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[Bd. 1 S. 532]
Johannes Kepler, 1571 - 1630, von Ernst Zinner

Johannes Kepler.
Johannes Kepler.
Kupferstich von Johannes von Heyden.
[Die Großen Deutschen im Bild, S. 96.]
Sternforschung ist die Kunst, die Geheimnisse des Himmels zu enthüllen. Schon vor vielen Jahrtausenden bemühten sich die Menschen, das geheimnisvolle Gegenspiel von Sonne und Mond zur Zeitteilung und zur Festlegung ihrer Feste im Jahresverlauf zu benützen, und gelangten dadurch zu Vorstellungen von Naturgesetzen und von einer Ordnung am Himmel, die im Gegensatz zu der Unordnung auf der Erde zu stehen schien. Diese himmlische Ordnung schien ihnen das Werk der Götter zu sein, welche damit den Menschen ein Beispiel für die Ordnung der irdischen Dinge geben wollten. Hingegen schien Unordnung am Himmel, wie Finsternisse oder das Erscheinen außergewöhnlicher Himmelszeichen, auf göttlichen Zorn zu deuten. So führte die gedankliche Verknüpfung himmlischer und irdischer Vorgänge zur Auffindung von Naturgesetzen und weiterhin zur Frage, ob die bisherige Darstellung dieser Naturgesetze in Form von Regeln genüge.

Offenbar genügte die Annahme einfacher Bewegung der beiden Himmelskörper noch nicht. Unregelmäßigkeit im Auftreten der Finsternisse ließ vielmehr das Bestehen besonderer Verhältnisse vermuten. Ihre Berücksichtigung mußte zur Vorausberechnung der Finsternisse und zu entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen führen, um den Unwillen der Götter zu besänftigen. So zwang die Gottesfurcht zur Sternforschung; denn auch die auffälligen Erscheinungen der Wandelsterne, ihre Sichtbarkeit, Stillstände und Rückwärtsgänge, die zuerst nur als Anzeichen göttlichen Unwillens, später aber, als man ihre Bewegungen darzustellen versuchte, als ähnliche Himmelsvorgänge wie der Lauf von Sonne und Mond zu deuten waren, legten die Annahme nahe, daß darin sich der Wille der Götter offenbare. Und so gelangte man von einfachen Vorstellungen zu schwierigeren, aber dafür den Naturvorgängen gerechtwerdenden Darstellungen der himmlischen Bewegungen.

Zuerst versuchte man es mit der kreisförmigen Bewegung der Himmelskörper um die Erde, wie es das tägiche Kreisen des Sternhimmels lehrt. Bald mußte man zu Kreisbewegungen auf einem sich drehenden Kreise, wie die der kleinen sich um sich drehenden Gondeln auf einem Karussell, seine Zuflucht nehmen, um die merkwürdigen Stillstände und Rückwärtsgänge der Wandelsterne als Wirkungen einer doppelten Kreisbewegung um die Erde als Mittelpunkt erklären zu können. In anderen Fällen glaubte man mit einer einfachen Kreisbewegung auskommen zu können, mußte aber den Kreismittelpunkt verschieben. So gelang es mit Hilfe sehr einfacher Bewegungsformen, Herr der himmlischen Bewegungen [533] zu werden und ein Weltgebäude zu errichten, welches die ruhende Erde als Mittelpunkt der täglichen Bewegungen des Sternhimmels und als den Beziehungspunkt der verwickelten, aber doch kreisförmigen Bewegungen der Wandelsterne annahm. Damit war der antiken Anschauung von der Erde als dem Mittelpunkt der Welt und von der kreisförmigen Bewegung als der einzigen der göttlichen Ordnung entsprechenden Bewegung Genüge geleistet worden, und zwar in einem solchen Umfange, daß die darauf gestützten Bewegungsformeln die künftige Stellung der Wandelsterne zu berechnen gestatteten. Dies war das Werk des Griechen Ptolemaios, dessen Weltgebäude nunmehr das ptolemäische hieß. Seinen Anstrengungen war es zu verdanken, daß die Sternforschung noch viele Jahrhundert hindurch den ersten Platz unter den Wissenschaften einnahm und die einzige war, die künftige Naturvorgänge genau vorhersagen konnte. Diesen Vorsprung vor den anderen Wissenschaften verdankt sie den Bemühungen der babylonischen und griechischen Sternforscher.

Daß dieser Vorsprung aber erhalten blieb und die Vorhersagen noch genauer wurden und zur Entdeckung früher nicht geahnter Wandelsterne führten, das verdanken wir besonders den deutschen Bemühungen und in erster Linie dem großen Sternforscher Johannes Kepler.

Die ptolemäische Lehre hatte mehr als tausend Jahre geherrscht. Nunmehr zeigten sich ihre Mängel, die darauf gegründeten Vorhersagen waren nicht mehr genau; eine Verbesserung der Lehre erschien notwendig; von neuem mußte mit Beobachtungen an den Himmel herangegangen werden, um ihm seine Geheimnisse zu entreißen. Johannes Müller von Königsberg, genannt Regiomontanus, begann in Nürnberg die erste große Beobachtungsreihe, die sein Schüler Bernhard Walther in Jahrzehnten durchführte. Leider fand sich niemand, der diese Mühen durch eine zusammenfassende Bearbeitung gekrönt hätte. Wenig später begann in Westpreußen der Domherr Nikolaus Kopernikus die Überprüfung der ptolemäischen Lehre durch neue Beobachtungen. Jahrzehnte widmete er diesem Bemühen und veröffentlichte im Jahre 1543 als Ergebnis seiner Arbeiten die neue Lehre, welche ein neues Weltgebäude an Stelle des ptolemäischen setzt und die Himmelsvorgänge von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus darzustellen versucht. Nicht mehr ist die in der Weltmitte ruhende Erde, sondern die Sonne der Weltmittelpunkt, um welchen die Wandelsterne mitsamt der Erde kreisen. Die Erde selbst dreht sich dabei dauernd um ihre Achse und bewirkt das Kreisen des Sternhimmels und die Aufeinanderfolge von Tag und Nacht. Auf diese Weise konnte Kopernikus die himmlischen Bewegungen durch viel weniger Bewegungen als früher darstellen, wenn er auch die Allgemeingültigkeit der Kreisbewegung noch nicht aufgab. Seine Lehre bedeutete eine große Vereinfachung für den Berechner und mußte trotz ihrem Verstoß gegen die zweitausendjährige Überlieferung, gegen den Sinnenschein und den Wortlaut der Bibel sich allmählich durchsetzen, wenn sie zugleich auch bessere Vorhersagen lieferte. Tat sie das? Man mochte darüber im Zweifel sein, wenn man die zeitgenössischen Vergleiche der gemäß [534] der alten oder der neuen Lehre berechneten Himmelserscheinungen mit den Beobachtungen in Betracht zieht und die bei aller Anerkennung der großen Leistung des Kopernikus doch nicht günstige Stellung seiner Zeitgenossen zu seiner Lehre berücksichtigt. Es gab nicht wenige, die nach besseren Beweisen suchten, bevor sie dem Sinnenschein und der Bibel zum Trotz Anhänger der neuen Lehre würden.

Bald sollte sich die Möglichkeit entscheidender Stellungnahme ergeben. Der dänische Edelmann Tycho Brahe hatte auf der Insel Hven das Werk der Müller und Walther wiederholt und mit vorzüglichen Geräten jahrzehntelang die Bewegungen der Wandelsterne beobachtet. Daraufhin versuchte er seine Beobachtungen zu einer Verbesserung der Lehre von Kopernikus zu verwenden. Es schwebte ihm dabei ein solches Weltgebäude vor, das die Erde im Mittelpunkt der Welt ließ. Sie wird umkreist vom Sternhimmel und von Sonne und Mond, während die Sonne von den fünf Wandelsternen Merkur bis Saturn umkreist wird. Dadurch konnte Brahe die doppelte Kreisbewegung des Ptolemaios und die jährliche Bewegung der Erde des Kopernikus umgehen und trat nicht in Widerspruch zum Sinnenschein und zur Bibel. Damit war der kopernikanischen Lehre ein großer Gegner entstanden. Das Ende dieses großen Einfalles schien besiegelt zu sein, wenn Brahes Beobachtungen mehr im Einklang mit Brahes Lehre als mit Kopernikus' Lehre ständen. Dies festzustellen, gelang Brahe nicht, da er bereits am 15. Oktober 1601 starb, ohne seine Berechnungen durchführen zu können. Somit fiel die Entscheidung in die Hand seines Mitarbeiters Johannes Kepler.

Wer war Johannes Kepler? Er wurde am 27. Dezember 1571 zu Weil der Stadt in Württemberg geboren. Sein Großvater Sebald Kepler war Bürgermeister dieser kleinen Reichsstadt; sein Vater Heinrich dagegen führte ein unstetes Leben, nahm als Söldner Albas am Niederländischen Krieg teil, kehrte dann in die Heimat zurück, um in Elmendingen das Gasthaus zur Sonne zehn Jahre lang zu führen, bis ihm diese friedliche Tätigkeit nicht mehr zusagte und er seine Familie endgültig verließ, um an italienischen Kriegen teilzunehmen. Noch vor seiner ersten Kriegsfahrt heiratete er Katharina Guldenmann, die Tochter des Wirtes und Schultheißen Melchior Guldenmann in Eltringen. Die Hochzeit wurde prächtig gefeiert, wie es sich für die Kinder reicher Eltern gehörte. Bald war diese Zeit des Reichtums vorüber, und Not und Streit herrschten in der Familie Kepler, zumal Vater und Mutter sich nicht mäßigen konnten. Unser Kepler entwarf eine sehr trübe Schilderung von den schlimmen Eigenschaften seiner Vorfahren, als er daranging, seine Veranlagung und die seiner Vorfahren aus dem Stand der Gestirne zu erklären. War sein Vater unstet, schroff und händelsüchtig, so zeichnete sich seine Mutter durch Neugier und Schwatzsucht, Jähzorn und Bösartigkeit aus; sie wurde als alte Frau angeklagt, eine Hexe zu sein, und nur durch ihren Sohn Johannes vor dem Schlimmsten bewahrt.

Johannes Kepler war der älteste von sieben Geschwistern, von denen drei frühzeitig starben und nur zwei Nachkommen hatten. Von seinen Brüdern war [535] Heinrich fallsüchtig und ähnelte seinem Vater; der andere Bruder, Christoph, wurde Zinngießer und zeigte sich wenig tapfer in der Verteidigung seiner Mutter.

Weder bei Keplers Vorfahren noch bei seinen Geschwistern zeigen sich Anlagen, die auf das Vorkommen einer besonderen Begabung für wissenschaftliche Forschung hätten hindeuten können. Kepler besuchte die deutsche Schule in Leonberg und wurde als begabter und fleißiger Schüler in die Klosterschule zuerst in Adelberg und später in Maulbronn aufgenommen, um die nötige Vorbildung für die Hochschule zu erwerben und dann auf der Universität Tübingen sich zum Geistlichen ausbilden zu lassen. Im Jahre 1589 bezog er die Universität und trat als früherer Klosterschüler in das Herzogliche Stift ein, das ihm neben Kost und Wohnung ein bescheidenes Taschengeld bewilligte. Hier empfing er die entscheidende Anregung für seine spätere Forschung. Durch seinen Lehrer Michael Mästlin wurde er in die Sternkunde seiner Zeit eingeführt. Kopernikus' neue Lehre zog ihn an; er vertiefte sich darin und machte sich mit dem Gedanken vertraut, daß die Erde sich um ihre Achse dreht und der Mond sich in einer gezwungenen Drehung um die Erde bewegen muß. Darüber hielt er seinen Mitschülern Vorträge und suchte sie in die neue Gedankenwelt einzuführen, allerdings nur mit geringem Erfolg; denn noch viel später bezeichneten seine Landsleute den großen Forscher als das "Schwindlhirnlein". Noch weniger Anklang fand Kepler bei seinen Genossen in kirchlichen Fragen. Seiner versöhnlichen Natur lag die Spaltung des deutschen Volkes in die drei Glaubensbekenntnisse: katholisch, evangelisch und reformiert, nicht. Besonders mißfiel ihm die scharfe Trennung zwischen Evangelischen und Reformierten, wie sie durch die Konkordienformel zum Ausdruck kam. Er verhehlte seine Meinung seinen Mitschülern gegenüber nicht und zog sich dadurch den Haß der engkirchlich Eingestellten zu. Da man in Württemberg nur Geistlicher werden konnte, wenn man die Tübinger Hochschule besucht und die dort vertretene Lehre in sich aufgenommen hatte, so erschien es zweifelhaft, ob er seine theologischen Studien fortsetzen sollte. Da trat ein Ereignis ein, das entscheidend für sein Leben werden sollte. In der evangelischen Stiftsschule zu Graz war die Stelle des Mathematikprofessors frei geworden, woraufhin sich die Landstädte von Steiermark an die Tübinger theologische Fakultät wegen der Besetzung der Stelle wandten. Die Fakultät bot die Stelle Kepler an, der nur zögernd auf das Angebot einging; die weite Entfernung von der Heimat, die schlechte Bezahlung und die Befürchtung, sich die Möglichkeit der Fortsetzung seines theologischen Studiums und damit die Erlangung einer besser bezahlten Stelle zu verscherzen, machten ihn bedenklich.

Entscheidend waren Mästlins Rat und die Notwendigkeit, sich seinen Unterhalt zu verdienen. Im Frühling 1594 reiste er nach Graz und blieb dort bis 1600. In dieser von den Mittelpunkten geistigen Lebens weit abgelegenen kleinen Stadt wurde er aus einem Schüler zum Forscher. Hier konnte er seine Gedanken über den Aufbau des Weltalls reifen lassen und mit den Tatsachen vergleichen. Der Unterricht nahm seine Zeit nicht allzusehr in Anspruch. Daneben hatte er [536] allerdings jährlich einen Kalender zu berechnen und herauszugeben. Diese Kalender waren auf den Grundsätzen der Sterndeutung aufgebaut und dienten sowohl den Bedürfnissen des Arztes als auch des Landwirtes und des Staatsmannes. Sie enthielten neben dem Mondkalender mit den Stellungen der Wandelsterne ausführliche Vorhersagen über die Staatsereignisse, über das Wetter und die Krankheiten des kommenden Jahres und waren außerordentlich beliebt. Bereits durch seinen ersten

Eine Seite aus Keplers 'Prognosticon'.
[539]    Eine Seite aus Keplers "Prognosticon,
von allerhandt bedraulichen Vorbotten künfftigen Übelstands, auf das 1618. und 1619. Jahr", mit der Voraussage kriegerischer Verwicklungen (1618 Beginn des Dreißigjährigen Krieges).      [Vergrößern]
Kalender für 1595 wurde Kepler allgemein bekannt, da seine Vorhersagen eintrafen: es wurde ein bitterkalter Winter; viele Sennen in den Bergen erfroren oder zogen sich Schaden durch den Frost zu; die Türken eroberten Niederösterreich, und es gab Bauernunruhen. Der Erfolg war da. Nunmehr galt Kepler als tüchtiger Sterndeuter und wurde oft von den Leuten gebeten, ihre Zukunft auf Grund der Stellung der Gestirne zur Zeit ihrer Geburt oder ihres Geburtstages zu deuten. Dies brachte Geld ein und eröffnete angenehme Aussichten in die Zukunft, bedeutete aber zugleich eine große Versuchung.

Die meisten seiner Zeitgenossen hätten sich unbedenklich der Sterndeutung ergeben. Nicht so Kepler. Gewiß begrüßte er die willkommene Vermehrung seiner geringen Einnahmen, aber zugleich war er sich der Ungenauigkeit der Vorhersagen zu sehr bewußt. Um ihre Treffsicherheit zu untersuchen, beobachtete er das Wetter und verglich Vorhersage und Wirklichkeit. Ebenso machte er es mit den Gestirnungen. Er berechnete für jedes seiner Lebensjahre die Stellung der Gestirne an seinem Geburtstage und verglich die darauf gegründete Vorhersage mit den Ereignissen. Meistens stimmte es nicht. Besonders waren seine Erfolge aus den Sternen nicht vorherzusehen. Auch die Gestirnung seiner Angehörigen berechnete er und benützte sie zu seinen Untersuchungen. Auch hier wollten die Lehren der Sterndeuter nicht stimmen. Der frühzeitige Tod seiner beiden Kinder und des Sohnes Mästlins waren durch die Stellungen der Gestirne nicht angezeigt. Dabei bemühte er sich, die Sterndeutung von allen überflüssigen Zutaten zu reinigen und nur noch die wirksamen Stellungen der Wandelsterne, der sogenannten Aspekte, beizubehalten. Er verwarf also die damals und noch heute so beliebten Einteilungen in die Häuser, Herrschaften, Dreiheiten und die anderen Grundlagen der gewöhnlichen Sterndeutung. Übrig blieb nur noch der Einfluß der Wandelsterne, den er folgendermaßen erklärte: "Die Wandelsterne können zwar die Seele eines Menschen erfüllen, den Erfolg selbst aber vermögen sie nicht zu gewährleisten. Sie rütteln vielmehr den Menschen auf und stellen ihn gleichsam auf Wachtposten, damit er die vorübergehenden Gelegenheiten ergreift." Wirksam erschienen ihm nur bestimmte Stellungen, die schon von früher her bekannten, zu denen er auf Grund seiner Wetterbeobachtungen andere hinzunahm. "Wenn die Wandelsterne sich genau in diesen Stellungen befinden", nahm er an, "zeigen sich ihre Wirkungen, gleichsam als ob der Schöpfer sich solchen Winkelstellungen bediene, um auf die Menschen zu wirken. Diese himmlische Geometrie macht die Seelen harmonisch oder unharmonisch, nie aber gut oder schlecht." "Ist die Stellung der [537] Gestirne harmonisch, so gewinnt die Seele oder Lebenskraft eine schöne Form und behält sie auch, solange sie im Körper weilt; sie schafft sich daher eine schöne Wohnstätte, formt als vermittelnde Ursache den Gesichtsausdruck." Nicht nur der Mensch, auch die Erde wird durch die himmlischen Stellungen beeinflußt, und das äußert sich im Wetter. Deshalb lassen sich aus der Beobachtung des Wetters leichter als aus der Beobachtung des Menschenlebens die Vorzüge der einzelnen Stellungen ersehen. Und somit kam Kepler aus der Beobachtung des Wetters zur Fortbildung der Sterndeutung.

Immer führt die Forschung zur Erkenntnis eines Gegenstandes und damit zur größeren Vorsicht in Aussagen. Dies war auch bei Kepler der Fall. Obwohl er mit seinem ersten Kalender großen Erfolg hatte, war er sich bewußt, daß die meisten Vorhersagen nur unter glücklichen Umständen eintreffen; allerdings kannte er die Leichtgläubigkeit der Leute, die er mit folgenden Worten beschrieb: "Das Treffen behält man nach der Weiber Art; das Fehlen aber vergißt man, weil es nichts Besonderes ist. Damit bleibt der Sterndeuter in Ehren." Solches verhehlte er auch den Lesern seiner Kalender nicht und bemühte sich, die Kalender allmählich zur Belehrung und zur Unterhaltung zu verwenden. Die Wettervorhersagen beschränken sich nunmehr auf die Kennzeichnung des Wetters der einzelnen Monate. Außerdem wurden die Staatsereignisse der letzten Jahre erzählt und bevorstehende Ereignisse angedeutet, wie sie aus der Betrachtung der Vergangenheit folgen. Ebenso offen äußerte er sich auch den Bestellern der Gestirnungen gegenüber. Mehrmals sprach er den Wunsch aus, seine Deutungen möchten in die Hände denkender, nicht abergläubischer Menschen gelangen. Und einmal, als er befürchten mußte, daß sein Gönner Kaiser Rudolf II. sich durch irgendwelche Deutungen bestimmen lasse, beschwor er dessen Vertrauten, den Kaiser zu veranlassen, diesen Vorhersagen nicht zu trauen, da selbst sichere Vorhersagen bei wichtigen Entschlüssen keine Rolle spielen dürften.

Um diese Zeit, im Jahre 1595, als er sich mit der Sterndeutung zu beschäftigen begann, gelang ihm eine Entdeckung, die seinen Glauben an die Richtigkeit des kopernikanischen Weltgebäudes stärkte und ihm zugleich eine Bestätigung seiner Annahme eines harmonischen Zusammenhanges der Welt zu sein schien. Diese Entdeckung, die er das Weltgeheimnis nannte, betraf den Aufbau der Welt im Sinne des Kopernikus, nämlich in der Anordnung der sechs Wandelsterne Merkur bis Saturn um die Sonne als Mittelpunkt. Gott habe die Wandelsterne entsprechend der Zahl der regelmäßigen Körper

Keplers Modell des Sonnensystems.
Keplers Modell des Sonnensystems.
Mysterium Cosmographicum, 1596.
[Nach wikipedia.org.]
geschaffen und sie in bestimmter Reihenfolge zur Sonne hin geordnet. Der äußerste Himmel, der Sternhimmel, sei eine Kugel, in welcher die fünf regelmäßigen Vielflächer so eingeschachtelt seien, daß sie Gehege bilden, innerhalb deren die sechs Wandelsterne sich bewegen. Es folgen sich vom Sternhimmel zur Sonne hin Saturn, Würfel, Jupiter, Pyramide, Mars, Zwölfflächer, Erde, Zwanzigflächer, Venus, Achtflächer, Merkur. Jeder Vielflächer berührt mit seinen Ecken eine Kugel, die zugleich die [538] Flächen des nächsten Vielflächers berührt. Die Halbmesser dieser Kugeln sollten sich wie die Bahnhalbmesser der Wandelsterne verhalten, was für Kopernikus' Weltgebäude einigermaßen zutraf. Somit hielt Kepler seine Entdeckung für eine Bestätigung der Richtigkeit dieser Lehre und seiner eigenen Ansicht von der Harmonie des göttlichen Bauplanes; daneben schien ihm die Beziehung zwischen den Halbmessern der Kugeln und der Bahnen zugleich eine Verbesserung der von Kopernikus gefundenen Werte zu ermöglichen. Allerdings blieb dies nur eine Vermutung. Das Weltgeheimnis spielte später keine große Rolle, außer daß man in wissenschaftlichen Kreisen auf diesen einfallsreichen jungen Forscher aufmerksam wurde.

In Graz kam Kepler auch zur Gründung eines Hausstandes. Am 27. April 1597 heiratete er Barbara Müller, eine reiche Müllerstochter, die vorher zweimal verheiratet gewesen war und eine Tochter Regine in die neue Ehe mitbrachte. Sie gebar Kepler sechs Kinder, von denen nur Susanne und Ludwig am Leben blieben und sich fortpflanzten. Die Ehe war anfangs recht glücklich, bis die Protestantenverfolgungen in Steiermark einsetzten und Kepler wie die anderen Protestanten das Land verlassen mußte. Dabei verlor die Familie einen großen Teil ihres Vermögens; seine Frau konnte sich am neuen Wohnort, in Prag, nicht eingewöhnen und wurde trübsinnig; sie konnte ihren Haushalt nicht in Ordnung halten und brachte kein Verständnis für die Arbeiten ihres Mannes auf. Ihr Tod im Jahre 1611 bedeutete daher eine Erlösung für Kepler. Zwei Jahre später heiratete er Susanne Reuttinger, eine Schreinerstochter aus Efferdingen. Diese Ehe war anscheinend ebenso glücklich wie die erste, obwohl Keplers Lebensumstände immer unsicherer wurden. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor, die wohl jung gestorben sind.

Schon in Graz mußte es sich entscheiden, ob der begabte Gelehrte sein Leben der Forschung oder der einträglichen Sterndeutung widmen werde. Kepler fiel die Entscheidung nicht schwer. Sein Wesen drängte zur Forschung. Bereits in der Beschäftigung mit den Fragen der Sterndeutung und mit dem Aufbau der Welt zeigte er sich als geborener Forscher; dabei befähigte ihn sein Glaube an die Zusammenhänge im göttlichen Bauplan, die Naturvorgänge von einem anderen Gesichtspunkt aus anzusehen und schließlich die Naturgesetze aufzufinden, die jetzt noch als die Keplerschen Gesetze zu den grundlegenden Gesetzen unserer Sternforschung gehören. Ihre Auffindung war nur möglich auf Grund der ausgezeichneten Beobachtungen Tycho Brahes. Sich mit ihnen zu beschäftigen, sah Kepler sich genötigt, als die Verfolgungen in Steiermark ihn zur Auswanderung zwangen und er keine Möglichkeit fand, in seinem Vaterlande Württemberg unterzukommen. Da war es für ihn ein glücklicher Zufall, daß Brahe bei der Berechnung der Bewegungen der von ihm beobachteten Wandelsterne auf Schwierigkeiten stieß, deren er mit seinen Mitarbeitern nicht Herr werden konnte, und deshalb Kepler zur Mitarbeit einlud. Kepler nahm die Einladung an und siedelte im Herbst 1600 [539] nach Böhmen über. Allerdings stellte es sich bald heraus, daß er nur mit geringem Einkommen rechnen müsse; die kaiserliche Kasse war meistens leer, und auch später, als er nach Brahes baldigem Tod kaiserlicher Mathematiker geworden war, wurde sein Gehalt nur gelegentlich ausgezahlt, so daß er von 1611 bis 1628 nebenbei die Stelle des Landschaftsmathematikers von Oberösterreich versehen mußte. In dieser Zeit der [540] wirtschaftlichen Sorge führte er seine grundlegenden Arbeiten durch. Die ihm zur Verfügung stehenden genauen Beobachtungen ließen ihm keinen Zweifel, daß die Bewegung der Wandelsterne nicht den Lehren der

Seite eines Keplerschen Manuskriptes
[541]    Seite eines Keplerschen Manuskriptes
mit astronomischen Berechnungen.
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Ptolemaios und Brahe entsprächen. Es kam nur die Lehre des Kopernikus in Betracht; aber dessen Annahme einer kreisförmigen Bewegung entsprach offenbar nicht der Wirklichkeit. Es galt nun, die richtige Bahnform zu finden. Noch in Graz hatte er gefunden, daß die Erde sich langsamer um die Sonne bewegt, wenn sie von ihr entfernter ist. Dasselbe konnte er nun auch für Mars nachweisen. Wichtig war die Form der Marsbahn, da der Kreis nicht mehr in Betracht kam, wie aus sehr umständlichen Rechnungen, die siebzigmal durchgeführt werden mußten, hervorging. Wohl kam er dabei zu einer verbesserten Kreisbahn, welche die Beobachtungen schon recht gut darzustellen gestattete. Mancher hätte sich damit begnügt und auf weitere umständliche Rechnungen verzichtet. Kepler aber ging nun zu anderen Bahnformen über, zuerst zur Eiform und zuletzt zur Ellipse, in deren einem Brennpunkt er die Sonne annahm. Damit gelang es ihm, die Marsbeobachtungen noch genauer darzustellen, und er bewies dadurch, daß Mars sich nur in einer Ellipse um die Sonne bewegen könne, wobei er sich um so langsamer bewege, je mehr er sich von der Sonne entferne. Somit war die Sonne als der Kraftmittelpunkt für die Bewegung der Wandelsterne festgestellt. Fortan hatten die Lehren der Ptolemaios und Brahe keine Daseinsberechtigung mehr. Dies teilte Kepler in seiner Neuen Sternkunde 1609 der Öffentlichkeit mit und konnte darin Tafeln der Bewegungen herausgeben, die auf einer riesigen Rechenarbeit beruhten, mußte er doch in mindestens vierzig Fällen die gleiche Rechnung je hundertachtzigmal durchführen.

Eine zehnjährige Arbeit hatte ihm das Ergebnis geliefert, daß sich die Bewegung der Wandelsterne physikalisch erklären lasse, wobei er die Sonne als einen großen Magneten betrachtete, der durch seine Drehung um seine Achse die Wandelsterne mitreiße, und zwar um so mehr, je näher der Wandelstern sei. Bei seinen Forschungen erfuhr Kepler allerdings von seiten der Wissenschaft keine Unterstützung. Nur mit großen Schwierigkeiten konnte er von Brahes Erben die Erlaubnis zur Benützung der Braheschen Beobachtungen erhalten und mußte ihnen einen Teil seines Gehaltes abtreten. Gelehrte wie Mästlin, Galilei und Magini standen seinen Untersuchungen verständnislos gegenüber und vermochten ihre Tragweite nicht zu beurteilen. Das hinderte ihn aber nicht, seine Untersuchungen auf alle Wandelsterne zu erstrecken. Dabei leitete ihn sein Glaube an einen göttlichen Bauplan, der sich in Harmonien äußere. Entsprechend den Harmonien in der Musik und in den geometrischen Figuren müsse es harmonische Verhältnisse in den Himmelsbewegungen als harmonische Verkörperung Gottes geben. Wie früher das Weltgeheimnis, so fand er nun auf Grund der ihm zur Verfügung stehenden viel besseren Bahnen eine wichtige Beziehung zwischen den Umlaufszeiten und Bahnhalbmessern der Wandelsterne, die jetzt noch als drittes Keplersches Gesetz wertvolle Dienste leistet und die Grundlage für Newtons Anziehungs- [541] gesetz bildet. Dieses 1618 gefundene Gesetz veröffentlichte er in seiner Harmonie der Welt. Daraufhin berechnete er die grundlegenden Tafeln der Bewegungen der Wandelsterne, die Rudolfischen Tafeln, die 1627 zu Ulm erschienen, und außerdem Jahrbücher der Bewegungen für die Jahre 1617 bis 1636. Damit war das Werk beendet und der Auftrag Kaiser Rudolfs erfüllt: Brahes Beobachtungen waren zur Ableitung der Bewegungen der Planeten und zur Herstellung neuer Tafelwerke verwendet worden. Darüber hinaus war Kopernikus' Lehre als richtig [542] erwiesen und zugleich dahin verbessert worden, daß die himmlischen Bewegungen um die Sonne als Kraftmittelpunkt erfolgen. Nunmehr war der Grund zum Ausbau der modernen Sternforschung gelegt.

Nur mit großen Mühen konnte Kepler diese Arbeiten und grundlegende Untersuchungen über das Wesen des Lichtes, worin er sich Galilei überlegen zeigte, durchführen und veröffentlichen. Sein Gehalt war ja gering und wurde oft nur zum Teil ausgezahlt. Wohl erhielt er Zahlungsanweisungen; jedoch galten solche Anweisungen damals und besonders im Dreißigjährigen Krieg nur wenig; sogar die Zinsen wurden nicht gezahlt. Verleger für seine Werke fanden sich nicht; der Druck der Werke mit den vielen Zahlentafeln machte große Schwierigkeiten. Zuletzt sah Kepler sich genötigt, eine eigene Druckerei einzurichten. Dies geschah in Sagan, wohin er als Mathematiker Wallensteins gezogen war. Er hatte seine Stelle in Linz wegen der dortigen Protestantenverfolgungen aufgegeben und keine Aussicht, vom Kaiserhaus das gestundete Gehalt herausgezahlt zu bekommen. Deshalb trat er 1628 mit Einwilligung des Kaisers in die Dienste des allmächtigen Feldherrn gegen ein jährliches Gehalt und eine Forderung an Wallenstein in Höhe von elftausendachthundertsiebzehn Gulden, welche das Kaiserhaus ihm schuldete. Schon früher hatte er für Wallenstein die Zukunft aus den Sternen gedeutet und fremde Deutungen begutachtet. Seine eigenen Deutungen von 1608 und die verbesserte von 1625 lassen allerdings wenig von seinem Geschick erkennen, die Zukunft aus den Sternen zu ersehen. Selbst die 1625 durchgeführte Verbesserung der Gestirnung, welche Wallensteins Aufzeichnungen über sein Leben berücksichtigte, entsprach nicht den künftigen Ereignissen: Wallensteins Vertreibung des dänischen Königs 1627 sowie Wallensteins Absetzung und Wiedereinsetzung ließen sich nicht aus den Sternen erkennen. Trotzdem glaubte Wallenstein sich des Rates des erfahrenen Kepler bedienen zu müssen, wenn es darauf ankam, die Gestirnungen seiner Gegner zu deuten und zu Staatshandlungen zu verwenden. Auch hier erfüllten sich Keplers Hoffnungen nicht. Wohl wurde ihm auf Wallensteins Geheiß ein Lehrstuhl an der Universität zu Rostock angeboten; aber als er die Stelle nur dann annehmen wollte, wenn er zuvor von Wallenstein die zwölftausend Gulden erhielte, ging der sehr reiche Feldherr auf diese Forderung nicht ein. Bald darauf begann Wallensteins Stern zu verblassen; im August 1630 wurde er vom Kaiser entlassen. Damit schwand jede Hoffnung auf Erfüllung von Keplers Forderung. Dieser reiste nach Regensburg, um dort auf dem

Keplerdenkmal in Regensburg.
Keplerdenkmal in Regensburg.
1806/08 von Emanuel d'Heriogoyen,
Büste von Friedrich Döll,
Relief von Johann Heinrich von Dannecker.
[Nach wikipedia.org.]
Kurfürstentag seine Forderungen geltend zu machen. Einige Tage nach seiner Ankunft erkrankte er und starb am 15. November 1630. Er wurde auf dem evangelischen Petersfriedhof beerdigt, der einige Jahre später bei der Belagerung der Stadt zerstört wurde. Somit ist sein Grab nicht erhalten. Dafür wurde in der Nähe das Kepler-Denkmal im Jahre 1808 errichtet.

Viele stellen sich den deutschen Gelehrten früherer Jahrhunderte wie den Famulus Wagner in Goethes Faust vor: als einen zurückgezogenen Menschen, [543] der am Leben keinen Anteil nimmt, der nur bedacht ist, sich in sein Wissensgebiet zu vertiefen, und jeden Zusammenhang mit seinen Mitmenschen verliert. Diese nur auf wenige Gelehrte zutreffende Schilderung würde auf Kepler ganz und gar nicht passen. Schon seine Beziehungen zu Fürsten und Feldherren, besonders aber die Deutung von Tausenden von Gestirnungen verbanden ihn ständig mit seiner Mitwelt. Es sind zwei Bilder von ihm erhalten und in der Kepler-Festschrift von 1930 abgebildet. Das eine, aus Pulkowo, zeigt ihn als jungen Mann, Ende der zwanziger Jahre, mit ziemlich vollem Gesicht, sehr hoher Stirn, bartlos, mit einem sehr klugen, aufmerksamen, aber zurückhaltenden Ausdruck in den dunklen Augen. Dies, das energische Kinn und der festgeschlossene Mund erwecken den Eindruck eines Menschen mit eigenem Sinn, der nicht zu bereden ist. Das andere Bild, im Besitz des

Johannes Kepler.
[544a]      Johannes Kepler.
Gemälde, 1620. Straßburg, Thomasstift.
Thomasstiftes zu Straßburg, zeigt ihn im Alter von neunundvierzig Jahren, der Mode entsprechend in dunkler, anliegender Jacke mit mäßig großem spanischen Spitzenkragen und schmalen Stulpen, ritterlichem Wehrgehänge, mit dunklem Spitzbart und kurzgeschnittenem Haupthaare. Die hohe Stirn, die dunklen, beobachtenden Augen, der fest geschlossene Mund sind die gleichen. Nur ist der Ausdruck noch zurückhaltender, etwas zögernd, fast etwas spöttisch geworden. Das Bild zeigt ihn als einen sehr feinsinnigen, stillen Menschen, keineswegs als den martialischen Mann, wie er heutzutage meistens abgebildet wird.

Obwohl seine Forschungen sich mit den schwierigsten Fragen beschäftigten und seine Ergebnisse dem damaligen Gebrauch gemäß in lateinischer Sprache veröffentlicht wurden, bemühte er sich, sein Wissen auch in deutscher Sprache mitzuteilen und damit zur Volksbildung beizutragen. Es gibt außer seinen deutsch geschriebenen Kalendern und Gelegenheitsschriften über auffällige Himmelserscheinungen sogar einige bemerkenswerte Versuche zur Bildung einer deutschen Fachsprache; denn das Fehlen deutscher Fachwörter bildete einen der wichtigsten Gründe für die Verwendung der lateinischen Sprache durch die deutschen Gelehrten. So kündete er im Jahre 1611 seine Absicht, die Geometrie des Euklid zu übersetzen, mit folgenden Worten an: "Das wichtigste Ziel erscheint mir die Verdeutschung der Fachwörter. Es ist eine Schande, daß man im Deutschen »Parallelen« nicht anders bezeichnen kann. Es wäre Sache der Allgemeinheit, daß die Fachwörter allgemein gebraucht würden und nicht hier so und dort so. Und ich glaube im zehnten Buch darin Fortschritte gemacht zu haben. Mit dem gleichen Recht, mit dem Euklid neue Fachwörter in die griechische Sprache eingeführt hat, habe ich einheimische Wörter gesetzt." Kepler war also im Begriff, eine deutsche Fachsprache zu schaffen, und hätte dadurch dem deutschen Volke einen großen Dienst leisten können; damit würde er verdienen, wie Galilei unter den Schöpfern einer Fachsprache genannt zu werden. Allerdings hatte Galilei es viel leichter, da er den überlieferten griechischen und lateinischen Fremdwörtern nur ein italienisches Gewand umzuhängen brauchte. Keplers Aufgabe war viel schwieriger, da er solche Lehnwörter ablehnte. Leider ist seine Euklid-Übersetzung nicht erhalten. Immerhin [544] sind sein Österreichisches Wein-Visier-Büchlein und eine deutsche Übersetzung des dreizehnten und vierzehnten Abschnittes des Buches über die Welt von Aristoteles noch vorhanden und gestatten, seine Bemühungen zu beurteilen. Anschaulich sind seine Verdeutschungen Ei und Linse für die beiden Rotationsellipsoide, Erbsenhaufen für Rotationshyperboloid, Heuschober für Rotationsparaboloid, Walze und Säule für Zylinder, Schnitz für Segment, Raute für Rhombus, Anstreicher für Tangente, Durchstreicher für Sekante, schwebende Sterne für Planeten, angeheftete Sterne für Fixsterne, Sternseher für Astronom. Diese Verdeutschungen wurden zum größten Teil nicht in die Umgangssprache übernommen, im Unterschied zu den von ihm geprägten Wörtern: Weltgebäude, Umkreis, Kegelschnitt, Kreis, Mittelpunkt und Würfel, die noch jetzt gebraucht werden. Allerdings hatte Kepler darauf verzichtet, die Verdeutschungen in einem größeren Werk der Öffentlichkeit mitzuteilen; vielleicht erschien ihm die Zeit noch nicht gekommen zu sein. Bald darauf begann der Dreißigjährige Krieg, der zur Hochschätzung der Fremdwörter und zur Unterdrückung der deutschen Sprache führen sollte.

Wie in der Sprache, so fühlte Kepler sich auch sonst mit dem deutschen Volk verbunden. Als er 1617 einen Ruf an die Universität in Bologna erhielt, lehnte er ihn mit folgender Begründung ab: "Ich bin ein Deutscher der Abstammung und Gesinnung nach, mit den Sitten der Deutschen verwachsen, mit ihnen durch Bande des Lebens, das heißt (nach deutscher, auch von den Gelehrten angenommener Art) durch Heirat verbunden, so daß ich, auch wenn der Kaiser seine Zustimmung gäbe, nur mit größter Schwierigkeit meinen Wohnsitz von Deutschland nach Italien verlegen könnte. Wenn mich auch der Ruhm reizt, der von dem hochberühmten Ort, dem ehrwürdigen Sitz der Professoren Bolognas ausstrahlt, und mir Hoffnung auf eine bessere Stellung winkt, sowohl öffentlich auf dem Lehrstuhl wegen der zahlreichen Zuhörerschaft wie auch privatim durch geldliche Vorteile, so ist doch andererseits der Teil des Lebens vorüber, in dem man durch neue Verhältnisse angeregt wird und die Schönheiten Italiens begehren möchte oder sich einen langen Genuß davon versprechen könnte. Dazu kommt, daß ich von Jugend an bis in mein gegenwärtiges Alter als Deutscher unter Deutschen eine Freiheit im Gebaren und in der Rede genossen habe, deren Gebrauch mir wohl, wenn ich nach Bologna ginge, leicht wenn nicht Gefahr so wenigstens Schmähungen zuziehen, Verdacht erregen und mich den Angebereien benommener Köpfe aussetzen könnte. Ihr werdet es mir daher, glaube ich, nicht verübeln, wenn ich mich durch Vergleichung der Vergangenheit mit dem, was die Zukunft bringen könnte, zur Anwendung einer vielleicht überflüssigen Vorsicht veranlaßt sehe."

Keplers Persönlichkeit würde nur unvollständig geschildert sein, wenn wir nicht auch seines Glaubens gedenken würden. Er stammte aus einer evangelischen Familie; nahe Verwandte aber gehörten der katholischen Kirche an. In seiner Vaterstadt spielten sich Glaubenskämpfe ab; die früher evangelische Stadt wurde katholisch. Auf der Universität zu Tübingen wurde er vertraut mit dem Gegensatz [545] zwischen Evangelischen und Reformierten, der durch die Konkordienformel vertieft werden sollte. Diese Verschärfung des Gegensatzes mißfiel ihm sehr, und er gab seinem Mißfallen mehrmals Ausdruck, was ihm sein Leben lang von den kirchlichen Eiferern in Württemberg verdacht wurde. In Österreich erlebte er die Gegenreformation mit der Unterdrückung aller Volksgenossen, die nicht den gleichen Glauben wie die Herrscher hatten. Auch er wurde nicht verschont; standhaft hing er seinem Glauben an, wie auch aus seinen Worten hervorgeht: "Ich hätte nicht geglaubt, daß es so süß ist, in Gemeinschaft mit etlichen Brüdern für die Religion, für Christi Ruhm Schaden und Schimpf zu erleiden, Haus, Äcker, Freunde und Heimat zu verlassen." Der Haß der Geistlichen war ihm unverständlich, und die Spaltung der christlichen Kirche in die drei Bekenntnisse erschien ihm frevelhaft. Seinen Glauben tat er in seinen Bekenntnissen von 1617 und 1623 kund. Eine Gesinnung heucheln konnte er nicht. "Darüber zürnen die Geistlichen mit mir, die Weltlichen aber schelten mich einen Narren." Auch die evangelische Kirche ging gegen ihn vor. Mit einer Anstellung in seinem Vaterlande hatte er wegen seiner Gesinnung nicht zu rechnen. In Linz verweigerte der evangelische Geistliche Hitzler ihm die Teilnahme am Abendmahl und schloß ihn damit von der Gemeinde aus. Vergeblich versuchte Kepler diesen Beschluß rückgängig zu machen. Er wandte sich an das württembergische Konsistorium; dieses verlangte aber von ihm die rückhaltlose Unterzeichnung der Konkordienformel. Dieses Verlangen war ungewöhnlich und wurde sonst nur an Geistliche gerichtet. Offensichtlich wollte man sich an Kepler wegen seiner Verteidigung der unerwünschten Kopernikanischen Lehre rächen und ihn demütigen. Kepler lehnte die Zumutung ab.

Nun wurde seine Ausschließung durch das Urteil des Konsistoriums in Stuttgart und der theologischen Fakultät in Tübingen bestätigt. Damit war Kepler amtlich zum Ketzer gestempelt worden, und solange er nicht widerrief, blieb er von den kirchlichen Veranstaltungen ausgeschlossen. Dies erlebte er in Sagan noch im Jahre 1629. Er blieb aber standhaft. Kurz zuvor hatte der Jesuit Guldin ihm nahegelegt, katholisch zu werden, und ihm für diesen Fall die Gunst des Kaisers Ferdinand zugesichert. Dies war eine große Versuchung für Kepler. Die Ausweisung aus Linz drohte ihm als Evangelischen; der Sieg des Kaisers und der katholischen Partei in Deutschland erschien nicht mehr zweifelhaft. Sein Vaterland war für ihn verschlossen. Die meisten hätten wohl nicht gezögert, unter solchen Verhältnissen ihre Gesinnung zu ändern und ihren Glauben zu wechseln. Kepler blieb standhaft.

Als großer Forscher hat er es verschmäht, sich der Sterndeutung zu ergeben, und hat seine Untersuchungen ohne Rücksicht auf die Zustimmung seiner Zeitgenossen durchgeführt; als großer Mensch hat er Glauben und Vaterland auch um großer Vorteile willen nicht gewechselt und ist seiner Gesinnung treu geblieben. Dafür wird die Nachwelt ihm immer dankbar sein.




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Die großen Deutschen: Neue Deutsche Biographie.
Hg. von Willy Andreas & Wilhelm von Scholz