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[Bd. 4 S. 349]
10. Kapitel: Deutschlands innere Zustände.

  Politische Zustände  

Wir wenden uns nun den inneren Zuständen Deutschlands zu. Wie ich schon bei anderer Gelegenheit bemerkte, trat seit der Einführung eines neuen Geldes von festem Werte in den Massen des deutschen Volkes eine innere Beruhigung ein. Noch warfen manche trüben Ereignisse aus der Vergangenheit ihre Schatten auch auf die neue Zeit innerer Konsolidierung, wie wir bei Betrachtung der großen politischen Prozesse feststellten. Dennoch aber konnte der Preußische Innenminister Severing Ende März 1927 mit bedingter Berechtigung erklären, daß man heute wohl von einer gewissen politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung sprechen könne. Trotzdem aber wurde im Juli das Gesetz zum Schutze der Republik vom Reichstag um zwei Jahre verlängert. (Erst im Sommer 1929 lief es ab, ohne erneuert zu werden.) Im Herbste desselben Jahres, am 18. September, fand die Einweihung des Tannenberg-Nationaldenkmals in Hohenstein-Ostpreußen statt. Aus allen Teilen Deutschlands waren die vaterländischen Verbände, der "Stahlhelm", "Wehrwolf", "Jungdeutsche Orden", die Kriegervereine usw. mit ihren Fahnen erschienen. Mehr als 100 000 Teilnehmer waren zusammengeströmt. Der Geist der Erhebung und der Erinnerung an das gewaltigste Ereignis des Jahres 1914, die Befreiung Ostpreußens von den Russen, war wiedererstanden. Hindenburg, der Befreier Ostpreußens und gegenwärtige Präsident des Deutschen Reiches, hielt die Festrede, die in folgenden Worten gipfelte:

      "Die Anklage, daß Deutschland schuld sei an diesem größten aller Kriege, weisen wir, weist das deutsche Volk in allen seinen Schichten einmütig zurück! Nicht Neid, Haß oder Eroberungslust gaben uns die Waffen in die Hand. Der Krieg war uns vielmehr das äußerste, mit den schwersten Opfern des ganzen Volkes verbundene Mittel der Selbstbehauptung einer Welt von Feinden gegenüber. Reinen Herzens sind wir zur Verteidigung des Vaterlandes ausgezogen, und mit reinen Händen hat das deutsche Heer das Schwert geführt. Deutsch- [350] land ist jederzeit bereit, dies vor unparteiischen Richtern nachzuweisen."

Der Befestigung auf seiten der Rechtsparteien und -verbände entsprach eine solche auf seiten der Sozialdemokratie. Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 konnten die Sozialdemokraten einen Stimmenzuwachs von 1½ Millionen Stimmen gegenüber der Dezemberwahl von 1924 verzeichnen: sie erhielt 9⅓ Millionen Stimmen. Die Sozialdemokratie besaß 1929: 9000 Ortsgruppen, 950 000 zahlende Mitglieder, 144 Zeitungen (Deutschnationale 392), 153 Reichstagsabgeordnete, 529 Landtagsabgeordnete, 358 Provinzial-, 4017 Kreis- und 7662 Stadtverordnete, 31 350 Gemeindevertreter, 897 Gemeindevorsteher, 889 Bürgermeister und 520 Stadträte. Seit 1924 hatte die Partei für Wahlzwecke 8⅓ Millionen Mark ausgegeben. Auch die Kommunisten konnten mit ihren 3⅕ Millionen Stimmen eine Zunahme von einer halben Million Stimmen verbuchen. Die politische Konsolidierung war ohne Zweifel vorhanden, aber nicht in dem Sinne des absoluten Sieges und der Befestigung einer Richtung, sondern in der Befestigung des Gleichgewichtes zwischen den drei Lagern. Diese Art des Gleichgewichts stellte zwar eine Sicherheit des demokratischen Systems dar, ohne aber diejenigen Spannungen zu beseitigen, welche eines Tages zur Gefährdung dieses Systems von der einen oder der anderen Seite führen konnten. In weiten Kreisen aber machte sich eine starke parlamentarische Müdigkeit geltend, eine zunehmende Abwendung von den Fragen der Politik.

Die Kommunisten machten noch einmal den vergeblichen Versuch, sich einen politischen Erfolg zu verschaffen. Nicht mehr auf revolutionärem Wege, sondern auf parlamentarischem. Es war notwendig geworden, die deutsche Kriegsflotte durch den Bau eines neuen Panzerkreuzers zu ergänzen. Die Sozialdemokraten erkannten zwar die Notwendigkeit des neuen Panzerkreuzers an, ohne im Innersten den Bau des Kriegsschiffes mit ihrer pazifistischen Anschauung in Einklang bringen zu können. Dennoch aber traten sie diesmal nicht, wie bei der Frage der Fürstenenteignung, entschlossen auf die Seite der Kommunisten, welche den Bau kategorisch ablehnten, [351] da er lediglich den imperialistischen Krieg zu fördern imstande sei. Die Kommunisten verlangten einen Volksentscheid über die Forderung, daß der Panzerkreuzer nicht gebaut werden solle. Jedoch schon das Volksbegehren im Juni 1928 brachte ihnen eine entscheidende Niederlage: noch nicht zwei Millionen trugen sich in die Listen ein. Dieser Episode ließen die Linksradikalen im Frühjahr 1929 eine andere, blutige folgen. Infolge der aggressiven kommunistischen Haltung verbot der Berliner Polizeipräsident die Feier des 1. Mai sowie die geplanten Umzüge und Massendemonstrationen. Die Kommunisten nahmen das Verbot nicht ruhig hin, sondern setzten sich zur Wehr: sie hetzten ihre Anhänger in tagelange blutige Straßen- und Barrikadenkämpfe, deren Schauplatz die nördlichen und östlichen Bezirke der Reichshauptstadt waren. Besonders in Neukölln und am Wedding kam es zu schweren Schießereien, die viele Blutopfer forderten, während es am Alexanderplatz der Polizei gelang, durch abkühlende Wasserstrahlen aus der Feuerspritze die Demonstranten zu zerstreuen. Ein Folge dieser Ereignisse war die von den Länderregierungen angeordnete Auflösung des Roten Frontkämpferbundes, der kommunistischen Kampforganisation. –

  Wirtschaftsnot, Überfremdung  

Im Vordergrunde des Volkslebens standen seit 1926 vor allem wirtschaftliche Fragen. Dem deutschen Volke, das durch die Inflation gänzlich verarmt war, waren die von Jahr zu Jahr steigenden Dawes-Tribute auferlegt worden. Wie aber sollte ein kraftloser Wirtschaftskörper die drakonischen Leistungen ausführen? Mehr und mehr machte sich eine drückende Not bemerkbar, besonders bei denjenigen Kreisen, die durch Produktion und Handel für die Aufbringung der Tribute zu sorgen hatten. Da die Produktion der deutschen Wirtschaft nicht imstande war, aus eigener Kraft die außenpolitischen Abgaben aufzubringen, sah sich diese gezwungen, immer mehr zum Mittel des Kredites, das heißt der Schulden zu greifen. Da im verarmten Deutschland nicht die nötigen Mittel aufzubringen waren, holten sich die deutschen Banken die erforderlichen Gelder aus dem Ausland. Dem Dawes-Plan parallel lief also in Deutschland der Prozeß fortschreitender Verschuldung ans Ausland. Der Reichstagsabgeordnete Freiherr von [352] Rheinbaben schrieb im Juli 1928:

      "Unsere eigenen hervorragendsten Sachverständigen versichern uns immer wieder erneut, daß Deutschland noch eine ganze Weile borgen könne und nichts augenblicklich Bedenkliches in diesem fortschreitenden Verschuldungsprozeß läge, vorausgesetzt nur, daß die hereingenommenen Gelder produktiv angelegt würden."

Und dennoch lag etwas sehr Bedenkliches in diesem Vorgange: durch das Mittel der Kreditgewährung brachte das Ausland Schritt für Schritt bedeutende deutsche Unternehmungen in seine Gewalt! Eine Enteignung der deutschen Wirtschaft durch die kapitalkräftigen Amerikaner setzte ein.

Deutschlands Verschuldung an das Ausland betrug bis zum Juli 1929 15 Milliarden Reichsmark! Acht bis zehn Prozent des deutschen Besitzes waren dem Ausland verpfändet und mußte jährlich etwa anderthalb Milliarden Zinsen an Amerika und England zahlen. Die amerikanischen und ausländischen Geldgeber, denen diese rapide Zunahme der äußeren Schulden des deutschen Volkes nicht entging, beschritten seit Mitte 1928 einen anderen Weg: sie gaben kaum noch Anleihekredite, sondern sie forderten Beteiligung an der deutschen Industrie, sie traten also unmittelbar und bestimmend in den Produktionsprozeß der deutschen Wirtschaft ein, sie beaufsichtigten ihn und schickten sich an, ihn zu beherrschen, ja sie errichteten eigene Fabriken. Die deutsche Industrie wurde ein Opfer des amerikanischen Wirtschaftsimperialismus, den Deutschen selbst stand in immer größerem Maße das Schicksal bevor, Lohnempfänger, Hörige der ausländischen Kapitalisten zu werden. Amerika aber wollte auf diesem Wege die deutsche Außenhandelskonkurrenz schwächen oder gar beseitigen. Ähnliche Schritte, nur weniger umfassend als in Deutschland, unternahm das amerikanische Kapital auch in England und Polen.

Mitte 1929 waren in Deutschland 30 amerikanische Industriegesellschaften mit zwei Fabriken vertreten, weitere 20 besaßen Vertriebsorganisationen, etwa 800 deutsche Firmen waren als Agenten amerikanischer Häuser tätig. Besonders die an und für sich unter Schwierigkeiten leidende Automobilproduktion Deutschlands wurde von Amerika [353] bevorzugt. Die General-Motors-Werke, die größte Automobil-Exportorganisation der Welt, ließ die deutschen Firmen Opel und N.S.U. in sich aufgehen. Acht andere amerikanische Automobilgroßfirmen Amerikas haben eigene Produktionsanlagen (Assembling Plants) in Deutschland errichtet. Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (A.E.G.) rief die früher gleich starke amerikanische General Electric ins Land, bot ihr ein beträchtliches Aktienpaket und fünf Aufsichtsratsposten an. Die Osramwerke beschritten denselben Weg. In den Reichardtwerken Hamburg, bei Elida, bei Ahlfeldt-Gronau, bei Fries & Höpflinger, bei Fichtel & Sachs, bei Lorenz, bei Sarotti, in der Hamburger Verkehrs-A.-G., in der Margarine- und Zündholzfabrikation erzwangen sich die Amerikaner die Teilnahme an der Produktion. Das elektrische Gefriersystem nach amerikanischer Methode hat sich in dem "Frigidaire"-Unternehmen der General-Motors-Co. Monopolstellung in Deutschland errungen. Die Füllfederfabrik Parker Fountain Pen Co. hat bei Heidelberg eine Fabrik errichtet; die Standard Sanitary Co. hat in Neuß eine Fabrik erbaut, wo Badewannen und sanitäre Vorrichtungen produziert und 1200 deutsche Arbeiter beschäftigt werden. Das amerikanische Kodak-Unternehmen, Photo- und Filmgeschäft, besitzt in Deutschland die deutsche Kodak-A.-G. mit zehn Millionen Reichsmark Kapital, 1927 verschmolz sie sich mit der Glanzfilm-A.-G. (Vereinigte Glanzstoff-Werke A.-G.). Eine große Fabrik in Köpenick ist ihr Eigentum, die Firma Yale and Towne Manufacturing Co. in Stamford hat die in der Velberter Schloßindustrie bekannte Firma Damm & Ladewig übernommen. Die Gillette Safety Razor Co. in Boston hat nicht nur große Fabriken in Deutschland, sondern hat auch die Aktienmehrheit der Roth-Buchner A.-G. erworben. Der schwedische Großindustrielle Kreuger kaufte im Sommer 1929 das deutsche Zündholzmonopol, während die Engländer die größte Sperrholzfabrik im Regierungsbezirk Trier, Kümmel & Co., die in Zahlungsschwierigkeiten geraten war, erwarben. Wenige Wochen später, Mitte Oktober, gingen 25 Prozent des Aktienkapitals der Hirsch, Kupfer- und Messingwerke, A.-G. in Berlin, im Nennwerte von drei Millionen Reichsmark an die [354] englischen Imperial Chemical Industries Ltd. in London über. Ein Viertel des Kapitals der Reichsbank befand sich in Form von Reichsbankanteilen in amerikanischen Händen.

Es war, wie wir sahen, ein Charakteristikum des Young-Planes, daß die deutsche Industrie von der Haftung für die Reparationen ausgenommen wurde. Diese Veränderung gegenüber dem Dawes-Plan zeigte aufs deutlichste, welche inneren Wandlungen in der deutschen Industriewirtschaft innerhalb vier Jahren vorgegangen waren: die deutsche Industrie war eine Domäne des amerikanischen Kapitals geworden. Deshalb konnte Young nicht mehr der Taktik des Dawes folgen. Wie konnten die Amerikaner in der deutschen Industrie Reparationen an sich selbst zahlen, sie, die in der Eigenschaft als Teilnehmer deutscher Werke dann in einer Person Schuldner und Gläubiger waren?

  Not der Landwirtschaft  

Trostloser noch stand es mit der Landwirtschaft. Auf ihr ruhte eine Schuldenlast von über 14 Milliarden (30. Juni 1929). Die Steuern, die Zinsen, die niedrigen Verkaufspreise und hohen Einkaufspreise, zum Teil ungünstige Witterungsverhältnisse erschwerten den Bauern ungeheuer ihr Los. Der Einfuhrüberschuß landwirtschaftlicher Erzeugnisse war doppelt so hoch als vor dem Kriege (1913: 1,425 Milliarde Mark; 1925: 2,735; 1926: 2,453; 1927: 2,943). Der deutsche Bauernstand rang mit der Not, und der Besitz der Scholle war zu einer Quelle dauernder Sorgen geworden. Den Lohn, den der Bauer für seine Arbeit erhielt, war höchstens ein Drittel so hoch wie der Lohn eines Industriearbeiters. In weiten Kreisen des deutschen Bauernstandes brach die Verzweiflung durch, und es kam, wie in Schleswig und Brandenburg, zu förmlichen Aufständen. Konkurse und Zwangsversteigerungen bildeten sehr oft den Abschluß eines jahrelangen, sorgenvollen und mühseligen Schaffens. Eine Erschütterung ging seit 1924 durch das deutsche Landvolk, wie es eine solche seit fünfhundert Jahren nicht mehr erlebt hatte.

In welcher Weise sich die landwirtschaftliche Verschuldung entwickelte, mag aus folgender Tabelle hervorgehen. Hierin sind auch die annähernd zwei Milliarden Rentenbankschulden enthalten. Der gesamte deutsche landwirtschaftliche Besitz um- [355] faßte 25 Millionen Hektar im Werte von etwa 50 Milliarden Reichsmark:

Jahr Schuldenlast
in Milliarden RM
Zinsendienst
    in Milliarden RM    
Zwangsver-
steigerungen
1924   5,8 0,53
1925   7,2 0,68 120
1926 10,7 1,00
1927 12,7 1,14 471
1928 13,6 1,18 755
1929, 30. Juni 14,1 1,25

Die wirtschaftlichen Zusammenbrüche (Konkurse), die 1914 7750 betrugen und 1923 infolge der Inflation auf 253 zurückgegangen waren, schwollen 1925 auf 10 800, 1926 sogar auf 11 800 an. Die deutsche Handelsbilanz hatte von 1924 bis 1929 ein Defizit von rund 12 Milliarden Reichsmark zu verzeichnen.

  Öffentliche Finanzen  

Und wie es in der Privatwirtschaft aussah, so sah es in der Finanzwirtschaft des Reiches, der Länder und Gemeinden aus. Die öffentliche Schuld Deutschlands hatte Ende März 1929 die stattliche Höhe von 15 Milliarden erreicht. Die Steuerpolitik des Reiches führte zu ständigen Reibereien zwischen den einzelnen öffentlichen Körperschaften, denen die überwiesenen Beträge zur Deckung ihrer Bedürfnisse nicht ausreichten. Das Reich hatte durch Erzbergers Steuerreform die ergiebigsten Steuerquellen für sich mit Beschlag belegt, da es für die Reparationen aufzukommen hatte. Bei der allgemeinen Armut des Volkes jedoch war es den Ländern und Gemeinden nicht möglich, aus den ihnen verbleibenden Steuern soviel einzunehmen, wie sie brauchten. Allerdings ließ sich sehr oft feststellen, daß die Gemeinden einen Aufwand trieben, der in keinem Verhältnis zur allgemeinen Wirtschaftslage stand. Im Jahre 1927 stellten Wirtschaftskreise, vor allem der Hansabund, die Forderung auf, die allgemeinen Ausgaben der Verwaltung in Reich, Ländern und Gemeinden herabzusetzen, da die deutsche Wirtschaft die Steuerlasten auf die Dauer nicht tragen könne. Im Zusammenhange mit dieser Forderung tauchte aufs neue die Frage auf, ob es möglich sei, das Reich [356] unitarisch umzugestalten. Dann würden in der Hauptsache all die Aufwendungen fortfallen, die durch die Sonderverwaltung der Länder und durch die Unterhaltung von etwa zwei Dutzend Parlamenten entstehen. Man würde dann nur den Reichstag als großes Parlament haben, während die Landtage mit ihren Abgeordneten verschwinden.

In dieser Frage berührten sich allerdings zwei gegensätzliche Strömungen: die hauptsächlich von den Demokraten aufgestellte Forderung nach der straffen Zentralisation des Reiches und die hauptsächlich von Bayern verteidigte Selbständigkeit der Länder. Vom 16. bis 18. Januar 1928 tagte unter Vorsitz des Reichskanzlers Marx und in Anwesenheit aller 18 deutschen Ministerpräsidenten und aller Reichsminister mit Ausnahme des kranken Stresemann die Länderkonferenz für Reichs- und Verwaltungsreform in Berlin. Es wurden von seiten der Unitaristen die Forderungen und Klagen laut, welche die Föderalisten, die Süddeutschen, ebenfalls mit Forderungen und Klagen beantworteten. Auf beiden Seiten waren die Kräfte und die Gründe gleich. Man kam zu keinem Ergebnis. – Der Verfassungsausschuß der Länderkonferenz schlug Mitte November 1929 eine andere Lösung vor, nämlich die Vereinigung der preußischen Staatsregierung mit der Reichsregierung. Auf diese Weise würde Preußen im Reiche aufgehen. Aber auch diesen Vorschlag lehnte Bayern ab. Die München-Augsburger Abendzeitung schrieb, das Aufgehen Preußens im Reich, diese Verpreußung sei nichts anderes als kalte Bolschewisierung. Die Bayerische Staatszeitung erklärte, Bayern werde sich nicht in einen großen preußischen Einheitsstaat hineinpressen lassen. Es gäbe Dinge, die Bayern bestimmt nicht mitmachen werde. –

Bis zu welchen Absurditäten sich die Gemeinden verstiegen, um neue Steuer- und Einnahmequellen zu bekommen, dafür mögen verschiedene thüringische Städte als Beispiel dienen. Gotha führte 1929 eine "Hockersteuer" ein und eine "Sondersteuer für Ledige", beide Steuern sollten je 30 000 Mark erbringen. Gräfenthal beabsichtigte 1929 drei Viertel des Steuersatzes seiner "Musikinstrumentensteuer" zu erheben. Greiz beschloß die Einführung der "Nachtsteuer". Kahla [357] führte eine "Feuerschutzabgabe" ein. Kranichfeld änderte "auf Vorschlag des Ministeriums" das Ortsgesetz über die "Nachtsteuer". Langenberg führte die bereits früher erhobene "Wohnungsluxussteuer" und "Hausangestelltensteuer" ein, ferner wurde die "Nachtsteuer" und "Leistungsumsatzsteuer" beschlossen; Rudolstadt erhob eine "Wohlfahrtsabgabe" von 2 Pfennigen auf den Gaspreis von 18 Pfennigen, ferner eine Sondersteuer für Bars, Dielen usw. mit berufsmäßiger Kellnerinnenbedienung. Ruhla erwog eine Luxusgartensteuer, Unternehmerbeiträge für das Stadtbad, eine Wohlfahrtsabgabe der Unternehmer und eine Wohnungsluxussteuer zu erheben! Allerdings führten diese neuen Steuern oft zu Reibereien zwischen Gemeinden und Länderregierungen. Diese fürchteten nämlich von der Einführung neuer Gemeindesteuern eine Schwächung der Steuerkraft für Reich und Länder und versagten aus diesem Grunde oft ihre Zustimmung.

  Not der deutschen Reichsbahn  

Ein starker Niedergang machte sich auch bei der Deutschen Reichsbahn bemerkbar. Ihr Wert wurde noch 1928 vom Auslande mit 25,78 Milliarden Mark angegeben. Dabei war nicht berücksichtigt, daß die Eisenbahn durch die starke Beanspruchung während des Krieges, durch die Ablieferung von 5000 Lokomotiven, 15 000 Personen- und 135 000 Güterwagen infolge des Versailler Diktates, durch die Plünderung während der Ruhrbesetzung, durch den Verlust Oberschlesiens, Elsaß-Lothringens, Westpreußens und Posens eine Einbuße von 5,5 Milliarden erlitten hatte. Dazu kam noch die Durchbrechung des Beförderungsmonopols der Eisenbahn bei der Personen- und Güterbeförderung durch Automobile und Flugzeuge, welche der Eisenbahn einen jährlichen Ausfall von 650 Millionen Mark Einnahmen verursachte. Es war ohne Zweifel, daß die direkte Belastung der Reichsbahn durch den Dawes-Plan mit 660 Millionen jährlich (ohne Beförderungssteuer) eine viel zu hohe war. Nichtsdestoweniger wurde sie im Young-Plan beibehalten. Die Eisenbahnbelastung war ja im Sinne des Auslandes nicht bloß eine reparationstechnische, sondern auch eine handelspolitische Maßnahme. Man wollte das Verkehrsunternehmen zur Erhöhung der Tarife zwingen, um die deutsche Außenhandelskonkurrenz zu erschweren. Es wurde berechnet, [358] daß die Reichsbahn von 100 RM Frachtgebühren 19, von 10 RM Personenfahrpreis 2,20 RM auf Reparationskonto abgeben mußte. Das war durchschnittlich der fünfte Teil der Bruttoeinnahme!

Schlimme Folgen hatte die wirtschaftliche Bedrückung der Reichsbahn. Bei den notwendigsten Ausgaben mußte gespart werden. Oberbau, Hochbauten, Brücken und Fahrzeuge konnten nicht erneuert oder ergänzt werden. Dr. Dorpmüller, der Generaldirektor, schrieb in seiner Denkschrift zur Begründung einer Tariferhöhung folgendes:

      "Viel schwieriger ist der unglückliche Einfluß, den der schlechte Zustand des Fahrwegs, des Oberbaues, der Brücken und Sicherungsanlagen auf die Betriebssicherheit ausübt. So sind Entgleisungen auf freier Strecke bei ungefähr gleichen achskilometrischen Leistungen von 73 im Jahre 1913 auf 178 im Jahre 1927, also um rund 150 Prozent, gestiegen. Auch sind in letzter Zeit verschiedene ernstere Unfälle vorgekommen, die auf Schienenbrüche zurückzuführen waren. Noch rund 8000 Kilometer Gleis befinden sich im Rückstand. Wenn man die laufenden Gleisarbeiten hinzuzählt und jedes Jahr etwa 3500 Kilometer aufarbeitet, dann würde der Rückstand erst in etwa 20 Jahren eingeholt sein."

Es fehlte an leistungsfähigen Lokomotiven. 1928 hatte die Reichsbahn bereits 82 Schnellzugs- und 200 Lokomotiven leichterer Bauart zu wenig. Ein starker Mangel an Personenwagen, die zum Teil stark überaltert waren, hatte sich eingestellt. 1928 mußten 5000 Güterwagen zur Personenbeförderung verwandt werden, 1929 die doppelte Anzahl.

Auch das Personal hatte stark zu leiden. Es war von 1 122 000 auf rund 700 000 vermindert worden bei einer Streckenlänge von 53 667 Kilometern, während die englischen Eisenbahnen bei einer Streckenlänge von 33 350 Kilometern 648 612 Menschen beschäftigten. Eine starke Anspannung der Angestellten war die Folge. Der anstrengende Dienst betrug wöchentlich 57 bzw. 56 Arbeitsstunden. Die Beförderungsverhältnisse waren äußerst ungünstig; dadurch wurde der nötige Nachwuchs gefährdet.

Diese Umstände wirkten alle zusammen, um die Betriebssicherheit der Reichsbahn zu gefährden. Gewaltige Eisenbahn- [359] katastrophen durch Zusammenprall oder Entgleisung ereigneten sich, so in Bayern 1928. Viele ahnungslose Reisende wurden die Opfer dieser furchtbaren Vorfälle. Im Laufe eines Augenblicks lagen sie als verstümmelte Leichen unter zertrümmerten Wagen begraben oder mußten in schwerverletztem Zustande in die Krankenhäuser eingeliefert werden.

Die Reichsbahn versuchte im Oktober 1928 ihre Verhältnisse zu bessern, indem sie statt einer vom Reiche nicht genehmigten Tariferhöhung das sogenannte "Zweiklassensystem" (Polsterklasse und Holzklasse) einführte. Auf diese Weise verschwand die billige vierte Klasse, und die Reisenden, welche diese bisher benutzt hatten, mußten hinfort die dritte Klasse benutzen, deren Fahrpreis gegen früher etwas ermäßigt wurde. –

Eine grenzenlose Not herrschte in dem verarmten Reiche, und Länder und Gemeinden hatten große Aufgaben zu erfüllen, um die bedrängte Lage von Millionen zu mildern. 2⅓ Millionen Kriegsbeschädigter und Kriegerhinterbliebener, 330 000 Kleinrentner, 120 000 Pflegekinder auf dem Lande, 300 000 Kinder in Erholungsfürsorge, 670 000 Krüppel (Blinde, Taube und Gebrechliche) und eine Million Geschlechtskranke belasteten die öffentliche Fürsorge. Etwa der zehnte Teil des ganzen deutschen Volkes nahm die Wohlfahrtsfürsorge in Anspruch, dabei blieben noch die Tuberkulosekranken und die Waisen unberücksichtigt. Ganz allgemein betrachtet, erhielt 1929 jeder dritte Deutsche öffentliche Unterstützung in irgendeiner Form. Die finanziellen Leistungen für diese Zwecke waren auf die fünffache Höhe der Ausgaben vor dem Kriege gestiegen. Betrugen sie 1913 eine halbe Milliarde, so machten sie 1926 fast drei Milliarden aus; das war der vierte Teil aller öffentlichen Lasten, die seit 1913 (5,4 Milliarden) auf mehr als das Doppelte angewachsen waren. Wie sollte Deutschland diese sozialen Verpflichtungen erfüllen, wenn seine Wirtschaft krank war?

  Arbeitslosigkeit  

Besonders schwerwiegend entwickelte sich die Erwerbslosigkeit, eine Nachkriegserscheinung, die nicht akut auftrat und wieder verschwand, sondern als chronisches Leiden zu den [360] Symptomen des kranken deutschen Wirtschaftskörpers gehörte. Es wirkten die verschiedensten Gründe zusammen, um einen beträchtlichen Teil des deutschen Volkes seiner Arbeitsmöglichkeit zu berauben. Schon die Verringerung des deutschen Heeres um etwa 650 000 Mann mußte für die Hälfte der Erwerbslosenziffer verantwortlich gemacht werden. Das Hereinströmen der aus den abgetretenen Gebieten und aus den geraubten Kolonien vertriebenen Deutschen, die Zerstörung des Rentnerstandes durch die Inflation, die damit zusammenhängende Vermehrung der Frauenarbeit – sie alle waren Faktoren, die unserem Volke mehr Arbeitskräfte gaben, als es gebrauchen konnte, die es aber ernähren mußte. Man schätzte das Mehrangebot an Arbeitskräften vorsichtig auf etwa 5 Millionen. Auch die steigende Industrialisierung, verbunden mit einer zunehmenden Entvölkerung des Landes, beeinflußte ungünstig die Arbeitskraft des Volkes. Doch darüber wird noch weiter unten gesprochen werden.

Die Arbeitslosigkeit im deutschen Volke hatte sich im Laufe der Jahre zu einem derartig großen innenpolitischen Problem entwickelt, daß sie verdient, in Zahlen hier festgehalten zu werden. In der folgenden Tabelle ist die Arbeitslosenziffer in Tausenden angegeben:

Stichtag     1925     1926     1927     1928     1929
1. Januar 1498 1749 1189 1829
1. Februar 2030 1827 1371 2345
1. März 2055 1695 1237 2460
1. April 1942 1121 1010 1900
1. Mai 1781 870 642 1100
1. Juni 1744 648 629 807
1. Juli 1740 541 610 723
1. August 1652 452 564
1. September 1548 404 658
1. Oktober 1394 355 763
1. November 1308 340 764
1. Dezember 673 1369 604 1138
Durchschnitt 1672 884 881

[361] Man untersuchte nun die Arbeitslosigkeit wissenschaftlich und statistisch und fand, daß die Verhältnisse in den einzelnen Teilen des Reiches ganz verschieden lagen. Am 1. Juni 1926 lagen in deutschen Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohnern die Dinge so, daß auf 1000 Einwohner Unterstützungsempfänger kamen in

München-Gladbach   73,6
Plauen i. V. 70,7
Nürnberg 57,5
Kiel 56,3
Dortmund 53,7
Essen 52,1
Mainz 51

Der Durchschnitt in allen deutschen Großstädten betrug 42,4, doch war er in den Großstädten des Rheinlandes und Westfalens um 1,8 höher. Die geringste Arbeitslosigkeit stellte man in Münster in Westfalen fest, wo auf 1000 Einwohner nur 15,8 Erwerbslose kamen. Auch in den Hansestädten waren die Erwerbslosenziffern verhältnismäßig niedrig: Hamburg 36,4; Bremen 25,7; Lübeck 26,1 Erwerbslose auf 1000 Einwohner.

Dies große Problem, welches das gesamte Volk anging, beschäftigte aufs lebhafteste die Gemüter. Aus den Kreisen der Rechtsparteien wurde vorgeschlagen, von Seiten der Reichsregierung ein allgemeines Arbeitsdienstpflichtjahr für junge Männer und Frauen einzuführen, gewissermaßen ein Ersatz für die Militärdienstpflicht, die abgeschafft war. Auf diese Weise würden die Kräfte, die brachlägen und ernährt werden müßten, produktiv nutzbar gemacht. Einen Anfang auf diesem Wege machte der deutschnationale Abgeordnete Schiele, als er im Jahre 1924 den "Bund der Artamanen" begründete. Dieser Bund sammelte nationaldenkende junge Leute, Männer und Mädchen, für freiwilligen Arbeitsdienst in der Landwirtschaft. Die Sammelstelle der Männer war Klosterlausnitz in Thüringen, die der Mädchen Spöhren bei Zerbst. Leute aller Kreise, hauptsächlich Bauernsöhne, Kaufleute, Studenten, kamen zusammen und wurden dann zur Erlernung der [362] Landarbeit in größeren und kleineren Trupps auf die Güter verteilt. Auf diese Weise wurde ein Weg zur Verminderung der Arbeitslosigkeit gezeigt, andererseits konnte die Zahl der Wanderarbeiter verringert werden. Aus den "Artamanen" gingen die Siedler hervor, die als Pioniere des Deutschtums nach Ostpreußen gingen und dort seßhaft wurden. Im Laufe von fünf Jahren gehörten dem Artamanenbunde mehrere tausend junge Menschen an.

Jedoch dem herrschenden System entsprach es mehr, daß man die Erwerbslosen ernährte und erhielt, ohne von ihnen Gegenleistungen zu verlangen. Sie erhielten ihre Unterstützungen aus der neugeschaffenen "Arbeitslosenversicherung", deren Beiträge von Unternehmern und Arbeitnehmern erhoben wurden. Da die auf diese Weise zusammenkommenden Summen nicht ausreichten, um alle Arbeitslosen zu bezahlen, gab das Reich aus seinen Mitteln den fehlenden Teil hinzu. Die deutsche Wirtschaft wurde auf diese Weise jährlich mit etwa 2 Milliarden vollkommen unproduktiver Ausgaben belastet. Durch den Young-Plan wurde das Problem der Arbeitslosenversicherung aufs neue aufgerollt. Die deutsche Reichsregierung erkannte, daß sie, um die außenpolitische Last bezahlen zu können, im Innern sparen müsse. Deshalb arbeitete sie im August eine Arbeitslosengesetzreform aus, die im wesentlichen darin gipfelte, daß die Zuschüsse des Reiches, die bisher etwa 280 Millionen betrugen, gestrichen wurden und daß andererseits die vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu erhebenden Beiträge erhöht werden sollten. Im Reichstag stritten sich die Parteien herum, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Niemand aber von den maßgeblichen Regierenden in Deutschland besaß den Mut, den Gedanken der allgemeinen Arbeitsdienstpflicht, der allein ein Mittel gegen die heillose Not darstellte und vom "Jungdeutschen Orden" in der Julinummer seiner Zeitschrift Der Meister 1929 am bulgarischen Beispiel erläutert wurde, aufzugreifen und zu verfolgen.

Die schematische Arbeitslosenversicherung, von Unternehmern, Arbeitern und Reich aufgebracht, schien das einzige Heilmittel. 26 Wochen erhielten die Arbeits- [363] losen die Unterstützung der Versicherung. Dann hörten die Zuwendungen aus der Sozialversicherung auf. Nun aber fielen die Erwerbslosen ihren Gemeinden zur Last. Diese mußten im Wege der allgemeinen Wohlfahrtspflege den "ausgesteuerten" Arbeitslosen "Krisenfürsorge" und Erwerbslosenunterstützung gewähren. Für das Jahr 1929 betrug der Aufwand sämtlicher deutscher Gemeinden für diesen Zweck etwa 180 Millionen Reichsmark. Die ganze Behandlung der Arbeitslosenfrage hatte einen stark demoralisierenden Zug. Für den älteren Arbeiter und Angestellten, der eine Familie zu ernähren hatte, bedeutete die Arbeitslosigkeit eine Katastrophe. Gar mancher, zur Verzweiflung getrieben, brachte sich oder gar seine ganze Familie um, weil er einen langsamen Hungertod fürchtete. Die jungen, unverheirateten Leute jedoch machten vielfach aus der Arbeitslosigkeit ein einträgliches Geschäft. Sie wiesen die Gelegenheitsarbeit und die Landarbeit ab, da sie hierbei weniger verdienten, als sie wöchentlich aus der Arbeitslosenversicherung erhielten! – Die große Arbeitslosigkeit war eine der das ganze Volk betreffenden empfindlichsten Kriegsfolgen, aber gerade in ihrer Behandlung hat sich der sozialdemokratische Einfluß mit am festesten und nachhaltigsten stabilisiert. Alle Warnungen der Wirtschaft und der Gemeinden wurden überhört: Die Arbeitslosenversicherung blieb diejenige Errungenschaft, welche den Massen die erfolgreiche Arbeit der Sozialdemokratie stets aufs neue vor Augen führen sollte. Das ganze System der Arbeitslosenfürsorge war auf einseitiger, unproduktiver Durchführung aufgebaut und erfreute sich so nicht des geringsten Wohlwollens der Besitzenden, während es auf der anderen Seite einen großen Teil der Erwerbslosen zu Arbeitsscheu und Unmoral verführte. –

Wohnungsnot
  und Wohnungselend  

Ein anderes ungelöstes Problem bildete die Wohnungsnot. Noch Anfang 1929 fehlten 800 000 Wohnungen in Deutschland. Das Reichsmietengesetz, das ursprünglich bis 1926 Gültigkeit hatte, wurde bis 1928, dann bis 1930 verlängert, allerdings wurden die möblierten Zimmer und übergroßen Wohnungen aus der Zwangswirtschaft herausgenommen. In Preußen wurde eine Lockerungsverordnung am [364] 11. November 1926 erlassen, welche die Befreiung der gewerblichen Räume von der Zwangsbewirtschaftung betraf. Zunächst kam es infolge dieser Maßnahme zu hohen Mietssteigerungen, die von den Gewerbetreibenden unangenehm empfunden wurden. Doch schon innerhalb eines Jahres waren die hieraus entstandenen Schwierigkeiten überwunden. Auch die Herausnahme der großen Wohnungen mit einer nach Ortsklassen gestaffelten Friedensmiete brachte Erleichterungen mit sich. Eine zweite Lockerungsverordnung vom 4. Oktober 1927 befreite ebenfalls die Wohnungen, die aus der Teilung großer Wohnungen von fünf und mehr Zimmern entstanden waren, von der Zwangswirtschaft. Die dritte Lockerungsverordnung vom 13. Oktober 1927 führte dazu, daß in kleineren Gemeinden die Zwangswirtschaft gänzlich aufgehoben wurde. Doch für die Industriegemeinden und die Nachbarorte großer Städte erwies sich dieser Schritt als verfrüht, so daß die Gemeinden mit weniger als 4000 Einwohnern, welche die Wiedereinführung der Zwangswirtschaft beantragten, auch die Genehmigung hierfür erhielten. –

In den 30 preußischen Großstädten gab es Mitte 1929: 203 755 Familien mit mindestens vier Kindern, welche 691 384 Kinder unter 18 und 294 079 Kinder von mehr als 18 Jahren hatten. Die Hälfte von diesen wohnte in Kleinwohnungen von ein bis drei Zimmern, nur 7,38 Prozent hatten sieben und mehr Wohnräume. In Berlin stellte man fest, daß die Hälfte aller kinderreichen Familien Wohnungen innehatten, in denen mehr als zwei Personen ein Zimmer teilten. – Zwar gaben die Gemeinden den Bauunternehmern aus den Einkünften der Hauszinssteuer sogenannte Hauszinssteuerhypotheken, doch genügten diese Mittel bei dem fast vollständigen Mangel privaten Kapitals bei weitem nicht. Wurde doch auch ein großer Teil der aufgebrachten Hauszinssteuer zur Bezahlung des Apparates der Wohnungszwangswirtschaft verwendet.

Um die schreckliche Geißel der Wohnungsnot richtig zu würdigen, sollen einige besonders krasse Fälle geschildert sein. (Nach Südd. Monatshefte, Märzheft 1927.) Zunächst Aufzeichnungen eines Berliner Arztes aus dem November 1924: L. L., [365] 7jährig, Vater tot, zwei Brüder, eine 13jährige Schwester, mit der sie zusammenschläft. Familie bewohnt Stube und Küche. Die Stube ist vermietet, der Untermieter hat das Kind mißbraucht und angesteckt. – Hilde G., elf Jahre, Vater arbeitslos. Vier Geschwister. Familie bewohnt eine Stube. Mutter hat sich vor zwei Jahren vom Mann angesteckt. Ihre vier Kinder, die in einem Bett, zwei am Kopf, zwei am Fußende, schlafen, sind infiziert. – Hans S., zehn Jahre, Gonorrhöe. Vater Rohrleger, gibt zu Hause wenig Geld ab. Mutter vor 14 Tagen an Tuberkulose gestorben. Acht Kinder, von denen mehrere arbeiten, zum Teil erschreckend elend. Bei zwei Mädchen von vierzehn und acht Jahren ebenfalls Gonokokkenbefund. Die Familie wohnt in einer Laube, die aus Schlafraum und Küche besteht. Zwei Betten, ein Kinderdrahtbett ohne jede Bezüge. In diesen drei Betten neun bis zehn Personen, darunter bisher die tuberkulöse kranke Mutter und die drei geschlechtskranken Kinder. Aus dem Arbeiterviertel des nördlichen Berlin, dem Wedding, wird berichtet:

      "Da wird der Arzt zu einem 19jährigen Kranken gerufen, der in einer Kellerwohnung liegt. Zwei Betten sind vorhanden. Drei Kinder und drei Erwachsene, verheiratet und unverheiratet, teilen sich darein. In einer Wohnung von Stube und Küche bewohnen die Stube zwei Dirnen, die kleine Küche, in der ein Bett steht, Vater, Mutter und Kind, ein zweites Kind wird erwartet."

Trostlose
  Wohnungsverhältnisse  

Erschütternde Wahrnehmungen machte die Wohnungskommission in München während des Jahrfünfts von 1922 bis 1927. Wir können sie nicht übergehen. Achtköpfige Familien bewohnten Räume, die kaum zehn bis achtzehn Quadratmeter groß waren! Ein Mann, eine Frau und ein Kind hatten nur eine finstere, vier Quadratmeter große Kammer, in der ein Bett stand! Eine Familie mit zwei erwachsenen Söhnen und drei erwachsenen Töchtern bewohnten eine Stube und eine Küche! Ein Ehepaar hauste in der abgetrennten Hälfte eines Abortes, welcher nur eine kleine Lichtluke besaß. Der Säugling schlief in der Bratpfanne auf der Kommode und wurde eines Morgens tot, angeblich infolge Luftmangels, aufgefunden. Bei einer Schneiderfamilie mit acht Kindern mußten vier Knaben auf [366] dem Schneidertisch, zwei oben, zwei unten, schlafen. Der Wohnraum war Schneiderwerkstätte, Wohn-, Koch- und Waschraum zugleich. Ein anderes Ehepaar

"wohnt mit fünf erwachsenen Söhnen und Töchtern in einem Raum mit einem Fenster und einem etwa einen halben Meter hohen Kachelofen. Es kann nur ein Bett aufgestellt werden. Kommoden und sonstige Möbel sind bis zur Decke aufeinandergelagert, der Rest der nicht unterzubringenden Möbel steht im Hauseingang aufeinandergetürmt. Eine Matratze lehnt tagtäglich in der Mitte des Zimmers an einem Kasten; die zwei weiteren Matratzen lehnen jahraus jahrein auf dem offenen Treppenhaus an der Wand. Einer der Söhne hat häufig Nachtdienst und kommt erst gegen Morgen nach Hause. In diesem Falle opfert die kranke Mutter ihr warmes Bett und überläßt es dem heimkehrenden Sohne, der es mit der 18jährigen Schwester teilt. Die Mutter schläft dann sitzend auf einem Stuhl."

Welch ein grauenhaftes Elend brachte die Wohnungsnot mit sich!

  Landflucht  

Die Ursache für die beiden unangenehmen Folgen des Krieges, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot, die noch ein Jahrzehnt nach Kriegsende das deutsche Volk bedrückten, war letzten Endes die Völkerwanderung des deutschen Volkes in die großen Städte, die ihrerseits wieder durch die wirtschaftliche Not einen großen Umfang annahm. Bei der Volkszählung im Jahre 1925 wurde eine Bevölkerungsziffer von 62½ Millionen ohne Saargebiet im Reiche festgestellt: eine Zunahme von 3 Millionen gegenüber 1919. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung lebte in den 45 Großstädten, unter denen sich als neue Großstädte zum erstenmal auch München-Gladbach, Wiesbaden, Oberhausen und Ludwigshafen befanden. In diesen 45 Großstädten wohnten 16,4 Millionen Menschen (1910: 15,2 Millionen). Die Zunahme betrug von 1910 bis 1925 in Berlin 234 000, Hamburg 106 000, Köln 89 000, Düsseldorf 71 000, München 64 000, Dortmund 54 000, Essen 52 000.

Aber die Landflucht, der Zug in die Städte, nahm in den folgenden Jahren größeren Umfang an. Berlin vermehrte seine Bevölkerung vom 1. Januar 1927 bis 1. Oktober 1928, [367] in 21 Monaten, um 122 000 Menschen! (1928: 4 263 000). Hamburg nahm in der gleichen Zeit um 19 000, Köln um 17 000, Stuttgart um 14 000, Chemnitz um 14 000, München um 11 000 Einwohner zu, Bremen konnte einen Zuwachs von 6000 Köpfen feststellen. Diese Zunahmen waren nicht nur Geburten, diese machten etwa nur ein Drittel des Zuwachses aus, sie wurden hervorgerufen durch die Zuwanderung vom Lande. Viele Tausende Verblendeter, die mit den kärglichen Verdienstmöglichkeiten auf dem Lande unzufrieden waren, trieb es in die Städte. Dort aber vermehrten sie nur die Not der Arbeitslosen und der Wohnungslosen. Das Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie, das bisher das Wesen des deutschen Volkes ausgemacht hatte, schien in bedenklicher Weise gestört zu werden. Das Deutsche Reich befand sich auf dem verderblichen Wege zum reinen Industrieproletarierstaat. –

Besonders Jugendliche beiderlei Geschlechts strömten in großen Scharen in die Großstadt, da waren sie hilflos allen Gefahren preisgegeben. Vollkommen rat- und mittellos meldeten sich 1928 in Berlin etwa 11 000 Jugendliche in der Wohlfahrtsstelle. 3000 andere mußten mittellos in Schutzhaft genommen werden, während der evangelische Bahnhofsdienst 41 000 zugezogene junge Männer beriet und wieder in ihre Heimat schickte. Ähnlich war es in Königsberg, Leipzig, Frankfurt und anderen Städten.

  Kriminalität  

Die ungünstigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Volkes spiegelten sich auch in der Kriminalität wider. Auf 100 000 der strafmündigen Bevölkerung (das heißt der über 12, seit 1923 über 14 Jahre alten Bevölkerung) kamen: 1882: 973 abgeurteilte Delikte, 1892: 830; 1902: 882; 1912: 878; 1923: 1962; 1925: 1251. Gewiß war diese letzte Ziffer um ein Drittel gegenüber dem Inflationsjahr zurückgegangen, aber sie war immer noch um die Hälfte größer als 1902 und 1912. Bemerkenswert ist, daß die Zahl der wegen Vergehen und Verbrechen aus wirtschaftlichen Motiven Abgeurteilten nicht nur gegenüber den Friedensjahren, sondern auch gegenüber dem Inflationsjahr beträchtlich angewachsen war. Es wurden verurteilt wegen

[368] Mord u.
   Totschlag   
Betrug    Urkunden-   
fälschung
Mein- u.
Falscheid
1902 282 26 593 5 817 1 292
1912 323 30 086 7 974 1 244
1923 419 32 438 8 669 1 251
1925 570 44 677 10 379  2 235

Die Verurteilten wegen Unzucht und Notzucht betrugen 1912: 5697 Fälle, sie gingen 1923 auf 3439 zurück, um 1925 wieder mit 5928 in Erscheinung zu treten. Auch Brandstiftung hielt sich auf derselben Höhe. Gewalt und Drohung gegen Beamte wurde 1912 in 18 829 Fällen bestraft, 1923 in 24 664, 1925 in 20 228 Fällen: ein Rückgang um 17 Prozent gegen 1923, doch eine Vermehrung um 10 Prozent gegen 1912. Das Volk war in vielen Beziehungen durch die Ereignisse der Revolutionszeit nachsichtiger geworden. Diese Tatsache zeigte sich in einem auffallenden Rückgang der Verurteilungen wegen der sogenannten Antragsdelikte. Es wurden verurteilt wegen

Körper-
   verletzung   
Beleidigung    Hausfriedens-   
bruch
Sach-
beschädigung
1902 124 690 58 125 23 488 19 720
1912 120 700 66 006 23 546 19 934
1923   36 182 53 361   7 930 10 651
1925   40 636 48 395   8 046   7 970

Diebstahl und Unterschlagung hatten 1923 ihren Kulminationspunkt erreicht und erschienen 1925 auf das Vorkriegsmaß reduziert. Die Verurteilungen wegen Diebstahls betrugen 1912: 118 062, stiegen 1923 auf 367 435 und sanken 1925 wieder auf 112 596. Bei den Unterschlagungsdelikten war es ähnlich: 1912: 31 450; 1923: 37 211; 1925: 31 302. Raub und Erpressung dagegen wurden 1912 in 695 Fällen, 1923 in 999 Fällen, 1925 in 864 Fällen bestraft. Die Gesamtzahl der Verurteilungen betrugen 1912: 581 185; 1923: 954 847; 1925: 592 051.

Am 22. März 1924 war das neue Gerichtsverfassungsgesetz verkündet worden. Seitdem bestand das Schwurgericht, früher ein reines Laiengericht, aus drei Richtern und sechs Geschwo- [369] renen, es war in ein großes Schöffengericht umgewandelt worden. Die Zuständigkeit der Schöffengerichte wurde wesentlich erweitert. Dadurch erhielten die Laien eine größere Mitwirkung an der Strafgerichtsbarkeit. Die Strafkammern verschwanden als erste Instanz, da die von ihnen zu entscheidenden Prozesse den Schöffengerichten übertragen wurden. Die Strafkammern entschieden nur noch in zweiter Instanz, und zwar unter Zuziehung von Schöffen. – Die stärkere Heranziehung des Laienelementes in der Rechtsprechung entsprach der ganzen Entwicklung seit 1918. Die Rechtsprechung in den oben statistisch angeführten Strafprozessen zeigte, daß das Rechtsempfinden des Volkes, sobald es durch die mit Laien besetzten Kammern zum Ausdruck kam, keine Gefahr oder Erschütterung für das seit Jahrzehnten geltende deutsche Recht bedeutete. –

  Elend der Jugend  

Die deutsche Jugend hatte am schwersten unter den unseligen politischen Verwirrungen und der wirtschaftlichen Not zu leiden. Die politischen Parteien, welche von der Wahrheit des Satzes durchdrungen waren, daß die Zukunft des Volkes der Jugend gehöre, versuchten auf alle mögliche Weise, die deutschen Jungen und Mädchen vom frühen Kindesalter an mit ihren Doktrinen zu erfüllen. Nicht selten sah man in politischen Demonstrationszügen Kinderscharen mitziehen, mit Fahnen und Plakaten. Besonders die Linksparteien bemühten sich, die Jugend in ihren Bann zu ziehen. Hier wurde Auflehnung gegen Schule und Gesetz und Ordnung gelehrt. Die Achtung vor dem Lehrer wurde untergraben, Glaube und Ehrfurcht durch Gotteslästerung zerstört. Diese Einflüsse wirkten auch auf das Familienleben zerrüttend. Oft genug kam es zu den tieftraurigen Ausschreitungen, daß ein Sohn seine Hand gegen Vater und Mutter erhob, ja sie sogar mordete! Die Saat des Materialismus begann zu sprießen: ein Frevelmut, der alles verachtete, was Pflicht und Ehre und Dankbarkeit hieß. Von den Eltern ging die Bewegung aus, die sich gegen diese Zuchtlosigkeit wehrte. Sie erkannten, wie furchtbar die Gefahren waren, welche aus dem "freien Selbstbestimmungsrecht" des Kindes erwuchsen. Der erste Schritt auf dem Wege zur Umkehr war das Reichsgesetz über [370] religiöse Kindererziehung, welches den Kindern und Eltern das Recht auf das Christentum zurückgab (4. Juli 1921).

Doch aus dem Volke der Dichter und Denker war ein Volk von Sportfanatikern und Technikern geworden. Bis zur Maßlosigkeit wurde der rohe Sport des Boxens und Fußballspielens überspannt. Allsonntäglich strömten viele Tausende zu den Fußballplätzen, um sich am Siege der einen oder der anderen Partei zu erhitzen. In den edleren Sportformen des Ballspielens, des Schwimmens, Ruderns und Reitens nahm die Rekordsucht überhand. Körpertraining war das Schlagwort, das im ständig wiederkehrenden Rhythmus die jungen Gehirne beherrschte. Der Sport ist eine sehr nützliche Sache, denn er erzieht den Menschen zur Disziplin, zur Selbstbeherrschung, aber er wird in dem Augenblick zu einer Gefahr, sobald er keinen Raum mehr für die Bildung des anderen, des geistigen Menschen läßt. Diese Gefahr aber war für die deutsche Jugend der Nachkriegszeit sehr groß. Auch die Technik hatte sich infolge der großen Fortschritte starken Einfluß auf die heranwachsenden Knaben errungen. Die Entwicklung des Flugwesens, des Radios, die Amerikafahrten des Zeppelinluftschiffes, die Rennen der Automobilgesellschaften und der Motorradfahrer nahmen die Jugend gefangen. In der Schule und zu Hause bastelten sie Apparate und Modelle, und das junge, überschwengliche Herz war leicht geneigt, über der vermeintlichen Allmacht des Menschen die unsichtbare, göttliche Macht zu vergessen, die augenblicklich den gesamten Erdball mit seiner Menschheit und ihren Errungenschaften vernichten konnte.

Zu diesem vorwiegend aufs Materiell-Mechanische, Körperliche, Leblose gerichteten Zug der Zeit trat eine starke Betonung des Sinnlichen. Von Seiten der Linksparteien aus wurde Nacktkultur gepredigt, Vereine zu ihrer Pflege wurden gegründet. In Wort und Bild, auf der Bühne, im Film wurde die weibliche Nacktheit propagiert. "Aufklärung" und "Belehrung" in der Schule behandelten Fragen, die etwas ganz Neues für das kindliche Gemüt enthielten. An den Zeitungsverkaufsständen auf den Straßen hingen Zeitschriften, die in aufsehenerregender Weise nackte Frauenleiber darstellten. [371] Die Wohnungsnot, die Tatsache, daß kinderreiche Familien mit sechs, sieben und noch mehr Köpfen in einer Stube schliefen, trug zur Untergrabung der Sittlichkeit bei. Zahlreich waren die Fälle, daß sich nichtsnutzige Subjekte an unreifen Mädchen vergingen. Weitverbreitet war auch die sittliche Verwilderung unter der Jugend beider Geschlechter. Zwölf- und fünfzehnjährige Mädchen gebaren Kinder.

Der Reichstag nahm sich der Not und der Gefahren der Jugend an. Anfang Dezember 1926 wurde das Gesetz zum Schutz gegen Schmutz- und Schundschriften geschaffen. Die Debatte über dieses Gesetz ergab, daß die Terminologie von Schmutz und Schund bei den Sozialdemokraten und Kommunisten eine andere war als bei den bürgerlichen Parteien. Im folgenden Jahre folgte ein Lichtspielgesetz. In Ausführung des Gesetzes zur Bekämpfung der Schmutz- und Schundschriften wurden Reichsprüfstellen eingerichtet; bis zum 31. März 1929 hatten die Oberprüfstelle Berlin und die Prüfstelle München insgesamt 63 Schriften in die Liste der Schund- und Schmutzschriften aufgenommen: 9 Kriminal- und Skandalblätter, 17 typische Lieferungsromane, 7 homosexuelle Zeitschriften, 14 Kriminal- und Liebesgeschichten in Buchform, 11 Nacktkulturmagazine, eine Nummer der Kölnischen Gerichtszeitung und drei weitere Bücher.

  Kindertragödien  

Ein großer Teil der deutschen Jugend war sittlich und seelisch zerrüttet. Das Leben hatte für diese Kinder keinen Reiz mehr. Und traten sie dann in das gefährliche Stadium des Heranreifens, dann waren sie nicht mehr kräftig genug, den auf sie einstürmenden weltschmerzlichen Stimmungen Widerstand entgegenzusetzen. Die Selbstmorde der Jugendlichen häuften sich, vielfach warfen sie aus nichtigen Gründen das Leben von sich, in der Hauptsache waren es Liebesleid und Weltschmerz. Zwischen Weihnachten 1928 und Neujahr 1929 ereigneten sich zehn Schülerselbstmorde, drei an einem Tage! Fünf Knaben und fünf Mädchen im Alter von 13 bis 17 Jahren setzten ihrem Leben durch Ertränken, Erhängen, Vergiften, Erschießen oder Überfahrenlassen ein Ziel. Gründe waren "Schwermut" oder Angst vor der Reifeprüfung, mit einem Worte: ein durch die Zeitumstände geschaffenes [372] starkes Minderwertigkeitsgefühl. Die Deutsche Illustrierte schrieb dazu folgendes:

      "Die mangelnde körperliche Lebenskraft ist eine Folge mangelhafter Ernährung in den Kriegsjahren, die die wichtigsten Jahre des Wachstums waren, ist eine Folge der wirtschaftlichen Not in der Revolutionszeit, in der Inflation, ist eine Folge der Wohnungsnot, ist eine Folge der Arbeitslosigkeit, der Unsicherheit im Erwerb und der damit verbundenen Unregelmäßigkeit der Ernährung, ist letzten Endes eine Folge der Reparationslasten, die unser Wirtschaftsleben zerstören, die Volksgesundheit zerrütten und vor allem die körperliche Lebenskraft vieler Jugendlicher zermürben.
      Und seelisch? Diese Vierzehn- und Achtzehnjährigen sahen dazu vielleicht wenig Freuden- und Sonnentage. Eine freudige Jugend, eine sorgenlose Jugend ist die festeste Basis für einen gesunden und starken Lebenswillen. Von entscheidendem Einfluß aber waren die Erschütterungen durch die revolutionären Ereignisse, die die letzte Basis gesicherter Tradition in der Gesellschaftsmoral, in der Staatsautorität, in fest fundierten Sitten und Bräuchen zerbrachen. Ziel- und steuerlos stand die geschwächte Jugend in einem Kampfe um neue Formen, um neue Gesetze, statt Kräfte zu schöpfen, mußte sie plötzlich selber kämpfen. Fehlte in diesen Kämpfen die beratende oder vermittelnde Autorität des Vaters, des älteren Freundes, fehlte vor allen Dingen einer der wichtigsten Helfer, fehlte die Religion, so zerbrach gar manche der verzweifelt ringenden jungen Seelen. Zu allem riß man die Jugend in den Kampf um die Schule, zerrte ihre Sexualprobleme in die Tagespresse, zog sie allzu früh in den Lebenskampf. Das alles zeigt, wie gefährlich die zahlreichen und meist übertriebenen Experimente mit der Jugend sind, die nicht geeignet sind, die Stütze der Jugend durch bewährte Tradition in Volkserziehung und Schule zu ersetzen."

Auch die Gerichte hatten sich mit den Problemen der Jugend zu beschäftigen. Im Sommer 1927 hatte ein Schüler zwei seiner Kameraden in Berlin erschossen. Ein Prozeß begann, in dessen Mittelpunkt die Person der kaum 16jährigen Hilde Scheller stand. Die Verhandlungen hatten sich derart [373] viel und eingehend mit den Beziehungen der Hilde Scheller zu ihren Freunden zu befassen, daß teilweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden mußte. Ein Gegenstück dazu bildete der Prozeß gegen den jungen Manasse Friedländer im Frühjahr 1929, der seinen Freund und seinen Bruder um eines Mädchens willen erschoß. Es erübrigt sich, all die Fälle zu erwähnen, in denen Jugendliche wegen Einbruchs und anderer Eigentumsvergehen vor dem Richter standen.

Gegenüber diesen tieftraurigen Symptomen einer Zeit eines gesellschaftlichen Verfalles behauptete sich dennoch ein gesunder Kern in der deutschen Jugend. Gerade der Nachwuchs derjenigen Kreise, welche die härtesten Prüfungen hatte überstehen müssen, des Mittelstandes, war es, der den religiösen, sittlichen und kulturellen Idealen seiner Voreltern treu blieb. In Opfern gehärtet, bewahrte sich dies heranwachsende Geschlecht einen ernsten, gläubigen, christlichen Kern. Es hatte sich nicht abgewendet von der sittlichen Forderung der Pflichterfüllung. Im reinen Naturgenuß kräftigte es sich körperlich, im Ringen um geistige Probleme vertiefte es seine Kultur. Ein starkes Streben zum Mystischen, zum Transzendenten ließ sich verspüren. In diesem kraftvollen Kern des jungen Deutschlands überwand das Volk die Krisis seiner Kultur. Es waren vor allem die akademischen Kreise, die kategorisch all die Lockerungen der gesellschaftlichen und sittlichen Bande verwarfen und unbedingt festhielten am deutschen Ideal von der Vollendung des Menschen in der Pflicht. Sie lehnten den schwächlichen, ausschweifenden Lebensgenuß ab, sie waren hervorgegangen aus der harten Schule des Werkstudententums, das Leben hatte ihnen nicht weichlichen Genuß beschert, sondern ihnen seinen furchtbaren Ernst enthüllt, sie übten sich in der Disziplin des Körpers, des Geistes und der Seele. Der Nachwuchs der deutschen Universitäten war es, dessen Wert im deutschen Volke mehr und mehr wuchs, je weiter die Ernüchterung von den Ideen der Revolution fortschritt.

  Jugendbewegung  

In einer deutschen Geschichte dürfen auch nicht die Betrachtungen über die Jugendbewegung fehlen, fiel ja doch das Aufblühen der Jugendbewegung erst in die Jahre nach Beendigung des Weltkriegs. Die Jugendpflege, von der Kirche [374] betrieben, reichte ja schon bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Damals entstanden innerhalb der evangelischen Gemeinden Jünglingsvereine, Jungmännerbünde, der Christliche Verein junger Männer, Jungfrauenvereine, die sich um die Jahrhundertwende zu großen, über das Reich verbreiteten Verbänden zusammenschlossen. Auch katholische Gesellenvereine, Jungmännervereine und Jungmädchenbünde entstanden. Bibelkreise wurden unter Schülern und Schülerinnen gebildet. Diese Christlichen Jugendpflegevereine, die unter Führung von Erwachsenen standen, wollten einen günstigen Einfluß auf die sittliche Weltanschauung der Jugendlichen von 14 bis 21 Jahren ausüben. Eine Mittelstellung zwischen Jugendpflegevereine und Jugendbewegung nahm der 1909 gegründete katholische Jugendbund "Quickborn" ein. 1909 wurde aus den evangelischen Verbänden der "Bund Deutscher Jugendvereine" gebildet.

Sozialistische Jugendvereine reichen in ihrer Entstehung bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. 1903 entstand der erste derartige "Jugendbund" mit 100 Mitgliedern in Offenbach (Hessen), dem dann weitere Gründungen in Nord- und Süddeutschland folgten. 1908 entstand als zusammenfassende Organisation der Verband der Sozialistischen Arbeiterjugend.

Gleichsam, um hierzu ein Gegengewicht zu schaffen, wurden im letzten Jahrfünft vor dem Kriege vaterländische Jugendorganisationen ins Leben gerufen. 1909 verbreitete sich von Bayern aus die Pfadfinderbewegung über das Reich. Ihr Ziel war allgemeine Sittenerneuerung, Naturliebe im Gegensatz zum Großstadtleben. Schon im folgenden Jahre gründeten bayerische Offiziere den Wehrkraftverein gegen marxistische Zersetzung und nationale Not, ein bewußter Gegenschlag gegen die sozialistischen Jugendbünde. Ebenfalls 1910 wurde in Preußen der Jungsturm geschaffen, dessen Abteilungen sich als "Jugendgruppen des Heeres" bezeichneten. 1911 endlich entstand in Berlin der "Jungdeutschlandbund" unter dem Vorsitz des Grafen von der Goltz. Diese Organisation bezweckte die körperliche und sittliche Kräftigung der deutschen Jugend im vaterländischen Geiste, er pflegte die Leibes- [375] übungen, veranstaltete Sport-, Turn- und Wanderfeste. Ihm schlossen sich alle Jugendverbände an, die nicht unmittelbar auf die nationale Bewegung zurückgingen, aber doch nationale Erziehungsarbeit leisteten, so die Turn-, Sport- und Wandervereine, die konfessionellen und Standesverbände, insgesamt mehr als dreißig. Die Arbeit des Bundes war bewußt auf den Wehrkraftgedanken eingestellt.

Die vierte Kategorie stellte die Jugendbewegung in reiner Form dar, es waren die aus dem Kleinbürgertum zumeist hervorgegangenen Wandervogelverbände, deren Entstehung auch in das letzte Jahrfünft vor dem Kriege fällt. In der Jugendbewegung machten sich zwei verschiedene Tendenzen bemerkbar: eine Gegenwarts- oder Altersklassenbewegung, die an ihren Eigenwert glaubte. "Das jugendliche Alter ist kein bloßes Mittel, um zu einem reiferen zu gelangen, sondern ein Zweck an sich selbst." Im bewußten Gegensatz zum Großstadtleben pflegte diese Richtung Wanderfahrten, Körperkultur, Volkslied und Volkstanz. Die andere Tendenz war eine Zukunfts- oder Kulturbewegung, die sich vor allem geistig-sittlich gegen den Materialismus, Intellektualismus, Mammonismus, gegen Schund und Schmutz wandte und Jugendkultur auf religiös-sittlicher Grundlage betrieb. Im Oktober 1913 schlossen sich auf dem Hohen Meißner dreizehn Verbände zur "Freideutschen Jugend" zusammen.

So war bereits vor dem Kriege der Emanzipation des Proletariats und der Frauen die Emanzipation der Jugend gefolgt. Während des Weltkrieges fand eine engere Zusammenarbeit zwischen allen vier Richtungen im nationalen Sinne statt, doch die Revolution brachte auch der Jugendbewegung eine Krisis und gleichzeitig neuen gewaltigen Auftrieb. Bereits 1919 wurde in Berlin der Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände begründet, dem 1926 90 Mitgliedsverbände mit 3½ Millionen Jugendlichen angehörte. (16 Prozent der Jugendlichen.)

Die reine Jugendbewegung, die Wandervogelbewegung, spaltete sich in einen national-christlichen und einen international-proletarischen Flügel. Dadurch zerfiel die Freideutsche Jugend; es blieb von ihr lediglich eine kleine Mittelgruppe als [376] Rest übrig, die kein Programm aufstellte und sich so ihren Charakter als reinste Form der Jugendbewegung erhielt. Diese "Freideutsche Jugend" hatte hinfort in Kämpen auf Sylt ihren Sitz und zählte 1926 900 Mitglieder.

Es bildeten sich nun eine vorwiegend völkisch und national betonte, eine christlich gerichtete und eine sozialistisch eingestellte Jugendbewegung heraus. Alle drei Gruppen umfaßten 1926 etwa 560 000 Mitglieder, 2½ Prozent aller Jugendlichen.

Die gemäßigt nationale Jugendbewegung konstituierte sich im August 1919 auf dem Lauenstein. Bald gruppierten sich ähnliche Verbände herum: Fahrende Gesellen, Adler und Falken, Großdeutscher Jugendbund, akademische Gildenschaften. Man suchte und fand die Verbindung mit Selbstschutzorganisationen, so mit dem Bunde "Oberland" und dem "Jungdeutschen Orden". Dieser, der auch und vor allem Erwachsene in sich schließt, wurde von Arthur Mahraun Anfang 1920 in Kassel ins Leben gerufen. Er erstrebte "auf dem Boden der Verfassung durch ordensartige Zusammenfassung aller gut deutsch gesinnten Männer eine Gemeinschaft, die fest entschlossen ist, den Wiederaufbau des Vaterlandes zu fördern und für die sittliche Wiedergeburt des deutschen Volkes zu arbeiten". 1926 zählte er etwa 15 000 Ortsgruppen.

Die völkische, teilweise christentumfeindliche Richtung der Jugendbewegung schuf sich im Jugendbund "York" und in der "Schilljugend" Organisationen. Auch der bereits erwähnte, 1924 gegründete "Bund der Artamanen" ging aus dieser Strömung hervor. Während die beiden zuerst genannten Bünde mehr militärisch-kameradschaftliche Ideen betonten, rückten die "Artamanen" das wirtschaftlich-landwirtschaftliche Moment in den Vordergrund. Die gleichen beiden Tendenzen vertraten in gemäßigterer Form auch der "Scharnhorstbund" und die "Landbundjugend".

Auch die vorwiegend christlich gerichtete Jugendbewegung verstärkte sich. Das Jubeljahr der Reformation, 1917, hinterließ bei vielen jungen evangelischen Deutschen tiefe Eindrücke, auf welche die Begründung der "Deutschen Christlichen Studentenvereinigung" und der "Christdeutschen Jugend"(1920/21) zurückzuführen ist. Zahlreiche andere Verbände wurden ge- [377] gründet. Es würde zu weit führen, sie alle zu nennen. Sie hatten ihren Zusammenschluß mit den evangelischen Jugendpflegevereinen im Bunde deutscher Jugendvereine, der 1927 25 000 Ortsgruppen und außerdem 3000 Einzelmitglieder hatte. (Insgesamt rund eine halbe Million.) Auf katholischer Seite entstand 1919 eine katholische Schülerbewegung, die sich im "Neudeutschen Bund" organisierte. 1922 hielt der Bund auf dem Normannstein eine große Tagung ab. Er zählte 1926 etwa 15 000 Mitglieder.

Schließlich muß in diesem Zusammenhange auch die 1920 ins Leben gerufene jungsozialistische Bewegung erwähnt werden. Die Jungsozialisten wehrten sich dagegen, von der Partei geführt zu werden, sie wollten eine freie, nicht bevormundete Jugendbewegung bleiben. Der Ruhreinfall der Franzosen führte die jungsozialistische Bewegung zum Teil sehr stark in nationales Fahrwasser, wie sich das auf der Ostertagung in Hofgeismar bei Kassel 1923 zeigte. Der mehr der Sozialdemokratischen Partei treugebliebene Teil legte im nächsten Jahr auf einer Tagung in Hannover seine Ziele dar. Die Spaltung der Hofgeismarer und der Hannoverer Richtung brachte Ostern 1925 zu Jena den Sieg der hannoverschen Richtung, worauf die Anhänger der anderen, Hofgeismarer, Strömung sich unwillig vom Bunde zurückzogen.

  Jugendpflege  

Auch die Jugendpflege konnte in dem Jahrzehnt seit 1918 eine fortschreitende Entwicklung verzeichnen. In den evangelischen Jugendvereinen wurden 1927 etwa 400 000 Mitglieder gezählt, je zur Hälfte männliche und weibliche. Der "Zentralverband der katholischen Jungfrauenvereine" hatte 1923 die stattliche Mitgliedszahl von etwa 650 000 erreicht, während im "Verband der katholischen Jugend- und Jungmännervereine" 363 200 Mitglieder in 3835 Vereinen (1924) zusammengeschlossen waren. Der "Quickborn" zählte 5500 Anhänger (1927).

Die vaterländische Jugendpflege mußte sich den neuen Verhältnissen anpassen. 1919 erstand neu der Wehrkraftverein als "Jungbayern". Gleichzeitig verbreitete sich von Bayern aus [378] über das ganze Reich ein neuer Jugendbund für Jungen und Mädchen, der "Deutschnationale Jugendbund", der sich später in "Großdeutsche Jugend" umnannte, um Verwechslungen mit der gleichnamigen Partei auszuschließen (1924). Zu diesem Bunde bekannte sich auch der oben erwähnte "Neudeutsche Bund". Der "Deutschnationale Jugendbund" stand seit 1921 unter Führung des Vizeadmirals a. D. von Trotha und hatte 1926 10 000 Mitglieder. Eine Splitterorganisation hiervon war der "Jungnationale Bund" in Berlin, der 1926 über 5000 Mitglieder verfügte. Auch der "Jungdeutschlandbund" stellte sich auf eine wesentlich breitere Grundlage, indem er ganze Reichsverbände christlich-nationaler Jugendbewegung und Jugendpflege in sich aufnahm. 1926 gehörten ihm 26 Landesverbände mit einer Viertelmillion Mitgliedern an. Schließlich müssen an dieser Stelle auch der "Jungstahlhelm" und der "Wehrwolf" genannt werden.

Die parteipolitische Jugendpflege wurde von allen Parteien aufs eifrigste betrieben. Die Deutschnationale Volkspartei rief die "Bismarckjugend" ins Leben, welche etwa 50 000 Anhänger zählte (1926). Die Deutsche Volkspartei, das Zentrum, die Sozialdemokratische Partei richteten Jugendgruppen ein. Der "Verband der Sozialistischen Arbeiterjugend" zählte 1926: 2500 Vereine mit 111 000 Mitgliedern. Die Kommunisten traten seit 1924 mit dem "Jungspartakusbund" auf den Plan; ähnlich gerichtete Organisationen waren "Lenin", "Trotzki", "Junge Garde" usw.

So zeigte sich das junge Deutschland, zu dem ein Drittel der Nation gehörte, in vielerlei Gestalt. Es war ein Drängen aller Kräfte nach Organisation, nach Entfaltung, nach Geltung. Bewegt von den Stürmen der Zeit, jagte die Jugend tausend Idealen nach, die sie in dieser oder jener Form zu erobern hoffte. Alle Kräfte des Geistes und Gemütes, welche unser Jahrhundert bewegen, traten in Erscheinung, das gläubige Christentum, begeisterte Vaterlandsliebe, Verehrung menschlicher Größe, Naturliebe, die Sehnsucht nach einer besseren Zeit. Der Segen schöpferischer Kraft goß sich über das junge Geschlecht aus, die gläubige Freude am Diesseits und Jenseits beflügelte die jungen Gemüter. Sie litten in ihrer Art all die [379] Qualen des großen Volkes durch, sie fühlten sich glücklich und unglücklich. Sie hatten das große Gefühl, zu einer welterlösenden Sendung berufen zu sein. Die Anteilnahme der heranwachsenden Geschlechter am öffentlichen Leben war eine große. So kam es, daß in wesentlich weiterem Umfange als in den vorhergegangenen Zeitaltern die deutsche Jugend in der Geschichte unserer Zeit in Erscheinung tritt und eine Rolle spielt. Wie nie zuvor, wurde die Jugend der Resonanzboden all der großen politischen Kämpfe, welche ausgetragen werden mußten. Sie war die Hoffnung der Streiter aller Parteirichtungen und aller Lager. Viel Gutes und Edles ist aus dieser Arbeit Jungdeutschlands hervorgegangen, aus diesem jungen Geschlecht, dessen Anfang in den Hungerjahren des Krieges und der Inflation lag, aber auch manch böse Tat reifte in dieser gärenden Atmosphäre. –

  Allgemeine Verhältnisse  

Es war ein furchtbarer Weg materieller Opfer und moralischer Demütigungen gewesen, den das deutsche Volk in den elf Jahren vom Herbst 1918 bis zum Herbst 1929 zurückgelegt hatte. Es hatte unendliche Anstrengungen und Mühen gekostet, einen einigermaßen erfolgreichen Weg aus dem Chaos zu finden, das durch den verhängnisvollen Selbstbetrug der deutschen Sozialdemokraten mit dem Glauben an eine allgemeine Völkerversöhnung im Herbst 1918 die deutsche Zukunft in einer fast hoffnungslosen Weise verschüttet hatte. Wesentlich erschwert wurde das Suchen nach diesem Wege durch die innere Uneinigkeit, die zentrifugalen Kräfte und die daraus sich ergebenden Widerstände im deutschen Volke und durch das intransigente Verhalten der nationalistischen Kreise Frankreichs, besonders Poincarés. Welch furchtbare Stürme sind Jahre hindurch über unser unglückliches Volk dahingebraust, welch schreckliche Leiden gruben ihre tiefen Spuren in die Seele unserer Nation! Während Deutschland von außen zerpflückt wurde, fraßen schlimme Erschütterungen im Innern, Aufstände und Inflation, seine besten Lebenskräfte auf. Deutschland glich einem Fieberkranken, der ohne Schutz und Hilfe verlassen auf wilddurchstürmter, regengepeitschter Flur umherirrte. Gehörte da nicht eine geradezu unverwüstliche Lebenskraft dazu, um zu neuer Gesundheit und Kraft zu [380] gelangen?

Es muß doch bei aller objektiver Betrachtung nach der gegebenen Darstellung gesagt werden, daß dieser Heilungsprozeß nur durch die Zurückdrängung des sozialistischen Einflusses möglich war. Der innere Aufbau konnte nur durch die starke Rechtspartei der Deutschnationalen bewirkt werden, weniger durch parlamentarische Arbeit, als vielmehr durch ihre Wirkung auf die Massen. Der äußere Aufbau war vorwiegend ein Werk der Deutschen Volkspartei: Zwar bestanden nicht immer Übereinstimmung und Billigung zwischen diesen beiden Parteien, aber da sie ein ernstes Ziel verfolgten, konnten sie auch Schritt für Schritt Erfolge verzeichnen. Die zusammenfassende Form erhielt die Geschichte Deutschlands in jener Epoche durch den unsichtbaren demokratischen Geist und den republikanischen Gedanken, der gewiß nicht immer den Idealen entsprach, die seine Verfechter vor ihm hatten, aber im entscheidenden Augenblick sich doch der stärkeren Führung überließ.

Man warf den Deutschnationalen oft vor, sie seien in politische Komplotte, Verschwörungen und politische Morde verstrickt. Ja, es gab Zeiten, wo sie deswegen geradezu geächtet waren. Diese Behauptungen waren aber weder erwiesen noch wahr. Ganz offen dagegen sympathisierte die Sozialdemokratie mit der erklärten Partei des Staats- und Gesellschaftsumsturzes; nicht bloß im Januar und November 1918, nicht nur gelegentlich des Erzberger- und Rathenaumordes. Ich will rückblickend erinnern an die Ereignisse in Sachsen und Thüringen während des Herbstes 1923, an den Volksentscheid über die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen Fürsten. Die historische Aufgabe der Sozialdemokratie war die Revolution. Sie erfüllte diese Aufgabe bis zum Herbst 1923, aus dem Triebe eigner Macht und Selbstbehauptung klug lavierend zwischen den radikalen Kommunisten und der gemäßigten bürgerlichen Demokratie, besonders in den Jahren 1919 und 1920. Aber es gelang der Sozialdemokratie nicht, nachdem sie sich, besonders in Preußen, der Verwaltungsmaschine bemächtigt hatte, den revolutionären Gedanken zu verewigen. Andere Kräfte erhoben sich, Kinder der großen Mutter Überlieferung, welche seit 1924 mehr und mehr an [381] Kraft gewannen und dem deutschen Volke in seiner neuen demokratischen Form das innere Gleichgewicht gaben.

Die deutsche Geschichte der hier behandelten Periode unterscheidet sich von der Geschichte früherer Zeiten durch das Wirken der Massenkräfte. In viel höherem Maße als früher war der einzelne abhängig von der Schar seiner Anhänger. Wir sahen Männer an uns vorüberziehen: Ebert, Scheidemann, Noske, Erzberger, Rathenau, Wirth, Helfferich, Stresemann, Hindenburg, um nur die wichtigsten zu nennen – welch einer von diesen wäre zu wirken imstande gewesen, wenn er nicht das Gewicht der Zahl für sich gehabt hätte? Sie waren Männer mit Energien und Idealen, jeder in seiner Art, nie aber hätten diese Ideale und Energien irgendeine Bedeutung erlangt, wenn sie nicht auf einem breiten Boden gleichgestimmter Energien und Ideale gestanden hätten. Ein Flug von diesem festen Untergrund in die Lüfte erschien ihnen als tollkühn. Sie wurden getrieben und gebunden von der unpersönlichen Kraft ihrer Parteien. Das ist das Charakteristische an der deutschen Revolutionsära: der Mann ist nicht erschienen, der die Massen auch gegen ihren Willen meistern konnte. Das Fehlen dieses Mutes ergab sich aus der äußeren Unfreiheit. Ein Cromwell, ein Napoleon, ein Lenin waren nur in einem freien Volke möglich. So zwangen die äußeren Ereignisse vom November 1918 bis zum Juni 1919 und all ihre traurigen Folgeerscheinungen das deutsche Volk mit eherner Faust in die Form des demokratischen Parlamentarismus. Gar oft wurden Gedanken einer Diktatur laut, von den extremen Flügeln der Rechten und der Linken. Jene stellten den Italiener Mussolini mit seinen faschistischen Schwarzhemden, diese den Russen Lenin mit seinen Roten Garden als Vorbild hin. Eine Diktatur der Rechten war unmöglich. Die beiden Versuche von Kapp und Ludendorff scheiterten in den Anfängen. Wäre es ihnen gelungen, sich durchzusetzen, dann wäre nicht nur im Innern ein blutiger Bürgerkrieg entbrannt, auch die Westmächte hätten durch Blockade und Kriegsmacht auf ihren Untergang hingewirkt. Die größere Wahrscheinlichkeit eines vorübergehenden Erfolges bestand für die Diktatur der Linken. In diesem Falle hätte das Ausland nicht hindernd, eher fördernd – Sowjet- [382] rußland – eingegriffen. Doch hier war der unbesiegbare Widerstand in dem starken Gegengewicht vor allem der Rechtsparteien und ihrer Verbände begründet. Auch noch der letzte große Ansturm der Kommunisten, die Enteignung der ehemaligen Fürsten, den sie im Vorgefühl ihres erträumten Erfolges als den ersten Sieg des Kommunismus in Deutschland priesen, war zum Scheitern verurteilt.

Aus dem Wirrnis der Revolution hatte sich ein labiles Gleichgewicht der Kräfte erhoben, das zu erschüttern niemand ungestraft versuchen durfte. Gewiß bildeten die Kommunisten einen dauernden Faktor der Unruhe, wie die Maivorgänge von 1922 wieder bewiesen; doch war das Staatswesen insoweit gefestigt, daß es ernstlich nicht mehr erschüttert werden konnte. Allerdings erschien im Sommer 1929 die Entwicklung zur Einheit in Deutschland, die zunächst notdürftig auf außenpolitischem Gebiet, in der Frage des Völkerbunds, von den Deutschnationalen bis zu den Sozialdemokraten hergestellt worden war, durch das wieder sich bemerkbar machende Vorherrschen sozialistischer Einflüsse in der Außenpolitik gestört zu werden. Die innenpolitischen Rückwirkungen der Haager Konferenz stellten einen Rückschlag dar. So ging trotz der klar erkennbaren Linie eines Willens zur Stärkung ein deutliches Schwanken durch die deutsche Politik, das sich eben daraus ergab, daß die Allmacht des Parlamentarismus nicht von dem starken Willen eines überragenden Führers gebändigt wurde. Es gab keine unbedingt anerkannte Macht in Deutschland.

  Schlußbetrachtung  

Elf Jahre deutscher Geschichte sind an uns vorübergezogen. Dunkle, stürmische Jahre zunächst, voll Blut und Waffenlärm, ruhigere Jahre sodann, voll Anzeichen der Besserung, doch voll stiller Duldung. Es war den Feinden drinnen und draußen nicht gelungen, die Lebenskraft, den Lebensmut und den Lebenswillen des deutschen Volkes zu brechen. Die Nation hat mit fast übermenschlichen Kräften um ihr Dasein gerungen, und zehn Jahre nach dem militärischen Zusammenbruch war das Ringen noch keineswegs beendet. Machten auch die tatsächlichen Verhältnisse eine Diktatur unmöglich, so war doch eine Sehnsucht aufs neue in weiten Kreisen des Volkes erwacht, eine tiefe, innige Sehnsucht nach dem heldenhaften Führer mit [383] der starken Faust, zu dem die Massen gläubig emporblicken dürfen, dem sie freudig folgen, wenn er sie zur Freiheit führt. Eine Sehnsucht war es, die immer wieder, hier und da, über den Wogen des politischen Streites auftauchte und der Sehnsucht früherer Geschlechter nach dem aus dem Kyffhäuserberge wiederkehrenden Kaiser glich. Es war ein Hoffen und Harren im deutschen Volke wie nach 1848, damals, als der Schwabe Johann Georg Fischer sang:

      Komm, Einz'ger, wenn du schon geboren,
      Tritt auf, wir folgen deiner Spur!
      Du letzter aller Diktatoren,
      Komm mit der letzten Diktatur!

In diesem Wünschen und Hoffen hatte sich auch jetzt das ursprüngliche Wesen des Deutschen wiedergefunden, er verlangte in seinem Herzen nach einer Persönlichkeit voll lauterster Wahrhaftigkeit, voll unerschütterlichen Mutes. Denn nur solch ein Mann, das fühlte das Volk, war imstande, Deutschland wieder zu einem ehrenvollen Mitglied der Völkergemeinschaft zu machen. Dieser Mann allein würde imstande sein, das unglückliche, zerrissene Volk zu einer großen, festgefügten Schicksalsgemeinschaft zu vereinen.



Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra