Sälen, die der Volksbelehrung dienen sollen. Vorlesungen und Vorträge, vorwiegend über Naturwissenschaft und Technik, sind für die weitesten Kreise vorgesehen, um "an das Interesse für Naturwissenschaft und Technik anzuknüpfen, das Verständnis für [480] die Ergebnisse zu wecken". Die Säle werden mit den besten Demonstrationseinrichtungen ausgestattet, die es zur Zeit gibt. Die Verwirklichung dieser Pläne hat von Miller nicht mehr erlebt.

Für die Volksbildungsarbeit wäre es ein besonderes Zusammentreffen, wenn von einem Museum der Technik Anregungen zu vorbildlichen Formen kulturpolitischer Arbeit ausging. Denn in Ernährung und Wohnungswesen, in Beruf und Arbeit, in Verkehr und Wirtschaft haben nicht zuletzt die Wirkungen der Technik neue Formen für das Zusammenleben der Menschen gebracht. Von der Technik her ist auch das Problem der Freizeit dringend geworden. Der Techniker hat dem Menschen seine Arbeit erleichtert, zum Teil sogar abgenommen und der Maschine übertragen. Es ist durch die Leistungssteigerung der technischen Arbeit Zeit gewonnen worden. Mit seiner Freizeit muß der Mensch nun lernen, sinnvoll etwas anzufangen. Auf diesem Gebiet ist für die nächste Zukunft noch eine große kulturpolitische Arbeit am deutschen Volk zu leisten. Es ist nicht zufällig, daß sich in all den Jahren der Münchener Volksbildner Georg Kerschensteiner mit großem Interesse zur Verfügung gestellt hatte und seiner Mitarbeit wertvolle Anregungen zu verdanken sind.

Die bahnbrechenden Ingenieure sind ebenso wie die großen Feldherren Künstler der Wirklichkeit. Sie haben gegebene Kräfte unter gegebenen Verhältnissen zu gewollten Zwecken richtig zu leiten. Ihre Werke sind durch den Verstand erfaßbar, und wir Nachgeborenen sind gezwungen, sie fortzusetzen. Denn Technik und Wittschaft erfordern jeden Tag Kräfte und Fähigkeiten, gleichartig denen der ersten Bahnbrecher. Wenn ein an schöpferischer Arbeit reiches Ingenieurleben verständlich werden soll, dann müssen, wie es A. Riedler einmal formuliert hat, "die wirksamen Kräfte und Hemmungen sowie auch die Kämpfe bei dem Eindringen in Neuland erkennbar werden. Es muß zu Darstellungen gelangen, wie und warum das Werk des Mannes groß geworden, die ihm eigentümliche Fähigkeit ist in ihrer Betätigung zu zeigen, und dabei ist bis an die Grenze zu gehen, wo das Unnachahmliche beginnt." Immer besteht die technische Arbeit aus Planung und Fertigung. Das Planen ist das Vordenken, die Idee. Die Fertigung ist das Ausführen, die Verwirklichung. Wie im Betrieb diese beiden Zustände aufeinander folgen, so ist jede technische Schöpfung außerhalb der Werkstatt den gleichen Einwirkungen unterworfen. Dazu kommt, daß die Idee in der Einsamkeit entsteht. Wenn auch der Erfinder lebhaft alles Wissen und alle Erfahrungen in dem Bezirk seines Schaffens von außen in sich aufnimmt, um sie seiner Erfindung nutzbar zu machen, so liegen doch die ersten und letzten Dinge der schöpferischen Intuition in ihm selbst. Um die Erkenntnis und die Lösung der technischen Aufgabe hat er zunächst allein zu ringen. Das zweite Stadium ist die Vollendung. Im Leben der Wirklichkeit und der Wirtschaft soll die Erfindung Gestalt annehmen. Diese Aufgabe erfordert direkt entgegengesetzte Begabungen: der einsame Grübler hat die Fähigkeit zum Einsatz zu bringen, [481] Menschen mit fortzureißen, sie von seiner Idee zu erfüllen, um in gemeinsamem Schaffen das Werk zu vollbringen.

Oskar von Miller hatte die gleiche Mischung, die Verwirklichung jener Ziele, von denen er zuerst einmal allein erfüllt gewesen ist, mit unbeugsamer Energie und doch mit kluger Menschenbehandlung zu erreichen. So war das Werben für die Idee der elektrotechnischen Ausstellungen die Einsicht in die Notwendigkeit, aus dem Zusammenströmen der Einzelfortschritte ein geschlossenes Gesamtbild zu schaffen. In den Lebenserinnerungen ist zwischen den Zeilen zu lesen, daß nicht alles damals glatt gegangen ist. Ein starkes Temperament gehörte dazu, um nicht den Mut zu verlieren. Ebenso beharrlich ist das Wirken Oskar von Millers für das Deutsche Museum gewesen. "Nur einem solchen Manne konnte es gelingen, daß wir das Deutsche Museum jetzt fertig auf der Kohleninsel zu stehen haben", heißt es in dem offiziellen Führer durch das Museum. Über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten erstreckt sich das Schaffen von Millers im Dienste dieser Ausgabe: bis in seine letzten Lebenstage ist er in den dortigen Arbeitsräumen ein und aus gegangen, und stets hat der Schöpfer seinem Werk die Treue gehalten.

Das Geburtshaus Oskar von Millers.
[464b]      Das Geburtshaus Oskar von Millers,
die von seinem Vater Ferdinand von Miller geleitete kgl. Erzgießerei in München. Stich, um 1850.
Aus welchem Erbgut konnte sich eine solche Arbeitskraft entfalten? Geboren am 7. Mai 1855, entstammt Oskar von Miller einer Münchener Kunstmeisterfamilie. Sein Vater war der berühmte Erzgießer Ferdinand von Miller, der das Münchener Standbild der Bavaria geschaffen hatte. Auch manche anderen Kunstwerke sind aus dieser Werkstatt hervorgegangen. Der alte von Miller hatte wohl über Erziehung seine eigenen Ansichten. Er war der Meinung, "daß der nicht geschundene Mensch auch nicht gebildet werden könnte". Seinen Söhnen ließ er nach diesem Rezept eine Ausbildung zuteil werden, die auf strenge und ernste Arbeit gerichtet war. Die Energie und den im guten Sinne des Wortes starren Kopf hat Oskar von Miller vielleicht als die stärkste Mitgift von seinen Ahnen erhalten. "Was er sich vornimmt, führt er mit unerbittlicher Energie und Rastlosigkeit durch. Er kennt keine Hindernisse, er sagt alles offen, was er denkt, er befiehlt, und jedermann beugt sich ihm und erkennt sein überragendes Führertalent und seine Schaffenskraft an." Der Ingenieur in ihm war zugleich der Betriebsmann guter Prägung. Am gemeinsamen Werk wurde mit Hingabe gearbeitet, weil der Führer selbst Vorbild der Arbeit war.

Noch ein Wesenszug von dem Menschen sei hier vermerkt, den einer seiner engsten Mitarbeiter und nächsten Freunde, Zenneck, in einer Lebensbeschreibung hervorhebt. Oskar von Miller war ein guter Bayer, in München geboren, "stolz auf seine bayerische Heimat, aber gleichzeitig entfernt von allem, was an Partikularismus erinnerte. Seine großen Pläne zur Vereinheitlichung der Elektrizitätsversorgung im ganzen Reich zeigen deutlich genug, wie er dachte. Bayern war seine Heimat, ganz Deutschland sein Vaterland. Oskar von Miller entstammte einer streng katholischen Familie. Er selbst war ein gläubiger Katholik, [482] dem die Religion Herzenssache war. Wer es miterlebt hat, wie er es trug, als sein Augenlicht allmählich abnahm und er nicht mehr lesen und schreiben konnte, der ist überzeugt, daß seine tiefreligiöse Gesinnung eine wesentliche Rolle dabei spielte". Seine menschlichen Eigenschaften haben Oskar von Miller die seltene Gabe verliehen, mit den hervorragenden Männern aller Länder, mit Königen und dem Kaiser zu verkehren, ohne devot zu sein, zugleich auch mit dem einfachsten Arbeiter umgehen zu können, ohne überheblich zu wirken. Ganz Süddeutscher, blieb er der Volksmann, der mit Menschen fröhlich sein konnte und Feste zu feiern verstand.

Am 9. April 1934 fand dieses inhaltreiche Leben seinen Abschluß. Oskar von Miller ist fast achtzig Jahre alt geworden.

In seinen letzten Lebensjahren stand der große Ingenieur Oskar von Miller dem Wirken der Technik auf das soziale Leben unserer Zeit pessimistisch gegenüber. Das war nicht greisenhafte Müdigkeit, sondern die geistige Fernsicht eines genialen Menschen. Als Vertreter der modernen sieghaften Technik zog er die Bilanz dieser Entwicklung im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts, und er fand, daß für Volk und Nation dieser Reichtum an neuen Gütern und Kräften auch schwere Sorgen gebracht hatte. Mit der materiellen Aufgabe seien nach seiner Meinung die technisch Schaffenden wohl fertig geworden, aber die gesellschaftlichen und die sozialen Probleme sind dabei ungelöst geblieben.

Schon im Jahre 1931 hatte von Miller im Hause der Technik einen Vortrag gehalten, in dem diese Gedanken ausgesprochen wurden.

"Trotz all ihrer Wohltaten für die Menschheit wurde die Technik immer angefeindet. Sie hat nämlich die Eigenschaft, daß sie Menschenarbeit entbehrlich macht. Schon die ersten Spinnmaschinen versuchte man deshalb zu zerschlagen; das war ebenso unsinnig, als wollte man den Apfelbaum abhauen, weil er die Früchte mit weniger Arbeit liefert als ein Kartoffelacker. Jetzt sind wir wieder in einer Periode, in der die Menschen Angst vor der Technik haben. Aber die Technik ist gewiß nicht schuld an den jetzigen Verhältnissen. Schuld ist vielmehr, daß die Menschen den Fortschritten der Technik auf anderen Gebieten nicht folgen konnten, wie zum Beispiel mit ihren sozialen Anschauungen und in ihrer finanzwirtschaftlichen Organisation. Die Technik lehrte zwar zu schaffen, aber niemand lehrte den Menschen, sie richtig zu verteilen. Was man Überproduktion nennt, besteht darin, daß die Technik mehr leistet, als die Menschen momentan gebrauchen können. Eine wirkliche Überproduktion wäre erst dann zu befürchten, wenn einmal alle Menschen gute Nahrung hätten, alle warm und hübsch gekleidet wären, alle eine Wohnung hätten, die ihnen eine Heimat wäre. Zur Bekämpfung der vorübergehenden Überproduktion genügen nicht die bisherigen Mittel. Es hilft nicht viel, wenn man den Menschen sagt, sie sollen ihre Bedürfnisse einschränken. Den Verbrauch erhöhen und die Menschenarbeit einschränken, das sind die einzigen Möglichkeiten. Davor hat man eine furchtbare Angst. Die Einschränkung der [483] Menschenarbeit erfolgte ja tatsächlich, aber so planlos, daß man Arbeitswillige auf die Straße setzt und ihnen dann Unterstützung zahlt. Ich glaube, man kann die Menschenarbeit viel planmäßiger einschränken. Das wäre kein Unglück. Statt der zehn-, zwölf- und vierzehnstündigen Arbeitszeit sind wir jetzt mit einem kürzeren Arbeitstag gut ausgekommen. Will man die Arbeitszeit nicht einschränken, so kann man sich auch dadurch helfen, daß man die freien Tage vermehrt."

Diese Rede hatte in den Kreisen der deutschen Ingenieure Verwunderung und Befremden hervorgerufen. Für die damals herrschenden Anschauungen waren das Ketzergedanken. Die Ingenieurwelt unterlag noch vollständig jener engen Betrachtungsweise, nur auf die Maschine und den Wirkungsgrad zu sehen. Über die Wirkungen der Arbeitswandlungen, über die sozialen Folgen der technisch-wirtschaftlichen Leistungssteigerung machte man sich keine Gedanken. Auch darin war Oskar von Miller ein Großer im Reiche des Geistes, indem er weiter sah als die Umgebung seiner Fachwelt. Denn unter diesem Zeichen steht die Auseinandersetzung mit der Technik in den Kämpfen unserer Zeit: Wir müssen die Technik bejahen, weil jede andere Stimmung Ausweichen und Lebensangst zugleich ist. Auch die Technik ist Menschenwerk. Die Maschine ist geschaffen worden, um dem Menschen seinen Lebenskampf zu erleichtern. Deshalb können und wollen auch wir in Deutschland nicht mehr zurück zu dem Zustand überwundener Lebensformen und zurückgebliebener Technik. In dem Fortschritt der Technik liegt fortschreitender Lebensreichtum, und die Maschine muß nicht Fluch einer Zeit sein. Wir müssen es schaffen und müssen es lernen, inmitten der neuen "Maschinenlandschaft" in Frieden und Freude zu leben. Die Technik ist zu bejahen. Trotz alledem.




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Die großen Deutschen: Neue Deutsche Biographie.
Hg. von Willy Andreas & Wilhelm von Scholz