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[Bd. 3 S. 96]

3. Kapitel: Die Reichsexekution gegen Sachsen und Thüringen,
Putsch in Küstrin, Erhebung in Bayern, Hungerrevolten.

Exekutivgewalt
  der Reichswehr  
in Sachsen

Bereits am 27. September übertrug der Reichswehrminister Dr. Geßler die vollziehende Gewalt im Freistaat Sachsen auf den Kommandeur des Wehrkreises IV, Generalleutnant Müller in Dresden. Es waren bei der Verkündung der Militärdiktatur für die einzelnen Wehrkreise gleichzeitig Zivilkommissare ernannt worden, welche die Generale hinsichtlich der zivilen Staatsverwaltung zu unterstützen hatten. Dr. Zeigner hatte den Wunsch, selbst einen Zivilkommissar zu ernennen, und nicht einen vom Reiche verordneten zu erhalten. Aber Geßler lehnte den Wunsch ab. Es liege offensichtlich in Sachsen eine nicht ganz zutreffende Beurteilung des Wesens des militärischen Ausnahmezustandes und insbesondere der Aufgabe des Regierungskommissars vor. Der militärische Ausnahmezustand solle für Zeiten gespannter Lage die sonst fehlende Reichsexekutive schaffen. Seinem Unmut gegen die Reichsregierung machte Zeigner in seinem amtlichen Blatt, der Sächsischen Staatszeitung, Luft, indem er erklärte, die Sozialdemokratie stehe im Reich heute vor der Frage, ob sie durch eine rücksichtslose, von Koalitionshemmungen befreite Politik das Vertrauen der Massen erhalten oder auf dem Wege weiterer Konzessionen langsam verbröckeln und damit den Ausblick in eine wirkliche deutsche Demokratie zerstören wolle. In wesentlich schärferen Tönen und Drohungen ergingen sich die kommunistischen Zeitungen; sie riefen zum Generalstreik auf, zum Protest gegen die brutale Militärdiktatur; die Republik sei in Gefahr, wenn ihr Schutz der Reichswehr anvertraut sei, die ja mit monarchistischen Verbänden zusammenarbeite. Man forderte sofortige Aufhebung des Ausnahmezustandes. General Müller verbot hierauf sämtliche kommunistischen Zeitungen Sachsens auf unbestimmte Zeit.

[97] Den ganzen Umständen nach hielt Zeigner seine Lage für äußerst günstig. Aus allen Teilen des Reiches trafen Nachrichten von Teuerungsunruhen ein, welche sich besonders in den Großstädten, z. B. Mannheim, Berlin, Breslau abspielten und zum Teil einen blutigen Charakter annahmen. Das deutsche Volk schüttelte sich wieder einmal im Wechselfieber einer Revolution, und Zeigner hoffte zuversichtlich auf den bevorstehenden Ausbruch einer großen Bewegung, indem er materielle Beweggründe mit politischen verwechselte. Thüringen war Sachsens Beispiel gefolgt. Nationalsozialistische Unruhen hatten sich in Preußen und Bayern entwickelt. Am Rhein tobten die Separatisten. Und schließlich saßen ja in der Reichsregierung auch Sozialdemokraten, die schon dafür sorgen würden, daß im rechten Augenblick der Reichswehr in Sachsen die Hände gebunden würden.

Kommunistischer
  Generalstreikbeschluß  

Angesichts der Gefahr, welche der deutschen Republik von der Reichswehr in Sachsen drohte, hatten sich die Kommunisten entschlossen, der sächsischen und thüringischen Regierung ihren Eintritt anzubieten. Auch gaben sie sich alle erdenkliche Mühe, zur Unterstützung der bedrängten sächsischen Regierung im Reiche den Generalstreik zu entfachen und die Lebensmittelkrawalle ins Politische zu ziehen. Damit hatten sie aber kaum Erfolg, denn die Arbeiterschaft war müde und verdrossen und zeigte wenig Lust, ihre Nahrungsmittelsorgen für politische Experimente ausschlachten zu lassen. Die Reichszentrale der kommunistischen Partei teilte dem Volke am 5. Oktober den Entschluß zum Eintritt in die sächsische und thüringische Regierung mit folgenden Worten mit:

      "Angesichts der großen Gefahr, die dem deutschen Proletariat und vor allem der sächsischen und thüringischen Arbeiterschaft droht, die das erste Angriffsziel des Faschismus bildet, hat die Zentrale der KPD. beschlossen, alle Bedenken zurückzustellen und in die thüringische und sächsische Regierung einzutreten, um gemeinsam mit den thüringischen und sächsischen Sozialdemokraten die Arbeiterschaft zur Abwehr der faschistischen Gefahr zusammenzuschweißen. Die Zentrale der KPD. ist davon überzeugt, daß die gesamte Arbeiterschaft im Reich die sächsische und thüringische Regierung verteidigen und verhindern wird, [98] daß die Faschisten die thüringische und sächsische Arbeiterschaft niederschlagen."

  Eintritt der Kommunisten  
in die sächsische
Regierung Zeigners

Am gleichen Tage fand in Dresden eine Besprechung zwischen dem Landesarbeitsausschuß und der Landtagsfraktion der Sozialdemokratischen Partei Sachsens statt, wobei das Regierungsprogramm für den Eintritt der Kommunisten in die Regierung aufgestellt wurde. Das Programm sah folgendermaßen aus: Ziel der gemeinsamen Arbeit sollte sein die Befestigung der Republik, die Hebung der sozialen Lage der werktätigen Bevölkerung, Reform der Wirtschaft auf sozialistischer Grundlage, planmäßiger Ausbau und Erweiterung der Staatsbetriebe, vollständige Republikanisierung der Landespolizei, Verbot aller illegalen antirepublikanischen Versammlungen, Ausbau der proletarischen Hundertschaften als Abwehrorganisationen gegen die Feinde der Republik. "Ihre Verwendung für den Schutz der Republik ist vorzubereiten", das heißt sie sind restlos zu bewaffnen. Der Staatsapparat sollte von allen republikfeindlichen Elementen befreit werden. Ferner sollten Kontrollausschüsse zur Bekämpfung des Wuchers gebildet werden. Lebensmittel sollten durch Zwangslieferungen beschafft werden. Für die Besitzenden wurde schärfste Besteuerung vorgesehen. Von der Reichsregierung wollte man eine durchgreifende Republikanisierung der Reichswehr fordern, ferner Säuberung von reaktionären Offizieren und rücksichtslose Anwendung der Schutzgesetze. Ferner wollte man schärfste Besitzbesteuerung, Erfassung der Sachwerte und gesetzliche Festlegung des Achtstundentages verlangen. Wohnungsbau und produktive Erwerbslosenfürsorge sollten gefördert werden. Schließlich beschloß man, eine parlamentarische Arbeitsgemeinschaft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu bilden, welche alle Vorlagen und Anträge der Regierung und beider Parteien vor ihrer Erledigung im Plenum durchberaten sollte, gewissermaßen als oberster Sowjet.

Feilschten Sozialdemokraten und Kommunisten bei früheren Gelegenheiten wochenlang miteinander, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, so wurden sie diesmal im Handumdrehen einig, da Gefahr im Verzuge war. Seit früh neun Uhr tagte [99] am 8. Oktober die sächsische Regierung mit den Leitungen der beiden Parteien, und am 10. Oktober lag die Ministerliste fertig vor. Zeigner behielt das Präsidium, vier Minister waren Sozialdemokraten, zwei Kommunisten: der Finanzminister Böttcher, von Beruf ehemaliger Buchdrucker, und der Wirtschaftsminister Heckert, ein früherer Maurer, der außerdem ein Mitbegründer der USPD. und des Spartakusbundes war. Die Leitung der Sächsischen Staatskanzlei wurde dem Kommunisten Brandler übertragen, der ebenfalls das Maurerhandwerk gelernt hatte, ein Freund und Spießgeselle von Max Hölz war, infolgedessen zu fünf Jahren Festung verurteilt, dann aber entflohen und amnestiert worden war.

Zeigner stellte die neugebildete Regierung dem Landtag als die "Regierung der republikanischen und proletarischen Verteidigung" vor. Sie werde sich jederzeit als die Regierung der gesamten werktätigen Bevölkerung fühlen und betätigen. Um ihren Abwehrkampf führen zu können, werde sie den Staatsapparat weiterhin energisch säubern von allen, die für die verfassungswidrige Diktatur des Großkapitals offen oder versteckt tätig seien. Sie rechne bei ihrem Kampfe gegen die Feinde der Republik nicht nur mit den staatlichen Machtmitteln, sondern erwarte die opferbereite Mitarbeit aller proletarischen Schichten und ihrer Organisationen; diese Organisationen mit allen Kräften zu fördern, werde eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung sein.

  Proletarische Hundertschaften  
und Kontrollausschüsse

Der sächsische Ministerpräsident führte jetzt sein schwerstes Geschütz ins Feld, seine wohlbewaffneten proletarischen Hundertschaften. Es war schon ganz unsicher geworden auf den Landstraßen, denn überall trieben sich die sogenannten "Kontrollausschüsse" herum, Rudel von einem Dutzend bewaffneter junger Burschen, welche die Kraftwagen auf offener Landstraße anhielten und mit vorgehaltenen Revolvern eine Durchsuchung nach Waffen erzwangen. Der Kraftwagen der Stadt Zwickau wurde bei einer solchen Gelegenheit durch Steinwürfe schwer beschädigt. Besonders schlimm waren die Zustände in Westsachsen: Chemnitz, Werdau, Aue, Annaberg. Im Erzgebirge hatten die "Kontrollausschüsse" Ausweise, von den Bürgermeistern der Städte unterschrieben, welche sie [100] berechtigten, nachts auf der Straße jeden Kraftwagen nach Waffen zu durchsuchen. Banden drangen in die Wohnungen bekannter Anhänger bürgerlicher Parteien ein und nahmen Haussuchungen nach Waffen und Belastungsmaterial vor. Diese "Ausschüsse" rekrutierten sich, wie die "Hundertschaften", fast ausschließlich aus radikalen Jugendlichen, die auch gegen die zurückhaltenden älteren Arbeiter den schlimmsten Terror ausübten und sie bis in die Familien hinein bedrängten. Von den Betrieben erpreßten sie Geld und Lebensmittel, sie drangen in Kaufläden ein und plünderten sie, ohne daß sie zur Rechenschaft gezogen wurden; sie mißhandelten wehrlose Bürger und fühlten sich als die Herren. Sie kümmerten sich nicht um den militärischen Ausnahmezustand, sondern fuhren unbekümmert fort, die Bevölkerung durch Drohungen und Gewalttaten zu drangsalieren. Ja, der provisorische Zentralausschuß der roten Hundertschaften verlangte sogar unverzüglich Bildung einer gemeinsamen Kampfleitung.

Verhalten der Reichswehr –
  Forderung des Generals Müller  

General Müller verfügte am 13. Oktober die Auflösung der Hundertschaften und Aktionsausschüsse und verbot jede Neugründung dieser Art, außerdem forderte er sofortige Ablieferung der Waffen in ihrem Besitz. In der Tat wurden in Dresden größere Waffenbestände des Proletariats von der Reichswehr beschlagnahmt (17. Oktober). Aber die roten Hundertschaften erklärten, sie dächten gar nicht daran, sich aufzulösen. Es wurden Versammlungen einberufen, die überfüllt waren und laute Proteste losließen. In einer solchen kommunistischen Versammlung im Zoo zu Leipzig, die angeblich von 6000 Arbeitern und Arbeiterinnen besucht war, sprach am 13. Oktober der kommunistische Minister Böttcher. Es gäbe entweder eine weiße oder eine rote Diktatur. Das Proletariat müsse bewaffnet werden. Die Arbeiterschaft protestiere gegen das Verbot der proletarischen Hundertschaften und sei gewillt, dies Kampfmittel nun erst recht auszubauen. An diesem Tage war auch Roßbach aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis entlassen worden. Auf Zeigners Anordnung bemühte sich die Polizei, diesen "reaktionären Bandenführer" wieder einzufangen; allerdings vergeblich.

[101] Der Hohn auf die Reichswehr und die Autorität des Reiches konnte nicht blutiger sein, und es erweckte allgemeine Verwunderung, daß das Heer eine so langmütige Untätigkeit zur Schau trug. Man führte diese Erscheinung mit Recht auf gewisse hemmende Einflüsse der sozialdemokratischen Reichsminister zurück, auf die Zeigner im stillen seine Hoffnung setzte. Man war in bestimmten Berliner Kreisen der Ansicht, die Anwesenheit der Truppen allein würde genügen, um geordnete Zustände wiederherzustellen. Ein aktives Eingreifen, so fürchtete man, werde nur die Erbitterung steigern und Blutvergießen verursachen. Um den Reichskanzler Stresemann zu binden, drohten die sozialdemokratischen Minister stets mit ihrem Rücktritt, den der Vorwärts tatsächlich auch verlangte. Wäre dieser erfolgt, dann wäre die Sozialdemokratie offen auf die Seite der Aufrührer getreten, und der Bürgerkrieg war entfesselt im ganzen Reiche. Dieser Möglichkeit trug Stresemann Rechnung und mußte sich infolgedessen zu Zugeständnissen in Sachsen verstehen. So wurden zunächst sozialdemokratische Zivilkommissare ernannt, welche Kompetenzstreitigkeiten heraufbeschworen und auf diese Weise nach dem Wunsche ihrer Berliner Freunde die militärische Energie des Generals Müller lahmlegten. Es war für den Reichskanzler ebenso schwierig wie für den General, sich in Sachsen durchzusetzen. Ohne Zweifel spielten für die Sozialdemokratie Erinnerungen an die Jahre 1918, 1919 und 1920 eine große Rolle bei ihrem Verhalten.

Befehlsgewalt über
  sächsische Landespolizei  
bei General Müller

Einen harten Stoß versetzte es jedoch Zeigner, als ihm am 16. Oktober die Befehlsgewalt über die gesamte Landespolizei entzogen und diese dem Kommando der Reichswehr, General Müller, unterstellt wurde. Der Ministerpräsident erging sich in schweren Vorwürfen vor dem Landtag:

      "Eine Republik, eine Demokratie, die leider so wenig imstande gewesen ist, die großen Zusagen zu halten, die in der Reichsverfassungsurkunde niedergelegt sind, die darf doch wohl ganz ernstlich unter Kritik gestellt werden! Auch die Verfassung war ein Eid, gegeben dem deutschen Volke. Dieser Eid ist noch nicht eingelöst worden. Man soll uns und den andern Herren, die aus der kommunistischen Partei mit uns gemeinschaftlich sich [102] jetzt dieser mühseligen Arbeit unterziehen, den Karren aus dem Dreck herauszuholen, in den die Reichspolitik ihn hineingefahren hat, nicht vorwerfen, wir seien es, die nicht fähig, nicht gewillt seien, diesen in der Verfassung niedergelegten Eid zu halten."

So also wurde Zeigners ehrlicher Wille, die republikanische Verfassung zu schützen, belohnt! In furchtbarem Groll wetterte er am folgenden Tage gegen die Reichsregierung, gegen Bayern, gegen die Reichswehr. General Müller habe von ihm Aufklärung über Böttchers Ausspruch in Leipzig am 13. Oktober verlangt.

      "Wir lehnen es ab, ihm überhaupt Antwort zu geben. Wir stehen auf dem Boden der Verfassung. Wir werden verfassungsmäßige Anordnungen einer über uns stehenden Reichsbehörde ausführen, das weiß das Wehrkreiskommando. Für den Fall aber, daß Herr General Müller seine Andeutung wahr machen sollte, daß er die Fortführung der Mitarbeit der sächsischen Regierung nur gestatten werde, falls wir ihm Rede und Antwort geben, für diesen Fall erkläre ich schon jetzt, Herr General Müller scheint nicht zu wissen, daß er im Begriff ist, den Boden des Rechtes und der Verfassung zu verlassen. Wir warnen, aber wir warnen nicht nur, wir fordern auch von dieser Stelle aus von der Reichsregierung, daß endlich gegen ein so unwürdiges Verhältnis durchgegriffen und eingeschritten wird. Von der sächsischen Bevölkerung aber erwarten wir, daß sie sich geschlossen zur Verteidigung hinter die Regierung stellt."

  Verhalten der Regierung Zeigner  

Diese Unbotmäßigkeit brachte das Maß zum Überlaufen. Nachdem auch Bayern die diplomatischen Beziehungen zu Sachsen abgebrochen hatte für die Dauer der kommunistischen Regierung, schrieb General Müller am 20. Oktober dem Ministerpräsidenten einen Brief, worin er mitteilte, daß er beauftragt sei, mit den ihm zur Verfügung stehenden und zur Verstärkung geschickten Machtmitteln verfassungsmäßige und geordnete Verhältnisse wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig wurde der Bevölkerung durch Aufruf des Wehrkommandos folgendes bekanntgegeben: "Durch fortwährende Eingriffe in die Produktion drohe das wirtschaftliche Chaos. Man strebe nach der gewaltsamen Aufrichtung der Vorherrschaft einer Klasse, nach der Rätediktatur. Der Kom- [103] munist Böttcher habe öffentlich hierzu aufgefordert. Solches Verhalten sei Hochverrat gegenüber dem Reiche. Im Lande und bei den Aufrührern werde dadurch der Glaube erweckt, als stünde die sächsische Regierung hinter den Aufrührern."

  Generalstreik  

Die Regierung Zeigner beruhigte sich nicht hierbei, sondern, im Glauben an die fernere Untätigkeit der Reichswehr und an die Unterstützung der gesamten deutschen Arbeiterschaft, versuchte ihren letzten Trumpf, den Generalstreik, auszuspielen. Am 21. Oktober tagte in Chemnitz ein Betriebsrätekongreß, auf dem der kommunistische Ministerialdirektor der sächsischen Staatskanzlei, Brandler, zum Generalstreik aufforderte, ohne allerdings dabei die Zustimmung der Betriebsräte zu erhalten. Der Arbeitsminister Graupe beantragte nach diesem Mißerfolg, die Frage einer Kommission von vier Kommunisten und vier Sozialdemokraten zu überweisen mit dem Auftrag, sofort den Generalstreik auszurufen, sobald die Reichswehr etwas gegen Sachsen unternehme. Der kommunistische Wirtschaftsminister Heckert wandte sich gegen die privatkapitalistische Wirtschaft, und der sattsam bekannte Finanzminister Böttcher erging sich in scharfen Worten gegen General Müller, Reichskanzler und Reichspräsident, worauf Graupe den Austritt der Sozialdemokraten aus der Großen Koalition forderte. Die Delegierten aus dem Reiche erklärten, daß bei etwaigen militärischen Aktionen gegen Sachsen die gesamte Arbeiterschaft Deutschlands geschlossen hinter der sächsischen Regierung stehen würde. Von dem Eifer dieser Regierung zeugte auch die Tatsache, daß sie den Entwurf eines Vertrages mit Sowjetrußland wegen Hergabe eines Brotkredites an Sachsen fertiggestellt hatte, der dann später, am 28. November, vom Landtag in geheimer Sitzung abgelehnt worden ist. Große Plakate verkündeten dem hungernden Volk in den Städten, daß die Kommunistische Internationale in Moskau 25 000 Zentner Mehl nach Sachsen verfrachtet habe. Dies sei der Dank des russischen Proletariats für die Hilfe der deutschen Arbeiter während der russischen Hungerperiode. Nicht ein Zentner davon erreichte Sachsen.

  Eingreifen der Reichswehr  

Jetzt endlich entschloß sich die Reichswehr nach allzu langem Zaudern zum aktiven Eingreifen. Die Sprache der [104] sächsischen Gewalthaber wurde immer deutlicher, unverholener, herausfordernder, und mit Eifer betrieben sie die Bewaffnung und Organisation der proletarischen Hundertschaften. Die Dinge mußten eines Tages zur Katastrophe treiben, besonders jetzt, da die sächsische Regierung auch vor dem Generalstreik nicht mehr zurückscheute, der, wie man seit Jahren erfahren hatte, immer der Anfang eines kommunistischen Bürgerkrieges war. Die Truppen hatten erhebliche Verstärkungen erhalten durch das Zusammenziehen entfernter Formationen an der preußischen Grenze, und am 22. Oktober rückte eine Abteilung in Meißen ein. Aus dem Hinterhalt wurde auf die Artillerie geschossen, doch binnen kurzem war die Reichswehr Herr der Lage. Am folgenden Tage wurden Dresden und Pirna besetzt. Während der Einmarsch in der sächsischen Hauptstadt ohne Zwischenfall vor sich ging, kam es in Pirna zum Feuergefecht, das von den Aufrührern eröffnet wurde. Einer der aufsässigen Erwerbslosen war tot, mehrere wurden verletzt. Die Truppen verblieben in der Gegend Pirna, Niedersedlitz, Potschappel, Grimma, Bad Lausick, Borna, Ölsnitz, Plauen i. V. In den Orten dicht westlich von Dresden mußten sie öfter gegen radikale Elemente durchgreifen, die sich zusammenrotteten, die Reichswehr beschimpften und mit Waffen bedrohten. Die Aufrührer setzten ihrer Entwaffnung zähen Widerstand entgegen, so daß nur gründliche Haussuchungen Erfolg versprachen.

Als Zeigner erkannt hatte, daß es Ernst würde mit der Reichsexekution, mäßigte er in etwas wenigstens seine Ausdrücke; er zog sich auf die erste Rückzugslinie zurück und warnte seine Scharen dringend vor Unbesonnenheiten. "In diesen Wochen werde in Sachsen die Frage entschieden, ob die deutsche Republik zu einer Farce werden oder leben und sich entwickeln solle", meinte er im Landtag. Aber alle Unbesonnenheiten seien zu vermeiden, damit die Reichswehr keinen Grund zum Einschreiten habe; eiserne Selbstzucht sei notwendig gegen diesen Ansturm, der nur erfolge, weil das sächsische Proletariat sich geeinigt habe.

  Vorgänge in Freiberg  

Am 27. Oktober rückte eine Reichswehrkompanie in die Bergstadt Freiberg ein. Eine von finsterem, fanatischem Haß [105] beseelte Menschenmenge empfing die Soldaten mit verwegenen Drohungen. Männer, Weiber und Kinder drängten sich in den Straßen. Der Offizier forderte mehrmals zum Auseinandergehen auf. Höhnische Weigerung war die Antwort. Die Soldaten mußten schießen. Wilde Erregung zischte über die Massen, und im Nu krachten Schüsse aus der Menge gegen die Truppe. Es zeigte sich, daß alles nach einem überlegten Plane sorgfältig vorbereitet war. Ein Haus der "Roten Grube" war der Stützpunkt der Meuternden. Von hier gab es sogar Maschinengewehrfeuer. Ein erbittertes Handgemenge entstand, in dem 23 Aufrührer getötet, 31 verletzt wurden. Zuletzt stürmte die Menge in regelloser Flucht davon. So sehr also war schon den Regierenden die Führung über die Massen, die sie gerufen hatten, aus den Händen geglitten, daß Zeigners Mahnung zur Zurückhaltung nicht mehr beachtet und blutiger Straßenkampf heraufbeschworen wurde! In den Leidenschaften, die sie entfesselt hatte, ging die sächsische Regierung unter.

  Reichkommissar Heinze  

Es war nur die letzte Drehung der Schraube, als der Reichskanzler nach Ermächtigung durch den Reichspräsidenten am 29. Oktober den ehemaligen Reichsjustizminister Dr. Heinze zum Reichskommissar für Sachsen ernannte. Er sollte die verfassungsmäßigen Zustände wiederherstellen. Damit sei unvereinbar, daß Kommunisten an der Regierung teilnähmen. Es müsse eine Regierung ohne Kommunisten gebildet werden, hinter der die Mehrheit des Landes stehe. Bis diese Regierung gebildet sei, sollten alle Rechte auf den Reichskommissar übergehen. Dieser sei angewiesen, die Bildung einer solchen Regierung möglichst zu unterstützen. Auch sollten Landes- und Gemeindebehörden, die sich gegen die Verfassung auflehnten, ihrer Stellung enthoben und andere Personen mit der Führung der Geschäfte beauftragt werden. Das war der

Absetzung der
  Regierung Zeigner  

Todesstoß für die sächsische Regierung. Unverzüglich, noch am gleichen Tage, enthob der Reichskommissar die sächsischen Minister ihrer Ämter. Das Landtagsgebäude, das Ministerialgebäude und das Haupttelegraphenamt in Dresden wurden von Truppen besetzt, im Gebäude der Ministerien erschien ein Offizier, von Soldaten begleitet, und forderte die Minister [106] auf, sofort ihre Dienststellen zu verlassen. Die Minister befolgten ohne Widerrede die Weisung, nur der Kommunist Böttcher erklärte, er weiche allein der Gewalt. Darauf führten die Soldaten ihn hinaus. Solch ein unwürdiges Ende fand die Regierung Zeigner, nachdem sie in maßloser Verblendung der Ordnung und der Reichsgewalt Trotz geboten hatte! Aber sie beruhigte sich nicht damit. Sie erließ einen Aufruf an ihr Volk, worin sie vom Staatsstreich und Verfassungsbruch der Reichsregierung sprach. Der Staatsstreich vermöge nichts an der Tatsache zu ändern, daß die sächsische Regierung nach wie vor die gesetzliche Vertretung des Landes sei. Sie sei nur der Gewalt gewichen und erwarte, daß die verfassungstreue Bevölkerung zu ihr stehe. Da mußte Zeigner eine neue Demütigung erleben: der Landtag wandte sich von ihm ab und entschloß sich zur Wahl eines neuen Ministerpräsidenten. Darauf teilte Zeigner dem Landtag mit (30. Oktober), daß er das Amt des Ministerpräsidenten niederlege.

Die hinter Zeigner stehenden revolutionären Massen proklamierten zum Protest einen dreitägigen Generalstreik. Aber es zeigte sich, daß nicht, wie der abgesetzte Ministerpräsident behauptet hatte, die Gesamtheit der arbeitenden Massen mit seiner Politik einverstanden war. In Bautzen allerdings ruhten sämtliche Betriebe. Es gab keine Elektrizität, kein Wasser und keine Zeitungen. Nur teilweise gestreikt wurde in Chemnitz und Zwickau, während in Dresden, Leipzig und Freiberg zum größten Teil gearbeitet wurde. Doch die Not zwang auch die Streikenden, schnell wieder an die Arbeit zu gehen.

  Interimsregierung Fellisch  

Der Reichskommissar setzte eine interimistische Regierung ein, doch schon am 30. Oktober wurde vom Landtag der Sozialdemokrat Fellisch mit 46 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt. Als dann am 1. November die neue Regierung gebildet war, trat Heinze zurück.

Am letzten Oktobertage kam es in Großenhain noch zu einem größeren Krawall, wobei 15 Personen verwundet wurden. Die Menge wollte einen von vier Reichswehrsoldaten verhafteten Kommunisten befreien, wurde aber von der Polizei zurückgetrieben. Aber die Gefahr war vorüber, Sachsen [107] wurde ruhiger. Brandler, der verhaftet werden sollte, floh nach Moskau, und Zeigner wurde zum Landgerichtsdirektor in Dresden ernannt. Vierzehn Tage später legte er sein Landtagsmandat nieder. Am 21. November nachts halb zwölf Uhr wurde er verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Leipzig überführt. Er hatte sich nämlich schon während seiner Tätigkeit als Justizminister der Bestechlichkeit schuldig gemacht. Er hatte verschiedenen Leuten, welche wegen Lebensmittelwuchers verurteilt worden waren, Strafen erlassen und dafür Geschenke entgegengenommen, einen Pelzmantel, einen Siegelring, ein Brillantkollier für seine Frau, Zigarren, Mehl, einen Schinken, Würste, Geflügel, einen Sack Kaffee, ja sogar Geld. Auch hatte er es sich gefallen lassen, daß ihm von Moskau aus Geschenke für den in Aussicht gestellten Handelsvertrag mit Rußland gemacht worden waren. So wurde der Mann, der sich als der treueste Hüter der republikanischen Verfassung gebärdete, der gemeinsten Verbrechen überführt! Das Schicksal hatte ihn nicht nur politisch vernichtet, sondern auch menschlich. Er wurde im März 1924 zu drei Jahren Gefängnis und Ehrenrechtsverlust verurteilt.

Es kriselte noch wochenlang in Sachsen. Fellisch, das Haupt der neuen sozialdemokratischen Regierung Sachsens, kritisierte zwar das Vorgehen des Reiches gegen Zeigner, versprach aber doch, alles tun zu wollen, um das Wirtschaftsleben zu fördern. Die Kommunisten stellten einen Mißtrauensantrag gegen die Regierung, und die Deutsche Volkspartei beantragte Landtagsauflösung. Diese wurde aber mit den 48 Stimmen der Sozialdemokraten und Demokraten gegen die 48 Stimmen der Deutschnationalen, Deutschen Volkspartei und Kommunisten abgelehnt. Auch der kommunistische Antrag auf Landtagsauflösung vom 29. Dezember wurde abgelehnt. Die Krisis erreichte erst dadurch ihr Ende, daß am 4. Januar 1924 eine Koalitionsregierung gebildet wurde, in der außer vier Sozialdemokraten ein Demokrat und zwei Volksparteiler saßen. Eine Landtagsauflösung erwies sich nun als überflüssig. –

  Sozialistisch-kommunistische  
Regierung in Thüringen

Das sozialdemokratisch-kommunistisch regierte Sachsen fand einen eifrigen Bundesgenossen an Thüringen. Hier lagen aller- [108] dings die Verhältnisse insofern etwas anders, als die gebirgige Gestalt des Landes, die schwierigen Verkehrsverhältnisse und die ausgedehnten Wälder den Zusammenschluß kompakter Massen wesentlich erschwerte, während Sachsen ein dichtbevölkertes Arbeiterland mit guten Eisenbahnverbindungen ist. Die thüringischen Unruheherde waren die Industriestädte, die vor allem im nördlichen Teile des Landes und im Osten lagen, wo sie den Ausstrahlungen Sachsens unterlagen: Apolda, Weimar, Gotha, Jena, Gera, Greiz, Schleiz. – Wie in Dresden, hatten auch in Weimar Besprechungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten Anfang Oktober stattgefunden, die einen Eintritt der Kommunisten in die Regierung zur Folge hatten. Das bei dieser Gelegenheit aufgestellte Regierungsprogramm glich im wesentlichen dem sächsischen. Man versprach sich gegenseitig Abwehr der Reaktion und Militärdiktatur in engster Verbindung mit der sächsischen Regierung, verschärfte Besitzsteuern und Abwälzung der Reparationen auf die Besitzenden, schärfsten

  Zustände in Thüringen  

Kampf gegen alle Pläne, die, gestützt auf Bayern und die Militärdiktatur, den Ruhrkonflikt auf Kosten der werktätigen Bevölkerung liquidieren wollten; die sozialdemokratisch-kommunistische Regierung Thüringens sollte mit allen Kräften gefestigt und erhalten werden, auch wollte man alle Kräfte unterstützen, die, ebenso wie in [Sachsen], die Bildung einer Arbeiterregierung für das Reich zu verwirklichen suchen. Republikanische Notwehren zum Schutze der Verfassung sollten geschaffen und ausgebaut und der Regierung zur Verfügung gestellt werden, eine Angelegenheit, die durch Bekämpfung der nationalen Geheimorganisationen mit Hilfe der Polizei besonders wirksam werden sollte. Den nach sächsischem Muster zu bildenden Kontrollausschüssen sollte die Anerkennung der Behörden gewährt werden. Die Schulreform sollte nach der Einheitsschule hin fortgeführt werden. Schließlich wurde, wie in Sachsen, als oberste Kontrollinstanz für alle dem Parlamente vorzulegende Gesetzentwürfe ein parlamentarischer Arbeitsausschuß begründet.

Schon am 7. Oktober war der thüringische Ministerpräsident Frölich mit seinem Justizminister nach Leipzig geeilt, [109] wo er im Volkshaus mit Dr. Zeigner und dem sächsischen Justiz- und Innenminister zusammentraf, um eine Allianz der mitteldeutschen Staaten gegen den "anwachsenden bayerischen Faschismus" abzuschließen.

Am 16. Oktober war die neue Regierung gebildet. Ihr gehörten drei Sozialdemokraten und zwei Kommunisten an: Dr. Korsch für Justiz und Tenner für Wirtschaft. Zwar lehnten 24 Landtagsabgeordnete das neue Regiment ab, aber die 48 Sozialdemokraten und Kommunisten sprachen sich dafür aus. Die Forderung der bürgerlichen Parteien auf Landtagsauflösung blieb unberücksichtigt. Der sozialdemokratische Innenminister Frölich erklärte, die Aufgabe der thüringischen Regierung sei deshalb so wichtig, weil Thüringen das Grenzland Bayerns sei und dieses an der Ausführung seiner Absicht hindern müsse, den "Marsch nach Berlin" anzutreten und die "Herrschaft des Marxismus zu brechen". In Hirschberg, einem thüringischen Grenzort am Oberlauf der Saale, kam es dann auch zu einem Scharmützel zwischen bayerischen Nationalsozialisten und Angehörigen proletarischer Organisationen, worauf bayerische Polizisten und mit Karabinern bewaffnete Zivilisten an der thüringischen Grenze erschienen. Aber die kleinen Grenzzwischenfälle, gewissermaßen aus der politischen Hochspannung zwischen dem bayerischen und thüringischen Nachbar hervorgegangen, blieben ohne Bedeutung.

  Terror der proletarischen  
Hundertschaften

Machtvoll entwickelten sich die proletarischen Hundertschaften. Sie waren, wie in Sachsen, gut bewaffnet und hielten in größter Sorglosigkeit an Sonntagvormittagen ihre militärischen Übungen ab. Sie bestanden fast ausnahmslos aus jungen, unreifen Burschen, die im Gefühle ihrer Überlegenheit einen verwegenen Terror in der Fabrik, auf der Straße und in der Familie ausübten. Sie maßten sich Aufsichtsrechte bei der Verteilung der Lebensmittel an, erzwangen sich Einlaß auf den Gütern, beschlagnahmten Getreide, suchten nach Waffen. Ja, es kam auch vor, daß Feldscheunen voll wertvollen Brotgetreides über Nacht ein Raub der Flammen wurden, wenn sie einem besonders unbeliebten Besitzer gehörten. Man drang in Wohnungen ein, veranstaltete Haussuchungen nach [110] monarchistischen Umsturzplänen und Waffen; Angehörige der Rechtsparteien wurden auf offener Straße überfallen und mißhandelt. Selbst die Reichswehr wurde angegriffen; so kam es in Meiningen eines Nachts zu einem großen Handgemenge zwischen 40 Soldaten und über 200 Zivilisten, von denen zwei getötet und sieben verwundet wurden (14. Oktober). Man träumte von sowjetrussischer Herrlichkeit und erwartete sehnsüchtig, daß Moskaus Heerscharen der thüringischen und sächsischen Regierung zu Hilfe eilen sollten. Trotzdem Generalleutnant Reinhardt, der Kommandeur des fünften Wehrkreises, von der Regierung die Auflösung und Entwaffnung der Hundertschaften gefordert hatte, taten die verantwortlichen Stellen nicht das geringste, um dem Unwesen und der Drangsalierung friedlicher Bürger zu steuern. Deshalb unterstellte General Reinhardt am 5. November die gesamte thüringische Landespolizei dem Kommandeur der dritten Kavalleriedivision, Generalleutnant Hasse, und beauftragte diesen, die Auflösung und Entwaffnung der Hundertschaften durchzuführen. Ein Protest der thüringischen Regierung beim Reichswehrminister blieb ohne Erfolg.

  Eingreifen der Reichswehr  

Die Entwaffnungsaktion der Reichswehr ging in Thüringen weniger gewaltsam ab als in Sachsen. Es wurden bei dieser Gelegenheit über 300 Kommunisten verhaftet. Infolge dieser Vorgänge entzweiten sich die Sozialdemokraten mit den Kommunisten, weil diese eine Machtprobe, mit andern Worten den Bürgerkrieg, einer friedlichen Entwaffnung vorzogen, während die Sozialdemokraten an dem sächsischen Beispiel das Aussichtslose eines solchen Planes darlegten. Darauf legten die kommunistischen Minister am 12. November ihre Ämter nieder. Am 7. Dezember trat die thüringische Regierung zurück, und acht Tage später wurde der Landtag aufgelöst. So hatte das sozialdemokratisch-kommunistische Zwischenspiel auch in Thüringen sein Ende gefunden.

Waren die Ereignisse in Sachsen und Thüringen die unmittelbare Folge des Ruhrkampfes, so waren die Erhebungen in Preußen und Bayern in der Hauptsache auf die Einstellung dieses Kampfes zurückzuführen; sie gingen also von einer der sozialdemokratisch-kommunistischen Richtung entgegengesetz- [111] ten, der nationalsozialistischen aus. Die Nationalsozialisten nährten einen ingrimmigen Haß gegen die "marxistisch verseuchte" Regierung Stresemann, die durch die Aufhebung des passiven Widerstandes neuen Schimpf auf Deutschlands Namen geladen habe. Die Ernennung des aus dem Kapp-Putsch her bekannten Herrn von Kahr zum Generalstaatskommissar von Bayern beflügelte den Mut der Nationalsozialisten, und es wäre bereits in der Nacht zum 28. September in München zu einem Putsch der Anhänger Hitlers gekommen, wenn nicht der Belagerungszustand verhängt worden wäre. Auch in Preußen war man in der Hoffnung auf Bayern zum gewaltsamen Sturz der Reichsregierung entschlossen. Der Herd der nationalsozialistischen Bewegung war hier das agrarische Gebiet der Marken und Pommerns.

  Ostelbien  

Ostelbien war derjenige Teil Preußens, wo sich der Haß gegen die aus der Staatsumwälzung hervorgegangenen Regierungen am tiefsten festgesetzt hatte und am mächtigsten wirkte. Hier war seit Jahrhunderten jene allgemein als Junker bezeichnete Klasse mit dem Boden verwachsen, jene Kaste, welche durch das Herrenhaus und das Offizierkorps das preußische Volk beherrscht hatte. Es war eine nicht immer glückliche Herrschaft gewesen, denn oft lag den Worten von den hohen sittlichen Staatspflichten ein gut Teil persönlicher Wünsche nach Nutzen und Vorteil zugrunde. Jetzt war das Herrenhaus verschwunden, eine Regierung mit starkem sozialistischen Einschlag stand an der Spitze, die Armee war aufgelöst, der Offizier spielte nicht mehr die überragende Rolle wie früher. Von dem allgemeinen Einfluß auf die Staatsführung waren die Junker ausgeschaltet, und das erfüllte sie mit einem unversöhnlichen Groll. Aber in ihren Dörfern waren sie nach wie vor die Herren. Das patriarchalische Verhältnis, das sie zu ihren Arbeitern hatten und welches menschlich sehr anerkennenswert war, war nur wenig erschüttert worden. Noch immer war der Herr derjenige, der die Entscheidung über Wohl und Wehe seiner Arbeiter in Händen hatte und mit dem man im allgemeinen zufrieden war. Noch immer hingen an den adligen Kirchstühlen der Patronatskirchen die Herrschaftswappen mit der goldenen [112] Krone, und kaum ein Mensch nahm Anstoß daran. – Diese großen Besitzer machten ihre eigene Politik. Sie nahmen die verabschiedeten Offiziere auf, beschäftigten sie als Inspektoren und Aufseher und schmiedeten mit ihnen in ihren Mußestunden Pläne. Sie gewährten den entlassenen Soldaten eine Zufluchtsstätte, stellten sie als Landarbeiter ein, wie wir das bei der "Organisation Roßbach" sahen. Sie tanzten nicht nur bei den Erntedankfesten mit ihren Arbeitermädels, sondern sie arrangierten rauschende Kriegerfeste und verwirrten den einfachen Pferdeknecht durch ihre Leutseligkeit. Diese Junker waren ein natürliches, aber ein herrisches Geschlecht, mit allen Vorzügen und Fehlern der Herrenkaste, denn wo finden sich Menschen, die vollkommen wären? Ihre durch die Revolution herbeigeführte Entthronung verletzte aufs tiefste ihren Stolz, das war verständlich, jeden Tag verglichen sie aufs neue die alte Zeit mit der neuen, jene leuchtenden Tage der Monarchie, da sie an der Spitze des Staates standen, an der Spitze eines mächtigen, geachteten und gefürchteten Reiches, und diese trüben Tage der Republik, die immer aufs neue Demütigungen, Erniedrigungen und Entwürdigungen brachten. Rein gefühlsmäßig waren diese Junker Gegner jeder republikanischen Regierung, wenn sie auch im stillen aus Gründen der Vernunft dankten, daß ihnen jetzt eine nie wiederkehrende günstige Gelegenheit geboten wurde, durch die Inflation ihre Schulden aus früheren Zeiten loszuwerden.

Aber der Junker an sich fühlte sich mehr zur Rolle eines großherzigen Beschützers, eines Mäcen für politische Abenteurer berufen, als daß er selbst sich kopfüber in solche Abenteuer gestürzt hätte. Und es gab genug Leute in Deutschland, die dies wußten und ausnutzten. Die Deutschvölkische Freiheitspartei hatte ihre Finanzanker in den Boden der ostelbischen Großbesitzer geworfen, und große Spenden wurden von hier den meisten vaterländischen Organisationen zugeführt mit dem Hintergedanken, die Hohenzollern zu restituieren. War es bei diesem Zustande verwunderlich, wenn einige Hitzköpfe, nachdem sie lange genug über Plänen und Taten gebrütet hatten, schließlich zu der Überzeugung kamen, Preußen und Deutschland müßten von Ostelbien aus zurückerobert werden?

[113] Während des passiven Widerstandes waren im Lande dezentralisierte militärische Verbände ins Leben gerufen worden, um etwa drohende Angriffe der Polen auf das deutsche Oberschlesien abschlagen zu können. Auch die Abteilung des Oberleutnants Schulz, der später wegen "Fememorden" zum Tode verurteilt wurde, verdankte diesem Zwecke ihren Ursprung. Als nun die Reichsregierung den passiven Widerstand aufgegeben hatte, hätten sich die Leute zerstreuen und nach Hause gehen müssen. Das aber taten sie nicht. Enttäuscht, daß ihre militärische Laufbahn zu Ende sein sollte, richteten sie ihren Groll gegen die marxistisch infizierte Reichsregierung, die in einer ihrer Ansicht nach unwürdigen Weise vor Frankreich kapituliert hatte. Sie waren sich einig darin, daß der Reichskanzler gestürzt und eine neue Regierung der Befreiung gebildet werden müsse.

  Schwarze Reichswehr  

Major von Buchrucker, einer jener Offiziere, die es nicht vergessen konnten, durch die Revolution aus ihrem Berufe vertrieben worden zu sein, und ein Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung, trug sich ebenfalls mit Umsturzgedanken. Seit dem 27. September sammelte er die sogenannte "Schwarze Reichswehr", eben jene Verbände, welche der an sie ergangenen Aufforderung, sich aufzulösen, nicht Folge leisteten, unauffällig in der Nähe Berlins, in Döberitz. Es sollen etwa achttausend (8000) Mann gewesen sein. Getragen vom Geiste seiner Truppe und aus Furcht, sein Vorhaben könne bei längerem Zögern vereitelt werden, beschloß Buchrucker, der Aufdeckung seiner Pläne durch die Tat zuvorzukommen. Gestützt auf die ostelbische Operationsbasis,

  Küstriner Putsch  

versuchte er sich zunächst der Garnison Küstrin, des östlichen Schlüssels zur Reichshauptstadt, zu bemächtigen. In der Nacht zum 1. Oktober zog Buchrucker so viele seiner Anhänger als er erreichen konnte, etwa 400, in Küstrin zusammen, wo er sie in einem alten Festungswerk verbarg. Als der Morgen anbrach, wurde die militärisch nicht belegte Altstadt überrumpelt, und die wichtigsten Punkte und Zugänge wurden besetzt. Buchrucker und einige andere Rädelsführer begaben sich zum Kommandanten, Oberst Gudovius, um die Reichswehr zu sich herüberzuziehen. Der Oberst aber ließ sofort [114] alle Putschisten verhaften. Ein nachdringender Stoßtrupp, der die Verhafteten befreien wollte, wurde von der Wache festgenommen. Die ihrer Führung beraubten Aufständischen wurden im Zeughof eingeschlossen. Es kamen von auswärts neue Trupps bewaffneter Aufrührer, die den vergeblichen Versuch machten, ihre eingeschlossenen Kameraden zu befreien. Ein kurzes Feuergefecht entwickelte sich, bei dem die Aufständischen einen Toten und sechs Verwundete hatten. Erst nachdem Truppenverstärkungen eingetroffen waren, ergaben sich die im Zeughof Eingeschlossenen, 381 Mann, darunter 13 Rädelsführer. Ein in der nächsten Umgebung der Stadt versteckter Trupp von 30 Mann wurde ebenfalls ausgehoben und gefangengenommen. Schon am nächsten Tage konnten die auswärtigen Reichswehrtruppen in ihre Garnison zurückkehren. Der Putsch war niedergeschlagen. Geßler nannte ihn später eine lächerliche Komödie. Der nationalsozialistischen Truppe, die sich in Döberitz versammelt hatte, gelang es zum größten Teile noch, zu entkommen, ehe das Lager von Reichswehr umzingelt war. Nur wenige konnten gefangengenommen werden. Die jungen, wettergebräunten Landsknechte aber, die ihrem Schicksal entgangen waren, beeilten sich, die Berliner Bahnhöfe zu erreichen und möglichst schnell den Boden zu verlassen, der ihnen zu heiß geworden war.

Maßnahmen der
preußischen Regierung
  gegen nationale Verbände  

Aber das Ereignis zog seine Kreise. Der preußischen Regierung war wieder einmal zum Bewußtsein gekommen, daß ihre Feinde eifrig am Sturze des herrschenden Systems arbeiteten, und sie beschloß, den Zusammenhängen und Ursachen der Erhebung aufs gründlichste nachzugehen. Der sozialdemokratische Innenminister Severing ordnete Haussuchungen bei den Führern der Deutschvölkischen Freiheitspartei und des "Stahlhelms" an, und eine beträchtliche Anzahl Verhafteter wurde in das Untersuchungsgefängnis Kottbus überführt. Hier wurde gegen 112 Angeklagte wegen Hochverrats verhandelt. Der Prozeß dauerte nur wenige Tage, und das am 27. Oktober verkündete Urteil lautete gegen Buchrucker wegen Hochverrats auf zehn Jahre Festung und 100 Milliarden Mark Geldstrafe, [115] sechs oder sieben andere, meist verabschiedete Offiziere, erhielten Gefängnisstrafen. Alle anderen Angeklagten gingen frei aus, da man ihnen keine hochverräterischen Umtriebe nachweisen konnte.

  Zustände in Bayern  

Bayern hatte seit der Revolution seine eigene Entwicklung gehabt. Nach der kurzen Herrlichkeit kommunistisch-sozialdemokratischer Räteherrschaft im Frühjahr 1919 waren die Linksparteien fast zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken, ein Umstand, der den Sozialdemokraten der anderen deutschen Länder schwere Sorge bereitete und zu dauernden Reibungen zwischen dem Reiche und Bayern führte. Die Bayern konnten es dem sozialdemokratisch-republikanischen preußischen Deutschland nicht vergessen, daß ihre schönsten und besten Sonderrechte – Heer, Eisenbahn, Post – durch die Weimarer Verfassung beseitigt worden waren. Sie betrachteten sich zu einer Provinz degradiert, von Preußen-Berlin unterworfen, entrechtet und geknechtet. Der Vergleich mit den alten schönen Zuständen der Wittelsbacher Zeit entfachte den Groll gegen das neue Reich und die Sozialdemokratie nur noch mehr. Schon nach dem Rathenaumord war zwischen der bayerischen Regierung und der von Wirth geleiteten Reichsregierung ein ernster Konflikt über das Republikschutzgesetz ausgebrochen, und die Verstimmung, wiewohl formell beigelegt, blieb doch bestehen. Als der Reichskanzler Cuno Anfang Juni den Alliierten die Verpfändung der Reichsbahn vorschlug, protestierte die Bayerische Volkspartei, indem sie die alten Wunden wieder aufriß. Bayern werde entweder zur Provinz herabsinken oder eine Aktion zum "wirksamen Abbau der hypertrophischen Berliner Zentralstellen" einleiten und damit den Grund zur Gesundung der deutschen Finanzen legen. Damit würde Bayern "zum Führer werden für die Rückkehr zum Bismarckschen deutschen Bundesstaat, zu dem föderativen Staats- und Wirtschaftsprinzip, auf dem die Höhe der deutschen Kultur seit eineinhalb Jahrtausend beruht".

  Monarchisch-separatistische  
Strömungen in Bayern

Der Durchschnittsbayer war, schon aus Opposition zu Preußen und dem Reich, monarchisch eingestellt. Und so kam es, daß in diesem Lande die monarchische Bewegung [116] sehr ausgebreitet war. Im November 1920 war die Bayerische Königspartei gegründet worden durch den Grafen Bothmer, der die monarchischen Gefühle des Volkes mißbrauchte, um seine eigenen separatistischen Bestrebungen damit zu verdecken. Unterhielt er doch Beziehungen zu Dr. Dorten in Wiesbaden und zu französischen Kreisen. – Trotzdem die Partei sich im Februar 1922 den Titel "Christlich-föderalistische Volkspartei in Bayern" beilegte, die bei kommenden Wahlen eigene Kandidaten aufstellen wollte, blieb sie ihren separatistischen Bestrebungen treu und proklamierte den Kampf gegen die Weimarer Verfassung und den großpreußischen Gedanken.

Auch Dr. Heim, der bayerische Bauernführer und Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei, interessierte sich für Dorten. Er beteuerte zwar seine Treue zum Reich, aber in einer bundesstaatlichen Verfassung, wobei Bayern im Rahmen des geeinten Deutschlands weitgehende Autonomie behalten sollte. Er wollte Bayern die wittelsbachische Monarchie wiedergeben. Es haben zwischen Bothmer, Heim und Dorten des öfteren Zusammenkünfte in Darmstadt, Mainz, Wiesbaden stattgefunden. Ein anderer dieser interessanten Leute war der Prinz Isenburg, Sohn einer österreichischen Erzherzogin und Gemahl einer Prinzessin von Sachsen-Weimar, den die französischen Reaktionäre als einen Freund Frankreichs bezeichneten. Dieser unterzeichnete im Januar 1922 das Abkommen zwischen den Habsburgern und Wittelsbachern zur Wiederherstellung der Throne von Bayern und Ungarn. Noch im Herbste 1922 wurden zwischen Dr. Heim und Dorten unter dem fördernden Einfluß des französischen Gesandten Dard Verhandlungen über ein etwaiges Zusammengehen gepflogen, die aber schließlich abgebrochen wurden, weil sich Frankreich beharrlich weigerte, einen monarchischen Zusammenschluß Bayerns und Österreichs zur Donaukonföderation zu gestatten. Dies aber war das Ziel Heims. Inwieweit sich die Kurie an diesen Machenschaften beteiligte, ist noch nicht geklärt.

Dem Kunsthistoriker Professor Fuchs ging aber die Sache viel zu langsam, daher machte er auf eigene Faust Politik. [117] Er beabsichtigte, sich der Tschechoslowakei und Frankreich zu nähern, Bayern gewaltsam aus dem Reichsverbande zu reißen und die Republik zu stürzen. Er hatte auch schon mit Frankreich, der hessischen Separatistenbewegung und der Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Verbände Fühlung genommen, war aber so unvorsichtig, die Methoden und Ziele seiner Geheimdiplomatie Anfang 1923 in die Öffentlichkeit dringen zu lassen, so daß das Münchener Volksgericht ihn am 4. Juni 1923 mit vier Genossen, darunter Machhaus, wegen Hochverrats verurteilen mußte.

Diese ganz undurchsichtigen Zustände in Bayern veranlaßten das Journal de Genève am 25. März 1923 folgendes zu schreiben:

      "Alle diese Strömungen haben ihre Quelle in dem alten bayerischen Partikularismus. Doch sind dabei verschiedene Tendenzen zu beobachten. Zunächst die der alten Separatisten um Kronprinz Rupprecht, deren einziger Traum die Wiederherstellung der Wittelsbacher Dynastie ist. Diesen liegt wenig an der deutschen Einheit, und die Enthüllungen bei der kürzlichen Entdeckung eines Komplottes (Fuchs-Machhaus) haben bewiesen, daß sie keine Bedenken trugen, bei Frankreich Hilfe zu suchen. In ihrem reaktionären Wahne planen sie sogar die Annexion Österreichs und im Herzen Europas die Bildung einer Donaukonföderation einschließlich Ungarns unter Führung der bayerischen Krone."

Die Action Française kommentierte tags darauf diese Auslassungen so:

      "Die Unterstützung Frankreichs könnte und müßte sogar den Bayern gewährt werden, denen an der deutschen Einheit nicht viel liegt, wenn sie auch von irgendeinem 'reaktionären Wahne' beseelt wären. Doch verdient der Plan einer Annexion Österreichs ernstliche Beachtung. Wir glauben durchaus nicht, daß der Quai d'Orsay sich in ein Abenteuer einlassen wird, das mit einem Wien-Berliner Techtelmechtel enden könnte."

Begrüßten also die Franzosen die separatistischen Bestrebungen in Bayern an und für sich, so war ihnen doch der Gedanke einer katholischen Donaukonföderation nicht sympathisch, der besonders in klerikalen Kreisen Anhänger fand.

  Nationalsozialisten  

Diese monarchische Strömung beherrschte weite Kreise des [118] bayerischen Volkes und hatte auch in der Bayerischen Volkspartei einen starken Rückhalt. Die Gegenspieler waren die Nationalsozialisten, die nicht die Wiederherstellung der Wittelsbacher auf Kosten der Reichseinheit, sondern ein starkes, von sozialdemokratischer Herrschaft befreites Großdeutsches Reich erstrebten. Dieser Partei stand General Ludendorff nahe, da er mit wachsender Sorge die klerikal-monarchistischen Umtriebe und ihren Einfluß auf das Volk beobachtete. Er wünschte,

  General Ludendorff  

daß der bayerische Separatismus in ein Fahrwasser geleitet würde, welches dem gesamten Deutschland nützlich und zweckdienlich war. Er war bereit, die herrschende monarchistische Bewegung in Bayern zu unterstützen und zu fördern, wenn es ihr Ziel war, die sozialdemokratisch beeinflußte und gehemmte Reichsregierung durch eine starke, von einem nationalen Willen getragene Reichsdiktatur zu ersetzen. Und dies war es, was den großen Feldherrn des Weltkrieges an die Seite der Nationalsozialisten führte. Von irgendwelchen gewundenen Hintergedanken war da keine Rede; sondern für Ludendorff gab es nur eine Richtlinie: darauf achtzugeben, daß der Widerstreit zwischen der bürgerlichen Regierung Bayerns und der Koalitionsregierung des Reiches nicht eines Tages von unverantwortlichen separatistisch beeinflußten Monarchisten benutzt wurde, um die Reichseinheit zu zerstören, sondern daß er zu einem positiven Ergebnis führen sollte, zur Errichtung einer starken nationalen Reichsregierung ohne Sozialdemokraten. Solchen Plänen, die in der Tat nur von reiner Vaterlandsliebe getragen wurden, war Ludendorff zugänglich: er wollte schließlich das, was die Regierung Cuno in ihrer Schwäche nicht erreichen konnte, in die Tat umsetzen. Die letzte Konsequenz Cunoscher Politik war nur im Zusammengehen mit den Nationalsozialisten zu verwirklichen unter gleichzeitiger Hinzuziehung der bayerischen Regierung, jedoch war sich der General von vornherein darüber klar, daß das Operieren mit nur einem der beiden Faktoren aussichtslos sei.

Das Journal de Genève schrieb am 25. März 1923 in scharfsichtiger, aber feindlich pointierter Form:

      "General Ludendorff nährt dagegen andere Hintergedanken. An der [119] Rückkehr der Wittelsbacher liegt ihm wenig. Bayern soll für ihn nur der starke Hort sein, von wo die Wiederherstellung des deutschen Kaiserreiches und das Signal der Revanche ausgehen soll. Er gibt sich den Anschein, mit dem bayerischen Partikularismus zu sympathisieren, nützt ihn aber zu seinem Zwecke aus. Deshalb sucht er die rein bayerischen Organisationen zu unterminieren und unterstützt in Österreich die Anhänger der Habsburger gegen die Wittelsbacher. Er will nämlich nicht die Bildung eines Donaureiches, sondern die Vereinigung der österreichischen Monarchie mit dem deutschen Kaiserreich."

Ludendorff strebte nicht nach Kaiserreich und Revanche, derart utopische Gedanken lagen ihm fern. Er strebte nach einem starken, geeinten Großdeutschen Reiche, worin die partikularistisch-monarchistischen Tendenzen Bayerns und der Einfluß der Sozialdemokratie ausgeschaltet seien. In diesen beiden unversöhnlichen Faktoren sah er die Ursache für die unseligen Zustände in Deutschland. Jedoch Held, der Führer der Bayerischen Volkspartei, warnte vor Ludendorff. Damit sei, wie das Journal de Genève meinte, der Krieg erklärt zwischen den bayerischen klerikalen Separatisten und den alldeutschen Reaktionären.

Hie Monarchisten, hie Nationalisten, das war die große Spannung in Bayern, die im Herbst 1923 nicht offen, aber um so nachhaltiger versteckt zur Entladung drängte. Den Ausschlag gab die Haltung der bayerischen Regierung. Das Kabinett von Knilling gab sich zunächst den Anschein der Neutralität. Es verharrte, wie die Schweizer Zeitung sagte, in nachsichtiger Haltung. Es genüge ihm, daß das Komplott letzten Endes gegen die Republik gerichtet sei. Dennoch standen Knilling und seine Minister mehr auf Seiten des Kronprinzen Rupprecht als auf Seiten des Österreichers Hitler und des preußischen Generals Ludendorff. Die Mitglieder der Regierung waren sehr vorsichtig, sie gingen in ihrem öffentlichen Bekenntnis zur Monarchie nicht weiter, als dies den Gefühlen des Volkes entsprach. Auch gegen Ludendorff und Hitler enthielten sie sich der Feindseligkeiten, und ihr ganzes Streben war darauf gerichtet, im eigenen Lande Frieden haltend, einen Konflikt mit Berlin heraufzubeschwören. Die ge- [120] wollten Folgen dieses Kampfes würde man hernach als gegebene Naturnotwendigkeiten hinnehmen.

Der Konfliktstoff war bald gegeben: Die Einstellung des passiven Widerstandes durch die Regierung Stresemann. Schon einige Tage vorher, am 21. September, erklärte die Bayerische Mittelpartei, das nationale Deutschland könne sich die verschleierte Kapitulation Stresemanns an der Ruhr als eine nationale Schmach und wegen ihrer verheerenden Folgen nach innen und außen nicht stillschweigend und ohne Mitwirkung gefallen lassen. Man habe den einmütigen Willen, der den Bestand des Reiches bedrohenden Politik mit allen Mitteln entgegenzutreten. Dazu bemerkte die von der bayerischen Regierung inspizierte Bayerische Staatszeitung, dies sei keineswegs nur die Ansicht der Bayerischen Mittelpartei, sondern der Reichskanzler stehe vor der Gefahr, das Vertrauen der besten Kreise des Volkes zu verlieren. Klarheit sei jetzt mehr denn je zuvor notwendig. Man erklärte offen, die marxistisch verseuchte Reichsregierung sei unfähig, die Geschicke des deutschen Volkes zu leiten. Ein weiterer Grund zu Konflikten wurde das Verlagen der Regierung Stresemann nach dem Ermächtigungsgesetz. Bayern konnte sich nicht vorstellen, wie es dazu kommen sollte, der Reichsregierung, mit der es an und für sich unzufrieden war, nun gar noch erweiterte Vollmachten zu erteilen!

Ausnahmezustand –
  Monarchische Kundgebungen  

Im gleichen Augenblick, als das Kabinett Stresemann die Aufhebung des passiven Widerstandes verkündete, verhängten der bayerische Ministerpräsident von Knilling und sein Ministerium am 26. September den Ausnahmezustand über Bayern, damit die gärende Unruhe und die Verzweiflungsstimmung der weitesten Kreise – gedacht war vor allem an die Nationalsozialisten – dem Staate nicht gefährlich würden. Herr von Kahr, der schon im Frühjahr 1920 nach dem Kapp-Putsch in Bayern die Rechtsregierung gebildet hatte, wurde zum Generalstaatskommissar ernannt. Er erklärte sein Programm: Seine Aufgabe sei die Wiederherstellung der Staatsautorität und ihre Festigung. Dazu sei die Mithilfe aller nationalgerichteten Kreise und Organisationen notwendig. Diejenigen, die nicht national seien, brauche er nicht. Die [121] Monarchie werde er nicht ausrufen, aber sie wachse und entwickle sich und komme ganz von selbst. Kahr betrachtete sich gewissermaßen als Statthalter der Monarchie, und mit diesem Gedanken hatte er bereits die Verfassung gebrochen. Wie es ja denn überhaupt der tiefere Sinn seiner späteren Handlungsweise war, den stark unitarischen Charakter der Reichsverfassung zu bekämpfen.

München erlebte, als habe man nur darauf gewartet, am letzten Septembertage seine große Kundgebung für die Monarchie. Das Leibregiment weihte eine Gedenktafel für seine Gefallenen ein. Im Hofe der Kaserne hatten sich etwa 20 000 ehemalige Angehörige des Regiments versammelt. Kronprinz Rupprecht, viele Prinzen und Prinzessinnen, der Ministerpräsident von Knilling, die Generale von Lossow und von Bothmer waren zugegen. General Epp hielt die Ansprache, dann enthüllte der Kronprinz die über dem Eingang in die Kaserne angebrachte Gedenktafel. Darauf führte das Leibregiment den Vorbeimarsch vor dem Kronprinzen aus, der von der Volksmenge stürmisch mit dem Rufe begrüßt wurde: "Es lebe der König!" Der Wittelsbacher begab sich nun zum Armeemuseum, vor dem die Münchener Schutzmannschaft zur Feier ihres 25jährigen Jubiläums Aufstellung genommen hatte. Hier hielt noch Minister Schweyer die Festrede über "die Verbrechen der Novemberrevolution". Es war dies alles ein großartiges Schaugepränge, hinter dem ein tieferer Sinn steckte: Die neue diktatorische Regierung Kahr, die sich nicht als Statthalterin der Monarchie betrachtete, musterte ihre Heerscharen, und sie war zufrieden.

Auch Hitler fand, daß sich seine Armee gut durch die "Leiber", die Angehörigen des Leibregimentes, vermehren lassen könnte, und forderte sie wie auch alle ehemaligen Frontsoldaten zum Eintritt in die nationalsozialistischen Verbände auf. Er nahm den Oberleutnant Roßbach, der aus der Leipziger Untersuchungshaft entlassen war, auf und ließ ihn in nationalsozialistischen Versammlungen Münchens sprechen. Doch die Spannung zwischen der monarchiefreundlichen Regierung und den Nationalsozialisten ließ sich auf die Dauer [122] nicht verbergen. Kahr verbat sich die "Extratouren" des Völkischen Beobachters, worauf Hitler mit einer gereizten Charakteristik der Diktatur Kahr quittierte: sie sei das Ergebnis eines Kompromisses parlamentarischer und außerparlamentarischer Kreise, die der völkischen Freiheitsbewegung bisher kühl, wenn nicht ablehnend gegenüberständen. Vorläufig jedoch galt es Kahr, die Wühlereien des Kommunismus zu bekämpfen. Streik und Sabotage wurden verboten, mit Zuchthaus und, falls Menschenleben dabei umkamen, mit Todesstrafe bedroht. Einige Tage später, am 6. Oktober, wurde die Herstellung und der Vertrieb sämtlicher kommunistischer Zeitungen und Zeitschriften untersagt.

Seine Gegner, vor allem die Nationalsozialisten, warfen Kahr vor, er diene dem Separatismus, er zerstöre das Reich. Der Generalstaatskommissar erwiderte, sein Kampf gegen den Marxismus und die Weimarer Verfassung habe nichts mit Separatismus zu tun. Am 18. Oktober brach er die Beziehungen zu Sachsen ab.

Reichswehrminister Geßler.
[Bd. 2 S. 256b]      Geßler,
Reichswehrminister.
      Photo Scherl.
Nun begab es sich, daß der Reichswehrminister Geßler am 1. Oktober die Regierung Kahr anwies, den Völkischen Beobachter zu verbieten, weil sich dieser unentwegt in maßlosen Angriffen gegen die Reichsregierung erging und deshalb die öffentliche Ruhe und Sicherheit gefährdete. Die bayerische Regierung allerdings hielt das Verbot für unbegründet, denn in der Stellung zur Reichsregierung war sie mit den Nationalsozialisten einig. In Berlin jedoch behauptete man, Kahr habe Angst vor der Straße, das heißt vor den Anhängern Hitlers. Geßler, der infolge des Zustandes der Militärdiktatur die vollziehende Gewalt für das gesamte Reichsgebiet innehatte, beauftragte seinerseits den General von Lossow, den Kommandeur der 7. bayerischen Division, das Verbot durchzuführen. Lossow, der als Reichswehroffizier diesen Befehl auszuführen hatte, beging offene Gehorsamsverweigerung, indem er sich auf die Seite Kahrs stellte und am 19. Oktober an General von Seeckt telegraphierte, er lehne es ab, das von Geßler ausgesprochene Verbot des in München erscheinenden Völkischen Beobachters durchzuführen, da die Ausführung dieses Befehls ihn in einen Kon- [123] flikt mit der bayerischen Regierung bringe. Um nicht die Meuterei vor aller Öffentlichkeit zu erörtern, begab sich Geßler selbst nach München, um persönlich mit Lossow zu sprechen. Doch dieser war nicht erschienen. Jetzt enthob der Reichswehrminister den unbotmäßigen General seines Dienstes und übertrug die vorläufige Führung der 7. Division dem nächstältesten bayerischen Offizier, dem Generalmajor Freiherrn Kreß von Kressenstein.

Reichswehrkonflikt
  zwischen Bayern und Reich  

Jedoch jetzt setzte die bayerische Regierung Lossow zum Landeskommandanten ein und beauftragte ihn mit der Führung der bayerischen Reichswehr. Gleichzeitig kündigte sie an, daß sie die bayerischen Truppen selbst in Pflicht nehmen würde. Bayern betrachte es als seine heiligste Pflicht, in dieser Stunde eine Hochburg des bedrängten Deutschtums zu sein. Daraufhin erließ General von Seeckt einen Aufruf an die Reichswehr, worin es hieß:

      "Der Schritt der bayerischen Regierung ist ein gegen die Verfassung gerichteter Eingriff in die militärische Kommandogewalt. Wer dieser Anordnung der bayerischen Regierung entspricht, bricht seinen dem Reiche geleisteten Eid und macht sich des militärischen Ungehorsams schuldig. Ich fordere die 7. Division des Reichsheeres hierdurch feierlichst auf, ihrem dem Reich geleisteten Eid treu zu bleiben und sich dem Befehl ihres höchsten Militärbefehlshabers bedingungslos zu fügen."

Kahr erwiderte, er stütze sich auf den vierten Absatz des Artikels 48 der Reichsverfassung, so daß ihm der Vorwurf des Verfassungsbruches zu Unrecht gemacht werde. Im übrigen unterdrückte er Seeckts Aufruf; wie es ebenfalls auf seine Weisung hin die Staatspolizei Fürth-Nürnberg tat.

Am 22. Oktober fand die Vereidigung der bayerischen Reichswehrtruppen auf die bayerische Staatsregierung statt. Den Soldaten wurde der Regierungsaufruf vorgelesen, dann hatten sie den Diensteid in folgender Formel zu schwören:

      "Auf Grund des hier eben vorgelesenen Aufrufes der bayerischen Staatsregierung bekenne ich, daß ich von der bayerischen Staatsregierung als der Treuhänderin des deutschen Volkes bis zur Wiederherstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und dem Reich in Pflicht genommen bin und er- [124] neuere meine Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber meinen Vorgesetzten."

Gleichzeitig wurde von Nürnberg aus gefunkt, Bayern denke nicht daran, dem Reiche die Treue zu brechen. Bayern sei der Hort deutscher und nationaler Gesinnung und lasse sich nichts von der unter marxistischem Einfluß stehenden Berliner Regierung aufzwingen. Kahr selbst lehnte jedes Verhandeln mit der gegenwärtigen Reichsregierung über die Beseitigung des Konfliktes ab; Bayern stehe auf dem Boden der Verfassung. Aber mit einer Reichsregierung, die einen Zeigner weiter im Amte belasse, sei eine gedeihliche Lösung nicht zu erreichen, denn ihr fehle die Kraft und die Überzeugungstreue, Deutschland durch die jetzige Katastrophe hindurchzusteuern. Man müsse das Eigenleben der deutschen Länder von den erstickenden Fesseln befreien, in die sie der marxistische Unitarismus geschlagen habe. Nur so werde wieder die lebendige Reichseinheit entstehen.

Bei dieser Entwicklung war es nicht weiter sonderbar, daß die Separatisten, die sich in bayerischen Angelegenheiten sehr gut auskannten, auf Umwegen von Paris her einen Sondierungsversuch beim Generalstaatskommissariat unternahmen. Ein angeblicher holländischer Geistlicher erschien, der behauptete, im Auftrage der französischen Generalität dem Generalstaatskommissar die Frage vorlegen zu sollen, wie sich Bayern zu einem Anschluß an Frankreich stellen würde. Der Mann, dessen Personalien nicht sofort festgestellt werden konnten, wurde der Polizei übergeben. Schon die Möglichkeit einer solchen Anfrage war für Kahr und seine Freunde eine beschämende Bloßstellung; wurde doch damit angedeutet, daß Beziehungen irgendwelcher Art bestanden. Aber die Regierung ging klug und diplomatisch zu Werke. Ihr Herz war bei den wittelsbachischen Sonderbündlern, aber ihr Mund troff von Reichstreue. Die Mehrzahl der Bayern hätte die Wiederherstellung der Monarchie begrüßt, sie wäre aber nicht einverstanden gewesen mit den bedenklichen Zielen der monarchistischen Franzosenfreunde; und die Monarchie war jetzt erst die zweite Frage, zunächst mußte der Konflikt mit Berlin erledigt werden. Deswegen war es im Augenblick wichtiger, vor der Öffentlichkeit die Bundesgenossenschaft der National- [125] sozialisten zu besitzen, als sich auf die Seite der Separatisten zu stellen.

  Drohung der Reichsexekution  

Nachdem eine Ministerbesprechung in Berlin, in welcher der Reichskanzler den Ländern größere Selbständigkeit versprach, ergebnislos verlaufen war, richtete das Reich am 27. Oktober eine Note an Bayern, worin die Wiederherstellung des verfassungsmäßigen Zustandes gefordert wurde; andernfalls werde die Reichsexekution einsetzen. Die Bayerische Volkspartei brachte ein einstimmiges Vertrauensvotum für Knilling und Kahr heraus, Geheimrat Held erklärte: "Wir lehnen es ab, diese politische Angelegenheit über den Weg militärischer Formeln zu erledigen. Ich halte es für unmöglich, daß die bayerische Staatsregierung, die im Falle Lossow den Weg des bedrängten Rechtes gegangen ist, den General heute fallen lassen wird." Das war eine unzweideutige Absage an Berlin. Bayern war unerschütterlich, es ließ sich nicht demütigen. Nun unternahmen am 29. Oktober Abgeordnete des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei einen letzten Vermittlungsversuch beim Reichskanzler, wodurch das Einsetzen der Reichsexekutive verzögert wurde.

Dr. von Kahr.
[Bd. 4 S. 32b]      Dr. von Kahr.
Photo Scherl.

General von Lossow.
[Bd. 4 S. 32b]    General von Lossow.
Photo Scherl.

Bündnis Kahr-
  Hitler-Ludendorff  

In Bayern aber führte die Berliner Kriegserklärung zur endgültigen Waffenbrüderschaft der Monarchisten Kahr-Lossow mit den Nationalsozialisten Hitler-Ludendorff. Die beiden, einander mißtrauenden und im geheimen bekämpfenden Richtungen hatten jetzt klar ihre gemeinsame Front gegen Berlin erkannt und beschlossen gleichsam impulsiv, ihre inneren Streitigkeiten hinter dem großen Ziel der Bekämpfung des Berliner Marxismus zurückzustellen. Gefahr war im Verzuge. Kahr, Lossow und Seißer, der Polizeiminister, erklärten dem General Ludendorff, sie seien bereit zum Marsch nach Berlin. Ludendorff und Hitler meinten, daß an Stelle der nationalen Phrasendrescherei endlich einmal die nationale Befreiungstat treten müsse, eine Auffassung, welcher die drei Regierungsmitglieder beipflichteten. Am 31. Oktober erklärte Lossow dem General Ludendorff, daß er bereit sei, den Zug nach Berlin anzutreten. Auch dem politischen Leiter des Bundes "Oberland", Dr. Friedrich Weber, hatten Lossow und Seißer persönlich erklärt, sie seien überzeugt von der Not- [126] wendigkeit einer Reichsdiktatur Hitler-Lossow-Seißer, gestützt auf das von Pöhner und Kahr geführte Land Bayern. Zwischen Kahr und Hitler bestand also vollste Übereinstimmung, die sich auch darin ausdrückte, daß die bayerische Regierung auf Veranlassung der Nationalsozialisten am 3. November für das rechtsrheinische Bayern den Vertrieb des Berliner Börsenkuriers, des Berliner Tageblattes, der B. Z. am Mittag, der Frankfurter Zeitung, des Vorwärts und der Vossischen Zeitung verbot. Zwei Tage später hielten die Verbündeten eine Heerschau über ihre Truppen ab. In München wurde vor dem Armeemuseum der Grundstein für das Kriegerdenkmal gelegt. Der Bezirk München des Bayerischen Kriegerbundes hielt eine große Trauerfeier für die 13 000 im Weltkriege gefallenen Söhne der bayerischen Hauptstadt ab. Die Herren von Knilling, von Lossow, von Kahr und Kronprinz Rupprecht waren als Ehrengäste anwesend, auch zwei Ehrenkompanien der Reichswehr waren erschienen. Auf dem weiten Platze vor dem Reiterdenkmal Ottos von Wittelsbach hatte eine Ehrenkompanie der Reichswehr mit den alten Kriegsfahnen Aufstellung genommen. Auch die vaterländischen Verbände und die Hitlerorganisationen mit ihren Hakenkreuzfahnen standen da. Nach der Gedenkrede des Generals von Reuter trat Kronprinz Rupprecht an den Grundstein und tat die ersten Hammerschläge. Dann nahm er an Lossows Seite den Vorbeimarsch der Fahnenkompanien, der Kriegervereine, der vaterländischen Verbände und der Hitlerschen Kampforganisationen ab. Stürmischer Jubel umbrauste ihn, als er im Kraftwagen abfuhr. Kein Mißklang, kein Zwischenfall störte den Einklang der Feier. Jedermann sah: Kahr und Hitler hatten Frieden geschlossen.

Am nächsten Tage, dem 6. November nachmittags halb fünf Uhr, fand im Generalstaatskommissariat wieder eine Besprechung zwischen Regierungsvertretern und Deputierten der Nationalsozialisten und vaterländischen Verbände statt. Kahr erklärte, daß von Bayern aus eine Reichsdiktatur geschaffen werden müsse, da sie im Norden aus eigener Kraft nicht kommen könne und daß dafür jetzt der "anormale Weg" [127] unter allen Umständen vorzubereiten sei. Jedoch konnte sich Kahr aus lauter Vorbereitungen, Prüfungen und Erwägungen nicht zur Tat entschließen. War er vielleicht von den Monarchisten gewarnt worden, Hitler und Ludendorff bei der Errichtung der Reichsdiktatur behilflich zu sein? Denn die Monarchisten befürchteten, daß eine Hitlerdiktatur Bayern vollends zu einer bedeutungslosen Provinz degradieren würde. Auch bei den Nationalsozialisten regte sich Argwohn. Sollte Kahr tatsächlich separatistisch-monarchistische Absichten haben? Sollte er es nicht ehrlich meinen mit der Treue zum Reiche? Jedenfalls kam Hitler zu dem Entschluß, daß die Stimmung im Volke und in den Verbänden, die Witterungsverhältnisse und die wirtschaftliche Lage jeden weiteren Aufschub unmöglich machten, daß es höchste Zeit zum Handeln sei. Eine von Ludendorff angeregte Aussprache am 7. November lehnte Kahr ab, jedoch fand diese Unterredung am Nachmittag des 8. November statt, wobei der Generalstaatskommissar erklärte, daß er zur Tat entschlossen sei, nur müßten in die neue Reichsregierung noch Persönlichkeiten aus dem nördlichen Deutschland einbezogen werden.

  Vorgänge am 8. November  
im "Bürgerbräu-Keller"

Am gleichen Abend des 8. November hielt Kahr im Münchener "Bürgerbräukeller" eine Rede, um die aufgeregte Bevölkerung zu beruhigen. Hitler hielt dies für den günstigsten Augenblick für seine Initiative, um dem zaudernden, allmählich mißtrauisch betrachteten Kahr die Gelegenheit zum Handeln zu geben. In der Art und Weise aber, wie er sein Vorhaben ausführte, verstieß er gegen das dem Generalstaatskommissar gegebene Versprechen, nichts auf eigene Faust zu unternehmen, sondern seine Pläne erst nach Rücksprache mit der bayerischen Regierung auszuführen, und dieser, in der Form gewaltsamer Überrumpelung ausgeführte Vorstoß war der schwerste Vorwurf, den ihm Kahr später machte.

Gegen drei Viertel neun Uhr abends drang Hitler mit 600 Mann in den "Bürgerbräukeller" ein. Ein ungeheurer Tumult entstand. Hitler eilte an das Rednerpult, feuerte einen Pistolenschuß gegen die Decke, um sich Gehör zu verschaffen, und rief: "Die Sache geht nicht gegen Kahr." Darauf trat ein Stabsoffizier Hitlers auf, der in großen Zügen den [128] Sinn der Umwälzung erklärte. Das Ministerium Knilling sei abgesetzt, Kahr Landesverweser; Pöhner sollte bayerischer Ministerpräsident werden. Die Reichsregierung und der Reichspräsident seien abgesetzt, eine Nationalarmee unter Ludendorffs Oberbefehl sollte gebildet werden. Lossow sei Militärdiktator, Seißer Reichspolizeiminister, die Leitung der Politik übernehme Hitler selbst. "Heute beginnt die nationale Revolution. Sie richtet sich ausschließlich und allein gegen die Berliner Judenregierung. Die neue Reichsregierung Hitler-Ludendorff-Pöhner, sie lebe hoch!" Es ging alles ungeheuer schnell, kaum einer der Anwesenden begriff im ersten Augenblick, worum es sich handelte; dennoch rauschte stürmischer Beifall durch die überrumpelte Menge.

Inzwischen hatten die Nationalsozialisten die bayerischen Minister v. Knilling, Schweyer, Gärtner und Wurzlhofer verhaftet, während sich Hitler und Pöhner mit Kahr, Lossow und Seißer in ein angrenzendes Zimmer begaben. Ludendorff, der nicht anwesend war, wurde im Kraftwagen von Ludwigshöhe herbeigeholt. Hitler setzte die Beweggründe seiner Tat, die politische Lage und das, was jetzt zu geschehen habe, auseinander und fragte dann Ludendorff, ob er bereit sei, die Führung der Nationalarmee mit diktatorischen Vollmachten zu übernehmen. Nach kurzer Überlegung erklärte der General, daß er es für seine Pflicht halte, in dieser Stunde die Stelle Deutschlands wegen anzunehmen. Er erwarte von Lossow und Seißer und bitte sie des Vaterlandes wegen, ebenfalls die ihnen angetragenen Ämter zu übernehmen. Lossow trat darauf an Ludendorff heran mit den Worten: "Wenn Exzellenz zusagen, dann bin ich bereit. Die Bitte von Exzellenz ist mir Befehl!" Er gelobte mit Handschlag Ludendorff treue Mitarbeit. Oberst von Seißer tat unverzüglich dasselbe. Nur Kahr äußerte, er könne sich nicht anschließen, da er auf dem Wege aus dem Saal in das Zimmer mit dem Revolver bedroht worden sei. Es würde aussehen, als ob er unter Zwang handele. Fast eine halbe Stunde lang mußten Hitler, Pöhner und Ludendorff ihn inständigst um seine Zusage bitten, bis er endlich, auch auf Zureden Lossows und Seißers, schweren Herzens zustimmte und die Stelle des bayerischen Landes- [129] verwesers übernahm. Er gab darauf Ludendorff und Hitler die Hand. Es war also nun eine bayerische Regierung gebildet, die über die Machtmittel des bayerischen Staates verfügte und die nationalsozialistische Bewegung mit der Regierung Kahr in aller Form verband.

Man begab sich nun wieder in den Saal und Kahr gab folgende Erklärung ab:

      "In des Vaterlandes höchster Not übernehme ich die Leitung der Staatsgeschäfte als Statthalter der Monarchie, der Monarchie, die heute vor fünf Jahren so schmählich zerschlagen wurde. Ich tue dies schweren Herzens und, wie ich hoffe, zum Segen unserer bayerischen Heimat und unseres lieben deutschen Vaterlandes."

  Umfall Kahrs und Lossows  

Jedoch, schon diese Erklärung des Generalstaatskommissars bedeutete den Umfall, die Rückkehr zu den sonderbündlerischen Monarchisten, die Abkehr vom Reichswillen der Nationalsozialisten. Dem Zugeständnis an Ludendorff fügte Kahr im gleichen Atemzuge das Zugeständnis an die Monarchisten bei. Während Kahr nochmals in einer während der Nacht mit Pöhner gehabten Unterredung seine Hitler gegebene Zusage vollständig aufrechterhielt, hatten er, Seißer und Lossow, den Verrat schon organisiert. Die Polizei wurde mobilisiert, und Truppen aus den umliegenden Garnisonen rückten heran. Ein Telegramm wurde in alle Welt hinausgefunkt, daß Kahr, Lossow und Seißer den Hitlerputsch ablehnten und die mit Waffengewalt erpreßte Stellungnahme im "Bürgerbäukeller" ungültig sei. Dieser Stimmungsumschwung war einerseits dem gewalttätigen Vorgehen Hitlers, andererseits auch dem nationalsozialistischen Eingriff in die bayerischen Regierungsverhältnisse zuzuschreiben. Denn gerade das, was Kahr an Berlin bekämpfte, die Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes, hatten die Nationalsozialisten mit der Ernennung der neuen bayerischen Regierung und der Verhaftung der übrigen Minister getan in einer Weise, die von Kahr und seinen Mitarbeitern geradezu als brutal empfunden werden mußte. Die Kluft, die seit Ende Oktober geschlossen schien, tat sich aufs neue, diesmal aber unüberbrückbar, auf. Es war eben ein ungleiches Zweigespann, der bayerische Separatismus und der großdentsche, national- [130] sozialistische Unitarismus, das vor den Staatswagen gespannt werden sollte.

Ludendorff begab sich ins Wehrkreiskommando, ohne dort General von Lossow anzutreffen. Kurz nach Mitternacht hatten die Nationalsozialisten die Empfindung, als sei die Stellung der Reichswehr zweifelhaft. Hitler beauftragte seinen Adjutanten, Major Siry, sich bei Lossow zu vergewissern. Siry begab sich in die Kaserne, in der sich Lossow, Kahr, Seißer und ein Unbekannter befanden. Es war drei Viertel drei Uhr morgens. Siry erklärte: "Ich komme in Hitlers Auftrage, um mich über die Haltung der Truppen Ew. Exzellenz zu den heutigen Ereignissen zu erkundigen." Eisiges Schweigen. Dann äußerte Lossow: ein mit Pistolen erpreßtes Wort sei null und nichtig. Kahr und Seißer gaben dieselbe Erklärung ab. Siry meinte nun, er wolle die veränderte Lage Ludendorff und Hitler mitteilen, um die Möglichkeit eines Bruderkampfes der Polizei und Reichswehr gegen die Hitlerorganisation zu vermeiden. Kurz und hart erwiderte Lossow: "Mit Rebellen wird nicht verhandelt" und ließ Siry verhaften. Um sechs Uhr früh teilte Oberst Leupold dem General Ludendorff die verhängnisvolle Wendung der Dinge mit, und Ludendorff erkannte, daß das Unternehmen zusammengebrochen war.

Ludendorff, der es für seine Pflicht hielt, einen Bürgerkrieg zu vermeiden, begab sich zu Hitler in das "Bürgerbräu", wo noch die Nationalsozialisten versammelt waren. Hitler hoffte, durch Straßenpropaganda die Stimmung in der Stadt für sich zu gewinnen. Inzwischen schoben sich bis gegen Mittag Reichswehrposten an die Isar vor. Es mußte gehandelt werden. Einige schlugen ein Ausweichen nach Rosenheim vor. Ludendorff hielt dies im Interesse der Bewegung für ausgeschlossen, er war für einen Demonstrationszug durch die Stadt, der am Bürgerbräu beginnen und enden und Klarheit darüber schaffen sollte, welchen Widerhall die Bewegung in der Stadt fände. Diesem Vorschlag wurde zugestimmt. Es wurde die Weisung gegeben, nicht zu schießen. Der Zug setzte sich in Gruppenkolonne mit fliegenden Fahnen in Bewegung. Voran gingen die Führer, darunter der völlig unbewaffnete General Ludendorff und Hitler.

Blutvergießen
  am 9. November  

[131] Der an der Isarbrücke stehende Posten schwärmte beim Herannahen des Zuges zunächst aus, wich aber dann zur Seite. Überall in der Stadt wurde der in vollster Ordnung marschierende Zug, der vaterländische Lieder sang, stürmisch begrüßt. Als sich der Zug der Residenz und der Feldherrnhalle näherte, schwärmte abermals ein Posten der Sicherheitswehr aus und wich sodann auf Befehl seines Führers zurück. Da lief plötzlich eine bisher nicht gesehene Kompanie die Treppe der Feldherrnhalle hinab, schwenkte im Laufschritt ein und eröffnete sofort ohne Warnung oder Ankündigung aus nächster Entfernung ein wildes Feuer auf die Spitze des Zuges. Gleichzeitig wurde auch aus den Gebäuden gefeuert. Einige der den General Ludendorff umgebenden Männer wurden getötet oder verwundet. Der Zug warf sich zu Boden, General Ludendorff schritt aufrecht, von einem Hauptmann begleitet, durch die feuernde Linie hindurch, ohne verwundet zu werden. Beide wurden etwa 200 Meter hinter der Truppe verhaftet. Die Nationalsozialisten hatten 12 Tote und 16 Verwundete, während nur zwei Polizeibeamte getötet worden waren.

9. November 1923: Abgesperrte Isarbrücke in München.
[Bd. 4 S. 16b]      9. November 1923:
Abgesperrte Isarbrücke in München.

Photo Scherl.
Jetzt konnte kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Erhebung vollends zusammengebrochen war. Hitlers Überrumpelungsversuch, sein Staatsstreich war mißglückt. Nach kurzem Kampfe wurde am Nachmittag das Wehrkreiskommando, in dem sich ein nationalsozialistischer Trupp festgesetzt hatte, von Regierungstruppen genommen. Hitler und Ludendorff wurden, nachdem sie ihr Ehrenwort gegeben hatten, sich in keiner Weise mehr an dem Unternehmen zu beteiligen, wieder freigelassen, allerdings ständig bewacht. Kahr verhängte das Standrecht und löste die Nationalsozialisten sowie die Bünde "Oberland" und "Kriegsflagge" auf. Der Völkische Beobachter wurde verboten. Gehässige Schmähungen gegen den "Preußen" Ludendorff und den Österreicher Hitler, den "Bazi", wurden allenthalben laut.

Kahr und Lossow behaupteten, sie hätten Hitler und Ludendorff vor einem gewaltsamen Aufstand gewarnt und keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß ein Putsch rücksichtslos militärisch unterdrückt würde. Sie beteuerten ihre [132] Unschuld und hatten auch insofern recht, als sie bei ihrem gemeinsamen Plan eines Vormarsches nach Berlin von der Voraussetzung ausgingen, daß von nationalsozialistischer Seite aus keine Eingriffe in die inneren Verhältnisse Bayerns geschehen würden. Des Landes und der Hauptstadt aber bemächtigte sich gewaltige Erregung. Am Sonntag, dem 11. November, durchzogen große Trupps nationalsozialistischer Studenten, vaterländische Lieder singend, München. Die Polizei wurde beschimpft und sogar beschossen. Die Kommunisten, ihrem Dialekt nach zu urteilen wahrscheinlich aus Sachsen und Thüringen zugewandert, verteilten Flugblätter und wurden verhaftet. Noch am folgenden Tage hielt die Erregung an. Die Akademischen Blätter, das Organ der deutschen Studentenschaft, brachte einen Artikel, dessen Inhalt etwa in folgenden Worten gipfelte: "Hoch Hitler, nieder mit Kahr, Rache für unsere Toten!"

Die Nationalsozialisten waren vollkommen zusammengebrochen. Ihre Führer wurden verhaftet, ihre Verbände waren aufgelöst. Dennoch kam es in Augsburg zu einem kurzen Aufstand, der mit der Entwaffnung und Verhaftung der Beteiligten in kurzer Zeit niedergeschlagen wurde. In Hof demonstrierten 2000 Anhänger Hitlers, ohne daß es zu ernsten Zusammenstößen kam. Kahr war vollkommen Herr der Lage.

Eine besondere Note erhielt der Kampf der Geister nach dem Zusammenbruch des Hitlerschen Staatsstreiches noch durch das Moment des konfessionellen Streites. Die Nationalsozialisten warfen den klerikalen ultramontanen Kreisen vor, sie hätten die Erhebung verraten. Das war auch Ludendorffs Ansicht. Die Katholiken antworteten darauf mit starken Ausfällen gegen den Protestantismus, die aber ungerechtfertigt waren, da die größte Mehrzahl der unzufriedenen Hitleranhänger selbst katholisch war. Die evangelischen Gemeinden Münchens sahen sich genötigt, gegen die auch vom Zentralkomitee der Münchner Katholiken begünstigten Angriffe eine Erklärung abzugeben am 14. Dezember, in der es hieß:

"1. Die bedauerlichen Angriffe gegen die katholische Kirche und ihre Würdenträger sind, wie jedermann beobachten [133] konnte, aus der politisch erregten Münchener Gesamtbevölkerung hervorgebrochen, die doch überwiegend katholisch ist.

2. Wir verwahren uns energisch dagegen, daß die Evangelischen in Gegensätze hereingezogen werden, mit denen sie nichts zu tun haben, und sogar für jugendliche Ausschreitungen verantwortlich gemacht werden, die mit evangelischem Bewußtsein nicht in der geringsten Beziehung stehen. Wir lehnen es entschieden ab, daß die evangelische Bevölkerung Münchens nachträglich den Blitzableiter bilden soll.

3. Wir bedauern, daß in der Entschließung des Zentralkomitees im Widerspruch zu der verfassungsmäßig garantierten Gleichberechtigung der Konfessionen von einem 'katholischen München und Bayern' und von der Wahrung des 'Haus- und Bürgerrechts' der Münchener Katholiken gegen Andersgläubige gesprochen wird, obwohl die Evangelischen ein Sechstel der Münchener und ein Drittel der bayerischen Bevölkerung bilden. Wir Evangelisten können uns keineswegs als geduldet betrachten; wir nehmen für uns dasselbe Haus- und Bürgerrecht in München und Bayern in Anspruch wie unsere katholischen Mitbürger und sprechen der Staatsregierung das Vertrauen aus, daß sie auch unsere Rechte gemäß den besten Traditionen des bayerischen Staates schützen wird."

Eine tiefere Zerrüttung als diese, die wie in den Zeiten der Religionskämpfe auch noch die Gemüter spaltete, war kaum noch möglich.

Von allen Aufständen des Herbstes 1923 ist der Hitlerputsch der tragischste. Wenn auch nicht geleugnet werden konnte, daß der Überfall im "Bürgerbräukeller" eine Gewalttat war, so waren doch die Nationalsozialisten von den besten und edelsten Absichten für das gemeinsame Vaterland durchdrungen. Es waren keine eigensüchtigen und niedrigen Motive, die sie trieben, stand doch der wertvolle Teil des deutschen Bürgertums, die akademische Jugend, in der vordersten Linie dieser Kämpfer. Besonders tragisch war das Schicksal Ludendorffs. Der gewaltigste und gefürchtetste General des Weltkrieges handelte ebenfalls nicht aus egoistischen Interessen. Er hatte seine Pension, ein sorgenfreies Leben, eine geachtete Stellung und seinen Ruhm. Er handelte aus dem unbezwing- [134] baren Drang heraus, seinem gequälten Vaterlande zu dienen, ihm zu helfen. Man warf ihm Ehrgeiz vor. Nun, ist Ehrgeiz ein Verbrechen? Ist er nicht im Gegenteil die Quelle aller gewaltigen Taten, welche die Menschen groß machen und die Welt erschüttern?

  Anklagen und Vorwürfe  

Im Frühjahr 1924 wurde der Hochverratsprozeß gegen Hitler und Ludendorff verhandelt. Hitler, Weber, Kriebel und Pöhner erhielten je fünf Jahre Festung. Ludendorff wurde freigesprochen. Das Gericht vertrat die Auffassung, daß Kahr wirklich oder zum Scheine eine viel weitergehende Verfassungsänderung vorgenommen habe, als er sich nämlich zum Statthalter der Monarchie machte, also an Stelle der Republik ein Königreich setzen wollte. Ludendorff dagegen habe am Abend des 8. November im besten Glauben gehandelt, da er dachte, daß der Gedanke der Reichsdiktatur im Sinne Kahrs greifbare Gestalt angenommen habe. Nicht Ludendorff, sondern Kahr traf also der moralische Vorwurf für die Vorgänge im November!

Der Hitlerputsch war eine Episode, die aber deswegen von Bedeutung war, als sie grell und blitzartig die Zustände in Deutschland beleuchtete. Die Spannung zwischen Bayern und dem Reich war aber nicht behoben, sie dauerte noch weiterhin an. Am 24. November schlugen die bayerische Regierung, unterstützt von der Bayerischen Volkspartei eine Lösung vor, indem sie für eine föderalistische Umgestaltung der Reichsverfassung eintraten. Erst Anfang Dezember ließ sich ein Fortschritt zur Entspannung erkennen. Damals trat der Bayer Dr. Emminger als Justizminister in die Reichsregierung ein. So war die Möglichkeit eines friedlichen Ausgleichs zwischen München und Berlin nicht nur angebahnt, sondern schon erheblich gefördert. –

  Beginn der Oktober-Krawalle  

Das Bild über die damaligen Zustände in Deutschland wäre aber unvollständig, wenn wir uns nur auf die Betrachtung der planmäßigen Angriffe auf das Reich und die Verfassung in Sachsen und Thüringen, in Preußen und Bayern beschränken würden. Es war eine unruhige Zeit; die Katastrophe der Mark stürzte Deutschland in einen rasenden Strudel des Elends. Hunger, Not und Entsetzen würgten das [135] Volk. Die Mark, die von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde immer jäher in den bodenlosen Abgrund taumelte, machte es den meisten unmöglich, sich die notwendigsten Lebensbedürfnisse anzuschaffen. Die Verzweiflung packte die Massen, sie griffen zur Selbsthilfe. In fast allen Städten des Reiches brachen blutige Teuerungskrawalle aus. Blind gegen alle Vernunft, stürmten die Massen die Läden, raubten und plünderten. Es ging hier nicht mehr um politische Systeme, es ging ums nackte Leben. Um den 11. Oktober begann die Welle der blutigen Teuerungsunruhen. Einen Monat lang schüttelten und peitschten sie Deutschland. Die städtischen Arbeiter Berlins forderten an diesem Tage einen Stundenlohn von 480 Millionen Mark, die Werkstättenarbeiter einen solchen von 600 bis 750 Millionen.

  Gewalttaten und Hungerrevolten  
in allen Teilen des Reiches

Schon am 12. Oktober züngelte die Flamme des Aufruhrs bedenklich empor. In Berlin-Schöneberg hatten sich mittags 1000 Menschen vor dem Rathaus versammelt und versuchten es zu stürmen, um den Bürgermeister zur Herabsetzung der Lebensmittelpreise zu zwingen. Doch die Polizei trieb sie auseinander. Auf dem Güterbahnhof von Steglitz mußten die Polizisten 800 Menschen vertreiben, welche einen mit Kartoffeln beladenen Waggon zu plündern versuchten. Auch in Höchst am Main kam es zu Zusammenstößen. Die Erwerbslosen demonstrierten vormittags vor dem Rathaus und forderten einen Vorschuß von zehn Milliarden Mark für den Kopf. Da ihnen dieser nicht bewilligt wurde, bemächtigte sich ihrer große Erbitterung, und sie warten mit Steinen nach den Polizeibeamten. Diese feuerten in die Menge, wobei ein Arbeiter getötet, drei schwer, zwei leichter verletzt wurden. Das Rathaus wurde weiter belagert, und am Nachmittag kam es zu großen Plünderungen. Die Polizei wurde zurückgezogen, und französische Truppen drohten einzurücken. In Köln kam es ebenfalls an diesem Tage zu Plünderungen. In Düsseldorf zog abends die Menge durch die Kölner Straße, schlug die Schaufenster ein und räumte Schuh-, Kleidungs- und Lebensmittelgeschäfte aus; dann wälzte sich die Masse in andere Stadtteile und plünderte die Hildebrandtstraße aus. Sackweise [136] wurden die Sachen fortgeschleppt. Den ganzen folgenden Tag wurden die Plünderungen fortgesetzt, da die Polizei viel zu schwach zum Widerstand war. Erst nachdem sie Unterstützung französischer Truppen erhalten hatte, wurde sie Herr der Lage.

In Frankfurt am Main wurden am Vormittag des 13. Oktober ausgebrochene Plünderungen von der Polizei unterdrückt, während zur gleichen Zeit in Leipzig die Marktstände gestürmt wurden. Schon am folgenden Tag wiederholte sich in Frankfurt der Erwerbslosenkrawall. Am 15. Oktober gab es in Köln blutige Plünderungen, und gleichzeitig artete in Mannheim eine Erwerbslosendemonstration in eine großartige Plünderungsaktion aus, die zwei Tage anhielt. Unter den 17 Verwundeten befanden sich vier Polizeibeamte. Am Vormittag des 16. Oktober zogen große Trupps Erwerbsloser von Neukölln und Lichtenberg vor das Berliner Rathaus. Tausende von Menschen, die sich gegenseitig zu Plünderungen aufreizten, erfüllten die Königstraße. Gegen Mittag kam es in der Roßstraße zu Zusammenstößen mit der Polizei, wobei ein Mann lebensgefährlich, zwei schwer verletzt wurden. Am gleichen Tage plünderten in Leipzig halbwüchsige Burschen Lebensmittelgeschäfte und Brotwagen.

In Berlin verdoppelten sich täglich die Preise. Die Bäcker kündigten eine Erhöhung des Brotpreises auf 650 Millionen Mark an. Ein Pfund Butter kostete 2 Milliarden, ein Preis, der für 95% Prozent der Bevölkerung unerschwinglich war. Die Polizei war nicht mehr in der Lage, die Markthallen vor den Ausschreitungen der aufgeregten Käufermassen zu schützen. In Lichtenberg und Neukölln terrorisierten Hundertschaften der Erwerbslosen. In Stralau-Rummelsburg wurden nachts die Läden ausgeplündert. Am gleichen Tage, dem 17. Oktober, stürmten Arbeiterfrauen das Verwaltungsgebäude einer Fabrik in Gelsenkirchen und richteten furchtbare Verwüstungen an. Die Polizisten, welche man mit Steinen bewarf, schossen und verletzten zwei Arbeiter schwer. Unterdessen kam es in Mannheim abermals zu blutigen Unruhen. Die Betriebsräte riefen den Generalstreik aus, die Zufuhr von Gas und Wasser war empfindlich gestört, die [137] Straßenbahn mußte den Betrieb einstellen. Zusammenstöße mit der Polizei ereigneten sich, und es gab zahlreiche Tote. Das Wehrkreiskommando machte bekannt, daß Verbrechen, die sonst mit Zuchthaus bestraft würden, mit dem Tode geahndet werden müßten.

Am folgenden Tage wurde der Norden und Osten Berlins von neuen Ausschreitungen heimgesucht. In Neustadt in der Pfalz gab es bei Erwerbslosenunruhen acht Verletzte. In München wurden die Läden der Lebensmittelhändler und Fleischer geplündert. Jeder Tag brachte neue Katastrophen. Am 19. Oktober gab es in Tilsit Tote und Verwundete. In Wiesbaden und Lahr griff man Fabriken und Villen an. Von einer schweren Revolte wurde Mannheim betroffen. 21 Tote und 65 Verwundete blieben auf dem Platze.

Das Elend wurde immer grauenhafter. In Köln, einer Stadt von 700 000 Einwohnern, wurden 80 000 Erwerbslose und Hunderttausende von Kurzarbeitern gezählt. Jeder dritte Einwohner der Stadt wurde nicht mehr vollbeschäftigt.

Während in Berlin an einem Sonntag, dem 21. Oktober, Bäckerläden gestürmt und ausgeplündert wurden, brachen in Hamburg schwere Lebensmittelunruhen aus, die, von Kommunisten angefacht, vier Tage lang dauerten. Am 23. Oktober, morgens 3 Uhr, gab es eine große Schießerei. Kommunisten, hauptsächlich weibliche Agitatoren, hatten das Volk aufgehetzt. Verschiedene Polizeiwachen wurden in der Nacht gestürmt, die Beamten entwaffnet. Heftige Feuergefechte fanden statt, während die Lebensmittelgeschäfte geplündert wurden. Zeitungsautos wurden gestürmt und zerstört. An diesem Tage wurden 14 Tote, darunter 7 Polizisten, und 106 Verwundete, darunter 19 Polizisten, gezählt. Die Fabriken ruhten, der Hafen war tot. Am Abend wurden die Kämpfe in Barmbeck erneuert. Aus Häusern und von den Dächern wurde geschossen. Auch in Altona und Wandsbek wurde die Polizei angegriffen. Am folgenden Tage wurde im Innern der Hansestadt geplündert. Halbwüchsige Burschen überfielen das Gefängnis, wurden aber zurück- [138] geschlagen. In Bergedorf legten die Erwerbslosen sämtliche großen Fabriken still. Ein Zug von 1000 Hamburger Kommunisten wälzte sich nach Geesthacht, um die Dynamitfabrik stillzulegen. Allmählich wurde die Polizei Herr der Unruhen. Bei Barmbeck mußte sie ein Gehölz unter schweren Verlusten für die Aufrührer säubern. Am Abend des 24. Oktober war die Ruhe wiederhergestellt. Die Kämpfe forderten insgesamt 24 Tote, darunter 11 Polizisten, und über 250 Verwundete.

Auch in Ostpreußen, in Marienburg und Allenstein, drang die aufgeregte Menge in die Läden der Bäckereien, Lebensmittel- und Kleiderhändler ein und plünderte sie aus. Mehrere wurden verwundet, andere verhaftet. Besonders unruhig aber war das Ruhrgebiet. In Essen brachen am 26. Oktober neue Teuerungskrawalle aus. Die Erwerbslosen unterbrachen die Stadtbahngleise, errichteten Barrikaden und warfen Steine auf die Polizeibeamten. 7 wurden getötet, etwa 30 verletzt. Drei Tage später war Düsseldorf der Schauplatz von Plünderungskrawallen. Von den Aufrührern wurde eine Handgranate geworfen, welche 5 Menschen teilweise schwer verletzte.

Anfang November gab es in Deutschland 4½ Million Arbeitslose. Der vierte Teil der erwerbstätigen Männer bezog Arbeitslosenunterstützung. Das war ungeheuer. Wer sollte das hungernde Volk sättigen? Wer ihm Kleidung und Kohle und Wohnung liefern? Deutschland stand tatsächlich am Ende seiner Kraft. Mit zwingender Notwendigkeit mußten sich die Teuerungsunruhen fortsetzen, verstärken. In Berlin ereigneten sich am 5. November schwere Unruhen. Das Volk rottete sich zusammen und plünderte Bäcker-, Fleischer-, Lebensmittel- und Tabakläden. Vor dem Rathaus in Lichtenberg demonstrierten 3000 Erwerbslose. Im Scheunenviertel fanden nachmittags und abends bis in die Nacht hinein Massenplünderungen statt. Auf Devisenschieber wurde eine förmliche Jagd veranstaltet. In der Münz-, Grenadier-, Dragoner-, Hirten- und Linienstraße wurden jüdische Geschäfte ausgeplündert. Jüdisch aussehende Personen wurden bis aufs Hemd ausgezogen. Vor der Börse kam es zu Tumulten. Man [139] riß einem Juden die Kleider vom Leibe, bis er nackt dastand, dann raufte sich die Menge um seine mit Devisen gefüllte Brieftasche.

Am gleichen Tage demonstrierten in Dessau die Erwerbslosen vor dem Rathause und mußten mit der Waffe zerstreut werden. Am 9. November konnte die Stadtverwaltung Kottbus den Erwerbslosen keine Unterstützung zahlen, da sie kein Geld in der Kasse hatte. Doch die Erwerbslosen halfen sich selbst, sie plünderten die Läden der Bäcker, Fleischer und Tabakhändler aus. Auch in Breslau wurde am 12. November geraubt und geplündert. Am 16. und 23. November war Essen wiederum der Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen. Am 24. November kam es in Gelsenkirchen und zahlreichen andern Orten des Ruhrgebiets zu schweren Plünderungen. Der Grund für die Gelsenkirchener Vorgänge lag darin, daß die Erwerbslosen die ihnen von der Stadt gewährte Unterstützung von 700 Milliarden für den Tag und eine ledige Person als zu gering betrachteten. 6 Tote und 23 Verletzte kostete die Revolte. Am 27. November wurde Berlin wieder von Plünderungen heimgesucht.

Mit der Einführung der Rentenmark traten wieder geordnete Zustände ein. Deutschland war mit einem Schlage gleichsam befreit von inneren Unruhen und Erschütterungen. Das Volk, müde von Aufregungen und Entbehrungen, hatte keinen anderen Wunsch, als sich aus dem Zustande seiner schweren Erschöpfung zu erholen. So verschwinden mit dem Ausgang des Novembers die Teuerungskrawalle aus der deutschen Geschichte. Sie waren spontan, aus dem verzweifelten Willen der Hungernden hervorgebrochen, sie fragten nicht nach Organisation und zentraler Leitung, sie standen nicht im Dienste irgendeiner politischen Idee, sie hatten nur ein Ziel: den vom Hunger verkrampften Magen zu beruhigen.

  Umtriebe der Kommunisten  

Dennoch arbeiteten die Kommunisten mit geradezu fieberhaftem Eifer daran, eine große politische Aktion zu entfachen, um den Bolschewismus in Deutschland einzuführen. Das war die unerschütterliche Absicht der kommunistischen Leitung für das ganze Reich, und diese Ideen waren von Moskau inspiriert. Brandler, der in Sachsen eine Rolle [140] spielte, kam Anfang Oktober aus Moskau zurück und brachte folgendes Programm mit: Bewaffnete Arbeitergruppen erfassen die Lebensmittel auf dem Lande; sämtliche nichtkommunistischen Zeitungen werden für immer verboten; sämtliche nichtkommunistischen Führer sind zu verhaften; jeder Widerstand gegen die neue Regierung wird mit dem Tode bestraft. Man rechnete in diesen Kreisen ganz sicher mit der Errichtung der Räteherrschaft, und man machte kein Hehl daraus, daß alle Andersdenkenden umgebracht werden sollten. Leute, die auf dem Friedhof liegen, stören nicht mehr. Das war die herrschende Auffassung. Die freien Gewerkschaften und die kommunistischen Zeitungen taten ihr möglichstes, um die herrschende Panikstimmung des Volkes gegen die Industriellen und Rechtsputschisten aufzupeitschen.

Gewitzigt durch die Ereignisse der früheren Jahre, waren die Regierungen der deutschen Länder wachsam und unterdrückten bei der geringsten Veranlassung alle kommunistischen Aufwiegelungsversuche. Bereits am 13. Oktober hatte die preußische Regierung in Breslau 20 Kommunisten verhaften lassen, weil man sie beschuldigte, daß sie zur Bildung von bewaffneten Hundertschaften aufreizten. Eine Woche später wurden nachts in Stuttgart kommunistische Agitatoren verhaftet, welche Generalstreik und Sabotage vorbereiteten. Am 22. Oktober erfolgte in München die Festnahme von 32 Kommunisten. In der zweiten Hälfte des Monats schien es aber doch, als ob stellenweise die rein wirtschaftlichen Unruhen von den Bolschewisten ihren Zwecken dienstbar gemacht werden könnten. Die Untersuchung der besonders hartnäckigen Hamburger Unruhen ergab, daß es sich um einen großangelegten kommunistischen Putschversuch handelte. Raffiniert bediente man sich weiblicher Agitatoren, welche man mit kluger psychologischer Berechnung für die Aufreizung der Hausfrauen als sehr geeignet hielt. In Heide, im Holsteinischen, erschien am 17. Oktober ein mit Karabinern bewaffneter kommunistischer Haufe, beschoß das Gefängnis und forderte Freigabe eines dort gefangengehaltenen Führers. Erst herbeigerufene Polizei konnte die Landfriedensbrecher vertreiben. In Stettin rotteten sich unter kommunisti- [141] schem Einfluß die Werftarbeiter zusammen, so daß die Vulkanwerft geschlossen werden mußte. In der Niederlausitz wurde der Generalstreik proklamiert. In Braunschweig beunruhigten kommunistische Hundertschaften die Bevölkerung, so daß die Polizei 250 Personen entwaffnete und 21 Hundertschaftsführer verhaftete. Die Erwerbslosen verlangten am folgenden Tage in einer großen Demonstration vor dem Rathause die Freigabe der Verhafteten, doch vergebens. In Schöningen bei Braunschweig, wo die Kaufläden geplündert wurden, mußte Reichswehr Ruhe schaffen.

In Frankfurt am Main propagierten die Kommunisten den Generalstreik, jedoch wurde er von den Gewerkschaften abgelehnt. Nur die Metallarbeiter traten in den wilden Streik ein, am 26. Oktober. Von 35 000 Metallarbeitern feierten 30 000. Aber schon nach drei Tagen brach die Aktion vollständig zusammen. Besonders die jugendlichen Elemente taten sich hervor. Sie zogen durch die Stadt und forderten, indem sie mit Gewalt drohten, daß die Gastwirtschaften geschlossen würden. Die Läden blieben, aus Angst vor Plünderungen, schon vom frühen Morgen an geschlossen. Ein Teil der Stadt erhielt sogar kein Wasser.

Die Kommunisten mußten erkennen, daß es trotz verzweifelter Anstrengungen über ihre Kräfte ging, eine neue Revolution zu entfachen. Dennoch waren sie unermüdlich. Ende Oktober konnten in Rostock 30 Mitglieder einer Zentrale verhaftet werden, die auf den Staatsumsturz in Mecklenburg hinarbeitete. Anfang November wurde in Hamburg aufs neue geschürt. Diese Stadt schien durch ihre Hafenarbeiter ein günstiger Boden für die kommunistischen Pläne zu sein, und man unterließ nichts, die Teuerungsnot politisch zu beeinflussen. Eine großzügige Agitation setzte seit Mitte November über das ganze Reich ein, sogar in die Reichswehr versuchte man einzudringen.

  Verhaftungen  

Aber die preußische Regierung wachte über die dem Staate drohende Gefahr. Schon Mitte Oktober waren in Berlin verschiedene Kommunisten verhaftet worden, welche die Bewaffnung proletarischer Hundertschaften forderten. Einen Monat später wurde eine Zentrale in der Reichshauptstadt [142] ausgehoben, bei welcher Haussuchungen nicht nur einen ansehnlichen Bestand von Dollars und Pfund Sterling zutage förderte, sondern auch einen sorgsam ausgearbeiteten Plan für den militärischen Aufmarsch in ganz Deutschland. Auch an den nötigen Waffen fehlte es nicht. Severing ließ innerhalb einer Woche 4000 Mauserpistolen, 500 Karabiner und 24 schwere Maschinengewehre beschlagnahmen.

Den Moskauern dauerten die Vorbereitungen der deutschen Kommunisten viel zu lange, und sie schrieben einen Brief an ihre Berliner Freunde, worin sie kategorisch den Beginn des bewaffneten Aufstandes forderten. Nun entschlossen sich die deutschen Kommunisten zu einer Tat. Aus Weißensee und Lichtenberg bei Berlin trommelten sie 1000 Erwerbslose zusammen, mit denen sie zum Lustgarten zogen und nach verschiedenen Reden ein Hoch auf die Räterepublik ausbrachten. Auf dem Küstriner Platz hatten sich etwa 3000 Menschen eingefunden, die mit Gummiknüppeln auseinandergetrieben wurden, nachdem man etwa 80 von ihnen verhaftet hatte. Die Generalprobe für den großen kommunistischen Aufstand war kläglich gescheitert, die Sache der Bolschewisten war verloren.

Man möchte sich wundern, warum die Kommunisten trotz geradezu übermenschlicher Anstrengungen nicht in der Lage waren, eine große Revolution herbeizuführen. Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend gewesen: die sehr wachsame Bereitschaft der deutschen Regierungen, die eine rührige Polizei zur Verfügung hatten, und die Gleichgültigkeit, ja der Ekel der wirtschaftlich zermürbten Massen vor politischen Versprechungen. Nicht die Aussicht auf die Räterepublik konnte noch dazu begeistern, auf den Barrikaden zu sterben; nach Brot, Brot und nochmals Brot schrien die Männer, die Frauen und die Kinder. Man zitterte davor, leichtsinnig durch einen Streik seinen Erwerb zu verlieren, man wehrte sich gegen solche Zumutungen mit äußerster Energie. Die Vorbedingung für die kommunistische Tat war aber der Generalstreik, und der kam nicht zustande; so hatten die Kommunisten das Spiel verloren.

  Moskaus Anteil  

[143] Ein anderer Faktor war Rußland. Wohl hielten sich zahlreiche Sowjetrussen zu jener Zeit besonders in den badischen Kurorten auf; aber man verkannte doch in Moskau vollkommen die Dinge, wie sie in Deutschland lagen. Die Bolschewisten glaubten immer noch an die deutsche Revolution, sie beurteilten ganz falsch den Charakter der Deutschen. Noch später sprach Sinowjew von der "akut revolutionären Situation", die im Herbst 1923 in Deutschland bestanden habe. Aber gerade damals war Rußland nicht zu einer tätigen Unterstützung der deutschen Kommunisten in der Lage, sondern die Exekutive der 3. Internationale konnte nur Vorschläge machen, Forderungen stellen und die Ausführung letzten Endes den Deutschen allein überlassen. Denn mit einer gewissen Resignation hatten sich die Führer der Komintern 1922 von Europa zurückgezogen und die Durchschlagskraft ihrer bolschewistischen Aktion mehr auf Asien, speziell auf China, gerichtet. Hier waren sie im besten Zuge, und herrliche Hoffnungen auf den Sturz der englischen Herrschaft in Asien beflügelte ihre Anstrengungen. Nachhaltiger aber wirkte noch eine andere Tatsache auf Rußlands Außenpolitik lähmend ein: Lenin war einer schweren Krankheit verfallen, die es ihm unmöglich machte, weiterhin das Regiment mit seiner starken Faust zu führen. Zwei Richtungen hemmten sich jetzt gegenseitig in Moskau: eine gemäßigte, die hauptsächlich in der Sowjetregierung zum Ausdruck kam, und eine radikale, deren Zuflucht die Exekutive der Komintern war. Zu dieser letzten gehörte Sinowjew, und er war stets der Überzeugung, man müsse "sofort zum Angriff" übergehen. Er schrieb die aufreizenden Briefe nach Berlin und machte den sächsischen Kommunisten Hoffnungen und Mut. Zu ihm stand auch der größte Teil der russischen Jugend, der aber von der Regierung im Zaume gehalten wurde. Stalin berichtet, daß 1923, am "Vorabend der deutschen Revolution", ein Teil der russischen Jugend bereit gewesen sei, die Bücher liegenzulassen und nach Deutschland zu fahren, da sie behauptete, ein Revolutionär habe in Rußland nichts mehr zu tun, er müsse nach Deutschland fahren und dort Revolution machen. An den Eisenbahnstrecken Rußlands, die nach Deutschland führten, wurde Gold [144] und Getreide konzentriert. Die Handelsvertretungen der Sowjets in Deutschland erhielten Anweisungen, tatkräftig die kommunistische Bewegung zu unterstützen. Vertreter der Moskauer Regierung und der Komintern hielten sich den ganzen November über mit falschen Pässen in Berlin auf und warteten auf die Bolschewisierung Deutschlands. Radek wurde nach Deutschland gesandt, um die Revolution vorwärtszutreiben, so daß der deutsche Botschafter in Moskau, Graf Brockdorff-Rantzau, schließlich mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen drohen mußte. Radek wurde von der deutschen Polizei verhaftet. Diese Ereignisse, die Ende Oktober 1929 im Matin von dem ehemaligen russischen Botschaftsrat Bessedowski in Paris berichtet wurden, zeigen doch, daß in Rußland starke Strömungen, besonders in der Komintern, am Werke waren, welche die deutsche Inflationsnot zur Herbeiführung des Bolschewismus benutzen wollten. Da aber in den maßgebenden russischen Stellen selbst hierüber keine Einigkeit bestand, unterblieb dies, und die deutschen Kommunisten waren preisgegeben.

Vollends aussichtslos war die Arbeit der Kommunisten, als Ende Oktober die sozialdemokratisch-kommunistische Regierung in Sachsen gestürzt worden war und wenige Tage später auch in Thüringen die Kommunisten aus der Regierung ausschieden. Diese beiden Länder waren der Rückhalt der radikalen Bewegung in ganz Deutschland, und die deutschen Bolschewisten hatten ihr Schicksal allzu eng verknüpft mit dem Schicksal der beiden mitteldeutschen Staaten. Was halfen alle vermehrten Anstrengungen, Aufforderungen und Versprechungen, wenn die Masse am Schicksal Sachsens ein Beispiel sah, das nicht Hoffnung, sondern Hoffnungslosigkeit einflößte?

So waren Reich und Volk im Herbst 1923 einigermaßen glücklich um gefährliche Klippen innerer Aufstände und Unruhen herumgekommen. – Nun wenden wir uns den Zuständen im besetzten Gebiet und dem Aufstand der Separatisten zu.



Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra