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[Bd. 3 S. 145]

4. Kapitel: Die besetzten Gebiete,
Separatistenaufstand in Rheinland und Pfalz.

  Besetzung  

Die Franzosen schalteten und walteten in den besetzten Gebieten, als seien diese ihre eigenen Länder. In 134 Orten des Rheinlandes hatten sie fast anderthalbmal soviel Truppen untergebracht, wie Deutschland vor dem Kriege in 28 Garnisonen, während Amerika, England und Belgien nur den dritten Teil der französischen Truppenstärke in etwa 90 Orte gelegt hatten. Schulen und andere öffentliche Gebäude waren mit Soldaten angefüllt, neue Kasernen wurden gebaut, Exerzier- und Flugplätze angelegt. Neue Offizierskasinos mußten in den kostspieligsten Hotels eingerichtet werden, Soldatenheime und Bordelle für die Soldaten wurden geschaffen. Schwarze quälten die Rheinländer, im April 1921 befanden sich 15 farbige Regimenter auf deutschem Boden, und im Oktober 1922 waren es noch zwölf. Die niedrigsten Rassen wurden von Paris aus dazu bestimmt, Sklavenhalter der Deutschen zu sein. General Allen, der amerikanische Oberbefehlshaber, sagt einmal in seinem Rheinland-Tagebuch, "die Malagassen würden zwar, da sie etwas Malaienblut enthielten, nur Negroiden genannt, die meisten von ihnen seien aber schwärzer als schwarz und stünden auf einer sehr niedrigen Zivilisationsstufe. Es war eine Beschimpfung des deutschen Volkes und der deutschen Kultur, wie sie noch nie erlebt worden war."

      "Zum Zwecke der äußersten Beschimpfung der Besiegten", sagte Nitti, "seien in dem Besatzungsheer die Vertreter der niedrigsten Rassen. So seien die gebildetsten Städte Europas unter der Negergewalt, die die größten Verbrechen begangen habe, und die deutsche Bevölkerung sei ohne Not, nur aus Lust an Beschimpfung, körperlichen und moralischen Quälereien unterworfen, die seit Jahrhunderten in den zivilisierten Ländern unbekannt seien. Frauen und Mädchen wurden von der Seite ihres Mannes oder Bräutigams ins Dickicht, in den Straßengraben, ins Getreidefeld geschleppt und geschändet, [146] zahllose Fälle von Päderastie und versuchter Päderastie ereigneten sich. Selbst vor 70jährigen Greisinnen scheute man nicht zurück. Eine Geißel, wie sie kaum furchtbarer gedacht werden konnte, stellte die französische Besatzung dar."

  Delegierte  

Die zivile Verwaltung der Gebiete riß mehr und mehr, entgegen den Bestimmungen des Rheinlandstatuts, die Interalliierte Rheinlandkommission an sich,
deren Vorsitzender ein Franzose, Tirard, war. Sie zählte etwa 1300 Beamte. Unter ihnen befanden sich 100 Delegierte, die den Landratsämtern, den Stadtkreisen und Bezirksregierungen zugeteilt waren und lediglich die Verbindungsleute zwischen Rheinlandkommission und interalliierten Militärbehörden mit den deutschen Behörden sein sollten, in Wahrheit aber die deutsche Verwaltung und die Justizbehörden ständig kontrollierten, der Rheinlandkommission Fingerzeige über zu erlassende Verordnungen gaben und diejenigen Deutschen, die nationales Gefühl an den Tag legten, in die Folterkammern der französischen Militärjustiz und in die Hölle französischer Gefängnisse brachten. Außerdem leiteten diese Delegierten die französische Kulturpropaganda und leisteten den politischen Zielen Frankreichs tatkräftig Vorschub. Um ihre Aufgabe gut zu erfüllen, umgaben sie sich mit einem großen Stabe von Unterbeamten, so daß sich General Allen veranlaßt sah, in seinem Tagebuch zu bemerken: "Frankreich scheine alle seine Beamtengruppen hier an den Rhein zu schicken, damit sie ihn zu sehen bekommen und vielleicht auch, damit sich die Rheinbevölkerung daran gewöhnen soll, diese Beamten zu sehen."

Franzosen am Rhein:
  Requisitionen und Erpressungen  

Die Rheinlandbesetzung glich einer Völkerwanderung. Etwa ein halbe Million Franzosen setzten sich an dem deutschen Strome fest in der unerschütterlichen Absicht, ihn nicht wieder zu verlassen. Herrschaftliche Wohnungen, mit dem erlesensten Luxus ausgestattet, mußten den hohen Offizieren und den acht Bezirksdelegierten zur Verfügung gestellt werden. Jeder von ihnen hatte Anspruch auf zehn Räume, darunter einen großen Salon und ein Speisezimmer als Empfangsräume. Die 80 Kreisdelegierten hatten Achtzimmer-Wohnungen inne; für Kinder und Familienmitglieder mußten weitere Räume hergegeben werden. So waren Ende 1922 im [147] Rheinland 10 000 Wohnungen mit 37 600 Zimmern und 9400 Zimmer von den Besatzungsbehörden mit Beschlag belegt worden, alle in der üppigsten Weise ausgestattet. Es mußten nicht nur Salons, Herrenzimmer, Speisezimmer, Doppelschlafzimmer, Küchen und die gebräuchlichen Luxusmöbel geliefert werden, auch – um nur einiges zu nennen – 3500 Kinderbetten, 175 000 Servietten, 45 000 Sekt- und 58 000 Likörgläser waren als von Deutschland zu liefern für notwendig befunden worden, zahllose Speise-, Tee- und Kaffeeservice nicht mitgerechnet.

Alles hatte das deutsche Volk zu bezahlen. Bis Ende Dezember 1922 betrugen die Besatzungskosten rund 4½ Milliarden Goldmark. Der einfache französische Soldat bezog im Oktober 1922 eine Löhnung von 137 700 Papiermark, während das Gehalt des deutschen Staatssekretärs im gleichen Monat 122 500 Papiermark betrug. England und Amerika hatten einen Gesamtbetrag von einer Milliarde Goldmark an Besatzungskosten von Ende 1918 bis Ende 1922 für ausreichend befunden. Dem aber widersetzte sich Frankreich. Die Proprätoren und Quästoren des alten Rom brandschatzten mit größter Rücksichtslosigkeit die unterjochten, tributpflichtigen Provinzen, um die Staatskassen und ihre eigenen Taschen zu füllen, wie es Verres in Sizilien tat. Hiervon unterschied sich in keiner Weise das Verhalten der Franzosen im besetzten Rheinland. Der Reichsschatzminister sagte am Schluß seiner dritten Denkschrift über die Besatzungskosten:

      "Was hätte mit diesen Mitteln Deutschlands geleistet werden können, wenn sie eine produktive Verwendung gefunden hätten! Der Wiederaufbau Nordfrankreichs hätte finanziert werden können, die wirtschaftliche und finanzielle Gesundung Deutschlands zum Nutzen seiner Reparationsfähigkeit, also zum Nutzen der Besatzungsmächte selbst, wäre gefördert worden. Die Besetzung in dem ungeheuren Umfang war von allem Anfang ein Feind der Reparationen."

Und Nitti charakterisierte in seinem Friedlosen Europa die [148] Maßlosigkeit der Sieger:

      "Statt den Frieden wiederherzustellen und sich um die Wiedergewinnung des verlorenen Reichtums zu bemühen, zerstöre das heutige Europa neue Reichtümer durch die Illusion der Sieger oder eines Teiles derselben, von der Arbeit der Besiegten leben zu können. Es sei eine absurde Moral, zu erklären, die während des Krieges gemachten Schulden nicht bezahlen zu können, aber zugleich von den Besiegten zu beanspruchen, daß sie nicht nur zahlen, sondern auch wie Sklaven zur Wiederherstellung des Reichtums der Sieger arbeiten sollen."

Knebelung der
  persönlichen Freiheit  

Schwer hatten die Rheinländer unter diesen Zuständen zu leiden. Die persönliche Freiheit und die öffentliche Meinung wurden von Franzosen und Belgiern auf das brutalste unterdrückt. Der Briefverkehr, die Telegraphen- und Fernsprechverbindungen wurden überwacht. Die Sicherheit der Besatzungstruppen und die öffentliche Ordnung, das Ansehen der Rheinlandkommission und Besatzungsarmee mußten die Knebelung der Pressefreiheit rechtfertigen. Im Jahre 1921 wurden 28 Zeitungen auf die Dauer von insgesamt 79½ Monaten verboten, im folgenden Jahre dagegen 44 Zeitungen auf eine Gesamtdauer von 109 Monaten. Jedes Zeitungsverbot erstreckte sich also durchschnittlich auf zweieinhalb bis drei Monate. Eine erbarmungslose Zensur strich kurzerhand alle unbequemen Abhandlungen, Veröffentlichungen, Drucksachen, Vervielfältigungen, Schriften, Bilder mit und ohne Text und Lichtbildstreifen. Zeitungen wurden gemaßregelt, wenn sie nicht von französischen Behörden übersandte Artikel veröffentlichten. Alle "gefährlichen" Theateraufführungen, Lichtspielvorstellungen, Pantomimen, Rezitationen, Vorträge, Kundgebungen, ja sogar Konzerte wurden verboten. "Politische Versammlungen" mußten 48 Stunden vorher der Besatzungsbehörde angezeigt werden, und diese hatte das Recht der Überwachung.

Militärische Vereine wurden mit größtem Mißtrauen betrachtet und verboten. Der "Deutsche Offiziersbund", die Pfadfindervereine, die Regimentsvereine, die Technische Nothilfe, die "Jugendgruppe der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei", der "Jungdeutsche Orden", der "Stahlhelm" [149] und viele andere Organisationen waren verboten. Turn-, Sport- und Wandervereine, die Freiwillige Feuerwehr, Schützengesellschaften, Reitervereine, Kriegervereine wurden ängstlich überwacht. Französische Gendarmen achteten streng darauf, daß bei Übungen keine militärischen Kommandos abgegeben wurden oder Übungen im Marschieren, Scharfschießen, Geländeerkunden abgehalten wurden. Den Schützenvereinen war Abhaltung von Schießübungen verboten, nur Schützenfeste wurden gestattet. Die Freiwilligen Sanitätsvereine durften keine Uniform tragen. In Landau wurden junge Leute bestraft, weil sie die Hitleruniform, Skimütze und Windjacke, trugen. Alle Vereine mußten Satzungen, Vorstandsmitglieder und Mitgliederzahl der Militärbehörde mitteilen. Der Besitz von Rundfunkgerät war durch Ordonnanz vom 26. Januar 1921 unter schwere Strafe gestellt. Personen, die sich aus Bildungsdrang trotzdem ein Radio angeschafft hatten, wurden schwer bestraft. Militärische Gründe, Furcht vor Spionage waren maßgebend für die Haltung der Franzosen. Das Hissen der deutschen Flagge mußte 48 Stunden vorher der Besatzungsbehörde mitgeteilt und konnte verboten werden. Grundsätzlich ausgeschlossen waren die Farben schwarz-weiß-rot. Oft wurde nur das Beflaggen der öffentlichen Gebäude gestattet, während es für Privathäuser verboten war. Auch das Mitführen von Vereinsfahnen in Umzügen, das Tragen von Abzeichen oder Bändchen, das Mitführen von Wimpeln an Kraftwagen konnte verboten werden. In Simmern wurde einem Kaufmann verboten, je eine schwarze, weiße und rote Banderole in seinem Schaufenster nebeneinander auszustellen. In Meisenheim wurde ein Zigaretten-Reklame-Plakat beanstandet, weil darauf zwei Raucher in schwarzem Frack und weißer Weste auf rotem Hintergrund gesehen wurden. Das Singen vaterländischer Lieder und der Nationalhymne war strafbar, weil es als Provokation und Beleidigung der Besatzungsarmee aufgefaßt wurde. Oft kam es aus diesem Anlaß zu blutigen Zusammenstößen und Verhaftungen reichstreuer Rheinländer.

  Französische Propaganda  

Diesen drakonischen Gewissenszwang ergänzten die Franzosen andererseits dadurch, daß sie selbst durch Propaganda die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen [150] suchten. Am 15. April 1921 erschien zum erstenmal in Koblenz das "Nachrichtenblatt, herausgegeben zur rein sachlichen Berichtigung der Falsch- und Hetzmeldungen über das besetzte Gebiet" vom französischen Pressedienst. Es erschien zuerst alle zwei bis fünf Tage, dann täglich. Der Herausgeber war der Südfranzose Brusquet, der mit einer Koblenzerin verheiratet war und häufig literarische Tees und andere Zusammenkünfte veranstaltete, wobei politische Tagesfragen besprochen wurden. Das Blatt wurde kostenlos als Drucksache durch die Post und durch die Kreisdelegierten vertrieben. Die Postumschläge trugen das amtliche Siegel der französischen Besatzungsbehörde, und so mußte die deutsche Post das Blatt portofrei befördern. Es erschien in einer Auflage von etwa 35 000 bis 40 000 Stück und wurde am meisten in der Pfalz, weniger in Trier, Krefeld und Aachen vertrieben. Auf dem platten Lande wurde der Vertrieb gelegentlich mit dem amtlichen Stempel des Landratsamtes erzwungen. Die Zeitung fühlte sich dazu berufen, "der Verständigung zu dienen", indem sie die Schwarze Schmach ableugnete und kommunistische Aufsätze abdruckte, wie "Die Propaganda gegen die farbigen Truppen" und "Die weißen Bestien in Oberschlesien". Die Neger waren "die großen Kinder mit guter Laune, die gern an den Spielen der deutschen Kinder teilnehmen". Von den alldeutschen Hunnen und völkischen Barbaren wurde gesprochen. Der Versailler Vertrag sei milde gegenüber dem Frankfurter Frieden, wurde behauptet. Es findet sich in dem Nachrichtenblatt z. B. folgender Satz:

      "Haben die Kreise, die jetzt gegen die Schwarze Schmach protestieren, auch protestiert, als die deutschen Kulturträger in den Kolonien die schwarzen Frauen mißbrauchten? Sind sie in ähnlichen Protestversammlungen aufgetreten gegen den Dr. Peters, den Begründer der deutschen Kolonien, dessen und der andern Treiben damals im Reichstag zu brandmarken ein Verdienst des leider von der alldeutschen Meute ermordeten Erzberger ist?"

Mit Vorliebe wurden linksradikale und pazifistische Blätter Deutschlands ausgeschrieben. Auch brachte man Beiträge von Deutschen, die "aus begreiflichen Gründen" ungenannt bleiben wollten. Vor allem suchte das Blatt [151] Deutsche auf Deutsche zu hetzen, wie schon Überschriften bewiesen, die folgendes sagten: "Die höheren Zehntausend", "Die Klassenjustiz", "Positiver Preisabbau", "Aus dem Cuno-Paradies". Mit allen Mitteln versuchten die Franzosen, eine kulturelle und politische Kluft zwischen das besetzte und das unbesetzte Deutschland zu treiben.

Ausschaltung
  der Reichshoheit  

Die deutsche Souveränität wurde nicht nur durch die Rheinlandkommission und ihre Delegierten, nicht nur durch die Bestimmung untergraben, daß jeder deutsche Beamte im besetzten Gebiet abgesetzt werden könne, wenn nach Meinung der Rheinlandkommission diese Maßnahme notwendig sei, sondern auch durch direkte Verfügungen, wie die, daß die Immunität der deutschen Reichs- und Landtagsabgeordneten im besetzten Gebiet nicht anerkannt werde (Frühjahr 1921); am 30. Juli 1921 wurde auf diese Verordnung hin der demokratische Abgeordnete Erkelenz wegen eines von ihm im Berliner Tageblatt veröffentlichten Artikels von der Besatzungsbehörde verhaftet und nach einer "Belehrung" wieder entlassen.

  Rechtsprechung  

Auch die Rechtsprechung rissen die Franzosen an sich. Deutsche Staatsangehörige unterlagen auf deutschem Gebiet nicht den deutschen Strafgesetzen, sondern wurden von französischen Militärgerichten nach französischem Recht abgeurteilt. Ja, es wurde bestimmt, daß Freiheitsstrafen von mehr als fünf Jahren in fremden Kerkern und Strafanstalten verbüßt werden mußten. So fanden tatsächlich Deportationen in die Hölle der französischen Verbrecherkolonien statt. Am 10. August 1921 erließ die Rheinlandkommission eine Ordonnanz, wonach auch Vaterschaftsklagen gegen Angehörige der Kommission oder der Besatzungsarmee künftig den deutschen Gerichten entzogen und vor das nationale Gericht des Beklagten gebracht werden müssen.

Die Absicht der Franzosen und der Belgier ließen sich aus diesen Maßnahmen klar erkennen: sie wollten die Rheinländer zu Franzosen erziehen. Während Engländer und Amerikaner in loyaler Weise die Bestimmungen der Besatzungsbehörde ausführten und alles vermieden, was den Unmut und die Feindschaft der Deutschen erregen konnte, ging das fanatische Frankreich rücksichtslos auf sein Ziel los: [152] die Rheinlande vom Reiche zu trennen und, wenn möglich, mit Frankreich zu vereinen. Ein jahrhundertealtes Streben war mit voller Macht aufs neue geweckt worden.

Rückwirkungen
der Ruhrbesetzung
  auf besetzte Gebiete  

Mit dem Beginn der Ruhrbesetzung verschärften sich die Leiden der Rheinländer und die Loslösungsversuche der Franzosen. Der erste Schritt Frankreichs war die Beschlagnahme sämtlicher Zölle bei Ein- und Ausfuhr zwischen besetztem Gebiet und Ausland durch Ordonnanz 133 vom 18. Januar 1923. Die Rheinlandkommission übernahm die Verwaltung der Finanzen und Zölle, ebenso die Überwachung der Grenzen. Die deutsche Finanzhoheit war ausgeschaltet. Das Zollpersonal und sämtliche Finanzbeamte wurden der Rheinlandkommission unterstellt. Desgleichen wurden die Einnahmen aus den Forsten beschlagnahmt. Es wurden Komitees für Zölle, Ein- und Ausfuhrbewilligungen, für Forsten, für Kohlen und Bergwerke, für allgemeine Verrechnung geschaffen, und ein neues Heer von alliierten Beamten hielt seinen Einzug. Anfang Februar verbot man die Ausfuhr aller Waren nach dem unbesetzten Deutschland. Durch eine Zollmauer wurde das Rheinland vom unbesetzten Deutschland abgeschnitten, wie schon einmal vom Frühjahr bis zum Herbst 1921. Einfuhrzölle und Gebühren durften nicht in deutschem Gelde, sondern mußten in hochwertigen Devisen entrichtet werden. Wer diesen Bestimmungen zuwiderhandelte, wurde mit einer Strafe bis zu 10 000Goldmark und Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft. Auf Zolldefraudationen standen Geldstrafen bis zu 20 000 Goldmark. Dagegen wurden die Zölle an der französisch-belgischen Grenze für Luxuswaren, Parfüms, Seiden, Seidenwaren, Spitzen, Automobile, Weine, Liköre wesentlich herabgesetzt, und die vom Westen hereinströmenden Warenmassen überschwemmten das Rheinland. Dieser Versuch, die rheinische Wirtschaft vom deutschen Wirtschaftskörper gewaltsam loszureißen, schädigte schwer die rheinischen Industriellen und Gewerbetreibenden durch die vernichtende Konkurrenz der Weststaaten. Die Ausfuhrbeschränkung und die Zollschranken gegen das unbesetzte Deutschland versperrten die alten, in jahrzehntelangem, mühevollem Kampfe eroberten Absatzgebiete, ohne die Möglichkeit zu geben, neue zu schaffen. [153] Um so schwerer waren die Folgen, als schon Inflation, Geld- und Kreditnot wie ein Alp auf Handel und Gewerbe lasteten.

Als man die Forstbeamten ausgewiesen hatte, begann man rücksichtslos die alten gehegten und gepflegten Wälder der rheinischen Berge kahlzuschlagen. Das Dreifache des normalen Umschlages, 93 Millionen Raummeter, wurden vom Januar bis Ende September 1923 abgeschlagen. Große Waldbestände waren vernichtet.

Alle Beamten, welche sich nach dem Ruhreinfall weigerten, den Franzosen Dienste zu leisten, wurden ausgewiesen. Schon am 2. Februar wurde der Oberpräsident der Rheinprovinz, Fuchs, zu Tirard nach Koblenz geladen und gewaltsam entführt. Wenige Tage später mußte der Düsseldorfer Regierungspräsident weichen. Am 17. April wurde das Reichskommissariat, der letzte Schutz und die letzte Stütze der bedrückten und mißhandelten Bevölkerung, aufgehoben, der Reichskommissar, Fürst Hatzfeldt, wurde ausgewiesen. Grausam war die Behandlung der Eisenbahner. Gegen sie wurden Massenausweisungen verfügt, und lange Züge von Flüchtlingen strömten als Bettler ins unbesetzte Gebiet. Es sei nur ein Beispiel angeführt. In der Woche vom 2. bis 8. Mai 1923 wurden an die 800 Familien ihres rheinischen Heimatbodens verwiesen: 198 aus Krefeld-Oppum, 35 aus Troisdorf, 180 aus Euskirchen, ebensoviel aus Bonn, 178 aus Düren. Bis Ende September 1923 hatten über 100 000 Rheinländer ihre Heimat verlassen müssen.

Eine neue Wanderung französischer und belgischer Beamter ins besetzte Gebiet fand statt, und als der passive Widerstand aufgegeben war, erklärten die Franzosen und Belgier, sie würden nur ein Drittel der deutschen Eisenbahnbeamten wieder einstellen, diese aber sollten auf die Alliierten vereidigt werden. Die Ausweisungen wurden nicht rückgängig gemacht. In Trier stellte man die Post- und Finanzbeamten nur bedingt wieder ein, 2000 höheren Beamten verweigerte man den Zutritt zu ihren Büros. Und noch im Oktober trafen in Koblenz französische Oberzoll- und Oberpostbeamte ein. Da sich die Eisenbahner weigerten, den von [154] den Franzosen geforderten Eid zu leisten, nahmen die Ausweisungen ihren Fortgang. Am 2. Oktober wurden aus Mülheim-Spelldorf 185, aus Duisburg 250 Familien ausgewiesen. Zwar gestattete das Reich den Eisenbahnern, den Franzosen einen rein beruflichen Diensteid zu leisten, aber die Eisenbahner verharrten bei ihrer Eidesverweigerung. Die Franzosen drangen mit ihrer Forderung nicht durch, aber sie stellten die Beamten nun nicht generell, sondern nur von Fall zu Fall wieder ein.

Die Ausweisungen der unbequemen deutschen Beamten waren die Vorstufe zur politischen Loslösung der Rheinlande vom Reiche. Neben der wirtschaftlichen Eroberung wurde die politische betrieben. Die Franzosen erhofften den Sieg von ihrer Ordonnanz vom 31. August 1923, wonach jede durch Absetzung oder Ausweisung frei werdende Beamtenstelle von der Rheinlandkommission selbst auf Vorschlag ihres Delegierten besetzt werden dürfe. Diese Ordonnanz sollte der Todesstoß gegen Westdeutschland werden. Die politischen Agenten Frankreichs hatten die höchste Stufe ihres Einflusses im Rheinland erreicht. Ein Regiment der Willkür und separatistischer Protektion wurde vorbereitet. Die Bezirksdelegierten erhielten die Befugnis, von allen Dokumenten der deutschen Verwaltungen in ihrem Bezirk Kenntnis zu nehmen. Weigerte sich ein deutscher Beamter, den Franzosen Einsicht zu gewähren, wurde er mit Strafe bedroht.

Pressediktatur
  der Delegierten  

Alles, was deutsch fühlte und handelte, wurde ausgewiesen oder bestraft. Eine diktatorische Zensur durch die Delegierten vergewaltigte die Presse. Es wurden im Jahre 1923 389 Zeitungen für eine Gesamtdauer von 843 Monaten verboten, unter denen sich nicht eine einzige kommunistische befand. Dr. Heinrich Staab, der verantwortliche Schriftleiter der Neuß-Grevenbroicher Zeitung, schildert uns anschaulich das Schicksal eines

  Bericht eines Schriftleiters  

Pressemannes während des Jahres 1923. Sein Bericht ist den Süddeutschen Monatsheften entnommen (Heft 11 vom August 1926), die überhaupt sehr viel interessantes Material bieten, welches zum Teil hier verwendet wurde. Die Schilderung wird im Wortlaut wiedergegeben:

[155]    "Am 13. Januar 1923 erschien in unserer Zeitung, der Neuß-Grevenbroicher Zeitung zu Neuß, ein Aufsatz: 'Gewalt über Recht.' Wenige Tage darauf wurde ich als der verantwortliche Schriftleiter zum Büro der Sûreté militaire bestellt. Ein hochnotpeinliches Verhör begann mit der Aufforderung, den Namen des Verfassers zu nennen, was ich unterschriftlich unter Bezugnahme auf das geltende Presserecht ablehnte.
      Das Folgende kann ich kurz abmachen. Es folgte eine Vernehmung der anderen, eine Vorstellung des Delegierten an die Zeitungen nach der anderen. Es begann der Kampf der Verordnungen. Deutsche Erlasse wurden mit Verboten der Besatzung geahndet. Inzwischen war eine Vorladung vor das Kriegsgericht zu Aachen zum 31. Januar infolge der Verkehrsunterbrechung vergeblich gewesen und die Sache auf unbestimmte Zeit vertagt. Man konnte also mit einem gewissen Verzweiflungsmut seine journalistische Pflicht in der Front des passiven Widerstandes tun. Es entwickelten sich Themen und Redewendungen, nach deren Abhandlung man gleich nach Hause gehen konnte, um Besuchsmontur für den Gang der Besatzungsbehörde anzulegen. Die Beunruhigung nahm kein Ende. Smeets und die anderen dunklen Drahtzieher arbeiteten in ihren Blättern empörend. Die Rheinlandkorrespondenz brachte überraschend intime Informationen. Man hatte Gelegenheit, die Schurken der journalistischen Ära des Separatismus, deren Geldgeber bekannt waren, vor dem rheinischen Volke bloßzustellen. Sehr bewähren konnte sich auch die Verbindung mit dem Pressedienst des Reichskommissars für die besetzten Gebiete, solange die Willkür der Besatzung ihn duldete.
      Ein Dorn im Auge jedes Propagandisten wie der Bevölkerung waren die Bekanntmachungen der Besatzung. Sie haben nirgendwo lange geklebt und nur achselzuckende Beachtung gefunden. Das Empörende an ihnen war ihr politisches Pharisäertum, das zum Himmel schrie. Ein solches Ding suchte, als nach der Besetzung der Eisenbahnen die Eisenbahner, getreu den Weisungen ihrer Leitung, den Dienst niederlegten, die Reisenden gegen die Braven aufzupeitschen. Da hieß es, die [156] Eisenbahner hätten leichtfertig die Verkehrssicherheit gestört und die Besatzungsbehörden deshalb alle Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Umgekehrt war die Reihenfolge. Was wollte man tun? Eine offene Polemik gegen diese Bekanntmachung hätte das Erscheinen der Zeitung gefährdet. Also wartete man einige Tage und polemisierte dann gegen diese Lügen als angebliche Äußerungen des Pariser Echo. Das war ja nun nicht der Stein der Weisen, aber wer in allem rücksichtslos seinen journalistischen Auftrag im Rahmen des passiven Widerstandes erledigen wollte, konnte damit sein Gewissen beschwichtigen, ohne allzu große Gefahr zu laufen. Trotzdem wurde unsere Zeitung für mehrere Tage verboten. Auf Grund welcher Haltung im einzelnen hat man nicht erfahren, konnte sich also nicht danach einrichten. Es kamen schriftliche Hinweise der deutschen Regierung, deutsche Verordnungen zum passiven Widerstande zur Kenntnis der Bevölkerung zu bringen, nachdem die Besatzung sie bereits verboten hatte und lustig ihre Tedenzlügen unter Berufung auf fadenscheinige Ordonnanzen in die Zeitungen preßte. Das geschah bald ohne die kommunale deutsche Behörde, bald mit deren Vermittlung. Oft war auch vorgeschrieben, solche Dinge auf der ersten Seite zu bringen. Man mußte zähneknirschend gehorchen. Das Kapitel 'Ausgewiesen, verhaftet, bestraft' wurde zur ständigen Rubrik. Immer enger schnürte sich um den Hals der Redakteure die Rheinlandordonnanz mit der berüchtigten 'Würde und Sicherheit der Besatzungstruppen'.
      Es bedeutete ein gewisses Gefühl der Erleichterung, als ich mit einer Reihe Kollegen zum 8. März 1923 endlich die Vorladung vor das neu eingerichtete Kriegsgericht zu Krefeld bekam. In dem prächtigen Gerichtssaal am Nordwall saßen wir beisammen mit Zollbeamten, die ihrer Dienstpflicht treu geblieben waren. Der Gerichtshof zog mit der namentlich Militärgerichten innewohnenden Feierlichkeit ein. Voran einer mit dem senkrecht hochgehaltenen Degen. Wir erhielten von den Gendarmen hinweisende Püffe, uns zu erheben. Vier Militär- und ein Zivilrichter leierten ihr 'je juge' herunter. Man suchte als Angeklagter hinter diesen bärbeißigen Grauköpfen oder hinter den knabenhaften Milchgesichtern zu lesen. [157] Von ihrer Stimmung hing das Schicksal der nächsten Zeit ab. Einer nach dem andern wurde aufgerufen. Ich stand plötzlich vor dem Gerichtstisch. Wieder nach Verlesung der Anklage die so oft gehörte und abgelehnte Frage: 'Wer hat den Artikel verfaßt?' (Man hatte den Artikel bei einer plötzlichen Haussuchung beschlagnahmt und kannte den Verfasser!) Ich berief mich – mehr in psychologisch erklärbarer Erregung als im bewußten Affront – auf das 'in allen Kulturstaaten anerkannte Pressegeheimnis, demzufolge ich keiner inländischen noch ausländischen Behörde Auskunft geben könnte, da ich selbst hafte'. Die Wirkung war eine unerwartete: Der Gerichtshof fühlte das Wort 'Kulturstaaten' in einem bestimmten Sinn im Ohre. Erregt antwortete der Zivilrichter, wir Deutschen seien auch keine Kulturnation, wir hätten es im Kriege nicht anders gemacht. Ich ließ mich verleiten zu entgegnen: 'Das war im Kriege, aber wir haben doch jetzt den Frieden unterzeichnet.' Da ging es erst richtig los. Ich bat um meinen Spruch, indem ich angab, auf politische Debatten verzichten zu wollen. Der Staatsanwalt, ein kleiner Mann mit stark mongolischen Gesichtszügen, erhob sich zu einem langen Plädoyer. Danach war ich ein Rebell. Und wenn solche Leute, wie ich, noch länger in den Redaktionsstuben ihr Handwerk ausübten, ginge es 'nicht nur um die Sicherheit der Armee, sondern um Ihre eigene, persönliche Sicherheit, meine Herren Richter'. Den Rechtsanwalt ließ man reden. Er konnte, obwohl einer der besten Anwälte der Ruhrkampfzeit, nichts mehr ändern. Spruch: sechs Monate Gefängnis, 100 000 Mark Geldstrafe und sofortige Verhaftung. Mit einem wegen Schlägerei Verurteilten wurde ich von der Gendarmerie einbehalten, bekam den Sitz in der vergitterten Anklagetribüne und zog nach Räumung des Gerichtssaales durch eine zu versenkende Wendeltreppe zwischen Mauern und durch schwere Türen in eine Gefängnisstube ein.
      Ich kann über die Gefängniszeit im Rahmen dieses Aufsatzes nur allgemeine Angaben machen. Nach 14 Tagen ging es unter militärischer Bedeckung, gefesselt, zur Strafanstalt Anrath, die als 'Abstellgeleise' für Langbestrafte galt. Hier hatten wir es gut, da die Bewachung nur von deutschen Gefängnisbeamten gestellt wurde. [158] Während in Krefeld das Rauchen verboten war und man selbst beim Spaziergang nicht sprechen durfte, vielmehr im engsten Hofe oft zu 80 Personen eine halbe Stunde jeden zweiten Tag im Kreise hintereinanderlaufen mußte, hatten wir in Anrath eine Stunde vor- und eine Stunde nachmittags Spaziergang. Für mich hörte die Herrlichkeit bald auf. Zwei Gendarmen holten mich am 14. April wieder zum Gefängnis Krefeld. Eine neue Anklage lag vor: Ich sollte eine geheime Versammlung gehalten haben. Ich wußte nicht, worum es ging.
      Am 8. Mai ging es nach mehreren Verhören nach Aachen, wo ich am 21. Mai zu weiteren zwei Monaten und der entsprechenden Geldstrafe verurteilt wurde. Es handelte sich um folgendes: In einer Versammlung der Zentrumsjugendgruppe zu Büderich bei Neuß hatte ich einen Vortrag gehalten. Diese Versammlung war nicht angemeldet gewesen. Die Tatsache, daß sie in der Schule stattfand, die im letzten Augenblick gemietet wurde, verstärkte wohl den Eindruck einer Geheimversammlung. Auch die Bekanntmachung in der Zeitung beruhigte die Besatzung nicht. Seltsam war, daß keine Zeugen vernommen wurden und das Gericht sehr überrascht war, als beim Anklageaufruf sich herausstellte, daß der zweite Angeklagte, Rechtsanwalt Dr. Breuer, Leiter des Vereins, schon am 1. Mai ausgewiesen worden war.
      Im Aachener Gefängnis war die Behandlung durch den flämischen Kommandanten, den Gendarmeriechef und seine flämischen Landsleute ehrenvoll. Die Wallonen gebärdeten sich dagegen, als müßten sie das durch Willkür und Fanatismus wettmachen. Nach einem achttägigen Urlaub zur Regelung dringender Familienverhältnisse kehrte ich im Juni wieder nach Aachen zurück. Kaution stellte liebenswürdigerweise der Verlag einer Aachener Bruderzeitung. Interessant war, daß die Belgier sich alle über unsere 'Dummheit', zurückzukehren, wunderten. Manche haben Urlaub bekommen. Einer unserer älteren Beamten mußte sogar vor der Verschickung nach Verviers (Belgien) nach Berlin reisen, um der Hochzeit seiner Tochter beizuwohnen. Er kehrte pünktlich zurück und wurde wieder deportiert. Alle Urlauber dachten nicht nur an ihr gutes Gewissen, sondern bedachten vor allem die Rückwirkung [159] auf das Los ihrer noch erträglich gehaltenen Mitgefangenen. Daß jemand nicht zurückkam, habe ich nur anderswo in einem Falle unter Umständen erlebt, die das Los der Zurückbleibenden nicht verschlimmern konnten.
      Im Juli ging es wieder zum Gefängnis Anrath, wo binnen wenigen Tagen 120 eigentliche politische Gefangene beisammen waren. Bürgermeister, ein Landrat, Kommunalbeamte, alle Grade der Post und Bahn, Männer aller Parteien, Ärzte, Polizeibeamte mit einem alten Polizeimajor, Redakteure, Arbeiter und Bauern, Geschäftsleute und Schüler. Leute von den Völkischen bis zu den Kommunisten waren zusammen. Die deutsche Gefängnisverwaltung gewährte alle Erleichterungen, bis ein Verbrecher, der von den Belgiern schon gleich nach dem Kriege wegen Raubmordes zu Jahrzehnten Zuchthaus verurteilt war, infolge Streites mit dem Strafanstaltsleiter der belgischen Gerichtsbehörde unser 'gutes Leben' anzeigte. Wir erlebten Vorgänge, die an Aufregung nichts fehlen ließen. Das Gefängnis wurde von Geheimpolizei überrumpelt, die Beamtenschaft vernommen (irgendwo hatte einer 'Deutschland über alles' gesungen, ein Gefangener hatte 'Ruhrgelder' ausgegeben, einer hatte einen photographischen Apparat u. a. m.). Der Leiter erhielt sechs Monate Gefängnis. In das Gefängnis kam belgische Besatzung, strenge Einzelhaft wurde angeordnet, und den meisten, auch Beamten, wurde der Charakter als politischer Gefangener aberkannt. Sie kamen in die 'nichtpolitische Abteilung', mußten Gefängniskleidung tragen und Gefängniskost essen.
      Endlich, am 12. November, schlug die Stunde der Befreiung. Die Ungeduld war aufs höchste gestiegen. Täglich quälten einen die Zeitungsmeldungen über die perfide Separatistenkomödie. Freunde erzählten beim Viertelstündchen-Besuch, wie prachtvoll und spontan im lieben Neuß die Abwehr organisiert war. Die Lumpen kamen nicht. Aber in Krefeld wüteten sie. Eines Tages kam ein Trupp dieses bewaffneten Gesindels zur Strafanstalt Anrath, um Freiwillige zu werben, das heißt Verbrecher zu befreien. Ein alter Werkmeister trat dem Häuptling der schwer bewaffneten Rotte gegenüber. Er erkannte in ihm einen ihm unterstellt gewesenen Häftling. Man [160] erklärte ihm und seinen Genossen, sie sollten sich von dannen heben, man kenne als Beamter seine Pflicht. Die verdutzten Kerle schoben unter Drohungen ab.
      Die Stunde der Freiheit war nicht ohne Bitternis. Viele hatte man kommen und gehen sehen. Man hatte sich angewöhnt, in den Gesichtern derjenigen zu forschen, die wenige Tage und Stunden vor der Befreiung standen, die zum letzten Male die Nacht auf dem Strohlager zubrachten. Nun stand man selbst davor. Aber die Ausweisung aus der lieben Heimat und jedenfalls eine lange Zeit Ungewißheit standen bevor. Noch eine Nacht im Gefängnis zu Krefeld, ein entsetzlich langer Tag mit stündlichem Warten, dann gings zusammen mit einem Postdirektor aus Duisburg-Ruhrort mit der Regiebahn über Geldern nach Büderich bei Wesel. Hier wurden wir der Wache übergeben, die uns in den Zug nach Wesel setzte.
      Ich bin im August des nächsten Jahres (1924) erst 'begnadigt' worden. Die Bemühungen lieber Freunde haben die Rückkehr zur alten Arbeitsstätte beschleunigt." –

Was hier in schlichten Worten erzählt worden ist, war das Los vieler Tausender, welche die Franzosen und Belgier als politische Gefangene 1923 bestraft hatten. Zwar wurden nach Aufgabe des passiven Widerstandes einige entlassen. Aber noch Mitte Oktober betrug die Zahl der im Düsseldorfer Gefängnis und in 18 Gefängnissen des Ruhrgebietes Inhaftierten etwa 5000.

  Separatisten  

Aber es waren nicht nur die Franzosen, welche die deutschen Rheinländer quälten. Eine kleine Gruppe treuloser Verräter, die Separatisten, entfalteten dunkle Umtriebe und wurden von den Franzosen, die hierin eine Unterstützung ihrer Politik sahen, geheim und offen unterstützt. Trotzdem bereits an anderen Stellen über die separatistische Entwicklung gesprochen worden ist, muß hier noch einmal auf vergangene Jahre zurückgegriffen werden, um ein einheitliches Bild über das Zustandekommen des großen separatistischen Schlages zu gewinnen.

  Dorten und Tirard  

Dorten, der Hauptführer der Separatisten im südlichen Rheinland, hatte, wie wir bereits berichtet haben, im Juni 1919 [161] versucht, mit französischer Hilfe die rheinische Republik auszurufen. Der Putsch, der durch die Proklamation von Wiesbaden eingeleitet werden sollte, war gescheitert, und Frankreich, das sich kompromittiert fühlte, zog sich zurück. Es war das gerade die Zeit, als in Versailles der Friedensvertrag gemacht wurde, wobei es zwischen Frankreich einerseits und England und Amerika anderseits zu scharfen Auseinandersetzungen über die Zukunft des Rheinlandes kam. "Gebieterische Instruktionen kamen aus Paris, diktiert von denjenigen, die in Versailles auf den Abschluß eines Vertrages hinarbeiteten, dessen Diskussion über die gerechtfertigtsten Bestrebungen Frankreichs lebhafte Opposition hervorrief", sagte Tirard hierüber vier Jahre später im Frühjahr 1923. Oberst Pineau, "der mittelmäßige Ludwig XIV. des kurzlebigen rheinischen Parlamentes", kam eines Tages an, mit der Peitsche in der Hand, und erklärte Dorten, daß seine Stunde vorbei sei. General Mangin, der besondere Freund und Gönner Dr. Dortens, wurde als Oberstkommandierender der Rheinlandarmee abberufen, und in Paris kümmerte man sich wenig um die deutschen Separatisten, die keine Erfolge aufzuweisen hatten. Aber Tirard, der Vorsitzende der Rheinlandkommission, entzog ihnen nicht seine Gunst. Er sicherte Dorten, "ohne sich selbst zu weit zu engagieren, in gewissen Grenzen Aktionsmöglichkeiten". Als Dorten von der preußischen Regierung verhaftet und als Hochverräter ins Leipziger Gefängnis überführt worden war, gelang es Tirard, bei den Mitgliedern der Kommission eine Ordonnanz durchzudrücken, "daß niemand wegen einer politischen Handlung, die während der Waffenstillstandszeit begangen worden war, in Haft genommen oder sonst in seiner Freiheit beschränkt werden dürfe". Darauf wurde Dorten wieder in Freiheit gesetzt. Tirard rühmte sich dieses Erfolges mit den Worten: "Dem Oberkommissariat gelang es, Dorten vor der Ausnahmegesetzgebung zu schützen, die der preußische schlechte Wille sich berechtigt geglaubt hatte, für ihn zu schaffen." Doch bei der "zarten Verbindung" konnte Tirard seine Zusammenarbeit mit Dorten offiziell nicht zugeben. Auch an finanziellen Zuwendungen ließ man es nicht fehlen, denn im August 1919 übergab Clarac, Mangins [162] Ordonnanzoffizier, Dorten 250 000 Franken zu Propagandazwecken.

  Verschiedene Gruppen  

Am 22. Januar 1920 gründete Dorten in Boppard seine "Rheinische Volksvereinigung", die als überparteilicher Sammelpunkt aller separatistischen Rheinländer gedacht war. Jedoch die rheinischen Parteien erklärten am 4. Februar, daß diese Organisation mit ihren Zielen außerhalb der Verfassung stünde und forderten ein scharfes Verbot gegen die Teilnahme an deren föderalistischen Bestrebungen. Als die Kölner Sonderbündler, die ihre Existenzberechtigung hauptsächlich aus Artikel 18 der Reichsverfassung herleiteten, Dortens geheime französische Beziehungen entdeckten, wandten sie sich ebenfalls von Dorten ab und riefen am 30. April 1920 die "Christliche Volkspartei" ins Leben, die zwar bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 mit Dorten zusammenging und von 3 176 796 abgegebenen Stimmen 65 260 erhielt. Jedoch bei den Preußenwahlen im Frühjahr marschierte die nördliche, Köln-Düsseldorfer, und die südliche Koblenz-Trierer Gruppe für sich. Dorten, der in Wiesbaden und Koblenz-Trier wirkte, vermochte jetzt kaum 13 000 Wähler zusammenzubringen, während im Vorjahr noch rund 30 000 Stimmen abgegeben worden waren; kleine, unbedeutende, mehr oder weniger von Dorten abhängige Gruppen befanden sich in

  Separatistische Bewegung  
1921 und 1922

Aachen, am Niederrhein und in Nassau. Die Separatisten machten ihrem Namen alle Ehre: sie teilten sich in wenigstens fünf Lager im Frühjahr 1921. Eine sechste Gruppe, die sogenannte Deermann-Gruppe, die durch einen Abgeordneten im Reichstag vertreten war, lebte in heftigster Fehde mit Dorten und stand der Kölner Gruppe nahe.

Führer der niederrheinischen Gruppe, die ihren Sitz ebenfalls in Köln hatte und sich nach Krefeld und Düsseldorf erstreckte, war Josef Smeets, ein ehemaliger Dentistenlehrling, mit einer Französin verheiratet, der anfänglich nach außen hin viel mehr ein sichtbares Werkzeug der Franzosen als Dorten war. Er hatte 1919 einen "Rheinlandbund zur Errichtung der Rheinischen Republik" gegründet, der sich bereits im September dieses Jahres bei Lloyd George eine Abfuhr holte, als er diesem den Plan seiner Politik unter- [163] breitete. Er gründete 1920 die "Rheinische Republikanische Volkspartei" und als ihr Organ die Rheinische Republik, welche die finanzielle und geistige Unterstützung Frankreichs fanden. Das Programm der Smeets-Partei wurde im August 1922 im L'Echo de Paris veröffentlicht und hatte folgende Ziele: Neutralität des Rheinlandes, Rheinländische Vertretung bei der Interalliierten Kommission, Ablösung der preußischen Beamten durch rheinische, Verbot der preußischen "Hetzblätter" im Rheinland, Verbot des preußischen "Heimatdienstes", Ausweisung aller Agenten des Heimatdienstes als Verschwörer aus dem Rheinlande, Errichtung eines rheinischen Staates, Verwendung der Eisenbahnüberschüsse für rheinische Zwecke ("Heute dienen diese Überschüsse dazu, um den preußischen Reptilienfonds zu speisen, wie auch die Steuererträge des Rheinlandes dazu gebraucht werden, das korrumpierte Berliner Schmarotzertum noch etwas länger vegetieren zu lassen."), Aufhebung der Zollschranke an der französischen Grenze, Schaffung großer Umschlagplätze für den Handel mit Frankreich, Abschaffung der Goldzölle (11,9 Prozent), Einführung eines rheinischen Geldes, Befreiung von allen dem rheinischen Handel und der Landwirtschaft von Berlin auferlegten Fesseln. Erst wenn alle diese Maßnahmen getroffen seien, könne man in dem jetzt ganz unter dem preußischen Joch stehenden Lande an eine Volksabstimmung denken.

Der Mai 1921 war, wie Dariac später sagte, infolge der Annahme des Londoner Ultimatums für die Franzosen im Gebiet von Mainz bis Köln die traurige Zeit, in der die alliierte Politik des Verzichtens in Erscheinung trat. Die Annahme der alliierten Forderungen durch die Regierung Wirth zwang nämlich Frankreich dazu, seinen Plan der Ruhrbesetzung aufzugeben, wenigstens vorläufig. Jedoch dieses Hemmnis der offiziellen Politik glichen die Franzosen andererseits dadurch aus, daß sie gleichzeitig den Oberkommissar Tirard beauftragten, wieder mit Dorten in Verbindung zu treten. Eine Folge dieses Auftrages nach außen hin war die Ordonnanz 90 vom 16. Juni 1921, daß Personen, die den alliierten Besatzungsbehörden Dienste geleistet oder mit ihnen in Beziehungen gestanden haben, unter dem Schutz der [164] Rheinlandkommission ständen. Jegliches Verfahren, das gegen solche Personen angeordnet sei, sei unverzüglich zu unterbrechen. Der Rheinlandkommission seien alle erforderlichen Urkunden vorzulegen.

Unter diesem Schutze entfaltete Dorten eine rege Tätigkeit. Aber er hatte in der Tat eine unglückliche Hand. Er gab sich alle Mühe, seine Anhänger zusammenzuhalten, doch mit recht wenig Erfolg. Er weilte oft in Paris, beklagte sich über allzu geringe Unterstützung und war mit Tirard unzufrieden. Er knüpfte mit den Separatisten in Bayern, Hessen und Hannover Verbindungen an, ohne auch nur das Geringste zu erreichen. Seine besondere Aufmerksamkeit widmete er der wirtschaftlichen Loslösung der Rheinlande vom Reiche. Mit französischer Hilfe hatte er Handels- und Industriegesellschaften begründet, welche die Zusammenarbeit französischer und rheinischer Industrieller und Kaufleute herbeiführen und von einer obersten Stelle, dem Bureau mixte, ihre Anweisungen erhalten sollten. Dies Bureau mixte verfolgte politische Ziele, die durch wirtschaftliche Betätigung verschleiert werden sollten. Aber auch dies war ein Schlag ins Wasser. Die rheinischen Industriellen witterten hinter dieser Einrichtung sofort Handelsspionage und verhielten sich zurückhaltend. Diese Neugründung Dortens war die Fortführung einer bereits 1919 in Köln errichteten wirtschaftlich-separatistischen Organisation, die speziell den Wiederaufbau Nordfrankreichs zum Vorwand nahm, um rheinische Industrielle mit der französischen Wirtschaft in enge Beziehung zu setzen. Diese Organisation wurde im Herbst 1919 nach Wiesbaden verlegt, wo sie aufs engste mit der ebenfalls dort befindlichen Abteilung des Office de Reconstitution Industrielle vom französischen Wiederaufbauministerium zusammenarbeitete. Diese Einrichtungen schienen Dorten besonders geeignet, um seine Ziele zu verfolgen, und es mag sein, daß die Franzosen ihn ausdrücklich auf diese verschleierte Form der Politik hinwiesen, um auch das ablehnende rheinische Kapital zu gewinnen. Doch das Bureau mixte hatte einen kläglichen Abgang zu verzeichnen, als Rathenau und Loucheur im Mai 1921 in Wiesbaden zusammenkamen, um über die weitere Form der deutschen Sachlieferungen zu verhandeln. Die aufs [165] neue drohende Gefahr des rheinischen Separatismus hatte Rathenau gebannt, und wie durch die Annahme des Londoner Ultimatums die französischen Absichten gegen das Ruhrgebiet vereitelt worden waren, so wurden durch die Wiesbadener Verhandlungen Dorten und seine Hintermänner (ebenfalls Franzosen) entwaffnet.

Eine gewisse Weltfremdheit und Kurzsichtigkeit, auch ein Mangel an Mut, sowie ein Mangel an Entschlußkraft infolge allzu langer Überlegungen ließen Dortens Pläne scheitern. Dazu kam noch, daß dann seine "Rheinische Volksvereinigung" Mitte 1922 auseinanderging und ihm nun tatsächlich nicht mehr die nötige Basis für seine Zwecke zur Verfügung stand.

Dennoch trat eine Verstärkung der französisch-separatistischen Beziehungen seit dem Frühjahr 1922 ein, seit jener Zeit, da Poincaré in Paris ans Ruder gelangt war. Dieser Staatsmann stellte von vornherein die Separatisten als einen bedeutenden Faktor in seine politischen Kombinationen ein, und er unterließ nichts, um Dorten immer und immer aufs neue zu größerer Aktivität anzuspornen. Dorten wurde durch diese ewigen Vorwürfe und Aufmunterungen allmählich nervös, und es kam zu einem empfindlichen Bruch zwischen ihm und Tirard. Der Wiesbadener Separatistenführer erhob in Paris mit Unterstützung seines Gönners, General Mangin, schwere Anklagen gegen den Obersten Voisin und den Wiesbadener Spezialkommissar Piat und machte sie für seine Mißerfolge verantwortlich. Er beklagte sich über zu geringe Unterstützung. Darauf stellte Piat in Tirards Auftrage in Wiesbaden Untersuchungen und Zeugenvernehmungen über die Tatsachen an, und die Rheinlanddelegierten, die durch den Vorwurf ihrer geringen Unterstützung ihre Stellung bei Poincaré sehr erschüttert sahen, suchten sich im Verlaufe dieser Untersuchungen zu rechtfertigen, indem sie Dorten der Spionage für preußische und rein deutsche Geheimkomitees beschuldigten. Demgegenüber erklärte Dorten Ende April in seinem Rheinischen Herold: "Ich nenne diese Erklärungen eine Schändlichkeit. Ich bin weder französischer noch preußischer Agent, sondern ich bin Vertreter des wirklichen Rheinländertums. Ich werde seine Interessen offen und ehrlich [166] gegen Preußen wie gegen Frankreich zu vertreten wissen." Dorten war verärgert; in Paris wurde man bedenklich und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen.

  Bericht Dariacs  

Die französische Regierung beauftragte im Mai 1922 den Vorsitzenden der Finanzkommission in der Deputiertenkammer, Adrien Dariac, ins Rheinland zu fahren und sich von den dortigen Zuständen zu überzeugen. Am 28. Mai 1922 erstattete Dariac einen Geheimbericht über seine amtliche Reise. Seine Ausführungen sind so interessant, daß sie zum Teil wörtlich wiedergegeben werden müssen. Er schrieb:

      "Der Rheinländer liebt den preußischen Beamten ganz gewiß nicht, der zudringlich und unangenehm, mit all seiner Vorliebe für strenge Disziplin und mit seinem herrschsüchtigen Charakter in diesem liebenswürdigen Lande sich festgesetzt hat. Die Psychologie des Rheinländers ist ziemlich verwickelt und doch leicht zu entwirren: diese Landesstriche waren von jeher der Preis aller Siege und Niederlagen; der Krieg hat ihren Boden tief umgepflügt. Die Truppen Ludwigs XIV., Ludwigs XV. und Napoleons sind nacheinander hier erschienen und von denen Friedrichs des Großen und Blüchers abgelöst worden. Der geographische und geistige Pol dieser Landstriche liegt im Westen. Gewaltakte, die großen Erschütterungen beim Zusammenbruch des französischen Kaiserreichs, haben sie in politischer Beziehung unter das preußische System gebracht. Widerwillig hat die Bevölkerung sich mit diesem System abgefunden. Immerhin hat sie mit diesem preußischen System die Vorstellung von Fortschritt und Ordnung verbunden, von wirtschaftlichem Gedeihen, von allerhand Reformen. Seine abstoßende Strenge hat wohl zuerst das Gefühl von Menschen einer halblateinischen Kultur empört, die jahrhundertelang in der Anarchie eines historischen Zerstückelungsprozesses gelebt hatten. Sie waren aber mit den schönen Künsten beschäftigt, liebten den sanften Gedanken einer angenehmen Freiheit, hatten demokratische Ideen, die zwar etwas verschwommen, aber doch echt waren, und so sahen sie über den Unteroffizierston, über diese Kasernengepflogenheiten, über diese trockene Disziplin hinweg, zugunsten eines beispiellosen Aufblühens, das, wie es schien, Deutschland die Hegemonie in [167] Europa sicherte."

Nun werden die Ereignisse von 1919 bis 1921 geschildert.

      "Auf Kraftworte folgten schwächliche Taten in der Politik der Alliierten, die Hand sank zurück, ohne den wortbrüchigen Deutschen am Kragen gepackt zu haben, die Londoner Konferenz verkürzte unsere Rechte, beschnitt unsere Forderungen und gab der Bevölkerung Rheinpreußens und der bayerischen Pfalz das sehr deutliche Gefühl, daß unser Land sich auf den Boden der Konzessionen begeben hätte. Man gewann den Eindruck, daß das unbezahlte Frankreich von dem Pfand, das es in seinen Händen hielt, keinen Gebrauch machen würde, von diesen Rheinlanden, die bereit waren, sich neuen Formeln anzupassen, aber doch zu vorsichtig und nicht heldenhaft genug sind, um mit ihren Herren von gestern zu brechen, die auch die Herren von morgen sein würden, wenn unsere Soldaten abgezogen wären. Der Mai 1921 war für uns im Gebiet von Mainz bis Köln die traurige Zeit, in der unsere Politik des Verzichtens in die Erscheinung trat."

Dadurch sei die preußische Propaganda ermutigt und verstärkt worden. Sie habe mit großer Intensität eingesetzt, jedoch die Rheinländer seien reserviert gewesen, und die Lage wurde gespannter.

      "Die französische Regierung ist sich also selbst schuldig – wie das übrigens das Hohe Kommissariat begriffen hat –, eine rheinische Politik zu treiben, die sich auf eine wirtschaftliche Zusammenarbeit gründet, eine Politik der Versöhnlichkeit und Annäherung gegenüber der Bevölkerung."

Aber man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist. Die französische Rheinlandpolitik sei nämlich abhängig "von der längeren Anwesenheit unserer Rheinarmee in den besetzten Gebieten". Sie sei der Schutz für die Bevölkerung, die ja von Preußen los wollte, und befreite sie gleichzeitig von der Furcht einer baldigen Rückkehr unter die preußische Zuchtrute und sicherte die Zukunft. Mit Hilfe dieser Armee also würde Frankreich eine Autonomiepolitik treiben können, die es treiben müsse und die verhältnismäßig leicht wäre. Drei Aufgaben habe eine solche Politik:

      "Der erste Akt ist die finanzielle Organisation des Rheinlandes: Die Errichtung einer Zollgrenze, die sich nach Osten gegen Deutschland abschließt und nach Westen gegen Frankreich öffnet, um die [168] wirtschaftliche Erstickungsgefahr zu vermeiden, die darin besteht, daß durch eine doppelte staatliche Mauer der Warenaustausch eingeschränkt und die Industrie des Rheinlandes gefährdet wird; ferner ein von dem des Reiches getrenntes Budget, der Ersatz der kranken Mark durch ein gesundes Geld. – Der zweite Akt ist die Ersetzung der preußischen Beamten durch rheinische Beamte. – Der dritte Akt ist die Erweiterung der Machtbefugnisse der Hohen Kommission und die Einberufung einer gewählten Körperschaft."

Das seien zweifellos weitreichende Pläne, die aber mit Klugheit und Unterscheidungsvermögen durchgeführt, und zwar im gleichen Maße, in dem sich Deutschland seinen Verpflichtungen entziehe, vollkommen gerechtfertigt wären. Politik auf lange Sicht, durch welche eine geschickte Diplomatie nach und nach ein freies, unter der militärischen Obhut Frankreichs und Belgiens stehendes Rheinland von Deutschland loslösen müsse. –

  Erneute Anstrengungen Dortens  

Diese Vorschläge deckten sich durchaus mit den Zielen der Dorten und Smeets. Nur ging Dariac von einer vollkommen verkehrten Voraussetzung aus, wenn er die einigen tausend Separatisten mit den sieben Millionen Rheinländern identifizierte. Sein Bericht war an die Pariser Regierung gerichtet, wandte sich aber an die Rheinlandkommission und enthielt nichts mehr und nichts weniger als die energische Aufforderung, kräftig die Separatisten zu unterstützen. Jedoch hatte Dariac die Unterstützung, um ihr einen Schein des Rechtes zu geben, klugerweise von der Nichterfüllung der auferlegten Bedingungen durch Deutschland abhängig gemacht. Da sich Deutschland während des Jahres 1922 redlich bemühte, seinen Verpflichtungen nachzukommen, sahen sich Poincaré und Tirard notwendigerweise gezwungen, im Rheinland ein Zwischenspiel einzuschieben. Den Schutz der Separatisten hatte die Rheinlandkommission nach wie vor im Auge, denn sie bestimmte am 21. September, daß keine der Personen, für die durch die bisher ergangenen Ordonnanzen eine Ausnahmestellung geschaffen sei, ohne vorherige Genehmigung der Rheinlandkommission durch deutsche Justiz- und Polizeibehörden aus dem besetzten Gebiete in das unbesetzte Gebiet überführt werden dürfte.

[169] Dorten sank, wie Tirard sagte, zu einem untergeordneten Agenten in französischem Solde herab. Er machte verzweifelte, aber vergebliche Anstrengungen, sich wieder zur Macht zu entwickeln. Seine Rheinische Volksvereinigung ging, wie gesagt, Mitte 1922 ein, eine gründliche Reorganisation erwies sich als notwendig. Dortens wiederholte Versuche, Beziehungen zwischen Frankreich und den rheinischen Industrien herzustellen, blieben trotz energischer Unterstützung durch den Oberkommissar unfruchtbar. Verzweifelt sah er sich im Sommer und Herbst 1922 nach fremder Hilfe um. Er trat aufs neue mit den Welfen und mit den hessischen Separatisten in Verbindung, besonders aber mit Dr. Heim, "dem König der bayerischen Bauern". Man höre, was Tirard hierüber sagt:

      "Die zuerst in München von dem französischen Gesandten Dard verfolgte Politik... schien Dortens Bemühungen zu rechtfertigen. Aber auch hier erlitt er einen Mißerfolg. Täuschten ihn seine Münchener Freunde oder bestand wirklich ein dem preußischen und alldeutschen Nationalismus opponierender bayerischer Nationalismus?... Auf jeden Fall versperrte die Pariser Regierung dem Plan des bayerischen Führers (Bayern und Österreich zu einer Monarchie unter Kronprinz Rupprecht zu vereinigen, Karl von Habsburg in Ungarn zu restituieren) entschlossen ihr Ohr, der gezwungen war, seine Pläne aufzugeben, nicht ohne daß er in einem Teile der französischen Presse ziemlich scharf angegriffen worden wäre. Ein anderer Versuch, der mit den hannoverschen, durch Herrn von Dannenberg, den alten welfischen Parteiführer, vertretenen Separatisten gemacht wurde, hatte keinen besseren Erfolg."

Man bezeichnete Dortens Vorgehen in Paris als schlecht erdacht, schlecht und fast kindisch eingefädelt und wandte sich davon ab.

Auch Tirard täuschte sich über Dortens Stärke. Er ließ sich von Dorten gewissermaßen einwickeln. Dorten versuchte, starke Cadres zu bekommen, gebildet aus Leuten, die zugunsten der in Artikel 18 der Verfassung vorgesehenen Volksabstimmung stimmen wollten. Er behauptete, daß, sobald einmal der erste Schritt in dieser Richtung getan sei, eine ungeheure Mehrheit der Bevölkerung folgen werde. Seine [170] Propaganda wurde vorwiegend in ländlichen Bezirken und im Mittelstand betrieben. 50 einflußreiche Persönlichkeiten hätten sich bereit erklärt, Mitglieder des künftigen Rates des Rheinstaates zu werden; etwa 300 bis 400 Personen kämen als künftige Mitglieder eines wirtschaftlichen Komitees in Frage. Es existierten sogar Listen dieser Namen. In den Bezirken Aachen, Düsseldorf und Köln sei auf einige zehntausend durchaus vertrauenswürdige Anhänger zu rechnen. Das sei weit mehr als der von Artikel 18 vorgeschriebene Prozentsatz. In Köln allerdings werde die Arbeit durch die Engländer sehr erschwert. Ein "geheimer Generalstab" wurde gebildet, und die Koblenzer Presse entwickelte sich. Drei Zeitungen wurden herausgegeben: Rheinischer Herold, Der Rheinländer, Der Republikaner. Im Dezember 1922 wollte Dorten in Ems sprechen. Da ihm aber die Franzosen keine Sicherheit versprachen, fand die Demonstration nicht statt. Mit einer Propaganda in Arbeiterkreisen war der Separatistenführer aus Angst vor einer sozialistischen Gegenoffensive nicht einverstanden. –

  Joseph Smeets in Bonn  

Josef Smeets, Dortens Gegenspieler im nördlichen Rheinland, war während der Zeit ebenfalls nicht müßig gewesen. Er agitierte eifrig und sammelte seine Scharen. An einem Sonntag kurz vor Weihnachten 1922 trat Smeets mit einer großen Kundgebung in Bonn an die Öffentlichkeit. Einen ausführlichen Bericht brachte die Pariser Zeitung Le Matin. In dem mit den alliierten Farben geschmückten großen Saale des "Kölner Hofes" hatten sich 1560 Delegierte der Rheinischen Republikanischen Volkspartei zusammengefunden, die aus 860 Gemeinden von Cleve bis zur Pfalz herbeigekommen waren und ihren "unerschütterlichen Willen bekundeten", sich von Preußen zu befreien. Alle Klassen der Bevölkerung waren vertreten. Zahlreiche ausländische Delegierte waren erschienen, darunter Admiral Degouy. Unter lebhaftem Beifall bestieg Smeets die Rednertribüne und ging ohne lange Vorreden brutal in medias res.

      "Wir sind hier, um gegen die Sklaverei Protest zu erheben, in der uns Preußen seit mehr als einem Jahrhundert hält. Wir sind hier, um gegen den Vertrag von 1815 [171] zu protestieren, der, ohne uns zu befragen, über uns verfügt hat und dem Willen der Bevölkerung Gewalt antat. Diesen Mißbrauch der Gewalt werden wir niemals ratifizieren! Die Leute, welche gegen die separatistische Bewegung protestieren, sind keine Rheinländer, sondern importierte Preußen, die uns beherrschen und ausbeuten sollen. Wir verstehen nicht die Schwäche der Entente gegenüber den Berliner Manövern! Sieht sie denn nicht, daß alle vom Reichskanzler der Rheinlandkommission unterbreiteten Maßnahmen nur den Zweck haben, das rheinische Volk gegen die Alliierten aufzuputschen? Sind wir die Feinde, die wir den Versailler Vertrag erfüllen wollen, weil er erfüllbar ist und weil er – da unterzeichnet – auch erfüllt werden muß? Oder sind die Preußen die Feinde, die sich ihren Verpflichtungen unaufhörlich entziehen? Sind wir die Feinde, wir, die wir unsere Brust bieten zur Verteidigung Frankreichs und Belgiens, oder ist das übrige Deutschland der Feind, das sich mit den Russen für die nächste Revanche verbindet?"

Mit pathetischen Worten beschwor Smeets die alliierten Behörden, sich den Bestrebungen des rheinischen Volkes nicht zu widersetzen; er halte es nicht für möglich, daß Frankreich und Belgien früher oder später die besetzten Gebiete annektieren wollten, er erklärte die Berichte über die Greuel der Belgier 1914 für Lügen, dann forderte er die Versammlung auf, sich von ihren Plätzen zu erheben und zu schwören, niemals auszuruhen und solange zu kämpfen, bis das Rheinland ein fränkischer Freistaat geworden sei. Weiter forderte man die Austreibung der preußischen Beamten aus dem besetzten Gebiet und ihre Ersetzung durch Rheinländer; ferner sollte eine rheinische Währung eingeführt, vorläufig die Mark durch den Franken ersetzt werden. Endlich wurde die Öffnung der rheinischen Grenzen nach Westen verlangt. "Das Heil Europas", schloß Smeets, "ist die Errichtung einer Rheinischen Republik, welche eine neue Invasion Frankreichs und Belgiens durch die mit den Russen vereinigten Preußen verhindern wird." – Wer wagte zu behaupten, daß diese Gedanken, diese Rede nicht in Paris fabriziert worden waren? Enthielten sie doch alles, was Adrien Dariac in seinem Geheimberichte forderte. Und [172] Deutsche gaben sich dazu her, Handlangerdienste für den französischen Imperialismus zu leisten.

Inzwischen war die Stunde herangerückt, daß auch Poincaré an die Verwirklichung der Pläne Dariacs denken konnte. Man warf den Deutschen Verfehlungen in der Erfüllung ihrer Verpflichtungen vor und marschierte an die Ruhr. Die Ruhrbesetzung sollte nicht bloß eine Strafe Deutschlands für seine Verstöße sein, sie sollte die längst betriebene Absplitterung der rheinischen Gebiete vollenden. Frankreich dehnte seine Macht aus, um besser herrschen zu können. Auch an die Separatisten wurden jetzt Anforderungen gestellt. "Ich habe euch durch die Ruhrbesetzung unterstützt, nun leistet ihr etwas!" Das war etwa der Ton, in dem die französische Regierung jetzt mit den rheinischen Sonderbündlern verkehrte. Dorten erweiterte seinen Einfluß nach dem Ruhrgebiet hin, um mit den Welfen in Verbindung zu kommen. In Düsseldorf errichtete er ein Sekretariat. Aber ein neuer Zwist brach zwischen ihm und Tirard aus. Die Rheinlandkommission vertrieb die deutschen Beamten und errichtete eine Rheinzollgrenze gegen Deutschland. Dorten aber fand die Unterstützung nicht genügend. Er beklagte sich persönlich in Paris wegen der geringen Aktivität des französischen Oberdelegierten Tirard, besonders in der Frage der Ersetzung der ausgewiesenen Beamten durch Separatisten. Tirard dagegen machte ihm folgende Vorwürfe: er tue nichts zur Entwicklung der Separatistenbewegung, er übertreibe ihre Bedeutung wissentlich, er beantworte die französische Anstrengung im Ruhrgebiet mit einem völligen Mangel an Aktivität; er habe die ihm anvertrauten Gelder mißbräuchlich verwandt; er greife in der französischen Presse das Oberkommissariat an.

Während sich Smeets nach dem Ruhreinfall ganz besonders eifrig gebärdete und wühlte, gab sich Dorten immer mehr der Untätigkeit hin. "In seinen Augen sei es Verrat", sagte er, "wenn die französischen Delegierten der Interalliierten Kommission es vermeiden, sich allzu offen in ihrem Kreise mit einigen bekannten Separatisten zu kompromittieren." Er erklärte dem Oberkommissariat:

      "Ich habe kein Vertrauen mehr. Sie haben mich immer im Stich gelassen. Sie waren [173] schuld, daß ich einen Teil meines Prestiges verlor. Ich wünsche nicht persönliche Angriffe zu machen, aber meine Rheinländer lächeln und zucken die Achseln, wenn man von der Interalliierten Rheinlandkommission spricht. Sie wollen nur an dem Tage vorgehen, an dem ich Befehl gebe. Ich werde diesen Befehl nicht geben, ehe nicht die Regierung der Republik selber mich hat wissen lassen, daß sie mich vollständig unterstützen will. Dann will ich Hand in Hand mit Frankreichs Vertretern im Rheinland gehen, wer immer es auch sein mag. Es ist eine Gewissensfrage für mich. Ich weiß, daß der Kampf hart sein wird, aber wenn es nötig ist, sind meine Anhänger und ich bereit, ihr Leben zu opfern. Aber wir wollen dieses auch nur tun, wenn wir wissen, daß das Opfer nicht umsonst sein wird. In diesen Punkten aber haben wir keine Garantien."

Separatismus und Ruhrbesetzung:
  Stand der separatistischen Bewegung  
im Frühjahr 1923

Anfang März ließ Frankreichs Regierung durch ihre Vertrauenspersonen die Separatisten wissen, daß sie jedes Unternehmen benutzen, würde, um die Rheinlandfrage in ihrem Interesse zu lösen. Eine erhöhte Agitation der Sonderbündler in Wort und Schrift setzte ein, aber auch die Erregung der Bevölkerung stieg ins Grenzenlose. Es kam bereits zu Gewalttaten. In der Nacht vom 9. zum 10. März drang eine erregte Volksmenge in Dortens Gutenbergdruckerei in Koblenz ein und demolierte sie. Die Rheinlandkommission trat für Dorten ein, indem sie von der deutschen Regierung Entschädigung verlangte. Eine Woche später, am 17. März, wurde Smeets durch ein Revolverattentat verwundet und war wochenlang krank. Diese günstige Gelegenheit benutzten seine Gegner, um neue separatistische Gruppen zu bilden.

  Geheimbericht Tirards  

Am 16. April hatte Tirard seinen Geheimbericht nach Paris gesandt, der zwei Monate später vom englischen Observer veröffentlicht wurde. Darin hieß es, die Lage habe sich sehr zu Frankreichs Gunsten gebessert. Die Idee einer Rheinischen Republik werde nicht mehr als Schimäre betrachtet, sondern habe den Rang von wahrscheinlichen Ereignissen erklommen.

      "Industrielle in Aachen bitten um unsere Unterstützung und bekunden eine sehr bestimmte Orientierung zu uns hin. Industrielle und Kaufleute von Mainz, [174] die bisher sehr vorsichtig waren und eher überheblich auftraten, zeigen deutliche Symptome von Müdigkeit und Neigung, sich in frankophilem Sinne zu orientieren. Die Haltung Cunos mißfällt ihnen außerordentlich, und die Essener Vergeltungsmaßregeln haben einen starken Eindruck auf sie gemacht. Unter den Weinbauern im Rheingau und den Bergarbeitern im Lahntal lebt der antipreußische Geist weiter und wächst an, die Essener sind unruhig und suchen nach Mitteln, ihrer alten Tradition Achtung zu verschaffen, sobald die Zeit einer endgültigen Regelung, deren Stunde sie herannahen fühlen, gekommen sein wird. Weiter sind da gewisse katholische Kreise, die mit Dortens oder Smeets' Politik nichts zu tun haben, aber nicht aufgehört haben, gegen den preußischen Atheismus zu protestieren und die ihre Beschwerden und Bestrebungen in einer Broschüre zusammengefaßt haben mit dem Titel: 'Die deutsche Nation und das Papsttum.' Alle diese Leute zweifeln nicht länger, daß der Rheinstaat in kurzer Zeit gegründet wird. Er wird kommen, heißt es immer wieder, und sie versuchen, wie gewisse Mitglieder des Wiesbadener Stadtrates sich nicht gescheut haben in der Ratskammer zu tun, die Grenzen des neuen Staates festzusetzen."

Jedoch die Franzosen waren in ihrer Hoffnungsfreude allzu optimistisch. Sie verwechselten die "Symptome der Müdigkeit", die durch die einsetzende Wirtschaftskatastrophe hervorgerufen wurden, mit Sympathie für die Separatisten, und sie verkannten noch die Bedeutung der Hindernisse, die in der Zersplitterung der sonderbündlerischen Bewegung lagen. Die Separatistengruppen führten ein kümmerliches Dasein. Trotz der Erklärungen in ihrem einflußreichsten Organ Rheinische Republik (Smeets' Zeitung) hatten sie in der Bevölkerung keinen Rückhalt. Sie waren in den Hintergrund gedrängt und verachtet und bildeten keine Gefahr für die Bevölkerung. Doch der Plan, die Rheinische Republik auszurufen, nahm in den Hirnen der Sonderbündler immer greifbarere Formen an. Am 17. Juni berichtete Smeets auf einer übrigens sehr wüst verlaufenen Versammlung in Bonn über ein Gespräch, das er im Hospital mit einem französischen [175] Delegierten gehabt habe. Dieser habe ihm versichert, daß er auf die aktive Unterstützung Frankreichs rechnen könne. Belgien und England seien zwar gegen Frankreich, dies werde aber durch die neuen von der Kammer bewilligten Kredite die letzte Hand an seine Rüstungen legen und England im gegebenen Augenblick seinen Willen aufzwingen. Im August würde losgeschlagen und zur Unterdrückung von Gegendemonstrationen Militär verwandt. Sämtliche Parteiführer und Gewerkschaftler würden vorher festgenommen und eventuell an die Wand gestellt. Zu diesem Zwecke seien zum Beispiel in Koblenz drei Bataillone Schwarze und ein Bataillon Sonderbündler vorgesehen. Die letzteren würden ihre Waffen von den Franzosen erhalten. Dorten brächte von der französischen Regierung eine große Unterstützungssumme mit, so daß die Sache schon gewagt werden könne. Die Abstimmung solle wie in Oberschlesien vor sich gehen, und wer nicht für die Rheinische Republik stimme, werde ausgewiesen. Die Partei werde von ihren Freunden mit reichen Geldmitteln versehen.

Trotz dieser herrlichen Versprechungen hatte sich unter den Smeetsanhängern eine starke Strömung gegen den Führer entwickelt. Seine lange Krankheit infolge des Attentats hatte seinen Gegenspielern innerhalb der Partei die Möglichkeit gegeben, seine Stellung zu erschüttern. Hier in Bonn entlud sich der Unmut gegen ihn. Er sei zu untätig, in Geldangelegenheiten könne man ihm nicht trauen. Nach den Geldern zu urteilen, die aus Paris an Smeets gekommen seien, müßte die Partei einen eigenen Palast besitzen. Man beschloß, vorläufig dem Smeets zu seinem größten Unbehagen ein Direktorium zur Seite zu setzen. –

  Zwist in der Smeetsgruppe  

Mit dem Losschlagen im August wurde es allerdings nichts, die Zersetzung in der Smeets-Partei führte im Juli zu Absplitterungen. Smeets hatte sich auf die Volksabstimmung nach Artikel 18 der Verfassung festgelegt, und das erschien seinen radikalen Anhängern viel zu lau. Der Konditor Josef Müllermeister gründete eine neue Partei "Frei-Rheinland", eine kleine Gruppe, und Josef Matthes, der sich ganz besonderer französischer Gunst erfreute, rief die "Rheinische Unabhängigkeitspartei" ins Leben. Auf französische Weisung hin sammelte [176] er außerdem alle nicht zu Dorten stehenden Separatistengruppen im "Rheinischen Unabhängigkeitsbund". Auf diese Weise brachte er auch die Düsseldorfer Sonderbündler unter seine Gewalt. Deren Seele war ein gewisser von Metzen, der, noch nicht fünfzig Jahre alt, bereits vor dem Kriege als preußischer Offizier gescheitert war, jetzt durch Mittelspersonen mit den Franzosen in Verbindung stand und an der Trennung der Rheinlande vom Reiche arbeitete.

So glich die rheinische Abfallbewegung im Sommer 1923 in der Tat einer zehnköpfigen Hydra. Parteien und Gruppen standen nebeneinander, und ihre Gefolgschaft, kaum 30 000 Seelen, Kleinbürgertum und dunkles, zweifelhaftes Gesindel zerpflückte sich in gegenseitiger Kritik. Drei Männer kämpften in ihrem verbrecherischen Ehrgeiz um die Vorrangstellung: Dorten, Smeets und Matthes. Die Franzosen sahen ein, daß ein derartiges Chaos, eine derartige schwächende Desorganisation für ihre Zwecke niemals brauchbar sein würde. Sie griffen deshalb fördernd ein. Sie teilten das Rheinland in einen nördlichen Abschnitt, in welchem Matthes die Oberleitung der separatistischen Umtriebe übernahm, und in einen südlichen, in dem Dorten, der besondere Günstling Tirards, herrschte. Der schwächliche Smeets aber, der von einer Volksabstimmung sprach und so den ungewissen Ausgang der ganzen Bemühung, ja ihre Niederlage herausforderte, war unbrauchbar, da ihm jeglicher politische Scharfblick fehlte. Ihn also drängten die Franzosen zurück. Das Büro des Generalsekretärs wurde von Köln fortgenommen, da man in der englischen Zone nicht genügend geschützt sei, und sollte nach Bonn oder Mainz verlegt werden. Aus Dankbarkeit forderten die Herren den Oberkommissar auf, die Steuern und Zölle im Rheinland zu beschlagnahmen und auf Reparationskonto zu schreiben, was ja auch bereits geschah.

Um Smeets, der einen Teil seiner Anhänger bei sich behalten hatte, unschädlich zu machen, schrieben die Abtrünnigen, die sich unter dem Konditor Müllermeister zur "Rheinischen Freiheitspartei" zusammengeschlossen hatten, einen Brief an die Interalliierte Rheinlandkommission, worin sie die Ausweisung des Smeets aus dem besetzten Gebiet emp- [177] fahlen, weil er die separatistische Bewegung verleumdet und ins Unrecht gesetzt habe. In einem Bericht nach Koblenz wurde der Verrat von Smeets festgestellt. Der Leiter der Partei erklärte, daß das Direktorium von jetzt ab nur noch den Weisungen der Hohen Kommission folgen werde; die Partei verfüge über Geld. Frankreich und Belgien verlangten dringend, daß nach der Beseitigung von Smeets die Leitung der Partei zum Handeln übergehe, damit in drei Monaten die Rheinische Republik ausgerufen werden könnte. Smeets rächte sich auf seine Weise, indem er seine früheren Freunde bei der Kommission als Betrüger und Verbrecher denunzierte und so den Verdacht rechtfertigte, daß die Partei zum großen Teile aus früheren Zuchthäuslern, zum andern Teile aus Personen mit einer mehr oder weniger dunklen Vergangenheit bestand.

  Joseph Friedrich Matthes  

Josef Friedrich Matthes, oder, wie er sich als Schriftsteller selbst nannte, Pepi Matthes, gehörte zu den interessantesten Persönlichkeiten der Bewegung. Er war 1886 zu Würzburg geboren, mußte wegen schlechter Führung die Lateinschule verlassen, wurde Journalist und kam bald mit dem Strafgesetz in Konflikt. Er betrachtete es als seine vornehmste Aufgabe, angesehene Persönlichkeiten anzuekeln. Bei Ausbruch der Revolution wurde er Sozialdemokrat, jedoch schloß ihn diese Partei Ende 1920 "aus Gründen der Reinlichkeit der Partei" aus. Er redigierte nun in Frankfurt ein Skandal- und Revolverblatt, Die Fackel, und beschäftigte sich mit okkultistischen Vorträgen. Wegen niederträchtiger Beleidigung des Aschaffenburger Oberbürgermeisters wurde er im Dezember 1921 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Ein Jahr lang entzog er sich der Strafe durch Vortäuschung von Krankheit und verführte während dieser Zeit, unter Ausnutzung seiner hypnotischen Fähigkeiten, junge Mädchen. 1923 begab er sich nach Wiesbaden unter französischen Schutz und wurde wiederholt von der französischen Behörde befreit, als die Staatsanwaltschaft Würzburg ihn durch die deutsche Polizei hatte verhaften lassen. Aus französischen Quellen flossen seine großen Geldmittel, die er in Frankfurt verpraßte, und als Chefredakteur der Zeitung Freies Rheinland bewies er immer aufs neue [178] seine Verrätergesinnung. Matthes war verheiratet und Vater mehrerer Kinder. Trotzdem huldigte er der freien Liebe. Während der Revolutionszeit hatte er es verstanden, sich zu bereichern, er nannte sich auf Briefbogen "Geheimer Kommerzienrat", und auf seinen Visitenkarten legte er sich den Titel eines "Päpstlichen Kämmerers" bei. Er war in verschiedene Ordensschwindelprozesse verwickelt, die ihm viel Geld eingebracht hatten. Er besaß gute und natürliche Geistesanlagen, aber Mangel an tieferer und abgeschlossener Bildung. Er hatte keinen Charakter, kannte keine moralischen und religiösen Hemmungen und Rücksichten. Er trat ungemein frech auf, bemäntelte auch die gemeinste Gesinnung mit irgendeinem guten Zwecke. Je nach Anlaß und Vorteil konnte er sich wandeln. Er besaß eine maßlose Selbstüberschätzung und die Eitelkeit einer Brettldiva. Er war von großer Zähigkeit im Hasse und von zielbewußter Rachsucht gegen seine Widersacher. Ein Staatsanwalt sagte einmal von ihm: er wälze sich wie ein Eber in der Jauche, und es sei nicht schade, wenn eine solche Person, um sich der Strafe zu entziehen, den deutschen Staub von den Füßen schüttle und verschwinde. Er war eine gescheiterte Existenz und paßte vorzüglich in den Rahmen jener anderen Gestrandeten, welche an der Spitze der Separatistenbewegung standen, weil keine sittlichen Bande sie mehr mit dem Vaterlande verknüpften.

  Einigung der Separatisten  
unter Matthes

Während Smeets in den Hintergrund gedrängt wurde, gelang es endlich den französischen Bemühungen, auch die beiden von Matthes und Dorten geleiteten und einander aus Rivalität befehdenden separatistischen Hauptströmungen zu vereinigen, was am 15. August in Koblenz geschah. Das war der letzte Schritt, der noch zu tun war, und die französische Diplomatie konnte mit ihrem Erfolg zufrieden sein: sie hatte schließlich die Einheit der separatistischen Bewegung erreicht. Ein großer Teil am Zustandekommen dieses Werkes gebührte den französischen Delegierten, die in dauernder, eifriger und unmittelbarer Arbeit am besten mit den betreffenden Kreisen verhandeln konnten. Sie waren die Mittelspersonen zwischen den Separatisten und der französischen Regierung. Die beiden Richtungen legten sich auf folgende Erklärung fest:

[179]    "Die in Koblenz am 15. August 1923 versammelten bevollmächtigten Führer der 'Rheinischen Volksvereinigung' (das ist Organisation Dorten) und der 'Liga für die Unabhängigkeit des Rheinlandes' (Vereinigte Parteien 'Freies Rheinland' und 'Rheinische Unabhängigkeitspartei', das ist Organisation Matthes) beschließen, von heute ab für die Errichtung einer unabhängigen Republik gemeinsam vorzugehen.
      1. Die 'Rheinische Volksvereinigung' erklärt gemeinsam mit der 'Liga für die Unabhängigkeit des Rheinlandes', daß sie die Unabhängigkeit des Rheinlandes zu fordern gewillt ist. Dieses Ziel ist ihr durch die Tatsache diktiert, daß Berlin Deutschland völlig verpreußt und das Reich systematisch ruiniert hat. Durch die preußische Vorherrschaft wird jeder föderalistische Gedanke in Deutschland unmöglich gemacht.
      2. Die Rheinische Republik wird die Republik des Friedens sein. Sie wird die Pflicht haben, den Frieden im Osten wie im Westen zu sichern und mit allen Nationen in guter Freundschaft zu leben.
      3. Die Rheinische Republik wird sich gewissenhaft bemühen, die Reparationsfrage ehrlich und ernstlich zu lösen. Den auf sie entfallenden Reparationsteil wird sie übernehmen.
      4. Die erste Bedingung dafür muß die absolute Weigerung aller Rheinländer sein, weiterhin ihre Auflagen und Steuern nach Berlin zu schicken, wo das öffentliche Vermögen des Rheinlandes für unselige Zwecke verschleudert wird. Wir verlangen daher die sofortige Errichtung eines rheinischen Hauptfinanzamtes. Von diesem Amte sollen alle Überschüsse dem rheinischen Reparationskonto überwiesen werden, bis die Rheinische Republik selbst in der Lage sein wird, gerecht veranlagte Steuern zu erheben.
      5. Das Finanzamt wird gleichzeitig mit der Emission einer rheinischen Münze beauftragt. Die 'Liga für die Unabhängigkeit des Rheinlandes' schließt sich der kürzlich gefaßten Resolution der 'Rheinischen Volksvereinigung' zwecks sofortiger Einführung dieser Sonderwährung und Bildung eines rheinischen Beirates an.
      6. Die jetzt geeinigte rheinische Bewegung garantiert dem rheinischen Volke, daß die Rheinische Republik mit allen [180] möglichen Mitteln und ohne vor irgendeinem Opfer zurückzuweichen an der Wiederherstellung des Wirtschaftslebens und dadurch für die Wohlfahrt unseres geliebten rheinischen Vaterlandes arbeiten wird.
      Es lebe die Völkerversöhnung!
      Es lebe der Weltfrieden!
      Es lebe das unabhängige Rheinland!"

Endlich, nach unzähligen Mühen war es den Franzosen gelungen, die Dutzend verschiedenen Richtungen und Gruppen der rheinischen Separatisten unter ein System zu bringen, sie auf ein Ziel zu vereinigen. Überredungen, Versprechungen und nicht zuletzt der Frank hatten ihre Wirkungen nicht verfehlt. Smeets, der unsichere Kantonist, der eine von Frankreich und Deutschland gleicherweise unabhängige Republik propagierte, war ausgeschaltet. Den verärgerten, eitlen und herrschsüchtigen Dorten wollte man nicht entbehren, da er sich der Gunst Tirards erfreute, der sich über seine Bedeutung täuschte. Als Vorspann der ganzen Bewegung war Matthes auserkoren, der verwegene und rücksichtslose Abenteuerer, von dem man nicht zu befürchten brauchte, daß er eines Tages plötzlich über moralische Bedenken stolpern würde. Es war in der Tat ein schweres Werk gewesen, und Frankreich konnte stolz sein auf seinen Erfolg, besonders der Oberkommissar der Interalliierten Rheinlandkommission, Tirard.

Jetzt war die Zeit gekommen, die Tat vorzubereiten. Täglich hielt das Direktorium der geeinten Separatistenbewegung Besprechungen mit den Besatzungsbehörden wegen der Rheinischen Republik ab. Die Rheinlandkommission wünschte schließlich auch eine Einbeziehung der kleinen Gruppe Smeets, denn wenn man ihn auch wegen seiner politischen Unsicherheit nicht gern an führender Stelle sah, wollte man doch wenigstens ihn und seinen Anhang an die Sache ketten. Jeder Mann war Gold wert, denn die Truppe war herzlich klein. Die belgisch-französischen Regiebahnen wurden angewiesen, alle mit Erkennungskarten versehenen Separatisten unentgeltlich zu befördern. In Aachen verlangte das belgische Kommando, daß die preußische Polizei besondere Schutzmaßnahmen für die Büros und Personen der Sonderbündler zu [181] treffen habe. Die Rheinlandkommission erließ jene Ordonnanz, wonach jede durch Absetzung oder Ausweisung frei gewordene Beamtenstelle von der Rheinlandkommission selbst auf Vorschlag ihres Delegierten besetzt werden dürfe. Redakteure, Parteiführer, Gewerkschaftssekretäre, die Führer der rheinischen Bevölkerung wurden vertrieben. Stoßtrupps organisierten sich unter dem Namen "Selbstschutz", "Rheinwehr" u. a. und wurden von den Franzosen bewaffnet. In großzügiger Weise baute Matthes die Partei aus, denn er verfügte über genügend französische Gelder. Jeden Sonntag hielt er Versammlungen in Bonn, Aachen, München-Gladbach, Düsseldorf, Krefeld, Trier usw. ab. Da die deutschen Behörden vielfach solche Veranstaltungen nicht genehmigen wollten, drückte die Rheinlandkommission kraft ihres Machtwortes die Genehmigung durch.

  Truppen der Separatisten  

Die bewaffneten Truppen der Separatisten waren zusammengewürfeltes, landfremdes Pack, Verbrecher und Abenteurer, Strolche und Banditen, die sich für Geld jedem zur Verfügung stellten. Die Galgengesichter und zerlumpten Gestalten zeigten deutlich genug, daß es sich um den Abschaum der Menschheit handelte.

Rheinische Separatisten vor einer von ihnen besetzten Polizeiwache in Crefeld.
[Bd. 2 S. 32a]      Rheinische Separatisten
vor einer von ihnen besetzten Polizeiwache
in Crefeld.
      Photo Scherl.
Der Berichterstatter der Times schilderte diese Soldaten am 27. Oktober aus Krefeld folgendermaßen:

      "Ich habe im Rathaus von den Führern der Separatisten die freimütige Bestätigung erhalten, daß die separatistische Bewegung ein Versuch sei, durch die Verwendung berufsmäßiger Abenteurer, von Gesindel und selbst von Verbrechern die Rheinlande von Deutschland loszureißen. Der Führer erklärte mir, er sei ein berufsmäßiger Bandenführer. Er habe nichts mit Politik zu tun und sei kein Deutscher, sondern ein französischer Untertan polnischer Geburt. Seinen Namen kennt niemand, er wird der Kapitän genannt. Vor drei Wochen, sagte er, sei er nach dem Rheinlande gebracht worden, um die Bewegung mit Gewalt durchzuführen, und zum Oberbefehlshaber der fliegenden Rheinarmee gemacht worden. Er habe mehrere tausend bis an die Zähne bewaffnete Männer unter sich, mit Maschinengewehren, Gewehren, Handgranaten und Revolvern und unbeschränkter Munition ausgerüstet. Er hätte bereits die ganzen Unruhen [182] in Oberschlesien organisiert und sei in ähnlicher Weise in anderen Teilen der Welt tätig gewesen. Die Belgier hätten ihm versichert, daß alles für die Separatisten gut stehe. Nahrungsmittel erhielten sie aus Düsseldorf, ihre Befehle kämen unmittelbar aus Koblenz. Die Sorte von Männern, die er befehlige, würde für jedermann kämpfen, der sie beköstige und löhne. Der Kapitän nahm mich in einem von Separatisten gestohlenen Kraftwagen mit zum Besuch einer 'Parade'. In einem Schulhof waren hundertfünfzig der gefährlichst aussehenden Rowdys aufgestellt, die ich je gesehen habe. Jeder Typ von Verbrechern und Banditen war vertreten. Ich schaute vergebens nach einem einzigen ehrlichen Gesicht aus."

Ergänzt wird diese Schilderung durch Bemerkungen der deutschen Note vom 5. November an die französische Regierung. Die ganzen Ereignisse seien nur dadurch möglich geworden,

"daß die Sonderbündler unter den Augen und mit Duldung der französischen Besatzungstruppen Banden gebildet haben, die unter den verschiedensten Bezeichnungen als 'Selbstschutz', 'Stoßtrupps', 'Rheinwehr', ja selbst 'rheinische Truppen' mit besonderen Abzeichen durch die Lande ziehen. Diese Trupps setzen sich im wesentlichen aus minderwertigem Gesindel zusammen, zum Teil fremder Nationalität. Nicht nur unter diesen Trupps, sondern überhaupt in der ganzen Organisation der Sonderbündler befindet sich keine Person von irgendwelchem Ansehen im Rheinland. Selbst französische Offiziere und Beamte haben sich nicht gescheut, wenn es galt, Persönlichkeiten von Ansehen und Einfluß für separatistische Zwecke zu gewinnen, von den Machern der gegenwärtigen Bewegung und ihrem Anhang in tiefster Verachtung zu sprechen... Diese Banden sind, obgleich sie in keinerlei Beziehung irgendeine Gewähr zu bieten vermögen, mit Billigung der französischen Besatzungsbehörde mit Waffen versehen worden, und zwar zum Teil sogar mit militärischen Schußwaffen. Allein hierdurch bilden sie eine beständige Gefahr und Bedrohung für die Sicherheit im Lande, da die Polizei im besetzten Gebiet nur mit Revolvern und Pistolen ausgerüstet ist, während die Bevölkerung sämtliche Waffen hat abliefern müssen und nur in Ausnahmefällen und [183] in sehr beschränkter Zahl von den Besatzungsbehörden die Erlaubnis zum Besitz eines Jagdgewehres oder ähnlicher Waffen erhält."

Die Aufhebung des passiven Widerstandes kam den Separatisten ungelegen. Indem die deutsche Regierung bemüht war, normale Verhältnisse im Rheinland wiederherzustellen, entzog sie den Verrätern eine der Hauptgrundlagen ihres dunklen Treibens, die eben in der ungeheuren Spannung der ganzen rheinischen Verhältnisse bestand. Franzosen und Sonderbündler erkannten, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, und so beschloß der Oberführer Matthes, unverzüglich zu handeln. Am 30. September sollte in Düsseldorf eine große Kundgebung veranstaltet und anschließend durch die Leitung der Vereinigten Rheinischen Bewegung die Rheinische Republik proklamiert werden. 10 000 Mann bestbewaffneter Rheinwehr hoffte er auf die Beine zu bringen. Da sich die deutsche Stadtverwaltung weigerte, die Veranstaltung zu genehmigen, mußte auf Befehl der Rheinlandkommission die "Tonhalle" zur Verfügung gestellt werden. In aller Frühe des 30. September, eines Sonntags, trafen die mit Laub bekränzten und mit Inschriften wie "Nieder mit den Preußen" versehenen Sonderzüge der Eisenbahnregie ein, welche kostenlos die Separatisten nach Düsseldorf befördert hatten. Leute mit grünweißroten Armbinden sperrten den Hauptbahnhof ab, eifrig debattierende Gruppen erfüllten den Vorplatz, und auf den Bahnsteigen wurden die militärischen Trupps zusammengestellt. Auf Beschluß sämtlicher politischer Parteien und Gewerkschaften drückte die Einwohnerschaft Düsseldorfs ihre Ablehnung durch völlige Zurückhaltung aus. Von ein Uhr ab waren die Straßen tot. Trotz des schönen Sommerwetters war kein Mensch auf den Straßen zu sehen. Gaststätten, Theater und Kinos, alle Vergnügungslokale waren geschlossen. Die Sonderbündler betraten eine ausgestorbene Stadt. Nur die Kommunisten veranstalteten Umzüge gegen die Separatisten, an denen sich höchstens 2000 Leute beteiligten.

  Blutbad von Düsseldorf  

Gegen zwei Uhr bewegte sich ein Zug bewaffneter Stoßtrupps, etwa 1500 bis 2000 Mann, denen [184] eine zehnköpfige Radfahrerabteilung vorausfuhr, vom Hauptbahnhof durch eine Hauptverkehrsstraße, die Graf-Adolf-Straße nach dem Denkmal "Zum bergischen Löwen" am Graf-Adolf-Platz. Es waren 20- bis 25jährige Leute, unverkennbares Gesindel. Selbst den Franzosen bangte vor diesen Leuten mit den verwegenen Physiognomien, denn gegen halb drei Uhr ersuchte das Hauptquartier die deutsche Polizei, den "Stahlhof", in dem sich Degouttes Amtsräume befanden, so abzusperren, daß die Separatisten nicht, wie sie angekündigt hatten, dem General eine Adresse überreichen könnten. Am Denkmal "Zum bergischen Löwen" wurde eine Ansprache gehalten, die mit einem Hoch auf die Rheinische Republik schloß. Der Zug ging wieder zum Bahnhof zurück, setzte sich an die Spitze von 10 000 Separatisten und geleitete sie zum Hindenburgwall. Hier fand eine Versammlung unter freiem Himmel statt. Die Straße wurde von den Stoßtrupps für jeden anderen Verkehr gesperrt, und selbst die Polizeibeamten wurden aufgefordert, sich zu entfernen. Eine aus Kommunisten bestehende Zuschauermenge wurde bis an eine Straßenkreuzung zurückgetrieben. Hier griffen die Separatisten drei Polizeibeamte mit Gummiknüppeln an, nahmen dem einen den Säbel weg, den sie zerbrachen, und verhafteten die beiden anderen als Geiseln, welche mit Revolvern bedroht wurden. Jetzt kam Polizeiverstärkung heran, die sich aber vor dem Gewehrfeuer der Separatisten wieder zurückziehen mußte. Die Sonderbündler eröffneten nun blindlings ein wütendes Feuer. Erst nach Ankunft eines großen Polizeiaufgebotes gelang es, die Aufrührer vom Hindenburgwall zu vertreiben, die nach kurzen Straßenkämpfen in wilder Flucht dem Hauptbahnhof zueilten.

Plötzlich stellte sich einem Trupp Polizei, der zum Rathaus zurückkehrte, eine französische Kavalleriepatrouille von acht bis zehn Mann entgegen, welche die Beamten zur Übergabe aufforderte. Hierdurch ermutigt, erschien der separatistische Stoßtrupp wieder und drängte Polizei und Franzosen auf den Hindenburgwall. Den Beamten, die umzingelt waren, wurden die Waffen abgenommen, einer wurde erschossen. Die Franzosen schützten nicht die Deutschen vor den brutalen Miß- [185] handlungen. – Die Polizei, etwa 800 Mann stark, die auf Rathaus, Regierungsgebäude und andere öffentliche Gebäude verteilt war, hielt sich aufs äußerste zurück und war auch kaum auf den Straßen zu sehen. Trotzdem die Separatisten die Angreifer waren, wurden sie von den Franzosen unterstützt. Doch kann man wohl annehmen, daß die französische Militärbehörde den Sonderbündlern zu verstehen gegeben hatte, möglichst schnell Düsseldorf zu verlassen. Noch bei einbrechender Nacht bestieg ein großer Teil die Sonderzüge und verließ die Stadt, im Bewußtsein ihrer erlittenen Niederlage.

Das Blutbad hatte vier Polizeibeamten und 17 Separatisten das Leben gekostet. Von 60 Verwundeten waren 23 schwer verletzt. Die Franzosen verhafteten die beteiligten Polizeibeamten und den Polizeidezernenten. Außerdem kündigten sie "Sanktionen" an. Am nächsten Tage traten die Düsseldorfer Arbeiter in den Generalstreik gegen die Separatisten. Ein zurückgebliebener Trupp versuchte vergeblich das von Polizei verteidigte Rathaus zu stürmen, um durchzuführen, was am Vortage nicht gelungen war: die Rheinische Republik auszurufen. Die Franzosen aber verhafteten 53 Bürger als Geiseln.

  Kundgebung in Köln  

Zu der gleichen Stunde, da Düsseldorf der Schauplatz blutiger Kämpfe war, fand in Köln eine wesentlich erhebendere Veranstaltung statt. Über 100 000 Rheinländer aller Parteien hatten sich auf dem Meßgelände versammelt und erneuerten den Schwur der Treue zu Deutschland. Unerschütterlich fühle sich das Rheinland mit dem deutschen Vaterlande verbunden. Schroff tat sich an diesem Tage die unüberbrückbare Kluft zwischen der überwältigenden Mehrheit der deutschfühlenden Rheinländer und der verschwindenden Minderheit der Separatisten auf. Ein Ahnen ließ das Volk erbeben, daß es am Vorabend schwerer Kämpfe stehe, denn man hatte erkannt, daß die Aufrührer und Landfriedensbrecher unter dem starken Protektorate Frankreichs standen.

Der schmähliche Ausgang des Düsseldorfer Abenteuers kam für die Franzosen wie für die Sonderbündler in gleicher Weise unerwartet. Eine tiefe Niedergeschlagenheit drückte die [186] Separatisten, und sofort fingen sie an, sich gegenseitig mit Anklagen und Vorwürfen zu überhäufen. Die so mühsam zustande gekommene Einigkeit zwischen Matthes und Dorten drohte zu brechen, und Dorten überrechnete im stillen, daß er etwa 50 000 Anhänger zählte, mit denen er notfalls auf eigene Faust vorgehen könne. Nichtsdestoweniger hatten die Separatisten keine Zeit, untätig zu sein. Die französischen Stellen, die Kreisdelegierten, drängten und drohten, sollten sie etwa umsonst so viele Millionen in das Unternehmen gesteckt haben, daß es schließlich ausging wie eine lächerliche Operettenkomödie? Was vor allem würde Poincaré sagen, der alle Erfolge seiner Politik von der Entfaltung des Separatistenbanners im Rheinlande erwartete? Die Separatisten verstärkten ihre Truppen, indem sie neues Gesindel ins Rheinland zogen, und scheuten keine Mühe und Anstrengung, um ihre Organisationen neu zu errichten und zu festigen. Doch der Zwiespalt in der Führung ließ sich nicht so bald beheben. Zahlreiche Führer waren unmittelbar nach den Düsseldorfer Ereignissen geflohen, da sie ihre Sache hoffnungslos verloren gaben. In der "Rheinischen Unabhängigkeitspartei" kam es zu Zerwürfnissen zwischen dem Direktorium dieser Partei in Düsseldorf und der Leitung der Partei "Frei-Rheinland" in Köln. Auch Dortens "Rheinische Volksvereinigung" in Koblenz ging ihr eigenen Wege.

  Beginnende neue Erhebungen  

Da die Parteien nicht mehr unter einheitlicher Leitung zusammengehen wollten, wurde ein neues Programm aufgestellt, das die Genehmigung der Franzosen und Belgier fand. Die Republik Rheinland wurde jetzt als ein Bundesstaat gedacht, dessen Unabhängigkeit durch Frankreich, Belgien, England und Italien garantiert werden sollte. Der Bundesstaat setzte sich aus drei "Ländern" zusammen: Nordstaat Unterrhein (Hauptstadt Aachen), Südstaat Oberrhein (Hauptstadt Koblenz), Ruhrstaat (Hauptstadt Essen). Als Sitz der Zentralregierung war Köln geplant. Der Nordstaat sollte als belgische, der Südstaat als französische Interessensphäre in Frage kommen, während am Ruhrstaat Belgien, Frankreich und das Rheinland in gleicher Weise interessiert sein sollten. Man beschloß, dieses Programm Ende Oktober zu verwirklichen.

Separatistenhauptquartier in Aachen.
[Bd. 3 S. 272a]      1923:
Separatistenhauptquartier in Aachen.

Photo Scherl.
Separatistengreuel im Rathaus zu Linz am Rhein.
[Bd. 3 S. 272a]      1923: Separatistengreuel
im Rathaus zu Linz am Rhein.

Photo Scherl.

  Haltung der Franzosen  

[187] Auch die Franzosen unterstützten die Separatisten weiterhin. Alle Führer der deutschen Gegenbewegung, Politiker, Parteiführer, Redakteure, Gewerkschaftsbeamte, wurden ausgewiesen. General Degoutte entdeckte plötzlich, daß seine Truppenzahl ungenügend sei. Er telegraphierte nach Paris, daß die Rheinlandarmee um die Hälfte vermehrt werden müsse. Trotzdem der passive Widerstand aufgegeben war, wurden die von der Kommission verfügten Ausweisungen nicht rückgängig gemacht. In Essen, wo bisher nur die Schulen und öffentlichen Gebäude mit Militär belegt worden waren, wurden 310 Wohnungen beschlagnahmt, um den neuankommenden Beamten und Offizieren Platz zu verschaffen. Mehrere Wochen dauerten die Vorbereitungen.

Separatisten in Aachen.
[Bd. 3 S. 272b]      1923: Separatisten in Aachen. Arbeiter haben die separatistische Fahne auf der Reichsbank zerfetzt.      Photo Scherl.

  Oktobererhebungen  
der Separatisten

Am Sonntag, dem 21. Oktober, nachmittags vier Uhr, rief der Kaufmann Deckers in Aachen die Rheinische Republik aus. Er war etwas voreilig, denn die Aktion war erst für einen späteren Termin geplant. 3000 bewaffnete Separatisten, die sich des Schutzes der Belgier erfreuten, besetzten die öffentlichen Gebäude, das Rathaus usw. und hißten die grünweißrote Fahne. Es kam zu Kämpfen mit der Einwohnerschaft, die für die Separatisten günstig waren. Auf die Kunde von diesen Ereignissen verbreitete sich in den übrigen Städten des Rheinlandes große Unruhe, besonders, da die französischen Besatzungbehörden der Polizei verboten, auf die Sonderbündler zu schießen. In der Nacht vom 22. zum 23. Oktober überrumpelten die Separatisten, von französischen Tanks, Schwadronen und Kompanien unterstützt, Bonn. In Wiesbaden wurde die Herrschaft Dortens in den Abendstunden des 22. Oktober aufgerichtet, wobei die Separatisten mit Karabinern schossen. Die Polizei, welche sich weigerte, das Schießverbot zu beachten, wurde am nächsten Vormittag von den Franzosen entwaffnet. Nicht ganz so einfach ließ sich Koblenz erobern. In der Nacht vom 21. zum 22. Oktober beförderten die Franzosen etwa 150 Separatisten nach der Stadt, da sie aber aus der Bevölkerung keinen Zuzug erhielten, waren sie zu schwach, um am nächsten Tage Rathaus und Polizeipräsidium zu besetzen. Die Polizei erhielt den französischen Befehl, nicht zu schießen, und am folgenden [188] Tage erhielten die Separatisten 200 Mann Verstärkung von auswärts. Die Banden drangen zwar ins Schloß ein, wurden aber durch die Polizei wieder hinausgeworfen. Da ließen die Franzosen durch ihre Gendarmen in der Nacht vom 23. zum 24. Oktober etwa 40 deutsche Beamte, darunter den Oberbürgermeister, aus den Betten holen und über die Grenze des besetzten Gebietes abschieben. Jetzt hatte aber der aus der Bürgerschaft gebildete Selbstschutz Rathaus, Schloß und andere öffentliche Gebäude besetzt. Als die Franzosen mit Waffengewalt vorzugehen drohten, mußte auch er weichen, und in der Nacht vom 25. bis zum 26. Oktober, während den Einwohnern infolge der Verkehrssperre das Betreten der Straßen verboten war, wurden Rathaus und Post von dem Gesindel besetzt. In Trier wurde am 22. Oktober die separatistische Herrschaft aufgerichtet. Die Regierungsbeamten, die sich weigerten, die neuen Herren anzuerkennen, begaben sich zum Bezirksdelegierten, einem französischen Oberstleutnant, und baten ihn um Schutz. Dieser aber erklärte, er stehe den Separatisten freundlich gegenüber, und zwang die Beamten durch versteckte Gewaltandrohung zur Arbeit. Am 27. Oktober vormittags wurde das Landratsamt in Dietz überrumpelt. Die grünweißrote Flagge erschien über dem Gebäude, und ein französisches Wachkommando von zwölf Mann übernahm den Schutz. In Düren, Mönchen-Gladbach, Viersen, Krefeld und vielen andern rheinischen Städten wurde am 22. Oktober die Rheinische Republik ausgerufen.

Zwar ließ sich die Bevölkerung das alles nicht so ohne weiteres gefallen. In Köln, wo die Engländer lagen, welche den Separatisten keineswegs freundlich gesinnt waren, wurden junge Burschen verhaftet, die herausfordernd durch die Straßen zogen, Einwohner belästigten und Kraftwagen beschlagnahmten. In Aachen kam es am 23. Oktober, nachmittags sechs Uhr, zu einer gewaltigen Kundgebung, an der sich besonders die Studenten der Technischen Hochschule beteiligten. Die Menge zog durch die Straßen, drang ins Rathaus ein, entwaffnete und verprügelte die Eindringlinge und holte die grünweißrote Fahne herunter, die verbrannt wurde. Auch in Jülich, Kleve, Rheydt machte sich die Erbitterung Luft. In [189] Mönchen-Gladbach wurde das Rathaus gestürmt, die Fahne herabgeholt und die deutsche Fahne gehißt. Die Sonderbündler wurden entwaffnet, aus dem Rathaus geholt und verprügelt. Dann umstellte man das separatistische Hauptquartier. Erst schossen die Banditen, dann flüchteten sie über die Dächer. Dasselbe ereignete sich in Bonn. In Mainz wollte die wütende Volksmenge den Bahnhof stürmen, da ihn die Separatisten besetzt hatten. Die Franzosen schossen, töteten vier Einwohner und verletzten 20 zum Teil schwer.

Von Separatisten zerstörtes Haus in Aachen.
[Bd. 3 S. 256b]      1923: Von Separatisten
zerstörtes Haus in Aachen.
      Photo Scherl.
Separatistengreuel vor dem Rathaus in Krefeld.
[Bd. 3 S. 256b]      1923: Separatistengreuel
vor dem Rathaus in Krefeld.
      Atlantic-Photo.

In Krefeld kam es zu tagelangen erbitterten Kämpfen. Die Separatisten demolierten das Rathaus und die Wohnung des Oberbürgermeisters, dessen Gattin und Tochter sie unter schimpflicher Behandlung verhafteten und in belgischen Gewahrsam abführten. Einwohner, die sich mit Gummiknüppeln bewaffnet hatten, wurden abgeführt. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich in Andernach, Saarbrücken, Wiesbaden. In Trier, wo sämtliche führenden Persönlichkeiten ausgewiesen worden waren, suchte die Menge das Rathaus nachts zu stürmen, wurde aber durch heranreitende Spahis vertrieben. Hier wurden sämtliche Zeitungen verboten, nur der Trierer Volksfreund, das offizielle Separatistenorgan, erschien. Ein 17jähriger Mann, der Plakate mit der Aufforderung, dem Reiche die Treue zu halten, anklebte, wurde verhaftet, verschleppt und standrechtlich erschossen.

Unerhörte Schandtaten wurden begangen, die ihre Ursache zum Teil darin hatten, daß die Separatisten in den Städten und Dörfern die Macht an sich zu reißen suchten, zum Teil durch die entschlossene Abwehr der erbitterten Bevölkerung hervorgerufen wurden. In der Eifel, in Gerolstein, wurde die Rheinische Republik ausgerufen, und die Banditen errichteten ein unumschränktes Regiment, nachdem sie die maßgebenden Persönlichkeiten vertrieben hatten. Im Kreise Groß-Gerau drang eines Nachts, von Rüsselsheim kommend, ein Haufe in das Dorf Bauschheim ein, um Pferde, Rinder und Schweine zu rauben. Die Bauern rotteten sich zusammen und schlugen mit Knüppeln, Sensen und Wagenscheiten auf die Eindringlinge ein. Vier von diesen blieben tot liegen, die übrigen flohen. Zwei Tage später, am Nachmittag des 28. Oktober, als es [190] stark dämmerte, drang dasselbe Gesindel in das Dorf und zündete drei Gehöfte an. In Krefeld wurden Kleider und Schuhe in großen Mengen geraubt, das Vieh wurde weggetrieben, Kohlentransporte wurden geplündert. Schlimmes wurde aus Kochem berichtet. Der Sonderbündler und Lederhändler Steinauer war im unbesetzten Deutschland gefangengenommen worden. Durch Verhaftung von Geiseln erzwangen die Franzosen seine Freilassung. Da die Ausrufung der Rheinischen Republik im Rathaus mißlang, wurde am Nachmittage des 31. Oktober der Versuch nochmals unternommen. Der Marktplatz wimmelte von Menschen. Banditen und Zuchthäusler, mit Karabinern und Pistolen bewaffnet, umgaben das Rathaus. Da rief einer aus der Menge: "Pfui, daß wir uns von solchen Schwindlern terrorisieren lassen müssen!" Ein Schuß krachte, ein separatistischer Söldner hatte ihn abgefeuert, ein Individuum, das noch acht Jahre Zuchthaus abzusitzen hatte. Im nächsten Augenblick wälzte sich ein vollkommen unschuldiger Bürger, Vater von vier Kindern, im Blute: ein Dumdumgeschoß hatte ihm Herz und Lunge zerrissen!

In Euskirchen wurde ein ehemaliger Gastwirt Bürgermeister, ein Münchener Privatdetektiv wurde Kreiskommandant und ein ehemaliger Zuchthäusler Pressechef! In Worms wurde am 29. Oktober die Rheinische Republik ausgerufen, an der Spitze stand ein Seilermeister. Die Zeitungen unterstanden der Vorzensur. Sämtliche Arbeiter traten in den Proteststreik ein. Auch in Wiesbaden war die Erregung groß. An allen Ecken klebten Plakate, in denen Dorten die unter seiner Leitung stehende und von der Rheinlandkommission anerkannte Rheinische Republik proklamierte. Am 2. November trat die Bevölkerung in den Generalstreik. Sämtliche Banken und Geschäfte waren geschlossen, der Straßenbahnverkehr ruhte. Die Menge sammelte sich in den Straßen. Die Franzosen verhängten den Belagerungszustand und die Verkehrssperre von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Französische Infanterie und Kavallerie übernahm den Polizeidienst. Die Polizei war entwaffnet. Das Volk, verzweifelt wie es war, griff zur Selbsthilfe und versuchte die von den Separatisten besetzten Gebäude zu stürmen. Doch unter blutigen Verlusten trieben die [191] Franzosen mit der blanken Waffe die Angreifer zurück. In Bonn demolierten die Separatisten das Volkshaus. In Duisburg überfielen sonderbündlerische Wegelagerer in der Nähe des Waldfriedhofes in Wannheimerort nächtlicherweise die Vorübergehenden und beraubten sie ihrer Wertsachen. Das kam öfters nachts vor. Einmal sperrten sie die Überfallenen in die Leichenkammer und zwangen sie, sich vollständig zu entkleiden, worauf die Räuber, junge Burschen, mit den Kleidungsstücken verschwanden! –

  Die "Provisorische Regierung"  

In Koblenz hatte sich gleich in den ersten Tagen des Aufstandes unter dem Schutze der Rheinlandkommission eine provisorische Regierung gebildet, die aus 16 Mitgliedern bestand. In einem pathetischen Schreiben wandte sich diese Regierung am 23. Oktober an den Präsidenten der Rheinlandkommission, Tirard, indem sie diesem ihre Existenz anzeigte und mitteilte, daß sie den Herren Dorten-Wiesbaden und Matthes-Düsseldorf Generalvollmacht erteilt habe, ohne diesen durchaus vagen, jeder Kompetenzabgrenzung entbehrenden Begriff näher zu erläutern. Dann erschien das "Direktorium" der "Rheinischen Partei" selbst bei Tirard, erklärte in wohlgesetzten Worten den "vaterländischen Zwang", der sie genötigt hätte, die Gewalt an sich zu reißen und die Rheinische Republik auszurufen. Sie verpflichteten sich zur Erfüllung der Friedensbedingungen und erkannten die Macht der Besatzungstruppen an. Tirard, der Diplomat, erwiderte, daß er von ihrem Schritt Kenntnis nehme, daß er sie aber anderseits bis auf weiteres als eine tatsächliche Macht nur in den Bezirken anerkennen könne, wo sie sich der öffentlichen Ämter bemächtigt hätten, und daß sie unter diesen Gesichtspunkten gegenüber den Verbandsbehörden für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich seien. – Auch bei dem belgischen und englischen Oberkommissar stellte sich das Direktorium vor.

Am 25. Oktober wandte sich der Parteiführer Matthes und der Leiter der Gruppe Düsseldorf, von Metzen, der gleichzeitig Mitglied der "provisorischen Regierung" war, mit folgender Proklamation an das Rheinland:

      "Um in letzter Stunde das Rheinland vor dem vollständigen durch den [192] Fehler Preußens verschuldeten Ruin zu retten, um es vor der kommunistischen Revolution zu bewahren, haben sich die unabhängigen Rheinländer die Zivilmacht angeeignet. Die Autorität der Besatzungsmächte wird natürlich noch streng beachtet werden. Alle Staats- und Gemeindebehörden werden ihren Dienst fortzusetzen haben, wenn nicht andere Instruktionen von uns erteilt werden. Jeder Ungehorsam wird rücksichtslos unterdrückt werden. Die ganze Bevölkerung soll ruhig weiter ihrer Beschäftigung nachgehen. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist gesichert. Requisitionen werden nur im Falle dringender Notwendigkeiten vorgenommen werden. Sie müssen die Unterschrift des behördlichen Kommissars oder seines Stellvertreters tragen. Auf Plünderer und Ruhestörer wird geschossen. Der Druck der Zeitungen darf nur mit unserer Ermächtigung erfolgen. Die Unabhängige Rheinische Republik ist ausgerufen. Die provisorische Regierung ist gebildet. Die ausführende Macht für das ganze Gebiet ist den Händen eines Vollzugsausschusses anvertraut worden, der Bezirks- und Lokalkommissare ernannt hat, um ihn zu vertreten. – Der Vollzugsausschuß für das nördliche Rheinland: gez. Matthes."

Schon am folgenden Tage richtete Matthes einen Brief an die provisorische Regierung, der so bezeichnend ist, daß er auch wörtlich wiedergegeben werden muß:

      "Liebe Parteifreunde! Ich bitte Euch, alles daranzusetzen, daß die Hohe Interalliierte Kommission die Sperrung der Grenze verfügt. Es muß verhindert werden, daß unsere Gegner Zuzug aus dem Preußischen erhalten, und außerdem dürfen die von uns Auszuweisenden keine Möglichkeit haben, hier womöglich bewaffnet wiederzuerscheinen. Ich bitte Euch ferner dringend, sofort einen Befehl zu erlassen, daß von den Ortsgruppen der fest in unserer Hand befindlichen Städte Revolutionsgerichte gebildet werden, welche die Ausweisungen verfügen. Da es sich bei den Ausgewiesenen um Personen handelt, welche in unserm Sinne strafbar sind, muß die Ausweisung mit Vermögenskonfiskation verbunden werden. Aus diesem Grunde ist bei den Ausweisungen natürlich oben anzufangen. Hauptsächlich sind Sachwerte zu erfassen. Die auf solche Weise in unsere Hand kommenden Vermögensobjekte sind durch einen [193] privaten Treuhandunternehmer nur gegen französische Währung zu verkaufen. Die einkommenden Gelder sind unter anderem zur Einführung von Erwerbslosenküchen zu verwenden, in denen mittags und abends an die Erwerbslosen eine Hülsenfruchtsuppe gratis verabfolgt wird. Ein Vergnügen darf die Faulenzerei nicht mehr sein. Wenn unsere Macht in den besetzten Städten fest ist, werden sich durch diese Maßregeln alle Schwierigkeiten der augenblicklichen Situation heben lassen. Juristische Bedenken stehen meines Erachtens dem Plan nicht entgegen, es ist eine reine Machtfrage. Mit der Hohen Interalliierten Kommission wäre Fühlung zu nehmen."

Die Rheinlandbewegung entwickelte sich zu einem Raubzug großen Stiles.

Während Matthes im Siege schwelgte, konnte der beiseitegeschobene Smeets nicht länger untätig bleiben. Kaum hatte er Kenntnis erhalten von der am 25. Oktober geschehenen Proklamation seines Konkurrenten, beeilte sich Smeets, am folgenden Tage seinerseits mit einer "Proklamation an das rheinische Volk" hervorzutreten. Er erklärte, daß er "im Namen und im Auftrage der rheinischen Freiheitsparteien die Bildung eines Rheinstaates vollziehe, der das Gebiet rechts und links des Rheins umfassen solle". Deckers, Matthes und Dorten hatten nie daran gedacht, mit Smeets, den sie für einen Quertreiber hielten, zusammenzuarbeiten. Jedoch dies Ereignis erforderte es, da es ja auch Tirard wünschte, sich mit dem Nebenbuhler auseinanderzusetzen oder, wie man sagte, zu "einigen". Schon am 27. Oktober nachmittags fand in Koblenz unter dem Vorsitz von Matthes eine Versammlung der verschiedenen Freiheitsparteien statt, wozu unter anderen auch Dorten und ein Vertreter von Smeets erschienen war. Hauptgegenstand der Verhandlungen waren die Einigung mit Smeets und die Besetzung der Regierungsposten. Matthes meinte, Smeets habe die richtige Zeit zum Anschluß verpaßt, deshalb sei seine Partei auch nicht in der provisorischen Regierung vertreten. Aber man beschloß nach einigem Beraten einstimmig, die Vereinigung mit der Smeets-Partei anzuerkennen und diese Partei bei der Verteilung der Regierungsposten genügend zu berücksichtigen. Smeets jedoch war des Treibens müde. Sein [194] Organ Rheinische Republik ging ein, das letzte, was sie veröffentlichte, war eben jene Proklamation. Verärgert begab er sich nach Lothringen, wo er in der Zurückgezogenheit des Privatlebens beschauliche Ruhe pflegte. Vor seiner Abreise ließ er sich jedoch ausgiebig von Vertretern der Auslandspresse interviewen und erklärte unverhohlen, daß er die gewaltsame Staatengründung seiner bisherigen Genossen für einen groben Unfug halte.

  Haltung der Engländer  

Es schien, als stünde Matthes auf der Höhe seiner Macht. Dorten folgte ihm gehorsam, und Smeets hatte ihm das Feld geräumt. Doch als der Oktober sich zu Ende neigte, vollzog sich auch die Schicksalswende der "Rheinischen Republik". Etwas Unerwartetes geschah: die englische Regierung erklärte, daß sie die Rheinische Republik nicht anerkenne, da ihre Gründung einen Bruch des Versailler Vertrages darstelle. Auch die ganze öffentliche Meinung Englands war gegen die neue Staatengründung. Die englische Haltung machte sich umgehend im Rheinland bemerkbar. Am 1. November kamen in Aachen auf dem Hauptbahnhof neue Trupps von Sonderbündlern an, die auf englisches Betreiben sofort von belgischer Gendarmerie entwaffnet wurden. Dennoch gelang es den Separatisten, das von deutscher Polizei besetzte Rathaus zu umzingeln und zu beschießen. Am nächsten Vormittag zogen sich die belgischen Truppen aus den von den Separatisten besetzten Regierungsgebäuden zurück. Tags darauf kam es in den Vormittagsstunden zu schweren Kämpfen. Die Separatisten, welche Handgranaten und Sprengpatronen besaßen, eroberten um zehn Uhr das Rathaus. Auf jeder Seite gab es einen Toten und insgesamt 20 Schwerverletzte. Im Rathaus hausten die Eindringlinge wie die Vandalen. Mit ihren Gewehren schossen sie in die weltberühmten Fresken Alfred Rethels über das Leben Karls des Großen. Allein in dem Bild, das die Krönung Karls darstellt, wurden 21 Schüsse gezählt. Die Truppen durchzogen herausfordernd und singend die Stadt. Gegen Mittag begab sich der englische Konsul in Aachen zum belgischen Kommandeur und verlangte unverzügliche Entfernung der Banditen. Schon um zwei Uhr forderte die belgische Gendarmerie die Separatisten auf, sich auf [195] dem Markte zu versammeln. Hier wurden ihnen die Waffen und Armbinden abgenommen. Unter belgischer Bewachung wurden sie dann zum Bahnhof geführt. Eine zahllose Menschenmenge folgte. Aus den letzten Reihen der Sonderbündler wurde dauernd auf die Bevölkerung geschossen. Da gelang es, vier der Landstreicher zu umzingeln und abzudrängen. Sie wurden schrecklich gelyncht, zwei von ihnen waren buchstäblich in Stücke zerrissen. – Aachen war befreit. Dem englischen Konsul brachte man begeisterte Huldigungen dar. Deutsche Polizei besetzte Rathaus und Regierungsgebäude, die grünweißrote Fahne wurde heruntergeholt und durch die deutsche ersetzt. Das Volk atmete auf.

Matthes war empört. Er sandte umgehend einen geharnischten Protest an die Rheinlandkommission. Das Verhalten des belgischen Delegierten sei um so befremdlicher, als man im voraus die Neutralität der Besatzungstruppen zugesagt habe. Feierlicher Protest werde eingelegt gegen den von dem belgischen Aachener Delegierten erteilten Befehl, die besetzten Gebäude wieder zu räumen. Dieser Befehl verletze die Neutralität der Besatzungstruppen gegenüber den unabhängigen Rheinländern zugunsten der von Berlin beorderten Preußen. "Wir protestieren in offizieller und feierlicher Weise bei der Interalliierten Rheinlandkommission gegen diesen Vorfall." Der Schlag, den die belgische Armee gegen die rheinische Bewegung und ihre Regierung richtete, sei ein Versuch, die Rheinische Republik zu erschüttern. Dieser unerwartete Angriff treffe eine Bewegung und eine Regierung, die nur von dem Wunsch beseelt sei, mit dem belgischen Volk freundnachbarliche Beziehungen zu unterhalten und nun in der denkbar kürzesten Frist den belgischen Reparationsforderungen stattgeben will. Außerdem sei sie bereit, einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten. – Der belgische Oberkommissar erwiderte hierauf, das Vorgehen der Truppen in Aachen sei rechtmäßig gewesen. Die Belgier seien, da sie die Polizeigewalt besäßen, für die öffentliche Ruhe und Ordnung verantwortlich und hätten gegen die Gewalttaten der Banden, die entgegen den Verordnungen der Rheinlandkommission in die Stadt eingedrungen seien, vorgehen müssen, um nicht den Anschein zu erwecken, [196] daß sie die Gewalttaten billigten. Außerdem sei die sonderbündlerische Regierung bis jetzt weder rechtlich noch tatsächlich anerkannt.

Mit Sorge hatte Matthes den Standpunkt der Engländer kennengelernt, und er verfiel auf die sonderbarsten Gedanken, um Großbritannien der Rheinischen Republik geneigt zu machen. Der Protest gegen Belgien wurde auch dem englischen Oberkommissar, Lord Kilmanrock, übersandt, der aber das Schreiben an Matthes zurückschickte mit dem Bemerken, daß er eine Rheinlandregierung nicht kenne und infolgedessen von dieser auch keine Noten zu erhalten habe. Matthes, aufdringlich wie er war, schickte das Schriftstück zum zweiten Male an den englischen Oberkommissar, aber diesmal nicht im Namen der Rheinlandregierung, sondern im Namen der separatistischen Gruppen der Rheinlande. Lord Kilmanrock nahm jetzt Kenntnis von dem Protest, ohne ihn zu beantworten. Nun wandte sich Matthes durch einen Freund an den britischen Botschafter Lord d'Abernon in Berlin und ließ ihm mitteilen, daß die Sonderbündler, die bis jetzt eifrige Republikaner waren, sehr gern auch einen englischen Prinzen als König für die Rheinlande annehmen würden, wenn England die separatistische Bewegung unterstützen würde! Ein Gelächter des Hohnes und der Verachtung war Englands Antwort.

Großbritanniens Haltung versetzte der Rheinischen Republik einen sehr empfindlichen Stoß. Nicht bloß, daß England als erklärter Gegner in die Schranken trat, auch nicht bloß, daß Belgien sich hinter eine untätige Neutralität verschanzen mußte, selbst das französische Mitglied der Rheinlandkommission, Tirard, der sich nun isoliert sah, wurde bedenklich und begann den Rückzug zu erwägen. Bis Anfang November hatte Tirard in der französischen Besatzungszone die separatistische Herrschaft in 23 Städten und Ortschaften anerkannt, und die sonderbündlerische Armee dachte nicht daran, ihren siegreichen Vormarsch einzustellen. So überfielen im Morgengrauen des 4. November 20 bis 30 Separatisten, von französischen Regiebeamten geführt, das Landratsamt in Simmern und besetzten es. Die Aufmerksamkeit richtete sich besonders auf Limburg im Lahntale. "Da Limburg [197] sich mehr und mehr zu einem Bollwerk des Preußentums gegen die Kopfstationen der Rheinischen Republik auszuwachsen droht, halte ich ein starkes Forcieren der Einnahme von Limburg für dringend gebote", schrieb Kalthoff, der seit dem 29. Oktober separatistischer Landrat in Diez war, am 7. November an die militärische Oberleitung in Koblenz, welche in den Händen eines gewissen Hecktor lag. Und am 9. November konnte Kalthoff der provisorischen Regierung berichten:

      "Der (französische) Ortskommandant von Limburg zeigt sehr großes Entgegenkommen und äußerte sich zu einem eventuellen Unternehmen in Limburg in wohlwollender Weise, indem er die zu treffenden Maßnahmen angab. Er bat allerdings, ihn drei bis vier Stunden vor dem Unternehmen zu benachrichtigen, damit fünf Minuten nach Ausführung der Belagerungszustand über die Stadt verhängt werden könnte."

Am 13. November schließlich, vormittags zehn Uhr, fand der Angriff auf das Limburger Rathaus statt, und die neuen Herren setzten sich fest. In Langenschwalbach, einem Städtchen am Taunus, war bereits am 1. November die grünweißrote Flagge gehißt worden.

Jedoch gegen Mitte November brach eine neue Katastrophe über die Herrlichkeit der Separatisten herein. Der Petit Parisien schrieb schon am 14. November, die Abfallsbewegung sei ins Stocken geraten, da zwischen Matthes und Dorten Meinungsverschiedenheiten ausgebrochen waren. Die französische Zeitung war gut unterrichtet. Es verhielt sich wirklich so. Matthes und Dorten, die beiden Rivalen, waren nie bis zu einer vollständigen Beseitigung ihrer Gegensätze gekommen. Eine äußerliche Einigkeit war zwar zustande gekommen, beide Führer saßen in der provisorischen Regierung, aber unter diesem Deckmantel verschärfte sich die innere Spannung. Leute, die der eine abwies, spielte der andere aus. Dorten war nicht zu bewegen, nach Koblenz zu gehen und mit Matthes zusammenzuarbeiten. Auch innerhalb der provisorischen Regierung kam es infolge dieser rivalisierenden Tendenzen zu schweren Zusammenstößen. Man suchte nach einem Ausweg: Matthes sollte nach Bonn gehen und von dort aus das nördliche Rheinland lenken, Dorten sollte in Ems dasselbe für [198] den Süden tun. Matthes seinerseits protestierte energisch dagegen, Koblenz, den Sitz der Zentralregierung, zu verlassen. Darauf bezeichneten ihn die Dortenleute als einen "bayerischen Saukommunisten", und ein anderer meinte: "Wenn ich den Matthes einmal kriege, schieße ich ihn kaputt." Die Dortenfraktion beschloß am 15. November: Der Generalbevollmächtigte Matthes hat folgenden Wirkungskreis: Regierungsbezirke Aachen, Köln und Düsseldorf und den nördlichen Teil von Koblenz, sein Sitz ist Bonn. Der Generalbevollmächtigte Dorten hat folgenden Wirkungskreis: Regierungsbezirk Trier, vom Regierungsbezirk Koblenz folgende Kreise: Kochem, Mayen, Zell, St. Goar, Simmern, Meisenheim, Kreuznach, Provinz Nassau, Hessen-Nassau, sein Sitz ist Ems. Die beiden Generalbevollmächtigten begeben sich an ihren Sitz. Die vorläufige Regierung bleibt in Koblenz, das ihr ausschließlich unterstellt ist. Die Oberste Heeresleitung ist aufzulösen. Darauf antwortete die Matthesfraktion, daß für sie noch immer der einstimmige Kabinettsbeschluß vom 5. November bestehe, der da sage, daß sich die Exekutivgewalt, die Generalvollmacht von Matthes auf das ganze Rheinland, ausgenommen die Pfalz, erstrecken solle. Diese tiefgreifenden inneren Zerwürfnisse lähmten nicht nur die Tätigkeit der provisorischen Regierung, sondern auch der "Obersten Heeresleitung".

Eine großzügige militärische Aktion war noch gegen die Städte und Orte des Siebengebirges geplant. Am 16. November rückten die separatistischen Haufen gegen Bad Honnef vor. Hier aber hatten sich die Einwohner zu einem Selbstschutz organisiert und waren in Alarmbereitschaft, um die ankommenden Banden gebührend zu empfangen. Auch die Bauern aus den Dörfern und die Bewohner der Nachbarstädte waren herbeigeeilt. So sahen sich die Separatisten einer entschlossenen und gut organisierten Macht gegenüber. Es kam zu erbitterten Gefechten, und die Räuber wurden bis an den Ägidienberg zurückgedrängt. Eine förmliche Schlacht entbrannte, in der über hundert der verkommenen Canaillen niedergemacht wurden. Der Rest rettete sich durch wilde Flucht. Am folgenden Tage wurden die Separatisten in Trier entwaffnet. Ihr Stern war im Sinken, und die Franzosen [199] zogen sich zurück. Die Subsidien aus Paris blieben aus, und die "Oberste Heeresleitung" war nicht mehr in der Lage, ihre Söldnerscharen zu bezahlen. Bekam doch jeder Mann täglich zehn Franken für sein Räuberhandwerk! Innere Uneinigkeit, Widerstand der rheinischen Bevölkerung, Widerstand Englands und Geldmangel gruben dem rheinischen Separatismus das Grab.

Große Mutlosigkeit bemächtigte sich der Hochverräter. Ein Bild hiervon gibt uns ein Brief eines separatistischen Kreiskommissars aus Rheinbach am 23. November an die "Hohe Interalliierte Kommission". Hierin heißt es:

      "Wie ich bereits in meinen früheren Ausführungen mitteilte und auch heute wieder bestätigt finde bei meinem Besuche in Koblenz, hat die Rheinische Republik zu wenig brauchbare Männer, welche befähigt sind, die Geschäfte der Regierung zu führen. Es fehlt Autorität und Ordnung auf allen Gebieten. Bis jetzt ist unser genialer Führer, Dr. Dorten, der einzige großzügige Herr. Es ist zu begrüßen, eine solche Kraft zu besitzen. Die heutigen Männer einer vorläufigen Regierung inkl. Direktorium setzen sich aus verschiedenen Berufen zusammen. Aber auch die sich rigoros nach vorne geschobenen Elemente zeigen bei näherem Beobachten, daß sie wohl vielleicht für ihren Beruf geschaffen, aber die Intelligenz zum Disponieren und Regieren vermissen lassen. So erhält man ein Bild, das wenig vertrauenerweckend für die junge Republik ist, und es wird wohl nicht lange dauern, so wird und muß sich eine Lösung durch Trennung oder Umwandlung vollziehen müssen. Aber auch dann wird der jungen Republik nicht gedient sein, bis intelligente Regierungsmänner erstehen. Dies ist aber um so schwerer, als in Anbetracht der unsicheren, verworrenen Lage wenig oder gar keine Herren sich bereit finden, eventuell mit ihrem Kopfe einzutreten. Das größte Schwergewicht gegen die neue Bewegung bieten wohl die Engländer in Köln. Diese dulden eine langgezogene Kette von Revisionen an der Peripherie Kölns und darf sich kein ausgesprochener Separatist in den Bereich wagen. Diese Erscheinung ist echt englisch und charakterisiert ihre bisherige Taktik. Ein anderer Faktor, der heute die junge Republik bedroht, ist das Fehlen eines wertbeständigen [200] Zahlungsmittels. Ohne Geld ist keine Politik zu machen – und dieses fehlt. Beamte und Trupps spüren diesen Übelstand, und es gehört eine starke Dosis Idealismus dazu, der Sache treu zu bleiben. Der schrecklichste Faktor und was dem Ganzen die Sympathie raubt und somit sehr gefährlich ist, ist die Stoßtruppe mit allerhand ihr anhaftenden Mängeln. Sind es nicht arbeitslose, vielleicht auch arbeitsscheue Elemente, die sich hier zusammenfinden, so ist auch ein großer Teil unter ihnen, die jede Gelegenheit wahrnehmen, um zu rauben und sich zu bereichern. Aber auch hier fehlen oft die richtigen Führer! Ich glaube nicht fehlzugreifen, wenn ich behaupte, daß früher 70 Prozent der Bevölkerung direkt für die Rheinische Republik waren, jetzt, nach all den Vorkommnissen 70 Prozent mit Abneigung gegen solch aufkeimende Saat sich abneigt. Dabei betont die Bevölkerung immer wieder: 'Solange nicht tüchtige Männer in die Erscheinung treten, wird die Republik nicht perfekt werden, im Gegenteil, sie wird in Lethargie verfallen.' Es ist gerade in diesem Augenblick unbedingt nötig, daß etwas anderes geschieht, um die Bewegung voranzubringen. Hierzu erachte ich es als dringend und erforderlich, mit England über die Frage zu einem endgültigen Kompromiß zu kommen. Dort liegt der schwerste Stein, und der muß, um zu einem fördernden Ergebnis zu kommen, beseitigt werden. Von Köln droht die größte, direkte Gefahr. Köln ist unter dem Schutze Englands, das kommerziell dasselbe beherrschen will, der größte und reaktionärste Herd! Dortselbst ist alles möglich, nur kein Schutz, sondern Gefahr der separatistischen Bewegung. Wenn daher die alliierten und assoziierten Mächte resp. der Völkerbund von oben herab sich dazu verstehen könnte, in diesem Augenblick die Rheinische Republik einzuführen resp. zu bestätigen als ein Akt der Hilfe, so würde dies wohl zum Segen Europas bald gute Früchte zeitigen und einem drohenden Chaos steuern, der sonst viele Völker mit in den Abgrund ziehen muß."

  Innere Uneinigkeit  
und Katastrophe
der Sonderbündler

Dieser Brief, über dessen stilistische Mängel man hinwegsehen muß, zeigt deutlich genug die hoffnungslose Katastrophenstimmung der Separatisten. Man dachte schon an den Völkerbund als an die ultima ratio! Es war zu spät. In der letzten [201] Novemberwoche brach die Katastrophe unaufhaltsam herein. Überall brach die sonderbündlerische Bewegung zusammen. Die Kräfte der Deutschen waren stärker als die der Hochverräter. Teilweise kam es noch zu schweren Kämpfen, wie zum Beispiel in Düren. Ein Anschlag auf das Rathaus in Essen mißglückte. In Duisburg wurden die Separatisten von den Belgiern entwaffnet. Allerorts nahmen die deutschen Behörden wieder ihre Tätigkeit auf. Schwere Krisen gab es in der "provisorischen Regierung". Diese forderte den Matthes in ultimativer Form auf, sich binnen 24 Stunden nach Bonn zu begeben. Darauf erklärte dieser die vorläufige Regierung zu Koblenz als aufgelöst und teilte diesen Schritt Tirard mit. Gleichzeitig verfügte Matthes die Auflösung seiner Armee, da ihre Aufgabe beendet sei. Aber der Oberkommandierende Hecktor ließ sich nicht so leicht abspeisen. Er proklamierte die Militärdiktatur,

"an der mein entlassener Generalsekretär Rosenbaum – wie Matthes schreibt –, der erwiesenermaßen preußische Spitzeldienste für Frankfurt leistet, aber auch angeblich gleiche französische Dienste zu leisten vorgibt, besonders mitwirkte. Die Militärdiktatur, die mit auffallendem Geldaufwand arbeitet, hat heute (27. November) das Kabinett de facto ausgeschaltet. An oder gegen mich hat sich diese Militärdiktatur persönlich nicht gewandt. Das Kabinett erklärt mir seine völlige Machtlosigkeit. Dies und die Tatsache, daß die bisherige vorläufige Regierung zum Teil aus unfähigen oder unehrlichen Menschen zusammengesetzt ist, hat mich zu obigem Schritt – der Auflösung – veranlaßt."

Nun brach das Chaos über die Separatisten vollends herein.

Matthes floh vor seinen eigenen Leuten nach Düsseldorf. Dorten versuchte in Ems eine neue Regierung zu bilden, doch vergeblich. Die ganze rheinische Loslösungsbestrebung war schimpflich gescheitert. Die französischen Besatzungsbehörden traten wieder mit den deutschen Behörden in Verbindung. Das rheinische Volk war von einer furchtbaren Geißel befreit. Die Franzosen überließen ihre separatistischen Freunde sich selbst und überschütteten sie mit Hohn und Verachtung. Matthes, der im Ruhrgebiet weiterzuwühlen hoffte, erklärte, daß augenblicklich weder Gelegenheit noch "Notwendigkeit" [202] bestehe, eine neue rheinische Regierung zu bilden. Er beklagte sich über die Unehrlichkeit, den Materialismus, die Selbstsucht, die Unmoral, die Korruption an allen Ecken und Enden in seinem Staate. "Die rheinische Bewegung, die rheinische Regierung, die erste Rheinlandrepublik waren demoralisiert, versumpft." Das sind die eigenen Worte des Führers dieser Republik! –

  General de Metz  
in der Pfalz

Wesentlich anders verlief die Autonomiebewegung in der bayerischen Pfalz. Hier hatte der französische General de Metz, ein zweiter Mélac, die Angelegenheit höchst persönlich in die Hand genommen mit einer selten hartnäckigen Tatkraft, die einer bessern Sache würdig gewesen wäre. Hier gab es keine zehn Separatistengruppen, die sich gegenseitig mit Gift und Neid und Zwietracht bekämpften, hier war er es, der General, den Apparat einer straffen militärischen Organisation fest in der Faust, der den Plan erdachte und ausführte. Einige Subjekte, Hochverräter, waren mit ihm in Verbindung getreten, so der Heinz-Orbis, Mitglied des Reichstages und Führer der "Freien Bauernschaft", und der Sozialdemokrat Hoffmann, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident. Diese aber waren mehr die Nutznießer der von dem General eingefädelten Aktion. Im Rheinland standen die Separatisten in der ersten Linie und die Franzosen im zweiten Treffen, in der Pfalz war es umgekehrt. Die Franzosen betrachteten die Pfalz als ein Anhängsel, eine Fortsetzung des Saargebietes, und daher waren sie hier kühner, wagemutiger, unverschämter.

Die ersten Nachrichten von der Proklamierung der Rheinischen Republik trafen in Speyer ein. Jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren, und General de Metz war ein Mann der Tat. Am 24. Oktober hielt der Pfälzische Kreistag zu Ludwigshafen eine Sitzung ab, da erschien der französische Delegierte, Vertreter der Rheinlandkommission, im Auftrage des Generals, dessen Adjutant er war, Major Louis, und ergriff das Wort zu folgender Erklärung:

      "In Anbetracht, daß der gegenwärtige Zustand nicht andauern kann, ohne schließlich die allernotwendigsten moralischen und materiellen Interessen der Bevölkerung zu gefährden, und in Anbetracht ferner der höchst beunruhigenden und gefährlichen Lage in Bayern ist von heute [203] ab die Pfalz als autonomer Staat mit einer provisorischen Regierung bis zur weiteren Entwicklung der Ereignisse gebildet. Dieser autonome Staat der Pfalz verpflichtet sich feierlichst gegenüber der Hohen Alliierten Kommission zur Mitarbeit für die Erfüllung sämtlicher Verpflichtungen, die zur Tilgung der geschuldeten Reparationen und der möglichen Sicherheiten erforderlich sind."

Betretenes Schweigen. Der Vorsitzende erklärte dann, der Kreistag könne jetzt noch nicht Stellung nehmen. Er bitte um einen Aufschub. Die Parteien traten zusammen und lehnten kategorisch die Autonomie ab; die Sozialdemokraten bezeichneten Hoffmann als Hochverräter. Jetzt antwortete der Kreistag dem Major Louis, die Bevölkerung lehne den autonomen Staat ab, im übrigen sei nach Artikel 18 der Reichsverfassung der Kreistag in dieser Frage gar nicht zuständig und müsse es ablehnen, der Aufforderung zur Autonomie Folge zu leisten.

Aber General de Metz gab sein Spiel keineswegs verloren. Zunächst setzte er den pfälzischen Beamten in einer Rede auseinander, daß sie keine Hoheitsrechte mehr besäßen, da Bayern die Reichsverfassung gebrochen habe. Deshalb verbiete er ihnen die weitere Ausübung amtlicher Funktionen. Vor allem aber rief er aus der benachbarten Rheinprovinz separatistische Horden herbei, die auf den Regiebahnen befördert wurden und bald das ganze Land überschwemmten, mit Raub und Mord und Gewalttat das wehrlose Volk quälend. Die französischen Militärbehörden gaben ihnen Unterkunft und Kost und Löhnung, französische Militärärzte untersuchten sie auf ihre Diensttauglichkeit hin. Die deutsche Polizei und der deutsche Selbstschutz wurden entwaffnet, farbige und weiße Besatzungsregimenter unterstützten die Landstreicher tatkräftig, wenn sie die öffentlichen Gebäude besetzten. Immer mehr Orte wurden es, in denen die grünweißrote Flagge gehißt wurde, neben der die französische Trikolore wehte. Kein Protest gegen dieses gewalttätige Vorgehen hatte Erfolg, weder der des Regierungspräsidenten Mathéus, noch derjenige der Regierungen in München und Berlin. Was half es, daß man sich auf das Recht berief und die Franzosen daran erinnerte, daß sie, anstatt die Separatisten zu unterstützen, das Volk [204] vor dieser Landplage schützen sollten? Unter französischem Schutz plünderten die Banditen, verhafteten und verschleppten sie Deutsche.

Systematisch brachten die Hochverräter die pfälzischen Staate und Ämter in ihre Gewalt. In Kirchheimbolanden, Germersheim, Pirmasens, Zweibrücken wurde die Pfälzische Republik ausgerufen. In Kaiserslautern drangen die Sonderbündler in der Morgenfrühe des 5. November ein und besetzten das Bezirksamt. Französische Truppen zogen durch die Straßen. Am Nachmittag wurden die Freie Pfalz als ein Teil der Rheinischen Republik ausgerufen und, gleichsam um der Bevölkerung eine Vorstellung von dem neuen Staate zu machen, die Geschäfte geplündert. Sechs Tage später wurden die Regierungsgebäude von Speyer "erobert", nachdem die Franzosen die deutsche Polizei entwaffnet hatten. Heinz-Orbis trat hier an die Spitze der Bewegung. General de Metz aber erklärte der deutschen Regierung in der Pfalz, die Besatzungsbehörden müßten die Tatsache anerkennen, daß die neuen Machthaber de facto die Gewalt in Händen hätten. Die Separatistenbewegung sei eine rein interne deutsche Angelegenheit, und er habe sich nicht in diese einzumischen.

  Herrschaft der Franzosen  
und Separatisten

Die Franzosen und Sonderbündler ruhten nicht eher, als bis sie die ganze Pfalz in Händen hatten. "Und wenn die ganze Pfalz dabei zu einem Haufen Asche werden sollte, er werde dennoch die autonome Pfalz schaffen!" erklärte General de Metz, in bewußter Anlehnung an seinen ebenbürtigen Vorgänger Mélac. Ende November hatten die Separatisten sämtliche pfälzischen Bezirksstädte in ihren Besitz gebracht. Wie sie dabei zu Werke gingen, zeigte das Beispiel von Ludwigshafen. Hier wurde der Oberbürgermeister verhaftet, so daß die Stadt ihres Führers beraubt war; dann, am 23. November, erschien vormittags ein separatistischer, bewaffneter Stoßtrupp von etwa hundert Mann. Ihm folgte eine französische Kompanie, der sich tausend Erwerbslose der Stadt anschlossen. Jetzt entwaffneten die Franzosen die Polizei und zwangen den deutschen Selbstschutz, die öffentlichen Gebäude zu räumen, indem sie mit militärischer Gewalt drohten. Die Beamten wurden mit der Waffe zur Weiterarbeit [205] gezwungen. Patrouillen gingen durch die Straßen und besetzten die Rheinbrücken, rücksichtslos auf unbeteiligte Passanten schießend. Die Bevölkerung lehnte die Gewalttat ab. Die Arbeiter streikten. Die Geschäfte waren geschlossen.

  Terror in der Pfalz  

Über die Pfalz zog ein Schreckensregiment von unerhörtem Terror herauf. Rücksichtslos wurden die deutschen Beamten ausgewiesen und durch landfremde Eindringlinge ohne Fähigkeit und Vorbildung ersetzt, die nur eines verstanden: das Land auszusaugen. Alle möglichen Gegenstände, Kraftwagen, Vieh, Kleidung wurden requiriert. Wohnungen wurden beschlagnahmt. In kurzer Zeit hatten die Hochverräter 22 000 Pfälzer ausgewiesen. Wehrlos, nur auf ihre Fäuste angewiesen, waren die Einwohner dem Gewaltregiment ausgeliefert. Es kam vor, daß die bis aufs Blut Gepeinigten, zu allem

  Aufstände  

entschlossen, Widerstand leisteten und die Verbrecher aus der Stadt zu jagen suchten. Doch dann erschienen französische Truppen mit Maschinengewehren, Spahis, Marokkaner und französische Gendarmerie, und schossen auf das verzweifelte Volk. Die Herrschaft der Separatisten wurde von diesen wie ein kostbarer Schatz,

Französische Marokkaner vor einem pfälzischen Bahnhof.
[Bd. 2 S. 16b]      Französische Marokkaner
vor einem pfälzischen Bahnhof.
   Photo Scherl.
ein Kleinod gehütet und bewacht. Und die Franzosen standen in verbrecherischer Grausamkeit, in ihrem Sadismus in nichts ihren separatistischen Freunden nach. Da wurde ein Regierungsbeamter Bock aus Speyer und ein Leidensgefährte verhaftet, weil sie sich an der Abwehr gegen die Autonomiebewegung beteiligt hatten. Sie wurden in viehischer Weise geschlagen und von beiden Seiten zwischen bissige Hunde genommen, die man auf sie hetzte, wenn sie nicht aussagen wollten. Als der eine der Unglücklichen ohnmächtig durch die brutalen Mißhandlungen zu Boden fiel, goß man Wasser auf ihn und setzte die Quälereien fort, wenn er das Bewußtsein wiedererlangt hatte! Die Schrecken und Leiden des Dreißigjährigen Krieges verschwinden gegen die satanischen Gemeinheiten der Franzosen, und länger als drei Monate hatte das unglückliche Volk die furchtbare separatistische Geißel zu ertragen.

Am 2. Januar 1924 beschloß die Rheinlandkommission, die von der separatistischen Pfalzregierung erlassenen Verordnungen zu registrieren. Dies bedeutete die in aller Form [206] vollzogene Anerkennung der autonomen Regierung. Doch Lord Kilmanrock, der Engländer, erhob Widerspruch, indem er die Stellung der britischen Regierung zu dieser Frage bekanntgab. Zwar hatte der Bezirksdelegierte von Zweibrücken, Oberstleutnant Dufour, dem deutschen Bezirksamt mitgeteilt, daß er die separatistische Regierung ablehne, er mußte aber auf Anordnung des Generals de Metz diese Bekanntmachung widerrufen. Zwischen den Regierungen Englands und Frankreichs kam es infolge der Pfälzer Vorgänge zu bedenklicher Spannung. Die Engländer sahen von Anfang an in den Separatisten "eine Gruppe von Abenteurern ohne Autorität", wie sich Lord Curzon am 16. Januar im Oberhause ausdrückte, und Lord Kilmanrock, bei dem die Häupter der protestantischen und katholischen Kirche erschienen waren, um ihm mitzuteilen, daß die Bewegung dem Geiste der Bevölkerung vollkommen fremd sei, stimmte diesem bei, indem er die Ansicht vertrat, daß sich die Interalliierte Kommission im Rheinlande nur zur Sicherheit der verbündeten Truppen aufhalte, nicht aber, um Staaten zu gründen. Der Lord wurde außerdem von seiner Regierung beauftragt, einen seiner Offiziere zur Untersuchung der Lage nach der Pfalz zu entsenden. Dem aber widersprachen die Franzosen aus technischen Gründen, und so erhielt der britische Generalkonsul Clive in München von London aus die Weisung, sich an Ort und Stelle über die Zustände zu unterrichten.

  Englischer Generalkonsul  
Clive in der Pfalz

Inzwischen waren bei einem Tumult in Speyer, am 9. Januar, Heinz aus Orbis, der Präsident der autonomen Pfalzregierung, und die separatistischen Führer Weiß, Sand, Weigl und Fußheller erschossen worden. Sechs Tage später, am 15. Januar, empfing Clive in Mannheim eine große Versammlung von Vertretern des pfälzischen Volkes. Sämtliche Wirtschaftsverbände der Pfalz, Arbeitgeber und Gewerkschaften, die politischen Parteien einschließlich der Kommunisten, die Presse hatten ihre Vertreter gesandt. Der Präsident des evangelischen Landeskirchenrates der Pfalz, Dr. Fleischmann, und das Oberhaupt der katholischen Kirche, Bischof Dr. Ludwig Sebastian aus Speyer, waren erschienen. In den Berichten entrollte sich ein erschütterndes Bild von den Qualen der [207] Bevölkerung. Es ergab sich, daß die Separatisten nur durch den Schutz des Generals de Metz und seiner Bezirksdelegierten sich in der Pfalz festsetzen konnten und ihre Gewaltherrschaft gegen den einmütigen Willen der wehrlosen pfälzischen Bevölkerung aufrechterhielten. Ein Arbeiterführer erklärte: "Noch nie und in keinem Punkte war und ist das pfälzische Volk so einig wie in seiner Ablehnung des Separatismus." Zum Schluß wurde eine Kundgebung der pfälzischen politischen Parteien, der Kirche, Presse, Wirtschaft und Berufsstände verlesen. Alle Versammelten erhoben sich spontan zum Zeichen ihrer Zustimmung:

      "Die berufensten Vertreter sämtlicher Weltanschauungen, aller politischen, wirtschaftlichen und beruflichen Verbände der Pfalz erklären dem Herrn englischen Generalkonsul Clive, als dem Abgesandten der Regierung Großbritanniens, daß sich die pfälzische Bevölkerung auch unter den fürchterlichsten Drangsalen der Gewaltherrschaft der sogenannten separatistischen Regierung, als einer Horde landfremder, sittlich minderwertiger Elemente niemals beugen wird. Nur durch die direkte Unterstützung der Separatisten durch die französische Besatzung wurde diese Gewaltherrschaft gegen eine wehr- und waffenlose Bevölkerung möglich. Im Namen der Menschenrechte und des Selbstbestimmungsrechtes einer kulturell und wirtschaftlich hochstehenden Bevölkerung von 800 000 treudeutschen Pfälzern bitten wir den Herrn Vertreter der britischen Nation, bei seiner Regierung dahin wirken zu wollen, daß unserer Pfalz wieder der Rechtsboden der deutschen und bayerischen Verfassung, des Versailler Vertrages und des Rheinlandabkommens gegeben wird und die Bevölkerung der Pfalz von der separatistischen Tyrannei und Versklavung befreit wird."

Fünf Tage bereiste Clive nun das pfälzische Gebiet und überzeugte sich durch Augenschein und Rücksprache mit Behörden und Privatleuten von den Zuständen. Am 20. Januar telegraphierte er folgendes nach London:

      "Nachdem ich fünf Tage damit zugebracht habe, die Ansichten von Leuten aller Klassen und von jedem Teil der Pfalz zu hören, bin ich zu diesen allgemeinen Schlußfolgerungen gekommen:
[208]     1. Die überwältigende Masse der Bevölkerung befindet sich im Gegensatz zur autonomen Regierung.
      2. Diese Regierung hätte niemals zustande gebracht werden können ohne französische Unterstützung und würde sofort vertrieben werden, wenn die französische Unterstützung entzogen würde.
      3. Nach dem Eingeständnis von Bley, dem nominellen Haupt der Regierung, kamen 75 Prozent der Separatisten von außerhalb der Pfalz. Diese schließen zweifellos ein starkes Element früherer Verbrecher ein und von Männern, die in Regierungsgeschäften vollkommen unerfahren sind.
      4. Die katholische und protestantische Kirche, die Beamtenkreise und die Mehrheit der Bevölkerung in den großen Städten weisen den Gedanken jeder Trennung von Bayern zurück.
      5. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung ist, während er der Frage der Trennung von Bayern gleichgültig gegenübersteht, der Trennung vom Reiche abgeneigt.
      6. Es besteht auch eine Stimmung unter gewissen Kreisen, besonders Bauern und sozialistischen Arbeitern, zugunsten eines Rheinlandstaates einschließlich der Pfalz, politisch unabhängig, aber wirtschaftlich an das Reich gebunden. Diese Leute fürchten eine militärische Politik Berlins und Münchens.
      7. Unter den Bauern und der Arbeiterklasse herrscht ein starkes Gefühl von Kriegsmüdigkeit und der Wunsch nach Frieden um jeden Preis.
      8. Die Loyalitätserklärung wurde in allen Teilen abgelehnt. Die Unterzeichner waren beschränkt auf Gemeindebürgermeister, die bäuerliche Grundbesitzer sind, von denen manche ursprünglich unterzeichneten, ohne ihren Gemeinderat zu befragen, und jetzt ihre Zustimmung zurückgezogen haben. Die Pfälzer Bauern sind im allgemeinen der Politik gegenüber gleichgültig und wünschen nur in Frieden zu leben, ohne eine Ausweisung befürchten zu müssen. Diese Leute würden meines Erachtens jede Erklärung von seiten jeder Regierung unterzeichnen, um in Frieden gelassen zu werden, und Unterschriften, die in einer Anzahl von Fällen unter Drohung erlangt [209] worden sind, können nicht die Annahme rechtfertigen, daß die Mehrheit der Bauern der autonomen Regierung günstig gesinnt sei."

  Haltung Poincarés  

In Paris leugnete Poincaré trotz offenkundigster Beweise jede Beteiligung an dem Aufstande ab. Schon Anfang November beantwortete er eine deutsche Protestnote damit, daß er behauptete, der Separatistenaufruhr sei zurückzuführen auf die durch den passiven Widerstand in Deutschland hervorgerufene Unruhe und auf den Mehrheitswillen der Bevölkerung. In einer Kammerrede am 23. November heuchelte der französische Ministerpräsident folgendes:

      "Die britische Regierung hat uns der Parteilichkeit gegenüber den Separatisten bezichtigt, eine Unterstützung der Separatisten hat nicht stattgefunden. Aber die französische Regierung kann nicht zulassen, daß unter ihren Augen friedfertige Menschen getötet werden, nachdem die deutsche Regierung Befehl gegeben, auf Separatisten zu schießen. Wir sind in allen Punkten unserer Politik treu geblieben."

Es machte dem die Geschicke Frankreichs leitenden Staatsmanne nichts aus, daß ihn seine untergeordneten Organe bloßstellten, wie dies zum Beispiel durch General de Metz geschah, der einem pfälzischen Industriellen erklärte: "Ich kann Ihren Beschwerden über die Separatisten nicht abhelfen. Meine vorgesetzte Behörde in Paris hat mir den bestimmten Auftrag gegeben, so vorzugehen, wie ich es tue."

  Deutscher Protest  

Am 2. Februar sandte die deutsche Regierung eine Note nach Paris, in der sie erklärte, sie befinde sich im Besitz unwiderleglicher Beweise, daß den separatistischen Banden, obwohl sie ihrerseits schwer bewaffnet seien und einer völlig wehrlosen Bevölkerung gegenübergestanden halten, es niemals gelungen wäre, in der Pfalz die Oberhand zu gewinnen, wenn sie nicht von vornherein von den französischen Besatzungbehörden mittelbar und unmittelbar bei ihrem hochverräterischen Unternehmen unterstützt worden wären. Die Note schließt:

      "Die deutsche Regierung ersucht die französische Regierung, den gesetz- und vertragsmäßigen Zustand in der Pfalz wiederherzustellen und zu diesem Zweck ihre Organe vor allem anzuweisen:
[210]     1. Die unter ihrer Duldung oder Mitwirkung mit Waffen ausgerüsteten Separatisten zu entwaffnen, ihre Entfernung aus den von ihnen mit Unterstützung der Besatzungsbehörden besetzten öffentlichen Gebäuden zu ermöglichen und eine uneingeschränkte Wiederaufnahme der Tätigkeit der deutschen Behörden wieder zuzulassen;
      2. der Rückkehr der von den Separatisten vertriebenen Einwohner keine Hindernisse in den Weg zu legen;
      3. sich künftig jeder Einmischung in deutsche innerpolitische Verhältnisse und insbesondere jeder unmittelbaren oder mittelbaren Unterstützung aufrührerischer Elemente in den besetzten Gebieten zu enthalten."

Frankreich hatte immer noch die Stirn, in hochmütigem Tone Deutschlands Feststellungen als "Verleumdungen" zu bezeichnen. Dennoch aber mußte Poincaré dem entschiedenen Drucke Großbritanniens nachgeben. In der ersten Februarhälfte wurde die Separatistenherrschaft abgebaut; in den meisten Orten geschah dies mit größter Ruhe und Schnelligkeit. Nur in Kaiserslautem und Pirmasens kam es am 12. Februar zu blutigen Zusammenstößen, da sich die Separatisten weigerten, dem Befehle nachzukommen, die besetzten Bezirksämter zu räumen. In Pirmasens kam es zu einem förmlichen Aufstand. Die Sturmglocken wurden geläutet, die unbewaffneten Bürger, unbekümmert um eigene Verluste, gingen gegen das Bezirksgebäude vor, aus dem sich die mit Karabinern, Revolvern und Handgranaten bewaffneten Separatisten verzweifelt wehrten. Endlich gelang es den Bürgern, das Gebäude in Brand zu stecken. Die aus den Flammen herauskommenden Hochverräter wurden von dem erbitterten Volk schrecklich gelyncht. Natürlich hatte dieses Vorgehen Sanktionen der Rheinlandkommission zur Folge. Der Belagerungszustand wurde über Pirmasens verhängt, alle nationalen Vereine wurden aufgelöst; die Urheber der Unruhen wurden vor ein Kriegsgericht gestellt; der Verkehr in der Nacht war verboten, ebenso der Verkehr auf der Rheinbrücke; die deutsche Polizei wurde dem Oberbefehl der alliierten Militärbehörde unterstellt. Major Penoul, der bisherige Bezirksdelegierte, wurde abberufen und durch den Platzkommandanten Pinneau ersetzt, [211] welcher der Bevölkerung mitteilte, daß auf Anordnung des Generals de Metz eine Liste von hundert Personen aller Stände angefertigt sei, die sofort als Geiseln verhaftet würden, falls sich die Vorgänge wiederholten.

  Ende der Separatistenherrschaft  
in der Pfalz

Es hatte sich ein französisch-englischer Untersuchungsausschuß für die Pfalz gebildet, der mit den Vertretern der Bevölkerung am 15. Februar das Speyerer Abkommen abschloß:

      "1. Die von den Separatisten ausgewiesenen Beamten dürfen wieder nach der Pfalz zurückkehren.
      2. Bis zur Wiedereinsetzung der verfassungsmäßigen Regierungsgewalt wird der Kreisausschuß an der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung mitarbeiten."

Am Sonntag, dem 17. Februar, morgens acht Uhr, übernahm der Kreisausschuß die vorläufige Regierung, und zwei Tage später lag die Leitung des Landes wieder in den Händen Bayerns. Die Rheinlandkommission gestattete wieder den freien Verkehr innerhalb der besetzten Gebiete und die Ausfuhr in- und ausländischer Brennstoffe, Kohle, Koks oder Braunkohle, nach dem unbesetzten Deutschland und dem Ausland. Nur für die Einfuhr von Braunkohle wurde die Einfuhrbewilligung aufrechterhalten.

So endete das separatistische Abenteuer im Rheinland und in der Pfalz, ein dunkles Kapitel nicht nur in der deutschen, sondern auch in der französischen Geschichte. Es sei noch ein Urteil aus dem englischen Observer von Ende November 1923 mitgeteilt:

      "Wir haben niemals für die Zerstörung Deutschlands gekämpft, niemals für die Aufrichtung einer neuen napoleonischen Militärdespotie in Europa, die von Hunderttausenden schwarzer Truppen gestützt wird, und wie wir niemals dafür gekämpft, so werden wir es niemals hinnehmen. Hätten wir gewußt, daß hinter dem Anspruch auf Elsaß-Lothringen stets eine umfangreiche, ungeheuere reservatio mentalis bestand, die etwas noch Schlimmeres als das Wiederaufleben der Politik Ludwigs XIV. und Napoleons plante, so hätte die Entente cordiale niemals existiert, die Vereinigten Staaten hätten niemals auf dem Kontinent interveniert, und nicht ein Blutstropfen würde von britischen und [212] amerikanischen Soldaten in Europa vergossen worden sein. Wir würden uns anders eingestellt haben. Das, was sich vor unseren Augen abspielt, ist eine offene Begünstigung des Separatismus und der Anarchie in der deutschen Bevölkerung. Was wir sehen, ist ein anrüchiges Werk, ist ein ränkevolles Werk, ist des Teufels Werk. Im Vergleich mit den Kundgebungen der alliierten und ihnen assoziierten Mächte während des Krieges ist es eine der häßlichsten und beschämendsten Täuschungen in den Annalen der Menschheitsgeschichte." –

Für Poincaré aber bedeutete das Ende des Separatistenputsches eine entscheidende, ja, vielleicht die schwerste Niederlage seiner Politik Deutschland gegenüber.

Zustände im Saargebiet:
  Qualen der Saarbevölkerung  

Noch eine kurze Betrachtung sei den Ereignissen im Saargebiet gewidmet. Dieses industriell hochwertige Stück war im Versailler Vertrag von Deutschland abgetrennt worden, ohne daß es den Franzosen gelang, es zu annektieren. Doch hofften sie, dies in 15 Jahren tun zu können, indem sie glaubten, eine Volksabstimmung werde ihnen den Sieg verschaffen. Sie behaupteten, unter den 700 000 Einwohnern des Saarbeckens hätten sich 1918 150 000 Franzosen befunden. In Wahrheit wurden nicht hundert Franzosen gezählt. Deutschland mußte in Versailles zugunsten des Völkerbundes, der als Treuhänder betrachtet wurde, auf das Saarbecken verzichten, und dieser bildete eine Saarregierung, bestehend aus fünf Mitgliedern, von denen nur ein Deutscher sein darf und deren Vorsitzender der Franzose Rault war. Eine Volksvertretung gab es in den ersten Jahren nicht. Zwar wurde am 24. März 1922 die Bildung eines Landesrates, aus 30 Mitgliedern bestehend, verordnet, doch war dies nur ein Scheinparlament. Seine Mitglieder genossen keine Immunität, und der Landesrat hatte ausschließlich nur begutachtende Befugnisse; an seine Beschlüsse war die Regierungskommission nicht gebunden, sie entschied und regierte vielmehr absolut und nach eigenem Ermessen.

Tausende weißer und schwarzer Franzosen wurden in dem kleinen Territorium untergebracht. Erst seit 1923 wurde die Truppenstärke angeblich auf ein Fünftel, 2200 [213] Mann, herabgesetzt. 3000 französische Gendarmen verteilten sich über das Land, um die Ordnung und öffentliche Ruhe aufrechtzuerhalten, wie Frankreich dies wünschte. Ein furchtbares Los traf die unglückliche Bevölkerung. Jede deutsche Willensäußerung war verboten, wurde sogar bestraft mit Gefängnis und rücksichtsloser Ausweisung. Deutsche Beamte und Grubenarbeiter, die sich weigerten, ihre Kinder in französische Schulen zu schicken, wurden drangsaliert und gequält. Sie wurden bei erster Gelegenheit entlassen, bei Beförderungen übergangen, in Wohnungsangelegenheiten schikaniert. Dragonaden waren ein beliebtes Mittel, um jeden Widerstand zu brechen. Werber für die französische Fremdenlegion zogen durchs Land und verschleppten junge Leute nach der Hölle Afrikas. Über der Presse hing ständig das Damoklesschwert des Verbotes, und zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wurden am Erscheinen verhindert. Durch die Ruhrbesetzung verschärften sich diese Bedrückungen. Daß die nationalen Verbände und Parteien unter scharfer Kontrolle standen, zum Teil auch verboten wurden, war klar; jetzt aber, 1923, griff man brutal in die freie Meinungsäußerung ein. Am 7. März 1923 erschien eine Verordnung, wonach mit Gefängnis bis zu fünf Jahren und 10 000 Franken Geldstrafe jeder bestraft werden sollte, der öffentlich oder in einer Versammlung den Versailler Vertrag und seine Signatarmächte, den Völkerbund und seine Mitglieder, die Regierungskommission und ihre Mitglieder oder sonstige für die Landesverwaltung verantwortliche Organisationen und Beamte kritisierte oder beschimpfte. Das war eine Verordnung, wie sie nur unter dem Absolutismus eines Ludwigs XIV. möglich war. Auch sparte man nicht mit seelischen Qualen. Die Regierung schützte Anzeichen einer Revolution vor, um Haussuchungen durchführen zu lassen, "sowohl bei denjenigen Personen, von denen bekannt war, daß sie Mitglieder geheimer Organisationen waren, als auch bei denen, deren Namen durch die eingeleiteten Ermittelungen festgestellt worden sind."

Tapfer wehrten sich die deutschen Saarländer gegen den Zwang, sich der französischen Kultur zu unterwerfen. Sie protestierten dagegen beim Völkerbund und beim Deutschen [214] Reich, daß sie ihre Kinder in französische Schulen schicken sollten, wie dies erzwungen wurde, sie protestierten gegen die Erlernung der französischen Sprache, die mehr und mehr als Sprache des öffentlichen Umganges und Verkehrs eingeführt wurde, sie protestierten gegen den Franken, dessen Einführung als offizielles Zahlungsmittel im Sommer 1923 erzwungen wurde. Das aber war die tiefe Tragik

  Wirtschaftsüberfremdung  

des saarländischen Volkes: gegen die kulturelle Unterjochung konnte es sich wehren, denn niemals läßt sich der Geist zwingen, machtlos aber war es gegen die wirtschaftliche Eroberung. Und gerade diese war ja den Franzosen leicht gemacht, da man das Saargebiet vom deutschen Wirtschaftskörper abgetrennt und mit einer Zollschranke umgeben hatte, trotzdem nach den Versailler Bestimmungen bis zum 10. Januar 1925 ein ungehinderter zollfreier Warenaustausch zwischen dem Saargebiet und Deutschland stattfinden sollte. Die Staatsbergwerke an der Saar hatte Frankreich annektiert, die Staatseinnahmen des Saargebietes, Zölle und Steuern, standen der Saarregierung zur Verwaltung des Landes zur Verfügung. Diese vom Völkerbunde eingesetzte Saarregierung, die in Wahrheit eine französische Regierung war, drängte die Saarwirtschaft ganz in den Bann der französischen Wirtschaft. Das, was im Rheinland nicht gelungen war, hier wurde es erzwungen. Die Einführung der französischen Währung war nur der Anfang. Die Inflation, der heillose Zusammenbruch der deutschen Mark bot dem französischen Kapital die günstigste Gelegenheit, auch in die deutschen Unternehmungen einzudringen. Natürlich wehrte sich die deutsche Industrie dagegen. Da griff die Saarregierung ein. Nicht allein, daß sie die französische Saarkohle ein Drittel teurer verkaufte als der Preis der Ruhrkohle betrug – schon hierdurch wurden viele Betriebe konkurrenzunfähig gemacht gegenüber denen des unbesetzten Deutschland –, nein, es wurde überhaupt jede Kohlenlieferung an die Widerstand leistenden Unternehmen eingestellt.

  Französische Wirtschaftspolitik  
im Saargebiet

So kam es, daß die meisten industriellen Werke zu 60 Prozent ihres Kapitals, ihrer Aktien in französische Hände übergingen, so die Mannesmannröhrenwerke, das Neunkircher Eisenwerk, die Halberger und die Dillinger Hütte, die [215] Maschinenfabrik Ehrhardt & Schmer. Diese Unternehmungen waren gezwungen, französisches Kapital aufzunehmen, wenn sie nicht ganz zugrunde gehen wollten; denn auf die Dauer waren sie außerstande, die wucherischen Kohlenpreise zu zahlen. Einige Stahlwerke und Glashütten sind gänzlich in französischen Besitz übergegangen. Die Röchlingschen Werke in Völklingen waren die einzigen, die sich von jedem Zugriff des französischen Wirtschaftskapitals frei gehalten hatten. So wurde der Besitz der in Versailles ausgelieferten Staatsbergwerke der Hebel, der angesetzt wurde, um die blühende Industrie in französische Hörigkeit zu bringen. Die Kohle war die Waffe, mit der das Saargebiet wirtschaftlich unterjocht wurde.

Die Franzosen aber hatten mehr im Auge, als nur möglichst billig infolge der Inflation in den Besitz der Saarindustrie zu gelangen: sie wollten einen Keil zwischen das deutsche Unternehmertum und die deutsche Arbeiterschaft treiben, um die geschlossene deutsche Abwehrfront gegen die französischen Annexionsgelüste zu durchbrechen. Wohl erzielte der französische Staat durch eine Erhöhung des Kohlenpreises um 60 Prozent gegenüber dem Friedenspreise wesentlich höhere Gewinne als die preußische Verwaltung vor dem Kriege, dennoch erhielten die deutschen Bergarbeiter nicht einmal Friedenslöhne. Die französischen Bergarbeiter dagegen bekamen einen um mehr als die Hälfte höheren Lohn. Auf diese Weise hoffte man die deutschen Arbeiter zu gewinnen, sie zu Verrätern an ihrem Vaterlande zu machen. –

  Separatismus im Saargebiet  

Zu alledem kam noch, daß auch im Saargebiet deutsche Verräter eine separatistische Bewegung in Fluß brachten. Der vom französischen Propagandadienst aufgezogene "Saarbund" bildete das Sammelbecken für diese unlauteren Elemente. In einer Anzahl von Saargruben gab es viele Verräter und Feiglinge, die dem französischen Grubenherrn im Kampfe gegen die treudeutsche Arbeiterschaft den Rücken stärkten, angefangen vom Fahrhauer bis zum Obersteiger. Ebenfalls befanden sich solche Elemente unter den preußischen Bergbeamten, die der französischen Saargrubenverwaltung von der preußischen Regierung vorübergehend zur Verfügung gestellt [216] waren. Diese Leute wurden später nach ihrer Rückkehr in den preußischen Staatsdienst mit Entlassung ohne Pension bestraft. Vorgreifend wollen wir berichten, daß die Franzosen 1924 und 1925 den saarländischen Separatismus zu stützen versuchten, indem der französische Saarbergfiskus nach der Liquidierung des Ruhrkampfes mehrere Dutzend sogenannte "Micum-Steiger" im Saargebiet unterbrachte. Allerdings war den Saarbündlern diese Konkurrenz von Mitverrätern wenig angenehm, da sie hierdurch ihre Verdrängung von der französischen Futterkrippe befürchteten. Zwei Gewerkschaftsführer, die sich eines gewissen politischen Ansehens erfreuten, liefen zu den Französlingen über, aber nur ein höherer preußischer Staatsbergbeamter, der als Scharfmacher bekannte Bergassessor Rosenbeck, trat in den französischen Staatsdienst, indem er als "Ingenieur-Divisionaire" an die Spitze einer Luisenthaler Grube trat. Da sich die Londoner Amnestie 1924 nicht auch auf das Saargebiet erstreckte, war die preußische Regierung in der Lage, die vaterlandslosen Gesellen zu bestrafen, sobald sie ihrer habhaft wurde. –

  Schlußbetrachtung  

Alles dies, was wir bis jetzt von den Ereignissen an Rhein, Ruhr und Saar berichtet haben, zeigt, welch ein unseliger Kampf in diesen Gebieten seit 1918 tobte. Im Jahre 1923 hatte er seinen Höhepunkt erreicht. Diesen Kampf glaubten die Regierungen zu führen, die französische, die sich im Angriff befand, und die deutsche, welche die Abwehr betrieb. Aber die Regierungen täuschten sich. Nicht sie, sondern die Völker kämpften. Doch verloren die Regierungen den Kampf, die französische politisch, die deutsche diplomatisch. Nie hatte die französische Politik eine katastrophalere Niederlage erlitten als bei dem großzügigen Angriff, den sie 1923 auf der breiten Front von Saarbrücken bis Essen unternommen hatte; nie aber erwies sich die Ohnmacht der deutschen Regierung unverhüllter, beschämender und schmerzlicher als in jenen Monaten, da sie nicht in der Lage war, durch das Gewicht ihres Wortes dem räuberischen Vordringen Frankreichs Halt zu gebieten. Es war kein Kampf der Waffen, es war kein Kampf der diplomatischen Noten, der 1923 in Westdeutschland tobte und die Nerven erschütterte: es war das gewaltige [217] Ringen zweier Kulturen. Frankreich und Deutschland, diesmal nicht als politische Begriffe, sondern als Kultureinheiten aufgefaßt, rangen um 14 Millionen Seelen, das war der vierte Teil der deutschen Bevölkerung! Und da erwies es sich, daß der deutsche Kulturgedanke der stärkere, herrischere war. Aus diesem Kampfe, den Frankreich an Rhein und Ruhr, in der Pfalz und zum Teil an der Saar verlor, ging siegreich hervor nicht die deutsche Regierung, auch nicht das deutsche Volk, sondern letzten Endes die deutsche Kultur. Jenes Unbewußte, Unfaßbare, das den Menschen veredelt und erhebt, bäumte sich auf gegen die rohe Unterdrückungswut der Franzosen. Jenes Große, Schöpferische, das tausend Jahre hindurch gepflegt und genährt worden war, stets die Gemüter läuternd, immer aufs neue gewaltig, den Geist beflügelnd, die deutsche Kultur, sie wurde plötzlich Erkenntnis der Massen, und indem sie dies wurde, siegte sie! In diesem deutschen Kulturwillen bestand die Einheit des Deutschen Reiches, jahrhundertelang von Preußen geschaffen, von Bismarck schließlich vollendet, ihre gefährlichste und furchtbarste Probe im Herbst 1923, aber sie bestand diese Probe glänzend! Das Deutsche Reich hatte im Feuer des Aufruhrs und drohenden Unterganges dem gesamten Erdball bewiesen, daß es trotz Not und Elend von höherer Macht zu Stärke und Zukunft berufen war. Die Gnade der Stunde war es, daß die Mehrzahl seiner Söhne dies erkannten. Eine tiefschwarze Wolke von Leid und Jammer breitete sich über das deutsche Volk, aus einem Meer von Not und Tod rang sich täglich, ja stündlich ein erschütternder Schrei nach dem andern empor, und dennoch strahlte hinter all dem Sturm eine leuchtende Sonne: das einige Reich, und von ihr ging die Kraft der Standhaftigkeit aus, welche es vermochte, das Elend zu überdauern, es zu bezwingen.

Dem Historiker mag es vergönnt sein, an einen gleichen erbitterten Kampf der Geister zu erinnern, der sich 3½ Jahrhundert vorher ebenfalls gewissermaßen auf deutschem Boden abgespielt hat: an den Freiheitskampf der Niederlande gegen die finstere spanische Inquisition. Ist nicht das Ringen des blutigen Alba mit den Oranien, Egmont und Hoorn das gleiche, wie das Ringen [218] Degouttes mit Schlageter und allen, die ihm nahestanden? Was vermochten die grausamen Regimenter des spanischen Philipp auszurichten gegen das Volk, das standhaft zu seinem Glauben, zu seiner Kultur hielt? Was vermochten die französischen Regimenter Poincarés gegen ein Volk zu erreichen, das zäh und kühn die Güter seines Geistes gegen die Eindringlinge verteidigte?

Es ist nicht immer die Gewalt der Waffen, welche Kriege entscheidet, es ist vorzüglich die Wucht des Geistes! Nie hat sich der große, göttliche Odem der Menschheit klarer offenbart als in jenen beiden kongenialen Ringkämpfen mit ungleichen Waffen, jenem Freiheitskampf der Niederländer gegen Spanien und jenem Selbstbehauptungskampf der Deutschen an Rhein, Ruhr und Saar gegen Frankreich!



Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra