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[Bd. 3 S. 542]
Alfred Krupp, 1812-1887, von Jakob Strieder

Alfred Krupp.
Alfred Krupp.
Gemälde von Julius Grün.
[Die Großen Deutschen im Bild, S. 390.]
Stärker als im Mittelalter und während der Blüte des deutschen Frühkapitalismus in der Fugger- und Welserzeit hatten im Zeitalter des Merkantilismus die deutschen Regierungen die Wirtschaft ihrer Länder durch wirtschaftspolitische Maßnahmen zu heben versucht. Aber auch diese Epoche einer Gewerbe und Handel fördernden Regierungspolitik konnte die kräftige private Initiative eines hochstrebenden Unternehmertums nicht entbehren. Wir wissen, daß die Grundlagen zu einigen, später sehr bedeutsamen deutschen Industrien im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert nicht so sehr durch staatliche Maßnahmen geschaffen worden sind, sondern vielmehr der Tatkraft tüchtiger und weitschauender Unternehmer ihr Dasein verdankten. Man denke etwa an die Begründung der Krefelder Seidenindustrie durch die Familie von der Leyen.

Kraftvoll freilich entfaltete sich ein modernes deutsches Unternehmertum erst wieder im neunzehnten Jahrhundert, als die von England ausgehenden Gedanken und Forderungen der Freiheit des Einzelnen in der Verfolgung seiner wirtschaftlichen Interessen sich auch in Deutschland breitmachten und die staatliche Einflußnahme auf das Wirtschaftsleben gewaltig zugunsten eines wirtschaftlichen Individualismus eindämmten. Jetzt treten – deutlicher schon in den dreißiger Jahren, ganz offensichtlich aber dann besonders in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts – in mehreren Teilen Deutschlands, vornehmlich im Rheinland, Unternehmerfiguren verschiedener Art dem beobachtenden Wirtschaftshistoriker entgegen. Ich möchte hier von den zahlreichen vorhandenen Typen nur zwei einander gegenüberstellen, um gleich von Anfang an die hervorstechendsten Züge in dem Unternehmergesicht Alfred Krupps zu kennzeichnen.

In der Schar der Männer, die um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das rasch wachsende deutsche Wirtschaftsleben richtungweisend beeinflußten, kann man einmal die kaufmännischen Gründernaturen und zweitens die Technikernaturen unterscheiden. Unter den Gründernaturen (in jenem guten Sinne des Wortes, der die bloßen Spekulanten ausschließt) verstehe ich Männer wie Ludolf Camphausen, wie Gustav Mevissen, wie David Hansemann, wie August von der Heydt. Es waren Männer, die sich mit Hilfe fremder Geldvermögen, mit Hilfe der Kapitalzusammenbringungsform der Aktiengesellschaft führend an dem Ausbau mannigfacher, besonders wichtiger Wirtschaftszweige beteiligten.

[543] Den Gründernaturen unter den Unternehmern des neunzehnten Jahrhunderts steht ein anderer Typus deutscher Unternehmer aus der Mitte dieses Jahrhunderts gegenüber. Technikernaturen kann man sie nennen. Männer wie August Borsig, der aus kleinen Anfängen heraus die größte deutsche Lokomotivenfabrik geschaffen hat, oder wie Heinrich Lanz oder wie Werner Siemens, der Erbauer der ersten großen Telegrafenlinien. Oder Männer wie Heinrich Ehrhardt, der vom Thüringer Bauernbuben zu einem der bedeutendsten deutschen Eisen- und Stahlindustriellen aufstieg. Oder wie Alfred Krupp selber. Die genannten Männer, und andere von ähnlichem Zuschnitt, haben nicht nur das technische Können und den Drang und die Fähigkeit, es in industriellen Erfolg umzusetzen, gemeinsam, auch sonst noch geht ihr Unternehmersinn in der gleichen Richtung.

Das notwendige Kapital für sein Werk schafft sich dieser zweite Unternehmertyp nicht durch Gründung einer Aktiengesellschaft, nicht durch Heranziehung mittlerer und kleinerer Sparer aus dem großen Publikum, auch nicht durch Herbeiholung ausländischer Geldmittel. In langsamem Aufstieg, sozusagen aus dem eigenen wachsenden Unternehmen selbst heraus, oder doch auf persönlichen Kredit hin, werden die Mittel zur Vergrößerung der Firma aufgebracht.

Der hier zum Ausdruck gebrachte sachliche Gegensatz zwischen verschiedengearteten Unternehmernaturen hat sich bei einzelnen von ihnen zu einem persönlichen Gegensatz verdichtet, wenn sich gelegentlich ihre Lebenswege kreuzten. So stand zum Beispiel Alfred Krupp einem Manne wie Gustav Mevissen in hohem Grade ablehnend gegenüber. Der große Techniker und Bahnbrecher des Stahls sah in dem großen Finanzierungspolitiker den stärksten Ausdruck aller ihm unsympathischen Geschäftsmethoden, namentlich des ihm so verhaßten Gründungs- und Aktienwesens. Noch heftiger hat sich Alfred Krupp dem spekulationslüsternen Eisenbahngründer Strousberg versagt. Als von Interessenten eine geschäftliche Verbindung zwischen Krupp als Schienenlieferanten und Strousberg als Eisenbahngründer versucht wurde, schrieb der Stahlkönig gereizt: "Ich würde in keine Beziehung zu ihm treten."

Vielleicht am reinsten findet sich der hier behandelte Unternehmertyp, der des Technikers, in der Geschichte des Hauses Krupp vertreten. Erst als in der dritten Generation – von Friedrich Krupp, dem ersten Stahlverbesserer seines Hauses, an gerechnet – der Mannesstamm dieser Industriellen-Dynastie erlosch, erst als das Unternehmen in seiner riesenhaften Größe von einer Stelle aus nicht mehr zu leiten war, erst dann entschloß man sich, es in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Und da noch in eine streng behütete Familien-Aktiengesellschaft, deren Aktien niemals die laute Schwelle eines Börsensaales überschreiten sollten. So stark wirkte Alfred Krupps Widerwille gegen die namenlose, unbekannte Menge der Aktionäre auch bei seinen Erben noch nach.

Die Gründung der Familien-Aktiengesellschaft Krupp gibt uns die Schätzungsmöglichkeit für die Höhe des Kruppschen Vermögens und für die geldliche [544] Grundlage, die das Unternehmen an einem entscheidenden Punkte der Entwicklung erreicht hatte. Das Kapital der Kruppschen Familien-Aktiengesellschaft betrug kurz vor dem Weltkrieg einhundertachtzig Millionen Goldmark. Außerdem arbeitet in der Firma ein Anleihekapital von sechsundfünfzig Millionen Goldmark, dazu zwanzig Millionen Rücklagen. Wenn man alles andere, was die Krupp noch an Vermögenswerten besaßen, hinzurechnet, so stellt sich höchstwahrscheinlich das Kruppsche Vermögen als das größte Vorkriegsvermögen Deutschlands dar. Wie war dieses Riesenvermögen entstanden? Wie war dieses Riesenwerk emporgewachsen, das schon im Jahre 1887, als Alfred Krupp starb, einundzwanzigtausend Menschen Arbeit und Brot gab, und das auch nachher noch eine weitere gewaltige Ausdehnung erfuhr?

Das Kruppsche Werk entstand in schwerer, wenn auch zunächst noch erfolgloser, so doch richtungweisender Arbeit der ersten Generation (Friedrich Krupp 1787–1826), in nicht minder schwerer, aber schließlich erfolgreichster Arbeit der zweiten Generation (Alfred Krupp 1812–1887). Die dritte Generation (Friedrich Alfred Krupp 1854–1902) hatte nur noch in großartiger Weise auszubauen und schwer Errungenes zu erhalten zu suchen.

Friedrich Krupp, der 1826 starb, hatte seine Gesundheit und sein nicht unbeträchtliches Vermögen an einer großen technischen und industriellen Idee eingebüßt. In der von ihm in Essen gegründeten kleinen Fabrik zur Herstellung von Gußstahl und von gußstählernen Werkzeugen hat der Ruhelose, der öfters sein Arbeitsgebiet wechselte, den stolzen Unternehmertraum geträumt, den englischen Gußstahl, den Napoleons Kontinentalsperre längere Zeit vom europäischen Festland fernhielt, an Güte zu überholen, um Deutschland und Frankreich damit zu versorgen. Auf diese Weise wäre Deutschland in der Eisenindustrie jene führende Stellung zurückgegeben worden, die es im sechzehnten Jahrhundert schon einmal innegehabt hatte, die es aber im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert an England hatte abtreten müssen. Hier, in Großbritannien war Huntsman um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die Gußstahlbereitung geglückt und damit Sheffield zur Stadt der besten Stahlwaren erhoben worden. Von einer deutschen Technikergeneration konnte dieser englische Vorsprung nicht eingeholt werden. Das war Friedrich Krupps tragisches Schicksal und auch der Grund für den so langsamen und mühseligen Aufstieg seines Sohnes Alfred, den erst die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens auf die Höhe eines ungewöhnlichen Erfolges brachten. So lange hatte er gebraucht, um dem Kruppschen Gußstahl in fortgesetzter Verbesserung die Welt zu erobern und ihm alle denkbaren Verwendungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Früh begann Alfred Krupp seine Fabrikantenlaufbahn. Sobald der Quartaner – als Schüler mittelmäßig, technisch aber früh begabt – mit vierzehn Jahren den Vater verlor, trat er beherzten Sinnes neben die Mutter. Als Geschäftsführer der Firma Friedrich Krupp ging der Knabe an das Werk, der [545] Mutter, den drei jüngeren Geschwistern, seinen sechs Arbeitern und sich selbst das tägliche Brot zu verschaffen. Einige Verwandte erwiesen sich ihm dabei – auch lange noch über die ersten Jahre hinaus – hilfsbereit, indem sie ihr Geld, ihren Kredit und ihre Erfahrungen zur Verfügung stellten. Ohne dies hätte Alfred Krupp nicht immer wieder die Sorge um den nächsten Lohnzahltag verscheuchen können, die ihn oft wie ein Gespenst bis in die Träume hinein verfolgte.

Zunächst unterschieden sich die Verrichtungen in der nunmehr durch Alfred geleiteten Kruppschen Fabrik kaum von der früher dort geleisteten Arbeit. Nach wie vor galt es die Herstellung von kleinen, geschmiedeten Stahlblöcken für jene bescheidenen Walzen, wie sie Gold- und Silberverarbeiter, Gürtler u. a. verwendeten. Ferner galt es die Herstellung von Münzstempeln für deutsche, bald auch für ausländische Münzstätten, die Erzeugung von Werkzeugstahl überhaupt und von Stahlwerkzeugen mannigfaltiger Art. Das ungefähr – allerdings unter fortgesetzter Verbesserung der Güte seines Stahls – war die technische Leistung, die Alfred Krupp zunächst zu verrichten hatte. Die kaufmännische bestand in persönlicher und schriftlicher Kundenwerbung, besonders in der gewerbereichen bergisch-märkischen Nachbarschaft, aber in wachsendem Maße auch weit darüber hinaus. Arg behindert wurde Alfreds Vorwärtsstreben durch die Kleinheit und Mangelhaftigkeit seiner Werkanlage. Vergebens versuchten im Jahre 1830 Alfred Krupp und seine Mutter das Kapital zur Errichtung eines eigenen neuen Hammerwerkes und eines Walzwerkes vom König von Preußen leihweise zu erhalten. Das Gesuch, das hervorhob, wie Friedrich Krupp an der national aufgefaßten Idee, den deutschen Stahl qualitativ über den englischen zu erheben, Gesundheit und Vermögen eingebüßt hatte, wurde abschlägig beschieden. Diese Tatsache eröffnete die lange Reihe der Enttäuschungen, die Alfred Krupp im Laufe seines Lebens am preußischen Staat erleben sollte. Auf die Dauer haben sie den zähen Jüngling nicht am Aufstieg verhindert. Verwandte und Freunde gaben dem rastlos Tätigen Kredit. Die Ausgaben im eigenen Haushalt, den die Mutter so einfach wie möglich hielt, wurden auf das Nötigste beschränkt. Wahrscheinlich lebte in dieser Zeit der anfangenden dreißiger Jahre die Familie Krupp nicht üppiger als ihre wenigen Arbeiter, sicherlich lebte sie sorgenvoller. Alfred war damals nach dem Feierabend der anderen oft bis tief in die Nacht mit Korrespondenz und Buchhaltung, mit Entwerfen von Hilfsmaschinen und anderen technischen Arbeiten beschäftigt. Am Tag hat er wie ein Arbeiter neben seinen Arbeitern geschafft. Auf längere Zeit verließ er die Werkstätte nur dann, wenn es galt, neue Aufträge aus immer mehr erweitertem Umkreis herbeizuschaffen.

Mit den Jahren konnte Alfred Krupp dazu übergehen, die jetzt häufiger verlangten größeren Gußstahlwalzen für Edelmetall verarbeitende Werkstätten im Stahlformguß zu gießen, statt sie, wie bisher, aus Gußstahlblöcken zu schmieden. [546] Von hier bis zur Herstellung fertiger Walzmaschinen und ganzer Walzanlagen war nur noch ein Schritt. Er wurde später getan, nachdem die werdende Zolleinigung Deutschlands den Absatz Kruppscher Stahlwalzen besonders auch in die süddeutschen Münzstätten und in die alte Nürnberger Metallindustrie erlaubt und Alfred eine schnellere Ausdehnung seiner Fabrik ermöglicht hatte. Bald folgten ausländische Münzstätten mit wachsenden Bestellungen und ebenso die ausgedehnte schweizerische und französische Edelmetall verarbeitende Industrie, welch letztere nach Alfreds Ausspruch erst die Existenz seines Werkes fundamentierte. Im Gefolge dieser Absatzerweiterung stieg die Zahl der Kruppschen Arbeiter bis zum Jahre 1836 auf etwa achtzig; der Umsatz hob sich auf zirka dreiundzwanzigtausend Zentner Gußstahl, nachdem er 1830 kaum dreitausend Zentner betragen hatte.

Den steigenden Gewinn, zusammen mit namhaften privaten Krediten, verwendete Alfred zur Aufstellung einer Dampfmaschine, für deren Auswahl er auf Grund einer alten väterlichen Beziehung den Rat des hochangesehenen westfälischen Unternehmers Fritz Harkort einholen konnte. Auch sein sonstiges Maschinenwesen verbesserte Krupp beständig trotz fortdauernder schwerer Geldknappheit. Freilich müssen wir uns die meisten Kruppschen Maschinen wie auch die Räume, in denen sie standen, recht kunstlos vorstellen. Waren sie doch zumeist von den eigenen Arbeitern nach Alfreds Entwürfen hergestellt worden. "Werkstätten luxuriös zu bauen, ist Großtuerei vor der Welt", äußerte Alfred einmal. Das mochten diejenigen tun, die mit Hilfe der Kapitalzusammenbringungsform der Aktiengesellschaft schnelle, umfassende und systematische Fabrikneubauten vornehmen konnten. Wo das Werk organisch wuchs und aus den eigenen Gewinnen vergrößert wurde, verbot sich solche Fabrikästhetik von selbst.

Die von 1839 bis 1842 dauernde westeuropäische Wirtschaftskrise traf auch die Firma Krupp, die ja vielfach für eine Luxusindustrie arbeitete, schwer. Gerade in dieser Zeit kam Alfred auch noch mit einem seiner besten Kunden, mit der Wiener Münze, in Streit. Ein für Krupp höchst gefährlicher Zahlungsaufschub war die Folge, so daß das bittere Schicksal des Bankrotts nur durch die größte Anstrengung Alfreds dem Kruppschen Werke ferngehalten werden konnte. Bei allem Unglück, das die Firma Krupp damals in Wien hatte, sprang aber doch schließlich das Gute heraus, daß Alfred dort mit Alexander Schöller bekannt wurde, dem Dürener Kapitalisten, der durch seine Teilhaberschaft finanziell die Gründung der Kruppschen Metallwarenfabrik zu Berndorf in Niederösterreich ermöglichte (1843). Hier wurden mit Hilfe der von den Gebrüdern Krupp erfundenen sogenannten Löffelwalzen jene neusilbernen Löffel, Gabeln und so weiter hergestellt, die massenweise von dem österreichischen Hafen Triest aus in die Levante gingen. Hermann Krupp, Alfreds Bruder, hat später das Berndorfer Unternehmen zu hoher Blüte gebracht. Vorläufig rettete der Bau eines [547] zweiten, für Rußland bestellten, großen Löffelwalzwerkes Alfred aus einer neuen schweren Notlage, in die er während der Wirtschaftskrise nach der achtundvierziger Revolution geraten war.

Damals hat Alfred das letzte Silber der Familie einschmelzen lassen, um die Arbeitslöhne auszahlen zu können und um das Werk zu retten, dem seit 1844 in Fritz Sölling, einem Jugendfreunde Krupps, ein stiller Teilhaber voll Verständnis für Alfreds technische Begabung, wenn auch nicht für seine finanzpolitische und kreditpolitische Eigenart, entstanden war. Hier verharrte Alfred auf dem Standpunkt, sein Werk nicht gründungslüsternen Bankiers und noch weniger einer unbekannten Menge von Aktionären auszuliefern, worin

Alfred Krupp.
[544a]      Alfred Krupp.
Photographie, 1853.

[Bildquelle: Krupp A.-G., Essen.]
Sölling doch immer die letzte Rettung sah, wenn alles verloren schien. Sölling vertrat den rein kapitalistischen Standpunkt, wenn er im Jahre 1853 an Alfred schrieb: er begreife, daß es Krupp schwerfalle, die Alleinherrschaft in der Fabrik, die ja sein Werk sei, aufzugeben, aber dem müsse er das Folgende entgegenhalten: Alfred betreibe die Fabrik ja nicht aus Liebhaberei, sondern als Mittel zum Zweck, um Geld damit zu verdienen. Das könne er auch dann noch tun, wenn er Direktor des in eine Aktiengesellschaft verwandelten Werkes sei.

Jedesmal hat sich Alfred Krupp einem solchen Ansinnen schroff versagt. Voll Temperament schrieb er noch Ende der fünfziger Jahre, als wieder einmal das Thema Gründer und Aktiengesellschaft berührt wurde: "Die Industrie ist heutigen Tages der Acker von Spekulanten, Börsenjuden, Aktienschwindlern und dergleichen Schmarotzergewächsen, die durch Aktienvereine Schweiß und Intelligenz vom Polsterstuhl aus für ihre Säcke ausbeuten." Auch folgender Vorfall kennzeichnet gut die jeder Spekulation abholde Einstellung Krupps. Als sich im Jahre 1860 die spanische Nordbahn bereit erklärte, Krupp einen großen Auftrag in seinen berühmten Gußstahlbandagen für Eisenbahnräder zu geben, falls er dafür Aktien der Nordbahn übernähme, lehnte Krupp das Geschäft schroff mit der Begründung ab: "Ich bin kein Börsenspekulant, sondern Fabrikant." Für die Verbindung von Finanzgeschäft und industrieller Produktion, wie sie in den neunziger Jahren in der elektrotechnischen Branche ihre größte Ausdehnung erreichen sollte, hatte Alfred kein Verständnis. Er jedenfalls hat nicht dazu beigetragen, daß das Finanzkapital jene namentlich in Krisenzeiten so unheilvolle Macht auch auf die Industrie gewann, wie sie in unserer Zeit deutlich offenbar wurde. Wenn trotz seiner Abneigung gegen die Hochfinanz Alfred Krupp doch große Finanzgruppen zu Hilfe rufen und ihnen Einfluß auf sein Unternehmen gewähren mußte, so geschah das nur einmal im Drange höchster Not, während der Wirtschaftskrisis von 1874. Krupp hat so bald wie irgend möglich die Fessel wieder abzustreifen gewußt.

In dieser Zeit war Krupp in Essen schon längst ein europäischer Begriff geworden. Denn auch bei der Herstellung von ganzen Werkanlagen, wie Münzwalzwerken und Löffelwalzfabriken, war die Firma nicht stehengeblieben. Die Zeiten [548] der raschen Entwicklung des deutschen Eisenbahnwesens, des Dampfschiffbaues, des gesamten Maschinenbaues wiesen Krupp auf Neuland, das er in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung für Stahlverwendung gegen Anfang der fünfziger Jahre in großem Stil zu beackern sich anschickte. Der stark nationale Geist, der in den Hauptförderern unseres Verkehrs- und Industriewesens, in List, Harkort und vielen anderen lebendig war, sorgte zusammen mit dem Geltungsbetrieb eines wachsenden deutschen Unternehmertums dafür, daß dieses naturgemäß zunächst der großen englischen Industrie zugute kommende neue Feld allmählich von deutschen Firmen besetzt wurde. Gußstählerne Lokomotiventeile und Waggonteile, Kolbenstangen, Achsen, Federn, Schiffswellen für Dampfer, Radbeschläge ohne Schweißung, alles aus Gußstahl, wurden wichtige Herstellungsartikel der deutschen Stahlfabriken, vornehmlich Krupps.

Ehe freilich Alfred in den fünfziger Jahren diese neuen Möglichkeiten der Gußstahlverwendung voll ausnützen konnte, hatte er vorerst die schweren Jahre kurz vor der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu überwinden. Diese Jahre, 1847 und 1848, zeigen in dem stark abnehmenden Umsatz und in dem Rückgang der Arbeiterzahl von hundertfünfzig auf etwa siebzig, wie stark die europäische Krise dieser Zeit auch die Firma Krupp getroffen hatte. Zu dieser Sorge kam eine andere. Deutlicher noch als vorher zeigten sich im Revolutionsjahr 1848 die sozialen Gefahren einer wachsenden Industrialisierung Westdeutschlands. Denn wenn auch an sich diese Revolution nicht um Arbeiterrechte ging, sondern um die politischen Forderungen der deutschen Einheit und der bürgerlichen Freiheit, so waren doch Arbeiterunruhen und eine starke Agitation sozialistischer Führer – von Karl Marx' mit Klassenhaß erfülltem kommunistischem Manifest vergiftet – gerade auch in den Rheinlanden die Begleiterscheinungen der Revolution des liberalen Bürgertums gewesen. Alfred Krupp hat damals seine Arbeiter von der Straße wegzubringen und zu beherrschen verstanden.

Die geschäftlich so schwierigen Jahre 1848 und 1849 sind es auch gewesen, in denen Alfred Krupp seine volle Alleinherrschaft innerhalb der Firma Friedrich Krupp aufrichtete. Auf Rat von Verwandten und auf Sollings, des bewährten Teilhabers, Drängen machte die Witwe Therese Krupp ihren älteren Sohn Alfred jetzt zum alleinigen Inhaber der Firma, die den Namen Friedrich Krupp beibehielt. Die Geschwister wurden abgefunden. Es war wahrlich kein großartiges Geschenk, das Alfred damit gegeben wurde. Er hatte im Grunde recht, wenn er später einmal sagte, er habe ein Wrack übernommen. So groß waren die Schulden und Verpfändungen auf dem Werk.

In der deutschen wirtschaftlichen Hochkonjunktur der fünfziger Jahre konnte Alfred Krupp den Verkauf von Gußstahlmaschinenteilen, besonders für Eisenbahn und Dampfschiffahrt, immer stärker betreiben. Auch England gehörte jetzt schon öfters zu den Bestellern Kruppscher Fabrikate. Bald trat jetzt auch die Rüstungsindustrie in den Kreis der Aufgaben der gewaltig gewachsenen Essener [549] Fabrik. Besonders in Geschützrohren bot sich Alfred Krupp eine neue Verwendungsmöglichkeit von Gußstahl, die er in großartiger Weise, wenn auch erst nach langen Kämpfen, sich zunutze zu machen verstand.

Seit dem sechzehnten Jahrhundert war auf artilleristischem Gebiete – was die Verwendung von Geschützmaterial angeht – kein nennenswerter Fortschritt erfolgt. Neben dem gußeisernen Geschütz war es das Bronzegeschütz, das das Terrain beherrschte. An ihm hielten auch die preußischen militärischen Behörden bis hinauf zum Kriegsministerium noch immer fest, als die Verwendung von Gußstahl beim Geschützbau laut von Alfred Krupp gefordert wurde und die Materialprüfungen ihm darin recht gaben, daß hier ein unvergleichliches Material – wenn auch ein teures – gegeben sei. Die Bronzeverteidiger vermochten den Essener Stahlmann nicht irrezumachen. Mit der Sicherheit eines felsenfest Überzeugten begann Alfred sofort, wenn auch noch vorsichtig, seine Fabrik für die neuen großen Aufgaben der Rüstungsindustrie vorzubereiten und unbeirrt seinen Weg in sein späteres Kanonenkönigtum zu gehen. Schon auf der ersten Londoner Weltausstellung von 1851 stellte er eine Gußstahlkanone aus, die noch mehr bewundert wurde als der Kruppsche Tiegelstahlblock von viertausenddreihundert Pfund, den die gesamte berg- und hüttenmännische Fachwelt als hohe technische Leistung anerkannte und der Fritz Harkort, den alten westfälischen Eisenmann, zu dem freudigen Ausruf veranlaßte: "Das kann uns kein Engländer nachmachen!" Tatsächlich mußten die englischen Harvey-Werke, als sie nicht lange nachher für die Herstellung eines achtzölligen Gußstahlkanonenrohres einen Gußstahlblock von sechstausend Pfund brauchten, diesen Riesen in Essen bestellen.

Die Jahre der Hochkonjunktur von 1851 bis 1857, die viele deutsche Unternehmer zur Bildung von großen Rücklagen und Vermögen benutzen konnten, boten dem rastlos fortschreitenden Alfred Krupp nur die Möglichkeit, seine Fabrikation zu verbessern und zu erweitern. So kam er ohne Reserven in die erste wirkliche Weltwirtschaftskrise von 1857 hinein. Es versteht sich, daß er mit seiner ständigen, durch Neuanlagen verursachten Illiquidität besonders schwer von der schlechten Wirtschaftslage der Welt getroffen wurde. Die Arbeit auf Vorrat, die Alfred Krupp bis zur Grenze des Möglichen trieb, mußte ihre Grenzen haben. Die Hoffnung, in der schwierigen Zeit von der preußischen Staatsbahnverwaltung eine größere Bestellung zu bekommen, scheiterte. Vergeblich wies Alfred darauf hin, daß er trotz seiner Geschäftserfolge im In- und Ausland in seinem engeren Vaterland Preußen keine Unterstützung von seiten der Regierung fände. Zum Glück kamen im Herbst aus Bayern, bald darauf aus Österreich und Frankreich größere Bestellungen auf Eisenbahnmaterial in Gußstahl, so daß das Schlimmste für die Firma verhütet werden konnte.

Auch aus dem anderen, langsam emporsteigenden, später so wichtigen Arbeitsgebiet der Firma Krupp, der Rüstungsindustrie, half in jener schweren Notzeit eine neue Bestellung des Vizekönigs von Ägypten auf zwölf Geschütze den Gang [550] der Fabrik noch halbwegs aufrechtzuerhalten. Ein ganz großer französischer Auftrag, der Krupp winkte und ihn auf Jahre hinaus beschäftigt hätte, entging schließlich dem Essener Haus. Das war ein schwerer Schlag, der freilich Krupp nicht hinderte, selbst in den Krisenjahren 1858 und 1859 inmitten der schwersten Sorgen des Tages an eine ganz große Zukunft seines Werkes felsenfest zu glauben. Bereits damals entwarf er die ersten Pläne für den später so berühmten großen Hammer "Fritz", den er zum Schmieden von größten Gußstahlblöcken für riesige Gußstahlachsen, besonders aber für große Gußstahlkanonen notwendig brauchte.

In den fünfziger und besonders in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hat Alfred Krupp allmählich als Rüstungsindustrieller Weltruf erlangt. Preußen, sein Vaterland, zwar versagte sich ihm noch vorerst; das Kriegsministerium hielt bürokratisch an dem bronzenen Geschützguß in staatlichen Werkstätten zuungunsten des in privaten Fabriken hergestellten Gußstahlgeschützes fest. Ein vereinzelter Sieg glückte Alfred hier erst 1859. Der damalige Prinzregent Wilhelm verschaffte ihm einen größeren preußischen Auftrag, dem später andere folgten. Endlich entschloß sich der preußische Staat, das im großen Stile zu tun, was im kleinen Stil Ägypten, Rußland und Frankreich schon mehrere Jahre vorher getan hatten, dem Essener Werk lohnende Arbeit in Gußstahl für Kanonenrohre zu geben. Aber Alfred Krupp wollte mehr erreichen als nur die Gußstahlblöcke für Geschützrohre zu liefern. Er fühlte sich zum Geschützkonstrukteur berufen. Verbesserungen des Geschützes überhaupt, zum Beispiel der Verschlüsse, des Rohraufbaues, der Lafette, konnten ja erst richtig die Überlegenheit seiner Tiegelgußstahlkanone erweisen, auf deren allseitige Einführung Alfred Krupp in den sechziger Jahren stark sein Augenmerk richtete als ein großes artilleristisches Wettrüsten der Völker – zuerst Rußlands und Englands, dann Frankreichs, Italiens, Österreichs und Preußens – begann. Hierbei bezogen die großen englischen Rüstungsfirmen (Armstrong, Vickers u. a.) und die Franzosen Kruppsche gußstählerne Halbfabrikate, etwa Seelenrohre für Kanonen größten Kalibers. Rußland jedoch vertraute sich ganz der jungen Essener Waffenschmiede an. Russische Geschützaufträge von teilweise ungewöhnlichem Ausmaß, Zusammenarbeit mit der vorzüglichen russischen Artillerietechnik haben Alfred Krupp die Wege zum Geschützverbesserer und schließlich zum Kanonenkönig, das heißt zum Massenlieferanten vollendeter Artilleriewaffen, gezeigt. Erst langsam folgte Preußen dem russischen Beispiel, wobei das Vertrauen König Wilhelms Alfred besonders nützlich wurde.

Alfred Krupps Gußstahlwerk in Essen im Jahre 1861.
[544b]      Alfred Krupps Gußstahlwerk
in Essen im Jahre 1861.

[Bildquelle: Sammlung Dr. Hermann Handke, Berlin.]
In Verbindung mit der Rüstungsindustrie, die allmählich ein Hauptarbeitsgebiet der Essener Fabrik wurde, wuchs "das Werk" gerade in den sechziger Jahren ganz gewaltig. Seine Arbeiterzahl stieg von 1862 bis 1866 von zweitausend auf achttausend. Alfred Krupp war damit der größte deutsche Industrielle geworden. Beste deutsche Eisenerze stehen ihm nun schon im eigenen [551] Grubenbesitz zur Verfügung. In den siebziger Jahren folgte der Ankauf nordspanischer und schwedischer Eisenerzgruben. In Sayn ersteht der Firma ein ausdehnungsfähiges Hüttenwerk (1865). Bald kommen eigene Kohlenzechen dazu. Die kombinierte moderne Großunternehmung mit ihrer vertikalen Gliederung ("vom Erz bis zur Maschine") erscheint hier schon deutlich erkennbar. Indem Alfred für die Stahlbereitung als erster auf dem Kontinent das ergiebige und bequeme Verfahren des Engländers Bessemer – in aller Heimlichkeit unter dem Decknamen C-Stahl – aufnimmt, vermag er dem rasch wachsenden Gußstahlbedürfnis nachzukommen. Seine Qualitätsleistungen allerersten Ranges werden allerdings auch jetzt noch in Tiegelgußstahl ausgeführt.

Das gilt namentlich für die von Krupp gelieferten Geschütze. Auf diesem Arbeitsgebiet ging Krupp zu immer größeren Kalibern über, wie sie für Festungen und für Küstenverteidigung benötigt wurden. Nach heftigen Konkurrenzkämpfen mit den großen englischen Firmen wird die Essener Firma auch die Bewaffnerin der deutschen Marine, wie sie die Waffenmeisterin der deutschen Artillerie geworden war. Mit der Zeit gewinnt auch die Herstellung von Geschossen, besonders von Stahlgranaten, Bedeutung für die Kruppschen Werke. Hieran reiht sich dann die Herstellung von Abwehrmaterial, das heißt von Panzerplatten und [552] Panzertürmen. An dem oft atemverhaltenden Kampf um den schnellsten Fortschritt auf dem Gebiete der artilleristischen Angriffs- und Abwehrwaffen nahm Alfred Krupp dauernd stärksten Anteil.

Im Krieg 1870 bis 1871 haben sich die aus Kruppschem Tiegelgußstahl gefertigten deutschen Geschütze glänzend bewährt. Nach dem Feldzug gelang es Alfred, dem Kruppschen Gußstahlgeschütz in dauernder Verbesserung zur alleinigen Anerkennung in der deutschen Armee zu verhelfen. Seine fast monopolartige Stellung als deutscher Kanonenkönig begann. Aber auch auf dem Gebiet der Friedensindustrie erhielt die Firma in der Gründerzeit von 1870 bis 1873 eine gewaltige quantitative Ausweitung ihrer Aufgaben. Ungeheuer stiegen die Bestellungen von Schienen, von Achsen, von Rädern für das noch immer wachsende Welteisenbahnnetz. Jetzt führte auch die Aufstellung von Siemens-Martin-Öfen für die neueste Form der Stahlbereitung große Erweiterungen der Essener Fabrik herauf. Auch der einst schon beim Ankauf der Sayner Hütte entstandene Wunsch, in eigenen Hochöfen die unmittelbare Verbindung zwischen Roheisenerzeugung und Stahlprozeß herzustellen, erscheint wenigstens schon am Horizont.

Die gewaltigen neuen Aufgaben, die Krupp nach dem Deutsch-Französischen Krieg übernahm, führten ihn am Ende der Gründerjahre in eine schwere Geldkrisis. Anfang 1873 nahten düstere Monate für den großen Essener Unternehmer. Die kurzfristigen Bankkredite seines Freundes, des Kölner Bankiers Deichmann, konnten nicht mehr genügen, um das Werk liquid zu erhalten. Vergeblich suchte Alfred staatliche Millionen-Darlehen auf laufende Rüstungsaufträge zu erhalten. Noch im Frühjahr 1873 wäre unschwer eine vorteilhafte große Anleihe bei den Großbanken (Disconto-Gesellschaft u. a.) zu haben gewesen, aber als dabei von Kontrolle der Geschäftsführung in der Kruppschen Fabrik die Rede war, lehnte Alfred schroff ab. Und doch mußte er, als – trotz guten Geschäftsganges – die Geldverlegenheiten wuchsen, ein Jahr darauf eine Zehn-Millionen-Taler-Anleihe bei Bleichröder & Cons. aufnehmen, die zwar die Firma rettete, aber infolge ihrer drückenden Bedingungen ein Jahrzehnt lang schwer auf Alfred lastete. Zum Glück hatten bald nach 1874 die verschiedenen Kruppschen Fabrikate – die des Krieges sowohl wie die des Friedens – einen flotten und steigenden Absatz, so daß Werner Siemens bereits 1879 seine Bewunderung aussprechen konnte, wie glücklich Alfred Krupp die Krisis überwunden habe. Vielleicht hat Werner Siemens nicht deutlich genug gesehen, wie nahe Alfred im Jahre 1874 am Rande des Abgrundes stand.

Eigenhändige Skizze von Alfred Krupp für eine große Panzerkanone, 1875.
[551]      Eigenhändige Skizze von Alfred Krupp für eine große Panzerkanone, 1875.

Als das Jahrzehnt des Deutsch-Französischen Krieges zur Neige ging, war die letzte schwere Wendung in der Entwicklung der Firma Krupp zu Ende. Seit 1881 arbeitete Alfred mit rasch steigenden Umsätzen und Gewinnen aus Kriegs- und Friedenslieferungen. Sein Schiff war aus der Gefahrenzone heraus. Sein Ansehen und seine Macht erreichten in diesen achtziger Jahren den Höhepunkt. Als er 1887 starb, verlor die Weltwirtschaft ihren größten und populärsten Mann. [553] Seinem einzigen Sohne – Friedrich Alfred – konnte er eine glänzend geschulte, fleißige, sozial wohlbetreute Arbeiterschaft, eine ausgezeichnete Beamtenschaft und in Hans Jencke einen der Riesenaufgabe gewachsenen Oberleiter hinterlassen.

Stellt man die Frage nach den Ursachen des endgültigen Erfolges Alfred Krupps, so ist vielleicht zuerst seine ungewöhnliche Arbeitsfreude zu nennen. Er hat sich oft einen "alten Arbeiter" genannt, und es war keine soziale Gefallsucht in diesem Ausdruck. Alfred Krupps Aufstieg zum größten deutschen Unternehmer ging in rastloser und höchst mühsamer, jahrelang auch schonungsloser körperlicher Arbeit vor sich. "Der Beharrlichkeit allein verdanke ich alles Gelingen", äußerte er mehr als einmal. Ein Arzt, der Alfred Krupp gut kannte, schrieb über ihn: "Nichts schien ihm unerreichbar, sobald er sich von der Notwendigkeit und dem Wert einer Sache überzeugt zu haben glaubte." Ohne Furcht auch den Großen der Welt gegenüber, schreckte er vor keinem Hindernis zurück, wenn es für sein Werk und für dessen Leistung einzutreten galt. Immer wollte er Qualitätsarbeit ersten Ranges liefern. Den Umsatz durch billige Lieferungen zu erhöhen, überhaupt den rein kaufmännischen Gesichtspunkt, wies er stets auf das energischste von sich. Die technische Bewältigung der Aufgabe, seinem Gußstahl, dem deutschen Gußstahl die weiteste Verwendung zu geben, steht im Mittelpunkt seines Handelns.

Dabei nimmt seine Fabrik für sein ganzes Denken und Wollen fast den Charakter eines Idols an, dem er am liebsten die Eigenschaft der Unvergänglichkeit gegeben hätte. Charakteristisch dafür ist die unendliche Mühe und die rastlose Arbeit, mit denen Alfred Krupp sein Werk oder "das Werk", wie er sich in einer objektivierenden Form zumeist ausdrückte, betreute. Mit allen Mitteln soll der Bestand des Unternehmens womöglich in alle Zukunft gesichert werden. In fast selbstquälerisch-grüblerischer Gedankenarbeit seiner späteren Lebenszeit, bei Tag und besonders in schlaflosen Nächten, wird von ihm die unlösbare Aufgabe zu lösen versucht, in einem Unternehmen von der Größe des seinigen durch Zucht, durch Kontrolle und Anspornung aller Kräfte, durch geschickte Organisation die zentrifugalen Kräfte zu bannen und den Arbeitserfolg fest zu sichern. Durch reibungsloses Zusammenarbeiten aller – vom obersten Beamten bis zum jüngsten Arbeiter – sollte das geschehen. Auch über den Tod hinaus! "Für die Ewigkeit", so lauten oft die Wendungen in seinen immer feiner und komplizierter durchdachten "Reglements" und in den häufigen, Hunderte von Seiten umfassenden Erläuterungen, die er dazu gegeben hat. Dabei weiß Krupp, daß es nicht die Organisation allein ist, die hilft. Diese muß sich vielmehr auf die sittlichen Kräfte bei möglichst allen Werkangehörigen stützen können, auf Ordnung und Einigkeit und Kraft und Hingabe an "das Werk", wenn ein Dauererfolg gesichert werden soll.

Außer seiner Beharrlichkeit verdankt Alfred Krupp einem aus verständigem Optimismus hervorgehenden Wagemut einen guten Teil seiner erstaunlichen [554] geschäftlichen Erfolge. Wenn der kühne Techniker dem Gußstahl immer neue und immer umfassendere Verwendungsgebiete eröffnete, wenn er dabei in kühnem Zupacken vor keiner Schwierigkeit zurückschreckte, dann hat seine Umgebung oft besonnenen Wagemut nicht von unbesonnener Waghalsigkeit zu unterscheiden vermocht. Wie sorgten sich Sölling und andere seiner Geldgeber und stillen Teilhaber, wenn Alfred Krupp in kühnem technischem und geschäftlichem Vorwärtsstürmen niemals daran dachte, die Gewinne guter Jahre zu Reserven anwachsen zu lassen, wenn er das Wachstum und den Ausbau seines Werkes und nicht Geldansammlung als Leitstern seines Handelns ansah, wenn er kostspielige Erweiterungen der Fabrik und Maschinenneubauten größten Stils ohne Not – wie wenigstens seine finanziellen Helfer meinten – vornahm. Wie alle auf irgendeinem Gebiete genialen Naturen, so besaß auch Krupp jene intuitive Voraussicht für notwendigerweise kommende Entwicklungen, die ihm gestattete, seinem Wagemut freien Lauf zu lassen, ohne daß er in Tollkühnheit ausartete. Am deutlichsten zeigte sich diese seltene Begabung Alfred Krupps um die Wende des Jahres 1858 zu 1859. Damals traf er, trotz allgemein schlechter Konjunktur und allseitiger Arbeitslosigkeit, bei wahrlich nicht günstiger Lage gerade auch seines Hauses die ersten Vorbereitungen für die Aufstellung seines später so berühmt gewordenen Riesenhammers "Fritz". Kurz vorher schrieb er einem alten Freund von der Baisse im gesamten Eisen- und Stahlgewerbe und fuhr dann fort: "Ich habe jetzt einen neuen Hammer in Angriff genommen, der bei fünfzigtausend Pfund zehn Fuß hoch fällt, drei Millionen Pfd. Gußeisen, zwanzigtausend Pfund Gußstahl, vierundzwanzigtausend Kubikfuß dicker Eichen und außerdem zwölf Kessel größter Sorte erfordert. Der soll Stücke von drei bis vier Fuß im Quadrat schmieden, Achsen für den Leviathan und dergleichen. Er soll Stücke bis zu fünfzigtausend Pfund mit gebührender Derbheit behandeln." An der Schwelle des wirtschaftlich so schweren Winters 1858/1859 mußte selbst den Optimisten die Anschaffung eines Stahlhammers von solchen Dimensionen als eine Wahnsinnstat erscheinen. In der Tat wurde Krupp damals von manchen seiner Standesgenossen für verrückt gehalten, und dennoch sollte es sich bald darauf zeigen, wie richtig Alfred die Entwicklung schon der näheren Zukunft eingeschätzt hatte. In der Bestellung gewaltiger Schiffsachsen für die europäische Marine zum Beispiel bekam das Essener Werk Aufgaben von so gewaltigem technischem Umfang gestellt, wie sie ohne den großen Hammer "Fritz" nicht rechtzeitig hätten bewältigt werden können.

Historische Aufnahme des Schmiedehammers 'Fritz'.
Historische Aufnahme des Schmiedehammers "Fritz".
Alfred Krupp hat ihn bis in alle Einzelheiten selbst entworfen. Der dampfgetriebene Schmiedehammer nahm am 16.09.1861 den Betrieb auf und war in der Lage, Blöcke aus Gußstahl mit bis zu 50.000 Pfund zu bearbeiten.
[Nach br.de.]

Fragt man, was den "alten Arbeiter" Alfred Krupp zu seinem rastlosen Schaffen antrieb, so ist natürlich auch bei ihm ein Stück unerklärlicher irrationaler Schöpfer- und Gestaltungskraft lebendig, eine Kraft, die in jedem Genie, also auch in dem technisch-kaufmännischen Genie am Werk erscheint. Aber andere Antriebe kommen hinzu. Zunächst wohl am stärksten die Not und Sorge um das eigene Fortkommen und um die Existenz der Mutter, der Geschwister und der wenigen Arbeiter, die ihm der an einer großen Aufgabe gescheiterte Vater hinter- [555] lassen hatte. Dazu die Verpflichtungen den Verwandten und Freunden der Familie gegenüber, die es der Witwe Krupp und Alfred, ihrem Sohn, überhaupt erst ermöglichten, die Firma Friedrich Krupp weiterzuführen. Auch ein nationaler Antrieb von erheblicher Stärke spielte bei Alfred Krupp mit, wenn er einmal von sich sagte: "Ich habe mein ganzes Leben dem Ziele zugewandt, das respektabelste Etablissement, was existiert, zu gründen." Das war auf dem ihm vom Vater überkommenen Gebiet der Stahlerzeugung nur in fortgesetztem Wettstreit mit einer überragenden englischen Konkurrenz möglich. So trat Alfred Krupp in den Kreis jener patriotischen rheinisch-westfälischen Unternehmer ein, die Deutschlands Befreiung von der Übermacht der englischen Industrie als eines der Ziele ihrer regen wirtschaftlichen Arbeit ansahen.

Dabei hat Alfred Krupp sein ganzes Leben hindurch die stärksten Anforderungen an Leistung gestellt. Zuerst und am unerbittlichsten an sich, aber auch an seine Mitarbeiter. Ein bequemer Arbeitgeber war Alfred Krupp wahrlich nicht. Ein straffer Geist der Ordnung, der Disziplin und der inneren Hingabe an das Werk wurde von ihm gefordert. Dafür bot er aber dann auch gute Entlohnung und eine Treue mit Treue vergeltende Führergesinnung. Es war keine leere Redensart, wenn sich Alfred öfters als den "geschäftsführenden Mitarbeiter" seiner Helfer bezeichnete. Nur wenn die stärkste Notwendigkeit zwang, nur wenn es die Erhaltung des Werkes galt, entschloß er sich in Krisenzeiten zu Entlassungen von Arbeitern. Sonst ließ er auf Vorrat arbeiten und ließ kein Mittel unversucht, um Aufträge hereinzuholen. Nicht selten ist er – wie einst regelmäßig in seiner Jugend so auch im späten Mannesalter noch – zur Kundschaft geeilt, um durch den vollen Einsatz seiner Vertrauen erweckenden Persönlichkeit Abschlüsse zustande zu bringen.

Gern verhalf Alfred Krupp, wenn er Tüchtigkeit und Eignung sah, seinen Arbeitern zum Aufstieg in die Meisterschaft und in gehobene Stellungen in seiner Fabrik. Am lautesten aber spricht die innere Verpflichtung dieses Unternehmers seinen Arbeitern und Beamten gegenüber aus den vielseitigen Werken sozialer Fürsorge, die er aufrichtete und mit denen er seinen Nachfolgern ein wegweisendes Beispiel gab. Was für die körperliche und für die geistige Arbeiterwohlfahrt in Essen auch schon von Alfred Krupp geschaffen worden ist, stellt ihn in ein freundlicheres Licht als manche aus dem Zusammenhang gerissene Bemerkung, aus der ein manchesterlicher Unternehmerstandpunkt herauszuklingen scheint.

Der Charakter der Sozialpolitik Alfred Krupps ist nicht kompliziert. Sein Verhältnis zu seinen Arbeitern unterscheidet sich ganz wesentlich von den demokratischen Formen eines Abbe, eines Adolf Roesicke, eines Franz Brandt und anderer Unternehmer des neunzehnten Jahrhunderts, die gleich Alfred Krupp persönlich sehr viel für ihre Arbeiter getan haben. Den Gedanken einer "konstitutionellen Fabrik" hätte der Essener Gußstahlfabrikant weit von sich gewiesen. Ein Verhandeln mit der Gegenpartei, den Arbeitern, lehnte er ab. Den Sozialismus [556] hat er auf das schärfste bekämpft, den eines Lassalle nicht minder wie den eines Karl Marx. Einer weitgehenden staatlichen Sozialpolitik stand er skeptisch gegenüber. Auch die christlichen Sozialpolitiker lagen Alfred Krupp nicht. Ein patriarchalischer Absolutismus kennzeichnet den Grundzug seines Verhältnisses zu seinen Arbeitern. Ihre autoritäre Leitung und Führung ist ihm etwas ganz Selbstverständliches. Wie er selbst nicht in erster Linie um des Geldverdienens willen das "Werk" zu seiner Größe emporgeführt hat, wie er selbst alle seine Kraft dem Werk gewidmet hat (ohne an den Genuß seines schwer erworbenen Reichtums, ohne an Ruhe und Bequemlichkeit zu denken), so sollten auch seine Arbeiter und Angestellten in dem Werk und in der aufopfernden Arbeit für das Werk mehr als nur eine Erwerbsquelle sehen: der Zweck der Arbeit aller sollte das Gesamtwohl sein.




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Die großen Deutschen: Neue Deutsche Biographie.
Hg. von Willy Andreas & Wilhelm von Scholz