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XVIII. Stimmen zum Anschluß

[618]
Die Anschlußfrage in der internationalen Presse
Dr. Stefan Hofer (Wien)

Umwälzungen, welche organisch zusammengewachsene Gebiete zerreißen und Wirtschaftsvereinigungen, deren Bestand sich im Laufe von Jahrhunderten als zweckmäßig erwiesen hat, zersprengen, müssen von großen, ethischen Ideen getragen werden, um vor dem Urteil der Geschichte und im Bewußtsein der Betroffenen die Berechtigung ihres Zerstörungswerkes zu verankern und oft unvermeidliche Härten erträglich zu machen. Fehlt dieser Trost im Völkerbewußtsein, augenblickliche Widrigkeiten im Dienste einer höheren Idee zu überwinden, dann ist es selbstverständlich, daß das Rechtsbewußtsein nach Abhilfe ruft und Unfrieden in die Welt setzt, bis ausgleichende Gerechtigkeit ihr Versöhnungswerk vollendet hat. Das "Vae victis" der Sieger konnte als Staatsraison solange seine Berechtigung haben, als Despotismus und brutale Gewalt Friedensbedingungen diktieren durften. Wenn aber heute, im Zeitalter des feierlich verkündeten Selbstbestimmungsrechtes der Völker, gerade ein Staat als Paria außerhalb des neuen Evangeliums nationaler Neuordnung stehen muß, dann hat dieses Volk wohl das Recht zur Frage, ob nicht auch diese Friedensbotschaft auf Trug und selbstischen Zwecken beruhte oder auf die Interessen Stärkerer zugeschnitten wurde. Denn wir Österreicher erleben gerade an unserem Schicksal den Beweis, wie trotz feierlicher Verkündigung selbstverständlichster Völkerrechte dieser Grundsatz: "Gewalt geht vor Recht" sich heute noch nicht geändert hat, wie Waffen und böser Wille, der nur eigenen Vorteil anerkennt, sich gegen Recht und Sittlichkeit stemmen. Da dieser in der uns feindlichen Weltpresse geführte Kampf gegen Verheißungen gerichtet ist, welche durch die Friedensschlüsse verwirklicht werden sollten, durch diese aber unterdrückt wurden, erscheint es notwendig, diese Ereignisse an die Spitze unserer Betrachtungen zu stellen.

Österreich hat auf Grund der Wilsonschen 14 Punkte den Waffenstillstand unterzeichnet. Sein Kriegsziel hatte der amerikanische Präsident in seiner Ansprache in Mount Vernon am 4. Juli 1918 folgendermaßen festgelegt: "Was [619] wir suchen, ist die Herrschaft des Rechtes, gegründet auf die Zustimmung der Regierten und getragen von der organisierten Meinung der Menschheit." (Baker, Woodrow Wilson, Memoiren und Dokumente über den Vertrag von Versailles, übersetzt von C. Thesing, Berlin 1923, Bd. III, S. 44.)

Das Selbstbestimmungsrecht sollte allen Entscheidungen zugrunde gelegt werden. "Alle territorialen Abkommen, die dieser Krieg bedingte, müssen im Interesse und zugunsten der daran beteiligten Bevölkerungen getroffen werden. Das Selbstbestimmungsrecht ist ein gebieterisches Axiom, das kein Staatsmann hinfort ohne Gefährdung seiner selbst unbeachtet lassen darf." (Baker, Bd. I, S. 21.) So sollte ein dauernder Friede ohne das Gefühl späterer Rachsucht zustande kommen: "Das den Besiegten auferlegte Gesetz des Siegers würde als demütigende Härte und unerträgliches Opfer aufgenommen werden. Es würde den Stachel der Rachsucht und den bitteren Gedanken hinterlassen, aus dem das Friedensangebot nicht in dauerhafter Weise, sondern wie auf Flugsand ruhen würde." (Neue Freie Presse vom 2. November 1919, Abendblatt.)

Es war klar, daß durch diese Anerkennung des Wilsonschen Völkerrechtes das Ende der alten Habsburgermonarchie gekommen war. Immerhin konnten sich die Deutschen Österreichs mit dieser Tatsache abfinden, denn auch für sie war nun, so meinten sie wenigstens, die Stunde der Vereinigung mit ihren Volksgenossen im Reiche gekommen. Der österreichische Staatsrat gibt dieser Erwartung Ausdruck, als er anläßlich der Waffenstillstandsunterhandlungen erklärt: "Deutschösterreich hält an der Hoffnung fest, daß aus dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns eine staatliche Ordnung hervorgehen wird, die eine enge und dauernde Gemeinschaft zwischen dem Deutschen Reiche und Deutschösterreich begründen wird." (Neue Freie Presse vom 4. November 1919.)

In einem zweiten Schreiben an den Präsidenten Wilson vom 15. November 1919 wird diese Zuversicht neuerlich ausgesprochen: "Herr Präsident! Die provisorische Nationalversammlung Deutschösterreichs hat am 12. November 1918 einstimmig beschlossen, Deutschösterreich die Verfassung einer demokratischen Republik zu geben, die ein Bestandteil der großen deutschen Republik werden soll. Das deutsche Volk in Österreich hat damit, sein Selbstbestimmungsrecht ausübend, kundgetan, daß es fortan keiner Staatsgewalt unterworfen sein will als der, die es sich selbst einsetzt, und daß es die enge staatsrechtliche Verbindung mit Deutschland wiederherstellen will, die vor 52 Jahren durch das Schwert zerrissen worden ist. Wir hoffen, Herr Präsident, daß Sie, den von Ihnen so oft ausgesprochenen Grundsätzen entsprechend, diese Bestrebungen des deutschen Volkes in Österreich unterstützen werden. Das Recht der Polen, der Italiener, der Südslawen, die bisher dem österreichischen Staat angehört haben, sich mit ihren Nationalstaaten außerhalb Österreich zu vereinigen, haben Sie, Herr Präsident, verfochten. Wir sind überzeugt, daß Sie dasselbe Recht auch dem deutschen Volk in Österreich zuerkennen werden."

Dieses Schreiben teilt dem amerikanischen Präsidenten das von der provisorischen Nationalversammlung beschlossene Verfassungsgesetz vom [620] 12. November 1918 mit, dessen 2. Absatz lautet: "Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik." Als Staatsgebiet bestimmte das Gesetz vom 22. November 1918 das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen innerhalb des alten Österreichs.

Die Antwort der Mächte auf diese Entscheidung der Deutschen in Österreich war der Artikel 88 des Vertrages von St. Germain, welcher, ein Faustschlag gegen das Völkerrecht, der Ausgangspunkt für Österreichs Kampf um sein Selbstbestimmungsrecht ist: "Die Unabhängigkeit Österreichs ist unabänderlich, es sei denn, daß der Rat des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt. Daher übernimmt Österreich die Verpflichtung, sich, außer mit Zustimmung des gedachten Rates, jeder Handlung zu enthalten, die mittelbar oder unmittelbar oder auf irgendwelchem Wege, namentlich – bis zu seiner Zulassung als Mitglied des Völkerbundes – im Wege der Teilnahme an den Angelegenheiten einer anderen Macht, seine Unabhängigkeit gefährden könnte."

Österreich mußte den Frieden annehmen, doch die deutschösterreichische Nationalversammlung legte am 6. September 1919 laut Protest dagegen ein, daß durch St. Germain dem deutschen Stamm Österreichs die Vereinigung mit dem Reiche untersagt wurde: "Die Nationalversammlung erhebt vor aller Welt feierlich ihren Protest dagegen, daß der Friedensvertrag von St. Germain unter dem Vorwande, die Unabhängigkeit Deutschösterreichs zu schützen, dem deutschösterreichischen Volke sein Selbstbestimmungsrecht nimmt, ihm die Erfüllung seines Herzenswunsches, seine wirtschaftliche, kulturelle und politische Lebensnotwendigkeit, die Vereinigung mit dem deutschen Mutterlande, verweigert. Die Nationalversammlung spricht die Hoffnung aus, daß, sobald der Friede den Geist nationaler Gehässigkeit und Feindseligkeit, den der Krieg hervorgerufen hat, überwunden haben wird, der Völkerbund auch dem deutschen Volke das Recht auf Einheit der Nation, das er allen anderen Völkern gewährt, nicht dauernd verweigern werde."

Dies sind die Voraussetzungen, aus denen Österreich den Kampf um sein Recht ableitet, es ist die selbstverständliche Abwehr des in seinem innersten Rechtsempfinden getroffenen, wehrlos gemachten Staates, dem nur das eine geblieben ist, sein erlittenes Unrecht in die Welt hinauszurufen. Daß diese damals fast in ihrer Gänze feindliche Welt immerhin noch die Berechtigung dieses Appells anerkannte, zeigen zahlreiche Äußerungen, deren Anführung den Siegerstaaten heute wohl mehr als ungelegen kommen dürfte. War doch selbst in Frankreich das Empfinden noch nicht erstorben, daß hier ein Wortbruch verübt wurde, der in seiner nackten Brutalität auch durch juristische Spitzfindigkeiten nicht beschönigt werden konnte. So erklärte der französische Senator François Albert in der Debatte über den Friedensvertrag im französischen Senat: "Der Vertrag setzt in Mitteleuropa einen wahren Leichnam ein. Welche Versuchung für Österreich, einen Ausweg nach Deutschland zu suchen." (Neue Freie Presse vom 1. Juli 1920.)

Margaine, der französische Berichterstatter über den Österreich aufgezwungenen Friedensvertrag, erklärt in seinem Bericht über den Friedensvertrag, die Prüfung der wirtschaftlichen Bestimmungen habe ihn zur Überzeugung gebracht, daß Österreich, auf sich allein gestützt, nicht leben könne.

[621] Ähnlicherweise bezeichnet Marcel Sembat in der Diskussion über den Friedensvertrag von St. Germain den Vertrag als "sehr anfechtbar". Man habe Österreich als den Rest betrachtet, der nach Abzug der neubegründeten Nationalstaaten übriggeblieben sei. Die staatliche Gruppierung sei von der Friedenskonferenz als arithmetisches Rechenexempel und die Gründung des neuen Österreichs als einfache Subtraktion aufgefaßt worden. Der Rest ist aber allein nicht lebensfähig. (Neue Freie Presse vom 28. Mai 1920, Abendblatt.)

Am schärfsten lautet das Urteil des französischen Blattes Humanité vom 29. Mai 1920: "Indem die Mächtekonferenz der österreichischen Republik verbot, über sich selbst zu bestimmen und zu gleicher Zeit ihr alle Möglichkeit nahm, mit den Nachfolgestaaten des alten Österreichs eine neue Verbindung einzugehen, hat sie sich an den Leitlinien selbst vergangen, die sie für den Frieden der Gerechtigkeit festgelegt hatte. Österreich bietet das Schauspiel eines Elendes, das für Österreich geradezu tödlich, für die Menschheit aber tief beschämend ist."

Geradezu vernichtend aber ist das Urteil, das im Jahre 1923 anläßlich der Beratung des französischen Senats über das Garantiegesetz für Österreich der Referent Dausset über den Friedensvertrag fällte: "Der Frieden von St. Germain hat ein neues Österreich geschaffen, das ohne fremde Hilfe nicht lebensfähig ist. Es hat wenig Zweck, gegen den schon bestehenden Vertrag zu polemisieren. Jedermann weiß, daß dieser ohne Anpassung an die besonderen Verhältnisse Österreichs einfach vom Versailler Vertrag abgepaust wurde." (Neue Freie Presse vom 2. Jänner 1923.)

Die gleiche Verurteilung fand dieser Friedensvertrag auch in Italien und England. Im englischen Oberhaus erklärte Lord Buckmaster, Hunger sei der stete Gefährte des österreichischen Volkes, weil die Mächte im Friedensvertrage die wirtschaftlichen Notwendigkeiten Wiens und des umliegenden Gebietes vollständig ignoriert haben. Lord Parmoor bezeichnet den Vertrag mit Österreich als hoffnungslos und unmöglich. Wenn er nicht entscheidend geändert werde, verurteile er Österreich zur Rolle des ewigen Bettlers. (Neue Freie Presse vom 27. April 1920.)

Dieser Beurteilung entspricht der Antrag der Opposition, den diese im Unterhause gegen den Frieden eingebracht hatte: "Hinsichtlich Österreichs und Bulgariens wird erklärt, den Grundsatz der Selbstbestimmung zur Anwendung zu bringen, da der Vertrag in seiner jetzigen Form Keime für einen neuen Krieg in der Zukunft enthält." (Neue Freie Presse vom 15. April 1920.)

Ebenso hart ist das Urteil der italienischen Kommission anläßlich der Ratifizierung des Vertrages von St. Germain: "Die Kommission hebt die durch den Vertrag im Artikel 88 sanktionierte Ungerechtigkeit hervor, Österreich zu verbieten, sich Deutschland anzuschließen, ein Verbot, das eine offenkundige Ungerechtigkeit und für die Interessen Italiens Gefahr und Schaden bedeute." Der Bericht betont den Gegensatz zwischen den durch feierliche Erklärungen bekräftigten Grundsätzen, welche die Grundlage des Friedens hätten sein sollen, und der Wirklichkeit, wie sie in den Bestimmungen des Friedensvertrages zutage treten. (Neue Freie Presse vom 7. August 1920.)

[622] Nicht weniger scharf ist auch die Ansicht amerikanischer Staats- und Finanzmänner über die Vergewaltigung Österreichs. Der heutige Präsident Hoover hatte schon 1920 die Forderung nach einer Revision des Friedensvertrages ausgesprochen, als er in seiner Erklärung über den wirtschaftlichen Aufbau Europas sagte: Wenn es auf ihn ankäme, würde er den Kredit für Österreich verweigern, bis die Alliierten den Friedensvertrag dahin geändert hätten, daß die Vereinigung Österreichs mit Deutschland gestattet werde. (Neue Freie Presse vom 11. Jänner 1920.)

Und in seiner Botschaft über die finanziellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse Europas bezeichnet Hoover Österreich als den am stärksten mitgenommenen Staat Europas. Die Alliierten müßten zur Einsicht gebracht werden, daß Österreich die Freiheit haben müsse, politische Bündnisse einzugehen, durch die es aus dem ewigen Armenhaus erlöst werde. (Neue Freie Presse vom 10. Jänner 1920, Abendblatt, und 31. Jänner 1920.)

Vor dem Ausschusse des Repräsentantenhauses erklärte Hoover, die europäischen Mächte seien verantwortlich für die Lage in Österreich, denn sie hätten Österreich gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben, der dem Lande seine früheren Ackerbaugebiete raubte. Hoover schlug vor, die Schwierigkeiten dadurch zu lösen, daß es Österreich gestattet werde, sich an Bayern anzuschließen. (Neue Freie Presse vom 15. Jänner 1920, Abendblatt.)

Zu gleichem Ergebnisse gelangte der amerikanische Finanzier Otto H. Kahn, der sich in der Neuen Freien Presse vom 4. Juni 1922 folgendermaßen über die "Fehlerhaftigkeit, Querköpfigkeit und schädliche Wirkung" der Friedensverträge äußerte: "Sie haben einen wirtschaftlichen und in gewisser Beziehung auch einen politischen Wirrwarr geschaffen. Sie haben den Grund gelegt zu einem nie endenden Streit. Sie haben die geschichtliche Logik von Jahrhunderten übersehen oder willkürlich beiseite geschoben. Sie haben zusammengehörige Volksstämme auseinandergerissen und solche, die getrennt werden sollten, zusammengewürfelt. Sie haben Machtsphären und ökonomische Grenzsperren aufgerichtet, welche ebenso unerträglich wie unhaltbar sind."

Diese Verurteilung des Friedensvertrages seitens der Amerikaner erklärt sich durch die Stellungnahme der amerikanischen Staatsmänner dem österreichischen Nationalitätenstaate gegenüber. So hatte der Marineminister Daniels im amerikanischen Kongreß erklärt, Amerika werde darauf bestehen, daß der Friedensvertrag den kleinen Nationen dieselben Rechte gewährt wie den großen. Die Vereinigten Staaten werden von der Friedenskonferenz Gerechtigkeit verlangen und nicht gestatten, daß Rache geübt werde. (Neue Freie Presse vom 14. Dezember 1919.)

Und nach dem Vorschlage des Staatssekretärs Robert Lansing sollte Österreich, "auf seine alten Grenzen beschränkt", dem Deutschen Reiche angegliedert werden.

Kann man sich nach all dem Gesagten wundern, daß der Friedensvertrag in Österreich jenes Gefühl der Vergewaltigung erzeugte, das sich in flammenden Protesten über den Bruch feierlich zugesagter Versprechungen an das Weltgewissen wandte? Und daß als Antwort auf diese Protestrufe jene Bewegung einsetzte, welche man als Pressekampagne gegen den An- [623] schluß in den Ländern der Großen und Kleinen Entente bezeichnen kann? Als Führer dieser gegen den Anschluß gerichteten Fehde ist Frankreich zu betrachten, dessen Presse seit dem Niederbruche der Mittelmächte die Argumente gegen den Anschluß zusammenhält, sie jeweils wechselnden Voraussetzungen anpaßt und durch geschickte Kombination den Eindruck erweckt, als würde ein ununterbrochener Sturm der Entrüstung sich gegen unberechtigte Forderungen unvernünftiger und engstirniger Kleinstaatler erheben. Die Grundzüge dieser Pressekampagne greifen auf die Argumente zurück, mit denen von den Politikern Frankreichs das Selbstbestimmungsrecht Österreichs abgetan wurde, sie mögen daher an erste Stelle gesetzt werden.

Das Selbstbestimmungsrecht durfte keine Vergrößerung Deutschlands ermöglichen. Diese Forderung wurde in der Kammersitzung vom 29. Dezember 1918 vom damaligen Außenminister Frankreichs, Pichon, in folgender Weise präzisiert:

      "Es bleibt noch die Frage der Deutschen Österreichs. Sie ist ernst, sie soll uns aber nicht erschrecken. Wir verfügen über Mittel, sie derart zu lösen, daß sie unseren Feinden nicht die Kompensationen und Hilfsquellen bringt, die sie sich von ihr versprechen. Es wird bei der Regelung der neuen Lage Deutschlands und der Trümmer Österreichs von den Verbündeten abhängen, Maßregeln zu ergreifen, welche die Macht Deutschlands einschneidend auf das gebührende Maß herabmindern und ihr so die Möglichkeit nehmen werden, sich an den außerhalb Tschechoslowakiens, Polens und Südslawiens gebliebenen österreichischen Stämmen schadlos zu halten für das, was sie durch Sanktionierung unseres Sieges nach jeder Hinsicht unwiderruflich verloren haben wird. Dieser Sieg muß sich daher in erster Linie in alle seine gerechten Folgen und die Ausübung der Rechte umsetzen, welche er uns über die Besiegten gibt, um ihnen die Möglichkeit zu nehmen, die Sicherheit und Freiheit der Welt neuerlich zu gefährden."
      Renaudel: "Wenn die Deutschösterreicher sie selbst proklamieren?"
      Der Minister: "Glauben Sie nicht, daß uns der Sieg diese Rechte über die Besiegten verleiht?"
      Renaudel: "Nicht diese!"

Als Begründung für diesen offensichtlichen, auch von Franzosen empfundenen Bruch des Völkerrechtes wurde ein höherer, ethischer Zweck angegeben: Frankreich mußte für seine Sicherheit in der Zukunft Sorge tragen und aus diesem Grunde den Anschluß verbieten. Denn der Anschluß wäre der zweite Krieg gegen Frankreich, wie der Senator M. Chènebenoit darlegte: "Glauben Sie, daß Frankreich nicht allen Grund hat zu fürchten, daß Deutschland, wenn es sich an der Spitze einer solchen Bevölkerungszahl und eines solchen Übermaßes an Kraft sieht, nicht das zweite Mal den Gebrauch davon machen will, den es schon einmal versucht hat?" (Auerbach, Le Rattachement de l'Autriche à l'Allemagne, S. 183.)

Die Sorge um ihre Sicherheit wird von den Franzosen durch den Hinweis verschleiert, daß sie als uneigennützige Sieger nicht nur für sich selbst sorgen müßten. Wieder ist es der früher genannte Chènebenoit, der dem ahnungslosen Senat die kommende Politik Deutschlands ausmalt: "Der [624] Anschluß an Deutschland aber ist die Gründung eines kompakten Blockes, eines rein deutschen Blockes von 75 Millionen Einwohnern, das ist Wien und Berlin vereinigt, das ist die Hand auf die Donau gelegt, die Wiederaufnahme des Dranges nach dem Osten, das ist Böhmen ganz eingeschlossen und zur Ohnmacht verurteilt, das ist noch mehr, es bedeutet, daß Deutschland bis Ungarn reicht und dieses an sich zieht..., es ist die Bedrohung Serbiens und vielleicht auch die Rumäniens." (Auerbach, Le Rattachement, S. 183.)

Eindeutiger entwickelte der Senator de Monzie am 27. April 1921 im Senat diese These, Frankreichs Interessen vor Österreichs Selbstbestimmungsrecht in den Vordergrund zu schieben:

"Wenn man in die Zukunft blickt, muß man anerkennen, daß die Erhaltung eines selbständigen Österreichs für Frankreich von elementarer Wichtigkeit ist, und zwar in jeder Hinsicht wirtschaftlich wie strategisch... Wenn der Anschluß gelänge, so hätte Deutschland zweifellos nachträglich den Krieg gewonnen. Dies muß unter allen Umständen verhindert werden, und zwar durch eine Österreich freundliche, großzügige Politik." (Neue Freie Presse vom 27. April 1921.)

Und bald darauf erweitert die Liberté vom 30. Mai 1921 den Interessenkreis der angeblich gefährdeten Mächte, indem sie die Behauptung aufstellt, daß es für Italien wie für Frankreich gleich gefährlich wäre, Deutschland wegen seiner Machtpläne zum Nachbarn zu haben. Keine Verstärkung Deutschlands! So lautet demnach das französische Programm, das Cablegramme vom 10. August auch für die anderen deutschen, dem Reich entrissenen Provinzen in Anwendung bringen will. Denn der französische Standpunkt Österreich gegenüber sei der gleiche wie in der oberschlesischen Frage, und gehe dahin, daß Frankreich eine Verstärkung Deutschlands nicht zulassen könne. Und der Eclair vom 3. Oktober 1921 prägt die Forderung nach einer neuen Wacht an der Donau, wenn er pathetisch ausruft: "Wachen wir also über das Heil Frankreichs nicht nur am Rhein, sondern auch an der Donau." Im gleichen Sinn äußert sich noch im gleichen Jahre M. Dunan in seinem Buche L'Autriche durch die Feststellung: "Geben wir Österreich auf, dann ist die Barriere aufgestellt zwischen uns und unseren slawischen Freunden."

Mit diesem Argument, Frankreichs Sicherheit halber die Anschlußforderung Österreichs zu negieren, konnten die französischen und die Blätter der Großen und Kleinen Entente auf angeblich höhere Ziele hinweisen, wenn es galt, die an und für sich unbestreitbare Tatsache zu beschönigen, Siegermacht statt Völkerrecht angewendet zu haben. Schon im Titel der verschiedenen Erörterungen soll der Eindruck der Bedrohlichkeit erweckt werden. So erörtert Louis Martin, Senator des Departements le Var, in der Revue mondiale vom 15. Dezember 1927: "Die beängstigende Frage des Anschlusses." Er geht von der Behauptung aus, daß der wirkliche Sieger des Weltkrieges erst nach dreißig Jahren erkannt werden könne. Frankreich habe heute 40,743.851 Einwohner, Deutschland 62,565.000, Österreich 6,522.000. Der Anschluß würde die Einwohnerzahl Deutschlands auf 69,086.000 bringen, die in absehbarer Zeit ins Unermeßliche steigen müßte. Außerdem würde das so vergrößerte Reich nun [625] das Gravitationszentrum für alle deutschen Minderheiten in Europa werden, was selbstverständlich eine dauernde Quelle von Beunruhigungen schaffe.

Aber nicht nur der Bevölkerungszuwachs Deutschlands allein ist das gefährliche Moment für Frankreichs Sicherheit, andere Argumente müssen dem entsetzten Leser die Gefährlichkeit des Anschlusses Österreichs recht eindringlich vor Augen führen. Frankreichs Inferiorität im künftigen Kriege gegen Deutschland ist durch den Anschluß zu befürchten, da Österreichs Eisenvorräte dem Reiche die Möglichkeit artilleristischer Überlegenheit geben. Das ist die Entdeckung Leon Daudets, der in der Action Française vom 28. August 1928 unter der Aufschrift "Der Anschluß und der kommende Krieg" vor den Folgen der Vereinigung Österreichs mit Deutschland warnt. Nicht der Anschluß Österreichs an Deutschland ist das Sorgenkind Daudets, sondern die Vereinigung der beiderseitigen Eisenindustrien, welche die Verstärkung der deutschen Artillerie ermöglichen würde.

Und die in dem militärischen Fachblatt La France Militaire ausgesprochenen Befürchtungen bringt Figaro vom 16. Juli 1929 vor die weite Öffentlichkeit, wenn er die österreichische Wehrmacht für so gefährlich hält, die Sicherheit Frankreichs ernsthaft in Frage stellen zu können. Man dürfe die kleine österreichische Armee, die ungefähr 20.000 Mann zählt, nicht als Bagatelle behandeln, da dieser Kader imstande sei, jederzeit 300.000 bis 400.000 Mann aufzustellen und auszurüsten. Ferner gewinnt das kleine Österreich durch seine Lage im Mittelpunkt Europas besondere strategische Bedeutung. Österreich erlaubt Deutschland, zugleich mit Italien, Jugoslawien und Ungarn in Verbindung zu treten, die Tschechoslowakei nahezu vollständig einzuschließen und im Fall einer Besetzung Österreichs durch die Reichswehr jede Verbindung Frankreichs mit seinen tschechischen und polnischen Verbündeten über die Schweiz zu unterbinden.

Auch in allgemeinen Ausdrücken, die nur auf Beeinflussung gläubiger, unkritischer Gemüter berechnet sind, soll dieses Gefühl einer Stellungnahme gegen den Anschluß in der französischen und damit internationalen Leserwelt hervorgerufen werden. Als bezeichnendes Beispiel dieser Art kann Petit Bleu vom 23. Oktober 1927 angeführt werden, der die Mächte fragt, ob sie den Anschluß geschehen lassen wollen: "Nur um im Herzen Europas das furchtbarste Instrument der Beherrschung aufrichten zu lassen, das man je gesehen hat und das unter der methodischen Führung der Preußen für alle Völker eine beständige Drohung sein wird." Und ganz ernsthaft erörtert die schon früher genannte Zeitschrift La France Militaire in einem zweiten Artikel vom 8. Oktober 1929 die Möglichkeit der österreichschen Mobilisierung, weist darauf hin, daß die beiden Staaten schon eine Art militärischen Anschlusses in der Ausrüstung der Heere getroffen haben, und beklagt es, daß die Polizei durch die inneren Unruhen eine Art Mobilisierungsübung durchgemacht habe, die sie im gegebenen Falle gut verwerten könnte. Trotz der Kleinheit der Armee bestünden Kader für 400.000 Mann, außerdem seien in Österreich noch eine Menge Waffen und Kriegsmaterial versteckt. So versteht man es, daß in allen französischen Blättern dieses Argument, Frankreich sei trotz seiner Millionenarmee, seiner Überlegenheit in Tanks und Geschützen in seiner Sicherheit bedroht, zum [626] Dogma geworden ist, das keiner Begründung mehr bedarf. Die Phrase genügt und kann mehr oder weniger ausgeführt werden, wenn etwa L'Opinion Financière et Politique vom 29. September nur kurz erklärt, der Anschluß bedeute eine Gefahr für Frankreich, oder der Temps vom 24. Juli 1928 darüber klagt, die europäische Ordnung, wie sie durch den Sieg der Verbündeten begründet wurde, sei in Gefahr und der Friede in Mitteleuropa werde durch die aktivsten Elemente des Alldeutschtums bedroht.

Um aber dem Vorwurfe zu entgehen, eigenen Interessen das so feierlich verkündete Völkerrecht geopfert zu haben, übernimmt Frankreichs Pressepolemik gegen den Anschluß auch die Interessen der verbündeten Nationalstaaten, welche auf Kosten der deutschen Bevölkerung eben auf Grund des den Deutschösterreichern versagten Selbstbestimmungsrechtes gegründet wurden. Diesen neuen Staaten werden die Auswirkungen einer solchen Vergrößerung Deutschlands in den schwärzesten Farben ausgemalt. Der Hinweis auf Deutschlands Drang nach dem Osten genügt, um die unglaublichsten Verdächtigungen und Beschuldigungen dem Reiche gegenüber vorzubringen. Diese Furcht vor dem Drange nach dem Osten war schon der Anlaß gewesen, die tschechoslowakische Republik zu gründen. "Vom strategischen Standpunkt aus ist der tschechoslowakische Staat eine europäische Notwendigkeit geworden. Er ist das Defensivglacis, welches auf der Ostseite Frankreichs, zwischen Abendland und Rußland, liegt. Das Kriegsziel ist, wie Präsident Masaryk ausgesprochen hat, die Abwehr des deutschen Dranges nach dem Osten. Daher muß der tschechoslowakische Staat, um seine Mission zu erfüllen, die Grenzen behalten, welche den deutschen Stoß aufhalten können." (B. Auerbach, Le Rattachement de l'Autriche, S. 37.)

Aus diesem Grunde wird es erklärlich, daß sich das in seinem Bestande bedrohte Frankreich nach Freunden in gleicher Gefahr umsieht und den "Historischen Opfern des Germanismus", wie Figaro vom 5. September 1927 diese Staaten bezeichnet, das Schreckgespenst des deutschen Dranges nach dem Osten vor Augen hält. So äußert sich schon der Matin vom 21. März 1921 über die Folgen des Anschlusses in diesem Sinne: "Deutschland würde bis Klagenfurt reichen und bis an das Adriatische Meer vorstoßen, es würde ein großer Staat werden, und auch die deutsche Bevölkerung der Tschechoslowakei würde nicht zögern, das Beispiel ihrer Landsleute in Österreich nachzuahmen. Es würde dann eine Fusion eintreten, deren Wirkung wäre, die Bevölkerung des Reiches um 10 Millionen zu vermehren und Deutschland einen Weg nach dem Orient, der Donau entlang, zu ebnen."

In allen Pressestimmen der Nachkriegszeit werden diese Behauptungen in mehr oder weniger plumper, oft drastischer Weise variiert. Verhältnismäßig ruhig ist Petit Parisien vom 24. Juli 1927, der erklärt, Deutschland würde nach dem Anschluß eine starke Ostpolitik beginnen, die zum Zusammenstoß mit den Slawen führen müßte. Zusammenfassend entwickelt dagegen Revue Politique et Parlamentaire vom 10. August 1927 die hier für alle Staaten in Betracht kommenden Gesichtspunkte: "Ist Deutschland Österreichs Herr geworden, so bedeutet das den Triumph des Pangermanismus, es ist die Verwirklichung des Reiches, das sich über 75 Millionen Untertanen erstreckt, [627] Ungarn mit unwiderstehlicher Macht in seinen Bereich zieht und die Tschechoslowakei einkreist, die ihm dann ausgeliefert ist. Das bedeutet für Deutschland und Italien eine gemeinsame Grenze von 500 km, für Rumänien und Jugoslawien eine Wiederaufnahme des Dranges nach dem Osten, der diesmal frei von allen Hindernissen ist, die er vor 1914 in der slawischen Bevölkerung Österreich-Ungarns fand." Und Pertinax erklärt im Echo de Paris vom 30. August 1928, die Verwirklichung des Anschlusses würde in der Tat die offensive Rückkehr zur germanischen Vorherrschaft über die erst vor kurzer Zeit befreiten slawischen Völker in Mittel- und Osteuropa bedeuten. Auch die romanischen Staaten werden diese Expansion zu spüren bekommen, und Midi vom 23. November 1929 geht in dieser Hinsicht schon weiter, indem es den Anschluß als antilateinisch bezeichnet und darauf hinweist, daß die Deutschen durch die Einverleibung Österreichs ihre Stellung im Südosten und auf dem Balkan verstärken wollen. An zwei nach dieser These Frankreichs am meisten bedrohten Staaten werden diese Mahnungen in reichlichstem Ausmaße gegeben, an Italien und an die Tschechoslowakei. So will Action Française (Paris) vom 27. August 1929 die Gefährlichkeit der alldeutschen Bestrebungen des Pangermanismus nachweisen, der in seinem Wunsche, den Anschluß zu verwirklichen, den gefährlichsten Gegner seiner Vergrößerung, die Tschechoslowakei, durch eine geschickte Propaganda unter den Deutschen der tschechoslowakischen Republik schwächen wolle. Wenn der Anschluß vollzogen würde, wäre die Tschechoslowakei vollständig Deutschland ausgeliefert, da der Export dann über Wien oder Hamburg gehen müßte. Schon jetzt sei die wirtschaftliche Selbständigkeit der Tschechoslowakei ernstlich bedroht.

Die tschechische Presse hat auch in getreuer Gefolgschaft diese These in zahlreichen Erörterungen entwickelt und Frankreich kann hier auf einen gelehrigen Schüler blicken. Bezeichnend sind dafür die im Narod vom 3. Mai 1927 vertretenen Gedanken: "Diese Vereinigung würde bewirken, daß unsere Republik von Norden, Westen und Süden vom Gebiete des Deutschen Reiches umschlossen würde. Schon diese einfache Tatsache wäre eine schwere Bedrohung unseres Staates in strategischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Bedenken wir nur, wie dadurch unter gewissen Bedingungen unsere Verbindung mit dem südslawischen Bundesgenossen unterbunden wäre." Es ist demnach, erklärt das Blatt, Aufgabe der tschechoslowakischen Außenpolitik, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, daß die Anschlußagitation den europäischen Frieden gefährdet, sie sei mit allen diplomatischen Mitteln zu paralysieren.

Und anläßlich des Sängerfestes im Juli 1928 vertraten die tschechischen Blätter die Ansicht, daß die Tschechoslowakei aus nationalen und wirtschaftlichen Gründen gegen den Anschluß sein müsse. Selbst wenn man die ethischen Gründe des Anschlußgedankens anerkenne, müsse den tschechischen Staatsmännern die schwer errungene politische und wirtschaftliche Selbständigkeit näherstehen, die durch den Anschluß auf das schwerste bedroht sei. Die Hauptsorge der Tschechoslowakei bestehe in der Furcht, erst wirtschaftlich und dann politisch ein Vasallenstaat Deutschlands zu werden. Wenn man die [628] Anschlußfrage als ein Produkt elementarer Wünsche hinstelle, dürfe man nicht vergessen, daß die Gründe, die die Tschechoslowakei zur Ablehnung des Anschlusses führen, ebenso elementar seien und dem Wunsche nach Selbsterhaltung entspringen. (Der Anschluß vom 15. August 1928.)

Italien wieder wird die Gefahr vor Augen gestellt, welche die Nachbarschaft eines so machtlüsternen Reiches bedeute. Die Adria sei dann nur mehr 100 km von der Grenze Deutschlands entfernt (Matin vom 13. Juli 1927) und Italien muß, wie der Temps vom 1. Februar 1927 teilnehmend feststellt, für Triest fürchten, von dem ja Bismarck selbst erklärt hatte: "Triest ist der große Zukunftshafen Deutschlands." Die "Deutsche Pickelhaube am Brenner" ist der Alarmruf, der die Italiener schrecken soll, um sie in Fragen des Anschlusses an Frankreichs Seite zu ketten. Doch gerade in Italien finden diese Ermahnungen nicht immer ein geneigtes Ohr und das Selbstbewußtsein der Italiener spricht sich dagegen aus, "in Frankreichs Dienst" Gefolgschaft zu leisten. Bezeichnend hiefür sind die Ausführungen des römischen Blattes Tevere, der dem Temps vom 5. Oktober 1927 erklärt, es sei unmöglich, eine Entente mit Frankreich nur in der Abwehr des Anschlusses auf einen einzigen, noch dazu negativen Punkt zu begründen. "Warum soll sich Italien in den Dienst Frankreichs stellen, das ihm überall sonst nur Schwierigkeiten bereitet? Italien wird seine Politik der französischen nicht unterordnen, seine Handlungsfreiheit und eine Karte im Spiele freiwillig preisgeben, einer rein negativen Zusammenarbeit wegen." (Siehe Anschluß vom 15. Oktober 1928.)

Schärfer noch sind die Ausführungen der Tribuna (Rom) vom 17. Februar 1927, die sich unter dem Titel "Die Anschlußfrage" gegen die französische Mentalität wendet, die in einer Vertiefung der deutsch-italienischen Beziehungen Anlaß zu Besorgnissen zu haben glaube. Der Anschluß spiele in diesen Erörterungen der französischen Presse als Pressionsmittel die größte Rolle, da man immer darauf hinweise, daß im Falle des Anschlusses Österreichs an Deutschland Italien in größter Gefahr schwebe. Dabei weisen die französischen Blätter immer auf die Übereinstimmung der italienischen und französischen Politik hin und betonen, daß Italien sich unmöglich selbst umbringen wolle. Die Tribuna wendet sich nun scharf gegen diese Auffassung. "Es wäre endlich angebracht, daß sich die Wahrheit Bahn breche, daß Italien nicht immer wie ein Hund der französischen Politik folgen müsse nur wegen der Angst, an seiner Grenze die Stiefelnägel der deutschen Soldaten statt der österreichischen Menageschalen zu sehen." Man versteht diese Ausfälle, wenn man die Stellungnahme des französischen radikalen Blattes La Republique gegenüber dem deutschen Minderheitsproblem in Südtirol in Erwägung zieht. Denn um die Italiener vom Anschluß abzuhalten, vertritt das Blatt die Forderung, den Widerstand der Deutschen in Tirol gegen die Italiener zu stärken. "Frankreich", so schreibt die Republique, "hat alles Interesse daran, den deutschen Irredentismus in Südtirol wachzuhalten; denn damit verhindert es jene Allianz der Gewalt der Alpen und des Rheins, die für Frankreich die Gefahr für morgen ist." (Anschluß vom 25. April 1930.)

Diese Sorge um die Verbündeten an der Donau führt zu der bereits früh erhobenen Forderung, daß Frankreich eine aktive Donaupolitik gegen [629] den Anschluß betreiben müsse, wie der Senator Chènebenoit ausführte: "Es ist notwendig, daß Frankreich da unten eine Donaupolitik führe, wie es eine Rheinpolitik hat." Dazu gehört aber auch die notwendige Entschlossenheit, wie der Senator ganz offen hervorhebt: "Wenn man aber eine Politik inauguriert und fortsetzt, dann darf man sich selbstverständlich nicht mit einer Proklamation von Prinzipien begnügen. Man muß eine tatkräftige und praktische Politik betreiben, nicht nur in Paris, sondern auch in Wien." (Auerbach, Le Rattachement, S. 183.)

Diesem Hinweis auf eine Donaupolitik kamen die französischen Blätter und die in ihrem Solde stehende Presse der Nachfolgestaaten dadurch nach, daß sie die Forderung nach einer Donauföderation mit allen möglichen Varianten der Ausführungsmöglichkeiten vertraten. So sieht Echo National vom 21. August 1922 eine Lösung der schwierigen Lage Österreichs in der Bildung einer Donauföderation. Der Matin vom 23. August 1922 verlangt ein wirtschaftliches Statut der Donaustaaten und weist am 24. August 1922 auf einen anderen Anschluß hin, nämlich auf den wirtschaftlichen Zusammenschluß mit der Tschechoslowakei und Jugoslawien. Und noch im Jahre 1926 schreibt der Temps: "Die wirtschaftliche Gruppierung der Donaustaaten ist eine absolute Notwendigkeit, wenn man ein für allemal mit allen Plänen Deutschlands aufräumen will, Österreich zu annektieren. Diese wirtschaftliche Gruppierung würde Österreich erlauben, in seiner Würde zu leben und würde Wien seine Bedeutung einer Handelsgroßstadt in Mitteleuropa zurückgeben." (22. Mai 1926.)

In Form von Ratschlägen, ja von Drohungen wendet sich Frankreich an die Nachfolgestaaten. Diese müßten nach dem Temps vom 11. Dezember 1920 für diese Politik gewonnen werden und im Jahre 1921 wurde der Tschechoslowakei und den Nachfolgestaaten sogar die Gewährung ihrer Anleihen nur unter dieser Bedingung in Aussicht gestellt.

Bestimmend für diesen Punkt der Pressekampagne wurde der Bericht der Wirtschaftsexperten an den Völkerbund über die Lage Österreichs. Dieser Bericht weist auf die Absatzschwierigkeiten der österreichischen Industrie hin und gipfelt in dem Satz: "Gebt Österreich die Möglichkeit, seine Produktion abzusetzen, und die Umstellung wird sich ohne schwere Erschütterungen vollziehen."

Auf diesem Gutachten fußen nun die Ausführungen der französischen Presse in den folgenden Jahren. So glaubt Express du Midi (siehe Anschluß vom 15. August 1927), daß nur ein einziges Heilmittel gegen die Krise bestehe, die Bildung einer Donauföderation. Volonté vom 17. November 1927 will, daß man Wien die Möglichkeit gebe, zu leben, um wieder Wohlstand zu erwerben, wodurch der Verwirklichung deutschösterreichischer Pläne entgegengetreten werde. Im Journal des Débats vom 29. Juni 1927 kommt Marcel Dunan zu folgendem Schluß: "Das Problem der Unabhängigkeit Österreichs ist in Wirklichkeit ausschließlich wirtschaftlich. Es muß auch auf wirtschaftlichem Boden seine Lösung finden."

Praktische Ratschläge wollen das Interesse Frankreichs beweisen, die Ausführung wird aber bezeichnenderweise den Nachbarn Österreichs über- [630] lassen. So befaßt sich die Correspondance Havas vom 28. Juni 1927 in zwei ausführlichen Briefen aus Österreich: "Das Leben Österreichs und der Anschluß", mit dem angeführten Problem und kommt zu folgendem Schlusse: "An dem Tage, an dem die Lebensfähigkeit Österreichs nicht länger mehr in Zweifel steht, wird der Anschlußgedanke sein Hauptargument verloren haben. Man muß also die Lebensfähigkeit des österreichischen Staates sichern... Man muß die österreichische Ausfuhr erleichtern." Dazu soll nach den Ausführungen des Blattes ein wirtschaftlicher mitteleuropäischer Block geschaffen werden. Um aber die wirtschaftliche Lage Österreichs zu heben, könnten die Westmächte Verfügungen treffen, die "unsichtbaren Exporte" der österreichischen Industrie zu fördern, weshalb in Paris eine dauernde Ausstellung österreichischer Industrieerzeugnisse stattfinden solle, um den zahlreichen Amerikanern, die nach Frankreich kommen, Gelegenheit zu geben, österreichische Industrie kennenzulernen und sie so zur Weiterreise oder zur Eröffnung wirtschaftlicher Beziehungen zu bewegen.

Energischer ist Auguste Gauvain in der Prager Revue Zentraleuropa. Er wendet sich gegen die Ansicht, daß Österreich nicht lebensfähig sei, und sieht die tiefere Wurzel des österreichischen Übels in der Rolle der Stadt Wien, die für sich allein einen Staat von zwei Millionen Einwohnern bilde. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, insbesondere die große Zahl der Arbeitslosen, könnten durch Erleichterung der Auswanderung, insbesondere nach Amerika, beträchtlich verringert werden. (Siehe Anschluß vom 15. September 1927.)

In den Nachfolgestaaten fanden diese Winke oft wenig Verständnis. So erhebt die Prager Reforma vom 9. Mai 1928 die Forderung, die Tschechoslowakei müsse auf eine "freie und elastische Gruppierung" der völlig selbständigen Staaten Mitteleuropas um die Kleine Entente hinarbeiten. Zu diesem Zwecke solle eine Zusammenarbeit mit Österreich und Ungarn im Rahmen der Kleinen Entente hergestellt werden. Diese Politik, welche einer Neuorientierung der tschechischen Republik gleichzukommen schien, indem auch Deutschland als Partner in Betracht kommen konnte, wurde im Corriere della Sera vom 31. Mai 1928 bekämpft, der darauf hinweist, daß im Falle der Verwirklichung des Planes, Deutschland in die Interessensphäre der Kleinen Entente zu ziehen, der ganze Staatenblock unter die Führung Frankreichs käme, wodurch dann Italien auch im Norden dem französischen Druck ausgesetzt wäre.

Diese Bestrebungen, Österreich in eine Donauföderation hineinzubringen, beziehungsweise die damit verbundene Pressekampagne fanden erst durch die Erklärung des Bundeskanzlers Dr. Seipel ihren Abschluß, als dieser verkündete, Österreich werde sich keiner Mächtekombination anschließen, in der nicht auch Deutschland vertreten sei.

Frankreichs Sorge um die eigene Sicherheit, vor allem aber um den Schutz seiner Verbündeten geht noch weiter und faßt das "Wohl des früheren Feindes" ins Auge, selbstverständlich von der höheren Warte französischer Interessen aus. So soll die Mißachtung des Selbstbestimmungsrechtes der österreichischen Deutschen aus edleren Beweggründen, als es Rachsucht und Furcht waren, begründet und vor dem Urteile der Welt gerechtfertigt werden. Das Anschlußverbot wurde Österreich zuliebe ausgesprochen, da Frank- [631] reich Österreich als ein Opfer der Alldeutschen betrachtet und diesen ihre Beute zum Heile der Welt und der Österreicher selbst entreißen will. Dieser edlen Auffassung gibt bereits der Senator Imbart de la Tour entsprechenden Ausdruck, wenn er in seinem Bericht über den Friedensvertrag erklärte: "Österreich ist ein Opfer der Pangermanisten. Eine solche Verfügung (das Anschlußverbot) hilft dem Lande, sich ihrer Herrschaft zu entwinden... Sie ist eine Sicherheitsmaßnahme für Frankreich, eine Schutzmaßnahme auch für die alliierten Staaten und die Anhänger Frankreichs." (Auerbach, Le Rattachement, S. 182.)

Dadurch sind der späteren Pressekampagne jene Argumente vorgezeichnet, welche in der Diskussion über den Anschluß an die Adresse Österreichs gerichtet werden, um den von Deutschland abgetrennten Stamm zu überzeugen, daß die Selbständigkeit und Eigenart seines Wesens, damit auch seiner Kultur, die Trennung vom Reiche vollauf berechtigten, ja sogar im Interesse der Entwicklung Europas forderten.

Denn wie der Temps bereits am 19. November 1919 erklärt hatte, ist Deutschland keine homogene Nation und besitzt keinen einheitlichen politischen Geist. Die Entente muß daher wachen, daß die deutschen Länder nicht mehr unter die Herrschaft Preußens geraten. Zur Durchführung dieser Aufgabe muß sie alle wirtschaftlichen, finanziellen und militärischen Mittel anwenden. (Vgl. dazu M. Dunan in der Illustration vom April 1920.)

Dieselbe Ansicht spricht der Temps am 1. Mai 1930, den veränderten Umständen Rechnung tragend, in gemäßigterer Weise aus, wenn er sagt: "Es gibt in Europa und außerhalb Europas zwischen Nachbarvölkern und solchen, die seit langem befreundet sind, noch viele Gemeinsamkeiten der Sprache, der Kultur und des Schicksals; aber trotzdem denkt niemand daran, diese unter günstigen internationalen Verhältnissen in eine politische Gemeinsamkeit umzuwandeln." Das Echo solcher Ansichten tritt uns in der auf Wirkung berechneten Äußerung des tschechischen Präsidenten Masaryk entgegen, der, obwohl Slawe, dem deutschen Volke folgenden Daseinszweck zuweist: "Das deutsche Volk, dem ich große Achtung entgegenbringe, hat nach meiner Auffassung die Aufgabe, sich in mehreren Staaten auszuwirken, vor allem im Deutschen Reich und im österreichischen Staat. Hiezu kommt die Schweiz, und in diesem Zusammenhange kann man auch die Tschechoslowakei betrachten, in der drei Millionen deutscher Staatsbürger nicht als Minderheit zu betrachten sind, sondern einen organischen Bestandteil des Staates bilden." (Siehe Anschluß vom 15. Februar 1928.)

Um nun ihre Behauptungen zu beweisen, suchen die französischen und die ihnen folgenden Ententeblätter eine eigene österreichische Kultur festzustellen, die im Barock ihre Deutschland fremde Eigenart gefunden habe und heute noch in der Lebensfreudigkeit der Österreicher einen unüberbrückbaren Gegensatz zum kühlen sachlichen Reichsdeutschen bilde. Schon die ganze Lage und Entwicklung Wiens mußte einen anderen Menschenschlag als im Reiche hervorbringen. Als Beispiel dieser Reporterentdeckungen möge der Stimmungsbericht von Lucie Delarue-Madrus im Matin vom 13. Dezember 1927 zitiert werden. Es wird versucht, den Gegensatz zwischen dem [632] "Pays boche" und Wien herauszuarbeiten, um die beiden Volksstämme gegeneinander auszuspielen. Dazu dienen folgende bombastische Phrasen: "Es ist unmöglich, daß die Luft Wiens, dieser wunderbare, aus den Alpen kommende Sauerstoff, daß sein aus den reinsten Alpenhöhen kommendes und wohlschmeckendes Wasser nicht einen eigenen Stamm hervorbrachten, der in seinen kleinsten Eigenheiten charakteristisch ist. Und das ist auch in der Tat so." Nach diesen Schilderungen des Matin herrscht in Wien behagliches Wohlleben, da sogar die Familien kleiner Bürger in Kaffeehäusern sitzen und dort ihre Strick- oder Häkelarbeiten verrichten. "Eine Atmosphäre des Wohlbehagens tritt überall zutage. Man hat den Eindruck, daß die Wiener das Leben für lebenswert finden, das ist scheinbar der wirkliche Gemütszustand, ...sie scheinen ihr Leben fortzusetzen, als ob seit 1914 nichts geschehen wäre." Nun aber kommt der mitfühlende Franzose mit der Klage, es schwebe das "Damoklesschwert des Anschlusses über der Stadt, die so wunderbar aufzuleben scheint".

Gründlicher, und augenscheinlich infolge der örtlichen Nachbarschaft auf eigenen Wahrnehmungen beruhend, sind die Urteile der tschechischen Narodny Listy. (Siehe Anschluß vom 15. Dezember 1927.) Sie konstatiert, daß die österreichischen Deutschen ihren selbständigen Typ herausgearbeitet haben, der übrigens sympathischer ist als der der übrigen Deutschen. Und als Argument dafür, daß wir gar nicht in einem Staate zusammenwohnen brauchen, macht sie folgende ethnographische Entdeckung: "Übrigens sind die Österreicher und Reichsdeutschen nicht mehr unterschieden als die Franzosen und Italiener (!), Spanier oder Portugiesen (!), die auch nicht in einem Staate vereinigt sind." Und dann fällt die Maske, wenn das Blatt erklärt: "In Mitteleuropa sind bei der Umgestaltung der Staaten ganz andere Faktoren am Werk als das Recht der Selbstbestimmung."

In ähnlichem Sinne findet auch die tschechische Tribuna vom 1. Jänner 1929, daß die kulturelle Gemeinschaft zwischen Deutschland und Österreich nicht die Notwendigkeit des politischen Zusammenschlusses der beiden Staaten begründe. Die territorialen Differenzen zwischen dem Reich und Österreich seien so stark gewesen, daß sie die Spaltung der einheitlichen Kulturentwicklung herbeigeführt haben. Das Schaffen Grillparzers, Schuberts und Strauß' sei nur in Wien, nicht aber in Berlin denkbar gewesen. Deutschland und Österreich hätten sich voneinander unabhängig kulturell entwickelt und beide Staaten seien zwei verschiedene Welten.

Sogar sprachliche Unterschiede zwischen beiden Stämmen müssen herhalten, um das Anschlußverbot von diesem Standpunkt als gerechtfertigt hinzustellen. Denn im April-Heft 1929 der Zeitschrift L'Esprit international erklärt J. W. Headlam-Morley: "Sicherlich, die Österreicher sind Deutsche, aber es besteht ein Unterschied zwischen ihnen und den Deutschen. Ihr Geist, ihre politische Einstellung und sogar ihre Spracheigentümlichkeiten sind verschieden."

Auf Grund dieser Behauptungen will man eine eigene österreichische intellektuelle Bewegung, eine eigene österreichische Richtung in der Literatur feststellen, und die italienische Revue Le Opere e i Giorni, [633] Genua (siehe Anschluß vom 15. April 1928), findet, daß die österreichische Erzählungskunst durch die Erinnerung an Italien und den südlichen Himmel "die österreichische Schwermut und die Sehnsucht der österreichischen Lyrik bestimmend beeinflußt hat." Aus diesem Grunde wird es erklärlich, daß diese Selbständigkeit, Eigenart und österreichische Kultur in den Augen der Franzosen und ihrer Freunde zu einer Voraussetzung der gesamteuropäischen Kultur geworden ist, die eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hat. Schon der Temps vom 3. Juli 1921 weist darauf hin, daß Österreichs Unabhängigkeit die Fortsetzung und vielleicht auch der Schutz der schweizerischen sei. Das Echo dieser Behauptung tritt in den Anschauungen der Narodni Politika (Anschluß, Dezember 1927) hervor, welche die Forderung aufstellt, Österreich möge eine zweite Schweiz werden. Europa würde es dringend brauchen, daß neben der Schweiz noch ein zweiter Staat mit derselben Aufgabe bestünde: Ein neutraler Wall, eine neutrale Zufluchtstätte und ein politisches Asyl zu sein. Sollte Österreich diese Lösung ablehnen und dem Anschluß an Deutschland den Vorzug geben, dann müßten die Großmächte und die Nachbarn ihre Politik danach einrichten. So ergibt sich ganz logisch die weitere Behauptung, daß Österreichs Selbständigkeit einer Kulturmission diene, welche, wie L'Indépendant des basses Pyrénées vom 30. März 1927 hervorhebt, durchaus international und als Bindeglied zwischen Norden und Süden, hauptsächlich aber zwischen Osten und Westen zu definieren sei. Eine gleiche Auffassung weist die St. Gallener Volksstimme in die französische Interessensphäre, wenn das Blatt Österreich warnt, seine geschichtliche Aufgabe, in einer kommenden Donauföderation die Brücke zwischen der germanischen Mitte und dem slawischen Südosten zu sein, zu verfehlen (Anschluß, 1930).

Durch solche Behauptungen wird es leicht, den österreichischen Stamm als eine Synthese der verschiedenen Völkerschaften hinzustellen, welche früher im Gefüge der Monarchie zusammenwohnten. Es würde zu weit führen, all jene Verdrehungen in der Art der früher erwähnten Narodny Listy aufzuzählen. Was nur irgendwie plausibel erscheint, eine eigene Note des Österreichers hervorzukehren, wird den an Geschichtskenntnissen tief unter dem Durchschnittseuropäer stehenden französischen und sukzessionsstaatlichen Lesern aufgetischt. Wir Österreicher sind überhaupt keine Deutschen mehr; Romanen, Slawen, Türken, Ungarn, besonders Tschechen hätten uns "regeneriert", und dadurch dem Österreicher jene "Eigenart" verliehen, die ihn eher zu den genannten Völkern als zu den Deutschen stelle. Diese Behauptung wird allen Ernstes in wissenschaftlichen Werken vertreten, allerdings nur in solchen, welche als Propagandaschriften nach dem Kriege entstanden sind, wie die Histoire d'Allemagne von Charles Bonnefon (Paris 1925), der S. 16 Österreich durch folgenden kühnen Schluß zum Blutsverwandten Frankreichs macht: "Was sagt uns die Geschichte? Österreich war von Kelten bevölkert, dann von Slawen, und es wurde kolonisiert von Franken aus Lothringen. Brandenburg wurde von Sachsen erobert, welche die Slawen dezimierten. Wir verstehen also, warum uns die Österreicher viel näher als die Preußen sind. Österreich ist eine Kolonie, aber es ist eine Kolonie, die weit von Preußen entfernt ist, denn das französische Element findet sich an der Donau wieder." Im Charakter der Österreicher erfolgte demnach eine Synthese aus den in den vergangenen Jahr- [634] hunderten übernommenen Rasseeigenheiten aller Nachbarn, und gerade das ergebe auch die schwer definierbare Eigenart des österreichischen Volkes. Noch andere Behauptungen müssen herhalten, diesen Unterschied zwischen dem gemütlichen Österreicher und dem "zerebralen" Norddeutschen zu betonen. Wiener und reichsdeutsche Küche, Nationalspeisen und schließlich der Gegensatz zwischen dem deutschen Biertrinker und dem österreichischen Weinschmecker werden einander gegenübergestellt und können bei unkritischen Lesern tatsächlich den Eindruck erwecken, als stünden sich hier zwei vollständig fremde Welten gegenüber. Kommt zum Schlusse noch ein Reporter und findet, wie der Berichterstatter der Illustration (27. August 1927), der Österreicher weise mit den Franzosen so zahlreiche Übereinstimmungen auf, daß man von ihm behaupten könne: "Der Österreicher ist ein Franzose, der deutsch spricht", so ist dies für den französischen Leser, der auf sein Blatt schwört, der überzeugendste Grund, die Unabhängigkeit Österreichs durch derartige Rassenunterschiede als gegeben und gerechtfertigt zu betrachten.

Denn dadurch ist als das hervorstechendste Merkmal österreichischen Wesens die Latinität und durch sie die Verwandtschaft mit den romanischen Völkern bewiesen. Auf die Begründung dieser neuen Entdeckung wird gerade in der letzten Zeit von seiten Frankreichs und seiner Satelliten der größte Nachdruck gelegt. Denn: "Immer hat es zwei Deutschlande gegeben, das eigentlich romanische und das sächsisch-preußische. In dem einen betete man im Mittelalter, in dem anderen raubte man. Dieser Gegensatz äußerte sich einst im Kampfe der Welfen und Staufen, heute äußert er sich in der Gegenüberstellung des Sachsen Stresemann und des rheinischen Katholiken Marx. Von dem Ausgange dieses Kampfes hängt der europäische Friede ab." (Bonnefon, S. 300.) Bezeichnenderweise hat das in Wien herausgegebene Blatt Le Courier d'Autriche die Aufgabe übernommen, diese lateinische Seele Wiens im Dienste der Verständigung zwischen Österreich und Frankreich zu definieren und seinen Lesern plausibel zu machen. Für die französischen Leser werden andere Argumente aufgetischt und zur Begründung dieser Latinität verschiedene geschichtliche Tatsachen angeführt, welche jeden Zweifel erledigen sollen. Man weist darauf hin, daß die Habsburger in Österreich und Spanien herrschten, in Wien der Kaiserhof infolge seiner Beziehungen nach Italien und Madrid durch Jahrhunderte romanischen Geist pflegen und verbreiten konnte, die katholische Kirche in Österreich ihren Einfluß unumschränkt behauptete, während im Norden Deutschland durch den Protestantismus verpreußte. Nicht zu übersehen sei ferner die spanische Etikette und ein dem Welschtum ergebener Adel, wodurch schon im 17. und 18. Jahrhundert die Voraussetzung dieser lateinischen Geistesverfassung gegeben sei, die dann im Barock, dem Gegensatze zur deutschen Gotik, ihren Höhepunkt erreichte. Alle diese Behauptungen werden in die wirtschaftlichen und politischen Erörterungen eingeflochten und sollen eigene und fremde Leser, darunter auch den Österreicher, zur Ansicht bekehren, wie berechtigt das Verbot des Anschlusses ist, der diesen Vorposten lateinischer Kultur nicht in die Arme des ernsten, methodischen Norddeutschen fallen lassen wolle.

[635] Selbstverständlich fehlen in diesem Zusammenhang auch nicht die Ausfälle auf die Reichsdeutschen, welche für diese österreichischen Vorzüge kein Verständnis haben; hier wird immer der trennende Gegensatz in Religion und Parteipolitik (Capital vom 23. März 1929) hervorgehoben und teilnehmend die Frage gestellt, was wohl aus der dem Österreicher so teuren Freiheit, seinem Hange zum Träumen, seiner geistreichen Fröhlichkeit, aus allen seinen entzückenden Kaffees mit ihren köstlichen Jausen werden solle, wenn im Falle des Anschlusses die schwere Hand des Reichsdeutschen sich auf Österreich lege. (Illustration vom 27. August 1927.)

Ungezwungen kann also die Frage aufgeworfen werden, ob es bei so viel schönen Eigenschaften nicht möglich wäre, dem Österreicher die Liebe zu seiner Selbständigkeit einzureden? Auch hiefür sorgt Frankreich, indem es daran dachte, "dem Lande eine Persönlichkeit zu geben, die, wenn sie schon nicht hervortrat, doch in Mitteleuropa beachtet wurde". (Auerbach, Le Rattachement, S. 155.) Doch diesbezüglich haben wir, die Ententepresse konstatiert es mit Bedauern, durchweg versagt. So bemerkt Le Journal vom 20. August 1927, daß sich Österreich fast gar nicht um seine nationale Würde kümmert.

Auch die Eitelkeit wird als Verbündeter in den Dienst dieser Kasuistik gezogen, wenn darauf hingewiesen wird, daß der Anschluß nur eine durch Faulheit bedingte Lösung sei (Journal vom 20. August 1927), durch welche insbesondere Wien aufs schwerste getroffen werde. Dies befürchtet der italienische Botschafter in Paris, Carlo Sforza, der im Falle des Anschlusses Wiens Untergang voraussieht, da die ehemalige Kaiserstadt sich mit der Rolle einer Provinzstadt begnügen müsse. (Anschluß, 1. Jänner-Folge 1930.)

Da den Österreichern diese Rolle sekundärer Wichtigkeit nicht zusagen kann, liegt der Schluß auf der Hand, daß der Anschluß von ihnen gar nicht gewollt, sondern von den Reichsdeutschen durch "dunkle Arbeiter" suggeriert werde. (Capital vom 27. März 1928.) So erklärt der Petit Parisien, daß die Anschlußpropaganda keine österreichische, sondern eine von Deutschland künstlich gezüchtete, rein deutsche Angelegenheit sei. (Anschluß, 15. August 1928.) Um diese Behauptung zu beweisen, kann man sich selbstverständlich auf "einflußreiche Kreise in Wien" berufen, wie dies La France de l'Est vom 28. Jänner 1929 mit der Behauptung tut, daß zahlreiche Wiener in Beamten- und Finanzkreisen aus kulturellen und wirtschaftlichen Gründen dem Anschluß feindlich gesinnt seien und alle eine Gesundung der Lage nur aus einer Mitarbeit mit den Donaustaaten erhoffen.

Auch Le Capital vom 27. März 1928 findet "Österreicher, welche unabhängig bleiben wollen". Am besten beurteilen natürlich die Tschechen die Unaufrichtigkeit der Anschlußforderung, wenn die Brünner Lidove Noviny vom 4. Februar 1929 feststellt, daß der Anschlußwunsch Österreichs nicht so absolut und die Anschlußidee überhaupt strittig sei. Der Anschluß würde für Österreich ein Opfer bedeuten, und es sei die Frage, ob Österreich dieses Opfer bringen werde, wenn es sich selbst in vollem Umfange davon Rechenschaft ablege.

[636] Als scheinbar wirksamstes Mittel, das in der Berechnung der Beeinflussungsmöglichkeiten immer für den Schluß aufgespart wird, erscheint der Hinweis auf die wirtschaftlichen Nachteile, die der Anschluß für Österreich nach ziehen müsse. Hier kann der schon früher bei den Nationalstaaten erprobte Vorgang, Angst und Besorgnisse zu erwecken, für die Österreicher in Anwendung gebracht werden. Industrie und Landwirtschaft werden als Opfer der Vereinigung mit Deutschland hingestellt, um diese Kreise vom Anschluß abzuschrecken. Damit wird auch versucht, die großen Parteien in Österreich in ententefreundlichem Sinne zu beeinflussen. Bezeichnend ist hiefür die Äußerung des Temps vom 22. Oktober 1928, der feststellt, vom österreichischen Standpunkt aus sei der Anschluß nicht in Betracht zu ziehen, da die Industrie ihre Chancen für die Zukunft verlieren, die Sozialdemokratie aber den Anschluß an das reaktionäre und nationale Deutschland fürchten müsse.

Und Etoile Belge (Brüssel) vom 1. Februar 1930 findet, "daß der Anschlußgedanke vor dem Konflikt der wirtschaftlichen Interessen zwischen den beiden Reichen zurücktreten müsse, denn Österreich sei vorwiegend ein Agrarland und Deutschland müßte, um zu helfen, den österreichischen landwirtschaftlichen Produkten eine Vorzugsstellung einräumen. Das wollen aber die großen Grundbesitzer in Ostdeutschland nicht, denn sie erklären, daß die Konkurrenz der österreichischen Agrarprodukte den Untergang für sie bedeuten würde". (!)

Wenn also vielleicht der Appell an den "réalisme" und die "honnêtete" versagen sollte, dann soll die Angst vor der wirtschaftlichen Kraft des Reiches ungleich wirksamer den schwächeren Österreicher vor dem Eintritt in das mächtigere Handelsgebiet abhalten.

Anscheinend aber haben die Franzosen selbst wenig Vertrauen in die Wirksamkeit ihrer Ratschläge und Einflüsterungen, denn sie finden es für notwendig, den Österreicher daran zu erinnern, daß er Verpflichtungen sich und der Welt gegenüber, so wie sie der Friede von Versailles geschaffen hat, auf sich genommen habe. Seine Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker komme überhaupt nicht in Betracht, wie die Interpretation des französischen Senators Chènebenoit beweist: "Die Freiheit für Völker und für Bürger wird durch die Rechte und durch die Sicherheit der anderen Bürger und der anderen Völker beschränkt." (Auerbach, Le Rattachement, S. 183.)

Für weitere Kreise hat dann Professor Aulard in der Neuen Züricher Zeitung (siehe Anschluß vom 15. November 1927) die Auffassung der französischen Politiker festgelegt:

"Aber nirgend wird im neuen Recht anerkannt, daß das Selbstbestimmungsrecht auch das Recht eines Volkes in sich schließt, seine Unabhängigkeit preiszugeben, sich mit einer anderen Nation zu vereinigen, zu der es sich hingezogen fühlt, vor allem, wenn eine solche Vereinigung die Macht einer Nation stärken würde, die, im Verhältnisse zu den kleinen Nationen, schon zu groß ist... Österreich hat einzig und allein das Recht auf Unabhängigkeit." Dieser Grundsatz kehrt in allen Pressestimmen des französischen In- und Auslandes wieder, als Beispiel diene die Äußerung der Information vom 30. Juli 1928: "In den 14 Punkten Wilsons ist das freie Selbstbestimmungsrecht unzweideutig [637] auf jene Volksteile der habsburgischen Monarchie beschränkt, die das Joch Wiens abschütteln wollten. Von etwas anderem ist darin nicht mit einem Worte die Rede." Bezeichnenderweise vermittelte Jules Sauerwein der tschechischen Prager Presse (28. November 1928) die Kenntnis dieser Interpretation des Völkerrechtes, wenn er feststellt: "Die Völker haben ein Recht auf weitestgehende Unabhängigkeit. Aber kein Staatsprinzip und auch kein Vertrag haben je die Bestimmung enthalten, daß das Recht der Völker so weit gehe, politische Kombinationen zu verwirklichen, die das Gleichgewicht eines ganzen Kontinents gefährden können."

Als gelehriger Schüler wiederholt demnach in der tschechischen Nova Doba vom 16. Jänner 1929 Senator Habermann die Ansicht, daß die Wilsonsche Formel des Selbstbestimmungsrechtes auf Österreich nicht zutreffe, da das österreichische Volk selbständig und von niemandem beherrscht sei. Es lebe im eigenen Staate und entscheide frei über seine Geschicke im Rahmen einer selbst gegebenen Verfassung. Österreich habe alles, was im Wilsonschen Selbstbestimmungsrecht vorgesehen sei.

Zur Begründung dieser Rechtsverdrehung mußte der große Dialektiker der französischen Kammer, Briand, einen neuen Begriff für das Register der Anschlußpolemik finden, er hat das Wort von der "unvergleichlich mystischen Kraft" Österreichs geprägt. Diese mystische Kraft ermöglicht es augenscheinlich, die Anschlußforderung einer Nation auch dann noch als "Selbstmord" zu bezeichnen, wenn 90% für die Vereinigung mit ihrem Brudervolke sind. (Siehe Anschluß vom 15. Dezember 1928.) Es muß nach all dem wohl als blutige Ironie betrachtet werden, wenn sich der Temps vom 4. April 1929 bemüßigt fühlt, Österreich die Forderungen des "réalisme" und der "honnêtete" (Anständigkeit) in Erinnerung zu bringen. Jene lägen in dem Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zu den Nachfolgestaaten, letztere in der "Achtung des Geistes und des Wortlautes der Friedensverträge".

Dieser von Frankreich und seinen Verbündeten geführte Pressekampf hat auch die seinen Absichten zweckdienlichste Form gefunden, das kurze, leicht faßliche Schlagwort, das in die Menge geschleudert und seiner jeweiligen Voraussetzung angepaßt werden kann. Die ganze Polemik der Ententepresse gegen den Anschluß ist auf bestimmte Formeln festgelegt, welche während ihres zehnjährigen Gebrauches nur in einigen Punkten eine leichte Verschiebung aufweisen. Diese Änderungen sind durch die Bedachtnahme auf Schwankungen in der öffentlichen Meinung und auch teilweise durch die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage Österreichs bedingt. Während früher das Schlagwort von der Donauföderation im Vordergrund aller theoretischen Erörterung stand, wird in letzter Zeit das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, die Psyche des Österreichers zu beeinflussen, und auch im Auslande den Eindruck zu erwecken, Österreich habe sich bereits innerlich mit den bestehenden Verhältnissen abgefunden. Aus diesem Grunde wird das letztgeprägte Schlagwort von der Latinität Österreichs und die Behauptung, das Land weise tiefgreifende Wesensunterschiede dem Reiche gegenüber auf, mit allen möglichen, besser gesagt, unmöglichen Einzelheiten aus Vergangenheit und Gegenwart entwickelt. Die wirtschaftlichen Erörterungen sind derzeit in den Hintergrund getreten, man be- [638] gnügt sich, allgemein auf die Tatsache der Sanierung hinzuweisen und festzustellen, daß Österreich leben kann, was als Argument gegen die Behauptung von der wirtschaftlichen Not angeführt wird. Als Seelenfang im größten Stil sind auch die Versuche zu betrachten, durch eine geschickt geführte Kulturpropaganda, wie Vorträge bekannter Politiker, Künstler und durch Gastspiele französischer Opern- oder Schauspieltruppen, jene geistige Atmosphäre künstlich zu schaffen, auf welche in den Zeitungen immer wieder verwiesen werden kann, da ja Beweise für diese Geistesverwandtschaft vorlägen.

Man sieht also, daß mit Fleiß und Überlegung aus zahllosen kleinen Mosaiksteinchen ein Bild zusammengesetzt wird, das in bewußter Verzerrung und gröblicher Fälschung von Tatsachen einen Eindruck erwecken muß, der mit der Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart nicht den geringsten Zusammenhang hat. Nur selten finden sich Äußerungen, die anders lauten, und dann ist der Gegensatz um so größer, wenn in diesem Chor bösen Willens plötzlich die ruhige Stimme der Wahrheit ertönt. Auch sie möge hier festgehalten werden, um diese Kakophonie internationaler Verdächtigungen und Böswilligkeit in reinere Akkorde ausklingen zu lassen. Bezeichnenderweise enthält schon der im Figaro vom 11. Juni 1920 veröffentlichte Bericht des Senators Lazar Weiler über den Frieden von St. Germain alle jene Angriffe, die auch heute noch Österreich gegen den Vertrag vorbringt. "Der Vertrag sei die Schöpfung einer siegreichen Diplomatie, die niemand wirklich zustimmend zu verteidigen wage. Man hätte Österreich zehn Millionen Einwohner lassen müssen, man gab ihm nur sechs." Ähnlich lautet das Urteil des Manchester Guardian vom 12. Dezember 1920: "Durch Wohltätigkeitsaktionen kann man das verflackernde Leben Österreichs verlängern, aber eine wirkliche Wiederherstellung ist niemals auf Grund von Verträgen möglich, die weder die wirtschaftlichen noch die politischen Grenzen berücksichtigen."

Am schärfsten urteilt die Londoner Nation vom 29. Jänner 1921 in ihrem "Mord an Österreich" betitelten Artikel: "Der Ruin Österreichs ist zum Großteil das überlegte Werk des Friedensvertrages. Die Staatsmänner der Entente waren es, welche die Monarchie zerstückelten, welche sich weigerten, das geschlossene deutsche Gebiet am Rande der Tschechoslowakei abzutrennen, das so viel Kohle und fruchtbares Land enthält, welche Österreich fehlen. Sie waren es, welche gegen den Anschluß Österreichs an Deutschland ihr Veto einlegten. Hauptsächlich aber handelt es sich um einen strategischen Plan zur Isolierung Deutschlands. Dazu gehört die gröblichste Parteilichkeit zugunsten der nichtdeutschen Nachfolgestaaten, welche unter Herausforderung von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Wirtschaftspolitik auf Kosten Österreichs vergrößert wurden." Das Blatt tritt dann dafür ein, das Anschlußverbot aufzuheben. Auch französische Stimmen erheben sich gegen die Unhaltbarkeit des Anschlußverbotes. Volonté (Paris) vom 24. Juli 1927 findet es begreiflich, daß sich Österreich zu dem Reiche hingezogen fühle, das gleiche Sprache, gleiche Sitten und gleiche Kultur habe. Wenn die Alliierten dem Grundsatze der Selbstbestimmung, den sie während des Krieges immer wieder betonten, treu bleiben wollen, haben sie nicht das Recht, sich dem Anschlusse zu widersetzen.

[639] Diese Stimmen mehrten sich im Jahre 1928 und 1929, als nach dem Sängerfeste die Aufmerksamkeit ganz Europas auf Wien und die österreichischen Zustände gelenkt war. Frankreich muß hier von England manche bittere Wahrheiten hören, die auf dem Kontinent sonst ängstlich totgeschwiegen werden. So schreibt Daily Herald (London) vom 28. Juli 1928: "Das Geschrei der französischen und der tschechischen Presse wegen der Anschlußdemonstration ist unsinnig und absurd. Nur der Himmel weiß, warum in einem Europa, das seine Landkarte nach dem Prinzip der Nationalitäten und dem Recht der Selbstbestimmung revidiert hat, es ausgerechnet den Deutschösterreichern verwehrt sein soll, sich mit den Deutschen im Reiche zu vereinigen."

Schärfer geht Manchester Guardian vom 11. Juli 1928 vor, wenn er in Besprechung der Anschlußfrage erklärt, daß das Anschlußverbot der Verträge von Versailles und St. Germain einen Zustand der Feindseligkeit und Verlogenheit hervorgerufen hat, der für alle anderen Staaten Europas entwürdigend sei. Österreich sei durch den Vertrag von St. Germain noch furchtbarer zerstückelt worden als Ungarn, denn dieses könne allein leben, Österreich aber nicht. Das sich stets ergebende Defizit könne nur durch immer neue Anleihen getilgt werden. Dadurch werde Österreich zum Bettler Europas. Es gäbe nur eine wirksame Lösung, und das sei die Vereinigung mit Deutschland, die ein alter und doch lebendiger Traum sei, der die breiten Massen beider Länder begeistere. Nur Frankreich und die Kleine Entente seien gegen den Anschluß, und es wäre gerecht, wenn diese Staaten alle Anleihen, die Österreich jetzt und in Zukunft brauche, aufbringen müßten.

Auch Italien, das von Frankreich an der Stange gehalten werden möchte, ist nicht ganz einstimmig in der Bewunderung der durch den Frieden geschaffenen neuen Verhältnisse, die nach der Äußerung des Popolo d'Italia vom 29. Juli 1928 durch den "Trick Clemenceaus" geschaffen wurden und durch die "wunderbare diplomatische Kunst des Quai d'Orsay" durch "weitere fragwürdige Kartelle" gestützt werden sollten. Aus den zahlreichen Äußerungen im Jahre 1929 sei das Urteil des Manchester Guardian vom 25. März 1929 festgehalten, welcher die Lage in Österreich unter dem bezeichnenden Titel: "Ein verstümmeltes Land" eingehend bespricht und feststellt, daß die durch die Friedensverträge festgesetzten Grenzen ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Zusammenhänge gezogen wurden, so daß Österreich als der größte Verlustträger aus dem Zusammenbruche hervorging. Österreich sei außerstande, eine wirklich unabhängige Existenz führen zu können, der einzige Ausweg, die Anschlußforderung, die der Vertrag von St. Germain vorsehe, werde durch den Widerstand Frankreichs und seiner Vasallenstaaten illusorisch. Österreich habe bis jetzt von Almosen gelebt und müsse auch weiter davon leben.

Auch Amerikas Meinung ist heute von der Notwendigkeit des Anschlusses überzeugt, wie das im Neuen Wiener Journal vom 11. August 1929 veröffentlichte Gespräch mit dem amerikanischen Industriellen Bernhard Lothar Faber, Mitchef der Bleistiftwerke in New York, beweist: "Keinesfalls kann sich [640] aber Österreich unter den gegebenen Umständen halten, wenn der Anschluß an Deutschland nicht in nächster Zeit erfolgen könne. Die ökonomische Struktur Österreichs ist durchaus nicht fest, sondern eher wackelig, weshalb man zweifelt, daß ohne das baldige Zustandekommen des Anschlusses eine nachhaltige Sanierung überhaupt möglich ist. Ein Zusammenschluß mit dem Deutschen Reiche würde zweifellos eine wesentliche Verbesserung der allgemeinen wirtschaftlichen Situation mit sich bringen und so manche Nachteile der Wirtschaftspolitik ausgleichen."

"Qui s'excuse, s'accuse." Mit diesem aus französischer Mentalität entstandenen Sprichwort läßt sich auch die Tendenz des von Paris geführten Pressekampfes gegen den Anschluß charakterisieren. Es ist das Bestreben, sich vor dem eigenen Gewissen, wenn es sich etwa regen sollte, und dem Urteile der Welt zu rechtfertigen, wenn man den größten Wortbruch, der jemals in der Geschichte begangen wurde, dadurch abschwächen will, daß ethische Forderungen der Schwächeren mit Berufung auf eigene Interessen und die Vorteile Verbündeter zurückgewiesen werden können. Denn nichts anderes ist dieser Feldzug gegen Österreichs Recht, als der durch scheinbar uneigennützige Bestrebungen maskierte, tausendjährige Haß Frankreichs gegen Deutschland und dessen Volkeskraft, die durch den Ausschluß der Ostmärker geschwächt bleiben soll. Dieser Haß fand auch seinen Ausdruck in der zynischen Bemerkung Clemenceaus, der sich zu der Äußerung hinreißen ließ: "Es gibt 20 Millionen Deutsche zu viel auf der Welt!" Dieser Haß vereitelte den Anschluß Österreichs und ersann den kühnsten Fälschungsversuch, der nichts anderes bezweckt, als Österreich von seinem Mutterlande wegzulügen und in die Rassensphäre ihm fremder Staaten hineinzuschieben. Wir aber fragen in der Liebenswürdigkeit, welche die Franzosen so sehr an ihr eigenes Wesen erinnert: "Hält man uns wirklich für so beschränkt, all diesen Einflüsterungen Glauben zu schenken, mit denen Pariser und andere Blätter ihre Leser belehren?" Wenn ja, dann mute man uns lieber offen zu, unseren diktierten nationalen und wirtschaftlichen Abstieg als ein Opfer für Frankreich und seine Freunde zu tragen, dann trösten wir uns im erhabenen Bewußtsein, einer europäischen Zivilisation, so wie sie der Friede von Versailles und St. Germain festlegen will, durch den Verzicht auf den Anschluß ihr Dasein zu ermöglichen. Man erspare uns das beschämende Gefühl, unser Deutschtum und unsere Zugehörigkeit zum Reiche nur deshalb angezweifelt zu sehen, weil wir im Interesse anderer keine Deutschen sein sollen.


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Die Anschlußfrage
in ihrer kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Bedeutung

Friedrich F. G. Kleinwaechter & Heinz von Paller