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Sie alle bauten Deutschland.
Ein Geschichtsbuch für die Volksschule.


Des deutschen Volkes Ringen um seine Einheit

Einheitsbestrebungen nach 1815

Das ganze deutsche Volk war mit der Neugestaltung Deutschlands durch den Wiener Kongreß nicht einverstanden. Darum setzte sofort nach 1815 der Kampf für ein besseres Deutschland ein. Führer in diesem Kampf waren die Professoren und Studenten der Hochschulen und die Turner. Die Studenten der einzelnen Landeshochschulen schlossen sich zu einer alldeutschen Studentenvereinigung zusammen, der Burschenschaft. Ihre Farben waren "Schwarz-Rot-Gold". 1817 kamen sie zum Wartburgfest zusammen. Es galt der Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig und an den Beginn der Reformation durch Luther. Auf dem Fest wurden begeisternde Reden für ein einiges großdeutsches Reich gehalten und mißliebige Bücher, Zopf und Korporalstock als Zeichen einer vergangenen Zeit verbrannt. Die Fürsten erblickten darin eine Gefahr für ihre Vorrechte und die bestehenden alten Zustände. Sie gingen mit Gewalt gegen alle aufrichtigen Männer vor, die für die Einigung des ganzen deutschen Volkes in einem starken Reiche eintraten, allen voran Fürst Metternich. Viele Professoren wurden ihrer Ämter entsetzt (Arndt, Gebrüder Grimm, auch Jahn), zahlreiche Studenten ins Gefängnis geworfen. Viele gute Deutsche gingen nach Amerika.

 
Der Zollverein, die wirtschaftliche Vorstufe der staatlichen Einigung

Zum Deutschen Bund gehörten 39 selbständige Staaten. An den einzelnen Landesgrenzen wurden Zölle erhoben. Die Erfindungen von Maschinen (Spinn- und Dampfmaschine) führten zur Entwickelung von Industrien und zum Aufblühen von Handel und Verkehr. Eisenbahn und Dampfschiff gestalteten den gesamten Verkehr um. Die zahlreichen Landesgrenzen erschwerten ihn, und die Zölle verteuerten die Waren. Darum war es notwendig, daß die Zollgrenzen fielen und Deutschland ein einheitliches Wirtschaftsgebiet wurde.

Den Anfang dazu machte Preußen. Zunächst beseitigte es die noch im eigenen Lande bestehenden Binnenzölle. Dann trat es mit den Nachbarstaaten in Verhandlungen und erreichte nach vielen Mühen, daß sich 1834 die meisten deutschen Staaten zum Zollverein zusammenschlossen. Metternich fürchtete, daß der wirtschaftlichen Einigung Deutschlands unter Preußens Führung die politische folgen könnte und bekämpfte darum den Zollverein.

Friedrich List
Vorkämpfer eines einheitlichen deutschen Wirtschaftsgebietes war der Tübinger Professor Friedrich List. Während der Festlandssperre hatten die Engländer in ihren neuen Fabriken viel billige Waren hergestellt, aber nicht verkaufen können. Nach 1815 überschwemmten sie damit ganz Europa. Zahlreiche deutsche Handwerker und neugegründete Fabriken gerieten in Not. List verlangte, daß sich alle deutschen Länder zu einem Wirtschaftsgebiet zusammenschließen und auf die englischen Waren einen hohen Zoll (Schutzzoll) legen sollten, damit sich auch die deutsche Industrie erst einmal entwickeln könnte. Davon aber wollten die deutschen Landesfürsten nichts wissen. Die württembergische Regierung warf List sogar ins Gefängnis und verwies ihn später des Landes. Wie so viele Deutsche der damaligen Zeit, ging er nach Amerika. Hier entdeckte er ein Kohlenlager und wurde bald ein reicher Mann. In seinem Betriebe erkannte er die große Bedeutung der Eisenbahn für den Verkehr. Obwohl es ihm in Amerika gut ging, zog es ihn doch nach der Heimat
Die erste deutsche Eisenbahn
Die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth.
zurück. Deutschland gehörte sein ganzes Herz. Als amerikanischer Konsul ließ er sich in Leipzig nieder. Diese große Handelsstadt sollte nach seinem Plane Ausgangspunkt eines Eisenbahnnetzes werden, das sich nach und nach über ganz Deutschland spannen sollte. Aber auch diesmal stieß er wieder auf große Schwierigkeiten. Weder Behörden, noch Post, noch Fuhrunternehmer wollten von dem neuen Verkehrsmittel etwas wissen. Schließlich wurden aber doch die ersten Bahnen eröffnet: 1835 die Strecke Nürnberg-Fürth, 1838 Berlin-Potsdam, 1839 Leipzig-Dresden. Für letztere hatte List sein ganzes Vermögen geopfert. Als sie in Betrieb genommen war, erhielt er nichts. Verzweifelt über die Zustände in Deutschland und die eigene Lage, nahm er sich 1846 das Leben.

 
Die Umsturzversuche des Bürgertums

1840 war in Preußen Friedrich Wilhelm IV. zur Regierung gekommen. Er setzte die einst entlassenen preußischen Professoren, darunter Arndt, wieder in ihre Ämter ein und berief die Gebrüder Grimm, die vom König von Hannover abgesetzt worden waren, als Lehrer an die Universität Berlin. Die Bürger Preußens erhofften von ihm, daß er die Wahl von Volksvertretern zulassen würde, welche gemeinsam mit dem Könige des Landes regierten. 1847 berief er auch die Vertreter der Provinzen zum Vereinigten Landtag nach Berlin. Bei den Verhandlungen zeigte es sich aber bald, daß viele Abgeordnete, unter ihnen besonders die Juden, im Sinne der französischen Revolution Rechte forderten, die der König im Interesse des Staates nicht bewilligen konnte. Darum wurde der Landtag aufgelöst.

1848 vertrieben die Franzosen ihren König; Frankreich wurde Republik. Nun kam es auch in vielen deutschen Städten zu Unruhen. Metternich wurde aus Wien vertrieben. In Berlin versprach der König eine neue Verfassung. Darüber herrschte große Freude. Das Volk zog zum Schloß, um dem Könige zu danken. Da fielen plötzlich zwei Schüsse. Niemand wußte woher. Obwohl keiner verletzt war, schrien Hetzer: "Verrat! Man schießt auf das Volk!" Militär ging daran, den Platz zu räumen. Da griffen Arbeiter, Studenten und Bürger zu den Waffen. Es kam zu Straßenkämpfen, gab Tote und Verwundete. Der König war aufs tiefste erschüttert. Um das Volk zu beruhigen, erklärte er sich bereit, das Militär zurückzuziehen. Eine Bürgerwehr übernahm es, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Bald zeigte es sich, daß sie dazu nicht in der Lage war. Darum kehrte das Militär zurück and stellte die Ordnung wieder her.

Der König gab dem Volke die versprochene Verfassung. Es wurde eine Volksvertretung gebildet, der Landtag. Dazu gehörten das Abgeordnetenhaus und das Herrenhaus.

 
Versuche zur Einigung Deutschlands

Bei Ausbruch der Unruhen 1848 erlaubten die deutschen Fürsten, daß im ganzen Reiche Vertreter für eine Nationalversammlung gewählt wurden. Diese wollten das deutsche Reich neu gestalten. Sie kamen in Frankfurt (Main) in der Paulskirche zusammen. Bei den Verhandlungen zeigte es sich, daß die Abgeordneten sich über das Ziel nicht einig waren. Ein Teil wollte ein Großdeutsches Reich unter der Führung Österreichs, ein anderer ein Kleindeutsches Reich unter der Führung Preußens. Schließlich siegte die kleindeutsche Richtung. Vertreter der Nationalversammlung unter Führung eines Juden boten dem König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 1849 die Kaiserkrone an. Dieser lehnte sie aus doppelten Gründen ab. Einmal war sie ihm nicht von den deutschen Fürsten angeboten worden. Sodann waren Österreich und mit ihm Rußland und England dagegen. Hätte er die Kaiserkrone angenommen, so wäre es mit diesen Mächten zum Kriege gekommen. Dazu aber war Preußen zu schwach.

Nun versuchte Friedrich Wilhelm IV. zusammen mit norddeutschen Fürsten die Neugestaltung des Reiches. Aber auch diesmal erhoben Österreich und Rußland Einspruch. Im Vertrage zu Olmütz mußte er auf seine Bestrebungen verzichten. Es wurde wieder der alte, ohnmächtige Deutsche Bund gebildet.

 
Preußens Kampf um die Führung in Deutschland

Kaiser Wilhelm I.
Wilhelm I.

Wilhelm I. folgte 1861 seinem Bruder in der Regierung Preußens. Aus den Kämpfen um die deutsche Einigung hatte er erkannt, daß nur ein starkes Preußen mit einem starken Heere seine Aufgabe im Deutschen Reich lösen konnte. Er wollte darum das Heer vergrößern und reformieren. Sein Berater und treuer Helfer war der Kriegsminister von Roon. Die Mittel für die Heeresreform mußte der Landtag bewilligen. In diesem hatten die Freisinnigen, geführt von Freimaurern, die Mehrheit. Sie waren gegen eine starke Macht des Königs, bewilligten die Geldmittel zunächst nur für zwei Jahre und lehnten sie dann ganz ab.

 
Bismarck ergreift das Steuer Preußens

Reichskanzler Otto von Bismarck
Der König jedoch wollte lieber die Krone niederlegen als auf die Heeresreform verzichten. Er berief 1862 Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten. Bismarck löste den widerstrebenden Landtag auf und führte die Reform mit Zustimmung des Königs und des Herrenhauses durch.

Otto von Bismarck wurde am 1. April 1815 auf dem Gute Schönhausen an der Elbe geboren. Er entstammte einer alten, märkischen Adelsfamilie. Nach beendetem Studium übernahm er die Verwaltung eines verschuldeten, väterlichen Gutes in Pommern. Durch seine Tüchtigkeit wurde es bald schuldenfrei. In den Jahren 1847/48 war er Abgeordneter in Berlin. Er trat für die Erhaltung der uneingeschränkten Königsmacht ein. Friedrich Wilhelm IV. ernannte ihn zum preußischen Gesandten beim deutschen Bundestag in Frankfurt (Main). Hier erkannte er bald, daß Österreich sich mit allen Mitteln gegen die Gleichberechtigung Preußens in Deutschland stellte und ein friedlicher Ausgleich zwischen beiden Mächten nicht möglich war. Später wurde Bismarck preußischer Gesandter in Rußland und dann in Frankreich.

 
Die Rückgewinnung Schleswig-Holsteins

Schleswig und Holstein wurden seit 1460 vom König von Dänemark regiert. Holstein war Mitglied des Deutschen Bundes. Beide Herzogtümer wollten "upp ewig ungedeelt" bleiben. Versuche, 1848 Schleswig dänisch zu machen, scheiterten am Widerstand der Schleswig-Holsteiner und des deutschen Volkes. Entgegen eingegangenen Verpflichtungen vereinigte der König von Dänemark 1863 Schleswig doch mit seinem Lande. Bismarck erhob Einspruch, ließ preußische Truppen in Holstein einmarschieren und bewog auch Österreich zur Teilnahme am Kriege. Am 18. April 1864 erstürmten die Preußen die Düppeler Schanzen (Pionier Klinke). Im Juli gingen sie nach der Insel Alsen über. Dänemark mußte Frieden schließen und Schleswig-Holstein abtreten.

Die Schleswig-Holsteiner wollten ein selbständiges Herzogtum bilden. Sie wurden darin vom Deutschen Bund und den Österreichern unterstützt. Bismarck aber war gegen einen neuen, selbständigen Kleinstaat im Norden Preußens. Er verlangte für Preußen den Oberbefehl über das Heer, die Abtretung Kiels als Kriegshafen und eines Landstreifens zum Bau eines Nordostseekanals und den Eintritt in den Zollverein. Die Schleswig-Holsteiner lehnten seine Bedingungen ab. Nun wurden die Herzogtümer geteilt. Preußen erhielt Schleswig, Österreich Holstein. Österreich aber begünstigte im geheimen die Bestrebungen der Schleswig-Holsteiner. Der Gegensatz zwischen Preußen und Österreich wurde immer größer.

Bismarck schloß mit Italien ein Militärbündnis, unterstützte Rußland bei einem Aufstand der Polen und stellte sich freundschaftlich zu Frankreich. Er forderte vom Bundestag die Einberufung einer Volksvertretung, die über die Neugestaltung Deutschlands zu beraten hatte.

 
Der Bruderkrieg

Nun beantragte Österreich, daß der Deutsche Bund über die Zukunft von Schleswig-Holstein entscheiden sollte. Als Antwort darauf ließ Bismarck preußische Truppen in Holstein einrücken.
Helmuth von Moltke
Österreich griff zu den Waffen und rief den Deutschen Bund zu Hilfe. Die süddeutschen Staaten, ferner Hannover, Sachsen und Kurhessen traten auf seine Seite.

Preußen rückte mit drei Armeen in Böhmen ein. Den Kriegsplan hatte Generalstabschef Helmuth von Moltke entworfen. Bei Königgrätz in Böhmen wurden die Österreicher am 3. Juli 1866 trotz tapferer Gegenwehr entscheidend geschlagen. Eine vierte Armee nahm die Hannoveraner gefangen und ging auch siegreich gegen Süddeutschland vor.

Bismarck wollte keine Demütigung des deutschen Brudervolkes durch den Einmarsch der Preußen in Wien, dachte vielmehr schon jetzt an ein späteres Bündnis mit Österreich. Auch fürchtete er das Eingreifen Frankreichs. Darum kam es bereits im August zum Frieden von Prag:

a) Österreich schied aus dem Deutschen Bunde aus.

b) Preußen erhielt Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Hessen-Nassau und Frankfurt am Main.

c) die Norddeutschen Staaten einschließlich Sachsens bildeten den Norddeutschen Bund unter Führung Preußens.

d) die Süddeutschen Staaten schlossen mit dem Norddeutschen Bund ein Schutz- und Trutzbündnis. Im Falle eines Krieges wollten sie ihre Truppen unter den Oberbefehl des Königs von Preußen stellen.

Damit waren Nord- und Süddeutschland wirtschaftlich und militärisch geeint.



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