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[Bd. 3 S. 247]

6. Kapitel: Die Inflation und ihre Folgen.

  Entwicklung der Inflation  

Über den Ereignissen und Schicksalen des deutschen Volkes, die wir bisher kennengelernt haben, schwebte gleichsam eine schwarze, sich mehr und mehr verdichtende Wolke, die Inflation. Sie war kein willkürlich herbeigeführtes Menschenwerk, sie war eine Naturgewalt, eine Erschlaffungserscheinung, wie wir sie überall bei einzelnen Lebewesen und ganzen Völkern nach gewaltigen Anstrengungen beobachten können. Die europäische Geschichte kennt bereits mehrere Inflationen, die durch Krieg oder durch Revolution hervorgerufen wurden. Nach dem Dreißigjährigen Kriege lernte das deutsche Volk, dann wieder Preußen nach dem Siebenjährigen Kriege eine Geldentwertung kennen. Als eine Katastrophe bezeichnete man die Inflation, welche während der großen Französischen Revolution die alte Währung vernichtete. Alle jene Ereignisse verschwanden aber vor der Wucht und furchtbaren Größe der Inflation, die nach dem Weltkrieg über Deutschland hereinbrach.

  Wirtschaftliche, moralische,  
politische Ursachen

Die deutsche Inflation begann, strenggenommen, bereits im Jahre 1914. Die Abschnürung der deutschen Wirtschaft vom Welthandel und der ungeheure wirtschaftliche Aufwand für in Wahrheit unproduktive Mittel der Kriegführung mußte notwendigerweise den Wert der Währung erschüttern. Hatte Deutschland im Jahre 1913 einen Gesamtumlauf an Zahlungsmitteln von sechs Milliarden Mark, so war diese Ziffer bei Kriegsende bereits auf über 22 Milliarden gestiegen. Immerhin galt die Papiermark am Ende des Krieges noch 60 Pfennige in Goldwährung, und die erste Periode der Inflation machte sich wohl bemerkbar, wurde aber als selbstverständlich und noch erträglich hingenommen.

Vom Kriegsende bis zum Ausgang des Jahres 1923 lassen sich drei weitere Inflationsperioden unterscheiden. Zunächst jene 30 Monate von Anfang November 1918 bis Anfang Mai 1921. Ein rapides Sinken des Markwertes ließ sich besonders bis zum Beginn des August 1920 verfolgen, als die Papiermark noch zehn Pfennige galt. Es bedeutete eine [248] gewisse Erholung, als der Markwert im Laufe der nächsten neun Monate nur drei Pfennige ihres Wertes einbüßte. Mannigfaltige Gründe spielten für die Geldentwertung in dieser Periode mit. Zunächst war es die Revolution, die sich ursprünglich gegen das privatkapitalistische Wirtschaftssystem wandte. Ein Anschwellen der Löhne und Gehälter setzte ein, während auf der anderen Seite ein starkes Sinken der Produktion, der Gütererzeugung, bemerkt wurde. Die zwangsmäßige Einführung des Achtstundentages brachte eine starke Vermehrung der Arbeitskräfte, oft bis zu 20 Prozent, mit sich. Allein die Reichsfinanzverwaltung beschäftigte 65 000 Beamte. Im Bereiche des Reichsverkehrsministeriums wurden 240 000 neue Arbeitskräfte gegenüber der Vorkriegszeit eingestellt. Bei der Reichspost wurde der Beamtenstand infolge des Achtstundentages um 45 000 Köpfe vermehrt. Der Achtstundentag verteuerte die deutsche Verwaltung und die deutsche Wirtschaft um viele, um sehr viele Milliarden, und dies trug offensichtlich zum Sinken des Geldwertes bei. Dazu kam noch die Not der Erwerbslosigkeit. Die allgemeine wirtschaftliche Schwäche zwang andererseits viele Unternehmer, ihre Betriebe zu verkleinern, ohne daß die frei werdenden Kräfte durch die infolge des Achtstundentages bedingte Vermehrung aufgesogen wurden. So wurden im Jahre 1920 etwa 350 000 Erwerbslose mit ebensoviel Familienangehörigen gezählt. Ende 1923 waren es rund vier Millionen, welche den Staat und die Wirtschaft belasteten. Das auf den vor dem Kriege bestehenden Arbeitsverhältnissen begründete Währungssystem entsprach nicht mehr der ungeheuer verteuerten Arbeitskraft nach Kriegsende.

Die Revolution wurde von vielen als eine Gelegenheit, sich zu bereichern, betrachtet. Im Sommer 1919 bestand in Berlin ein Vollzugsrat, dessen Mitglieder als höchstbezahlte Arbeiter täglich 25 Mark erhalten sollten. Indessen, die 24 Herren bewilligten sich Jahresgehälter von insgesamt 334 000 Mark, welche nach dem Stande von Anfang Juli 1919 über 100 000 Goldmark betrugen. Zu welchen Absurditäten die revolutionäre Lohnpolitik führte, ließ sich täglich an der ganz unverhältnis- [249] mäßig hohen Bezahlung einfachster Verrichtungen erkennen. So erhielt in der Stadt Benneckenstein im Harz der Bürgermeister ein Gehalt von 65 000 Mark, der Schuldiener derselben Stadt erhielt noch 2500 Mark mehr! Während das Jahreseinkommen eines Straßenbahnschaffners 6000 Mark, das eines Berliner Müllkutschers 9300 und das eines Kellners 12 000 Mark betrug, erhielt der Hochschulprofessor im günstigsten Falle 5000 Mark. Dieser blanke Unsinn in der Verwendung des Geldes mußte den Wert der Währung ganz erheblich herabdrücken. Dieses Chaos in der materiellen Bewertung geleisteter Arbeit wurde zur hauptsächlichen moralischen Ursache der Inflation.

Auch der Raubbau an Arbeitskraft und Arbeitszeit konnte nicht spurlos am deutschen Gelde vorübergehen. Das Proletariat besaß, um unsinnige Forderungen durchzudrücken, eine brutale Waffe: den Streik. Jede geringfügige Gelegenheit konnte die Veranlassung dazu werden, tagelang, ja wochenlang die Betriebe stillzulegen, die Produktion zu unterbinden. Im Jahre 1914 gab es in Deutschland 250 Streiks, 1918 zählte man bereits rund 650, 1919 waren es 4000; sie stiegen bis 1922 auf 4900! In den vier Jahren von 1919 bis 1922 spielten sich in Deutschland 17 600 Streiks ab! Erst 1923 ging die Zahl auf 2300 herab. Welchen höchst unheilvollen Einfluß mußten die 20 000 Streiks auf die Entwicklung des deutschen Geldes haben! Diese Streiklust war die politische Ursache für den Währungsverfall.

Ein weiterer Faktor für die Geldentwertung bildete unmittelbar und mittelbar der verlorene Krieg. Durch die Landabtrennungen war die Basis der Ernährung, der Rohstoffe und der Arbeitskraft Deutschlands um durchschnittlich ein Siebentel verringert. Die Kolonien und die Flotte wurden weggenommen, die ungeheuren Verpflichtungen des Waffenstillstandes mußten erfüllt werden, die Besatzungstruppen verschlangen gewaltige Gelder, die deutschen Auslandsvermögen wurden kassiert. Allein die Auslandsvermögen – 11,7 Milliarden – , die [250] Besatzungskosten bis Ende 1922 – 4,5 Milliarden – und der Wert der Handelsflotte – 4,6 Milliarden – betrugen zusammen einen Wert von rund 21 Milliarden Goldmark. Wesentlich furchtbarer aber wurde das deutsche Volk durch die mittelbare Folge des verlorenen Krieges betroffen: es hatte seinen blühenden Außenhandel eingebüßt. Infolge der Gebietsabtretungen mußte die Einfuhr vermehrt werden, dagegen war die Ausfuhr durch die Wegnahme der Flotte und durch den Boykott der ehemals feindlichen Länder ganz erheblich herabgedrückt. Hatte das deutsche Volk vor dem Kriege eine Handelsbilanz, die fast im Gleichgewicht war, das heißt die Einfuhr überwog die Ausfuhr nur um 0,7 Milliarde Mark, so war seit 1919 die Handelsbilanz jährlich um 3½ Milliarden Mark passiv; die Einfuhrüberschüsse betrugen bis Ende 1922 14 Milliarden Goldmark! Es bedarf keiner langen Erwägungen, um zu erkennen, welchen verheerenden Einfluß diese Tatsache auf die deutsche Währung hatte.

Diese Betrachtung der außenpolitischen Faktoren leitet uns in die dritte Periode der Inflation hinüber, welche mit der Annahme des Londoner Ultimatums Anfang Mai 1921 einsetzte und 20 Monate, bis zum Beginn des Ruhreinfalls, währte. In dieser Zeit fiel die Papiermark von sieben Pfennig auf einen zwanzigstel Pfennig! Die oben auseinandergesetzten innenpolitischen Gründe traten bei dieser stürmischen Abwärtsbewegung in den Hintergrund. Die ausschließliche Verantwortung hierfür traf lediglich den unbedingten Willen der Regierung, die außenpolitischen Bedingungen des Londoner Ultimatums zu erfüllen. Rathenau sagte selbst, daß dem Deutschen Reiche nichts weiter übrigblieb, als seine Währung zu verkaufen. An den Börsen von London, Neuyork, Brüssel und Paris wurde schranken- und gewissenlos mit der deutschen Mark spekuliert. Man kaufte Unmengen auf und brachte ebensolche Unmengen wieder auf den Markt, Deutschland aber mußte immer mehr Banknoten drucken, um dafür Devisen einzuhandeln. 1920 waren 68 Milliarden Mark Zahlungsmittel im Umlauf, 1922 bereits über 352 Milliarden! Schonungslos wurde Deutschland [251] ausgepumpt. Ausländer strömten in Scharen heran und kauften hochwertige deutsche Erzeugnisse, bezahlten sie aber mit der minderwertigen deutschen Mark. Noch nie hatte die deutsche Industrie so viel Aufträge erhalten wie 1921 und 1922. Die Zahl der Erwerbslosen nahm zwar von Tag zu Tag ab: 1921 waren es noch 150 000, im folgenden Jahre nur 43 000. Deutschland war fleißig, es arbeitete fieberhaft, aber es verdiente nichts, es zehrte seine aufgespeicherten Güter auf und verschleuderte den Rest ans Ausland.

  Reparationsverpflichtungen  

Bei dieser Gelegenheit muß erwähnt werden, daß infolge der durch die Inflation hervorgerufenen Unsicherheit in der Preisberechnung zwischen Deutschland und den Alliierten über den Wert der gelieferten Reparationsleistungen starke Meinungsverschiedenheiten bestanden. Die Reparationskommission hatte bis zum 31. Dezember 1922 nur etwa acht Milliarden Goldmark dem Deutschen Reiche gutgeschrieben, während die deutsche Regierung behauptete, sie habe bis zu dem bezeichneten Zeitpunkte 41½ Milliarden Goldmark insgesamt geleistet. Das von der Carnegiegesellschaft 1923 gegründete Wirtschaftsinstitut schätzte dagegen im Juni 1923 die von Deutschland bis zum 31. Dezember 1922 geleisteten Reparationen auf 25⅘ Milliarden Goldmark.

  Ruhrkampf  

Die letzte Phase der Inflation bildete der Ruhrkampf. Sie dauerte von Mitte Januar bis Mitte November 1923, zehn Monate. Waren am Anfang dieser Periode 2000 Papiermark noch eine Goldmark wert, so entsprachen am Schlusse einer Goldmark eine Billion Papiermark. Es hatte sich in zehn Monaten noch eine fünfhundertmillionenfache [Scriptorium merkt an: d.h. eine 500 000 000fache!] Entwertung vollzogen! Der Grund lag klar auf der Hand: zu all den vorher geschilderten Übeln trat nun noch der Ruhrkampf mit seinen Lasten. Das Reich leistete ungeheure Zuschüsse infolge des passiven Widerstandes, die Wirtschaft verlor ihre Rohstoffe. Es war ein Todeskampf, den Deutschland kämpfte. Täglich wuchs die Zahl der Betriebe, die geschlossen wurden. Es war elementar nicht mehr möglich, selbst die Auslandsaufträge auszuführen. Allein im unbesetzten Deutschland – ohne Ruhrgebiet – gab es anderthalb Millionen Erwerbslose [252] mit ebensoviel Familienangehörigen. Das deutsche Volk, ohne Arbeit, ohne Geld, stand vor dem Nichts, vor dem Hungertode. Das war das Ende. –

Die Inflation.
[Bd. 3 S. 298-299]      Die Inflation.
Bearbeitet nach der amtlichen, dem Aufwertungsgesetz vom 16. Juli 1925 beigegebenen Tafel.

Furchtbar waren die Ursachen und der Verlauf der Inflation, furchtbarer ihre Folgen. Ein ganzes, ehedem blühendes und reiches Volk von 60 Millionen wurde in Not, Elend, Verzweiflung getrieben. Nicht nur alle materiellen Bindungen wurden zerrissen, auch die sittlichen Kräfte wurden unterhöhlt, gestürzt und zum Teil vernichtet. Eine schwere Gesellschaftskrisis brach über das Land herein, aber der deutsche Charakter war stark und gesund genug, daß er eine Kulturkrisis, den Bolschewismus, nicht zur Entfaltung kommen ließ. Staffelweise, wie sich die Inflation vollzog, fielen auch ihre Opfer. Die Ersparnisse des Volkes, die in Sparkassen, Hypotheken und Schuldverschreibungen der Industrie angelegt waren, schmolzen dahin. Millionen Deutsche, welche von den Renten und Zinsen ihrer Kapitalien lebten, wurden ohne ihr Zutun zum Bettler. Wie vielen gestattete der frühere Wohlstand ein sorgenfreies Leben ohne Arbeit, wie viele Alte, die im Laufe ihres langen Lebens Sparpfennige zusammengebracht hatten, hofften auf ein stilles, unbekümmertes Alter! Sie waren die ersten, welche geopfert wurden. Ihre Einkünfte und Kapitalien verfielen, sie standen täglich näher vor dem Nichts, dem Tode. Im fortgeschrittenen Stadium der Inflation, in den Jahren 1921 und 1922, griff die Not auf die Beamten über. Es war nicht mehr möglich, die Gehälter der Geldentwertung anzupassen, sie stiegen zahlenmäßig, aber ihr innerer Wert sank erschreckend. Schließlich, 1923, war es auch nicht mehr möglich, die Arbeiterschaft vor der Not und dem Hunger zu schützen.

Inflation und
  Landwirtschaft  

Doch bevor wir im einzelnen auf die erschütternden Tragödien der Inflation eingehen, müssen wir feststellen, daß die Geldentwertung nicht alle Teile des Volkes in der gleichen Weise heimsuchte. Die Katastrophe brach vor allem über die Städte herein, während etwa ein Drittel des deutschen Volkes, die Landbewohner, weniger schwer heimgesucht wurden, ja die Landbesitzer sogar beträchtliche Vorteile aus der traurigen Entwicklung zogen. Für die klugen Agrarier war die Zeit [253] gekommen, ihre meistens von der Vorkriegszeit her sehr überschuldeten Güter auf äußerst billige Weise zu entlasten. Drückende Hypotheken wurden mit großartiger Geste abgestoßen, und oft genug gab es kaum einen Geldschein mehr, der klein genug war, um mit ihm eine Last von ehedem Zehntausenden von Goldmark zurückzuzahlen. Es war eine Bauernbefreiung in großem Stile, welche die Inflation herbeiführte. Darüber hinaus wurden Reichtümer aufgestapelt, die aber nicht mehr, wie einst, in den Strumpf gesteckt wurden, denn auch der Bauer ging mit seiner Zeit, sondern umgehend in Sachwerte umgesetzt wurden, da man der Meinung war, daß der Wert der Sache automatisch mit der Geldentwertung steige. Es kam nicht nur vor, daß die Landbesitzer ihre Bauernhäuser von oben bis unten mit neuen Möbeln ausstatteten, kostbare Gefäße und Edelsteine anschafften, ja, man kaufte Klaviere, eins oder zwei, und Automobile; nicht um sie zu benutzen, sondern nur um sie zu besitzen. In Ermangelung anderer Räume wurden die Schätze in Scheunen und auf Böden untergebracht. Vielfach wurden die alten, baufälligen Häuser und Scheunen abgerissen, und neue Paläste erstanden an ihrer Stelle. Die modernsten Maschinen wurden gekauft, und mancher schlichte Bauernhof verwandelte sich in einen Herrensitz.

Im Grunde genommen handelte es sich hierbei ursprünglich nicht um eine Bereicherung, die durch Bewucherung der Volksgenossen herbeigeführt wurde, sondern vor allem um jenen dem Bauern durch die Art seiner Wirtschaft und seiner bodenständigen Kultur innewohnenden Trieb, etwas Dauerndes, Festes, Beständiges zu besitzen, das nicht durch die Unrast der Zeit, der er infolge einer natürlichen Schwerfälligkeit nicht so schnell wie der Städter folgen konnte, zerstört wurde. Später allerdings trat ein gewisser Spekulationstrieb hinzu. Viele Bauern verbesserten und modernisierten ihren Besitz, indem sie hofften, die Neubauten und Neuanschaffungen später mit entwertetem Gelde billig bezahlen zu können. Zur Ehre der deutschen Landwirtschaft sei aber auch gesagt, daß sie in großherzigster Weise die notleidenden Armen unterstützte, daß sie den Universitäten Geld und Lebensmittel spendete, den Studenten Unterhalt und Verdienst [254] gewährte und im Ruhrkampfe einen wesentlichen Anteil zur Unterstützung der besetzten Gebiete beitrug. Der deutsche Bauer hatte Vorteile durch die Inflation, er verdiente Geld und wurde schuldenfrei, aber er entzog sich auch nicht den Forderungen, die sein Kulturgewissen an ihn stellte. Seine Opferbereitschaft, die er bei der Einführung der Rentenmark bewies, bildete einen gewissen Ausgleich mit den Vorteilen, die er aus der Inflation gezogen hatte. Es gab auch weniger intelligente Bauern. Von den Millionen bestochen, ließen sie sich verleiten, ihre Scholle zu verkaufen. Mit einem Wagen voll Geld zogen sie zur Stadt voller Hoffnungen und Träume und gingen in grausamem Elend zugrunde.

  Ausländer  

Auch in den großen Städten gab es Leute, die in sündhaftem Luxus dahinschwelgten. Während die große Mehrheit des Volkes dem Hungertode entgegenstöhnte, grölten trunkene Nabobs in den Bars bei strömendem Sekte frivole Lieder. Noch nie wie in jener Zeit schlimmster Not sah man in den Logen der Theater so viel Diademe und kostbaren Schmuck beieinander. Elegante Kraftwagen hielten auf den Vorplätzen, und Frauen in rauschender Seide, von blitzenden Edelsteinen überladen, nahmen breit im Innern Platz. Es waren vielfach Ausländer, die für billiges Geld, auf Kosten des deutschen Volkes den erlesensten und ausschweifendsten Genüssen frönten, und sie sparten nicht mit Dollarnoten! Es waren aber auch jene dunklen städtischen Emporkömmlinge, welche das Wirtschaftschaos mit zügellosem Egoismus zu ihren Gunsten ausnutzten und sich bald zu einer ganz besonderen Gesellschaftsklasse, der "Raffkes", entwickelte.

  Neureiche: "Raffkes"  

Dieser neue Inflationstyp wurde bald durch die Witzblätter allgemach populär gemacht. Man schuf für ihn eine stehende Figur, jenen kurzen, aufgeschwemmten Mann mit den fetten, brillantenübersäten Fingern und dem brutalen Gesicht, und jene ebenso kurze, feiste Frau mit häßlich-ordinären Zügen. Raffkes entstammten meist den untersten Volksschichten und brachten ein reichliches Maß verwegener Amoral mit. Für sie gab es kein anderes Sittengesetz als den finanziellen Nutzen. Mit scharfem Blick erkannten sie jene Sachwerte, an denen sich Millionen, Milliarden und Billionen im Handumdrehen ver- [255] dienen ließen. Sie rafften märchenhafte Mengen Lebensmittel an sich, verschoben die Kartoffeln, diese letzte Zuflucht des Volkes, zu wucherischen Preisen und verdienten fabelhafte Summen. Was kümmerte sich Raffke um Wuchergesetze, um Devisengesetze, um Steuergesetze! Man muß Geschäfte machen, schieben und wuchern können, ohne bestraft zu werden, das erfordert Talent, und dies sehr zweifelhafte Talent war die natürliche Mitgift Raffkes. Er gründete nicht nur Lebensmittelgeschäfte, auch das Gewerbe des Bankiers eignete sich vorzüglich zu seinen Zwecken. Man handelte mit Geld, spekulierte in Papiermark und kaufte Devisen. In allen Straßen schossen neue Bankgeschäfte mit nie gehörten Namen aus dem Erdboden. Auch die Errichtung von Zigaretten- und Likörfabriken wurde als aussichtsreich betrachtet. Selbst altes Eisen, Lumpen, Papier und Knochen wurden nicht verschmäht, und mancher Bettler wurde dadurch zum Krösus.

Raffkes Entwicklungsgang war sehr kurz. Erst hausierte er mit Schnürsenkeln und Streichhölzern. Nach vier Wochen nahm er Kokain hinzu. Dann bekam er durch irgendeinen Zufall einen Waggon Kartoffeln oder Kohlen in die Finger, und er war der gemachte Mann. Seine Tätigkeitsgebiete waren die Börse und die Bar, dort wurden die Preise gemacht, hier wurde die Ware verschoben. Ihm war das Geld höchster Selbstzweck, er war der Sklave des Mammons. Geld war ihm der Schlüssel zur Macht, Ansehen, gesellschaftlicher Geltung, Geld war ihm das Zaubermittel, mit dem er die Welt zu beherrschen vermeinte. Er schöpfte es mit vollen Händen, er streute es mit vollen Händen: er kaufte, verkaufte und bestach. Es bereitete ihm Freude und Vergnügen, Steuern zu hinterziehen. Er kaufte Rittergüter und Paläste und schmückte sie mit pompösen, extra für ihn gekauften oder angefertigten Ahnengalerien. Er besaß keine Bildung, er konnte oft kaum seinen Namen schreiben. Seine einzige Freude war es, sich in den Varietés an nackten Mädchenleibern zu entzücken. Auch liebte er berauschende Genüsse. Bei Rennen und gesellschaftlichen Veranstaltungen zeigte er sich, um zu protzen. Deswegen besuchte er auch die Theater. Er saß auf den teuersten Plätzen, aber es machte ihm nichts aus, mitten in der [256] Darstellung ein knisterndes Papier zu entfalten und schmatzend sein Butterbrot zu verzehren. Er trachtete mit wahrer Leidenschaft danach, einzudringen in die herrschende Gesellschaftsklasse, die ihn verachtete und abwies. Das geistige Herrenmenschentum der deutschen Oberschicht lehnte die protzigen Parvenüs ab, sie trug mit einem gewissen Stolz die unverschuldete, von Tag zu Tag sich vergrößernde Armut, war sie doch der beste Freibrief für eine anständige und vornehme Gesinnung. Raffke hielt sich Hauslehrer, die ihn in den elementarsten Kenntnissen der deutschen Sprache, der Literaturgeschichte und Musik unterrichteten. Er bezahlte sie gut, und seine Gebefreudigkeit hatte eine gewisse mäzenische Ader. Er bevorzugte als Kraftwagenführer ehemalige Offiziere, wenn möglich, adlige, die in ihrer Wirtschaftsnot zum letzten Strohhalm griffen. Häufig veranstaltete er geräuschvolle Gesellschaften, bei denen Familie Raffke mit dem Messer aß und die Gabel als Zahnstocher benutzte. Raffke bot seinen Gästen Gelage, die von auserlesenen gastrischen Genüssen strotzten, aber nicht die geringste geistige Anregung vermittelten. Er war ein Eingänger; er liebte es nicht, mit den öden Gesellen seiner Zunft Astrachan-Kaviar zu verzehren und Kupferberg Gold zu trinken; er verschmähte den gesellschaftlichen Verkehr mit seinesgleichen, weil er die Schliche der andern Raffkes kannte und sie deshalb verachtete. Er liebte die vornehme Welt und glaubte, sich mit seinem Geld aufdringlich die Pforten dahin erschließen zu können. Vor allem aber ebnete er sich durch sein Geld den Weg zu den Inhabern der politischen Macht, und dies war oft nicht allzu schwer. Dieser Typ beherrschte das Leben der Städte. Er war verhältnismäßig nicht sehr zahlreich, trat aber überall durch sein lautes, rücksichtsloses, prahlerisches Benehmen in den Vordergrund. Er ist der Typ der Inflation, mit dem Ende der Geldentwertung war auch seine Herrlichkeit dahin; nur in Millionen und Milliarden konnte er leben und atmen; er sank spurlos ins Nichts zurück, nachdem er einige Jahre von der unverschuldeten Armut der andern gelebt hatte.

  Julius Barmat  

Vielleicht die bedeutendsten Vertreter dieser Klasse der Neureichen waren der rumänische Getreideschieber Parvus-Helphand, [257] Iwan Kutisker und Julius Barmat, zwei Russen, die nach Ausbruch der Revolution nach Deutschland gekommen waren. Es hat kaum in der Weltgeschichte einen gewissenloseren und verwegeneren Spekulanten gegeben als diesen Julius Barmat. Als Zwanzigjähriger 1907 nach Holland gekommen, handelte er zunächst mit Tulpenzwiebeln und Klavieren. Im Weltkrieg begann er Lebensmittelgeschäfte großen Stiles. Die holländischen Kaufleute vermieden es, wegen seiner Unzuverlässigkeit, mit ihm in Verbindung zu treten. Nach dem Ausbruch der deutschen Revolution suchte und fand er, indem er seine sozialdemokratische Weltanschauung betonte, Anschluß an die führenden Männer der deutschen Regierung. Um ihm ungehinderten Verkehr zwischen Holland und Deutschland zu ermöglichen, erhielt er von der deutschen Reichsregierung einen Dauerpaß. Ohne daß er über irgendwelche Waren verfügte und ohne daß er überhaupt die deutsche Großhandelserlaubnis besaß, erhielt er von der deutschen Reichsregierung, von den Länderregierungen Sachsens und Württembergs Aufträge über Lebensmittellieferungen, die in die Millionen gingen. So hatte er von der Reichsfettstelle 1919 den Lieferungsauftrag über acht Millionen Kilogramm Schmalz, Butter, Margarine und Käse erhalten, trotzdem seine Preise erheblich teurer waren als die von anderen Firmen angebotenen. Auch die Reichsfleischstelle erteilte bedeutende Aufträge. Das Milchgeschäft über 25 000 Kisten kondensierte Milch war ein offener Betrug Barmats, indem er sich wissentlich für jede Büchse Milch zwei Unzen zuviel bezahlen ließ!

Die Hauptspekulation Barmats lag aber vor allem darin, daß er sich gegen jede handelsübliche Gepflogenheit die Ware bereits bei der Bestellung in deutschem Gelde bezahlen ließ und dafür sofort holländische Gulden kaufte. Er bedang sich dann Lieferfristen von zwölf bis dreizehn Wochen aus und trat dann von den nichterfüllten Verträgen zurück, indem er den entsprechenden Markbetrag zurückerstattete. Hatte sich in dieser Zeit das deutsche Geld weiter entwertet, so brauchte er nur einen Bruchteil derjenigen Guldensumme zum Ankauf der Mark zu verwenden, die er ein Vierteljahr vorher erhalten hatte, als er die Markbeträge verkaufte. Die Differenz [258] war ein ganz hübscher Reingewinn, den ihm seine Spekulation einbrachte. Barmat wurde auf diese Weise reich, lebte herrlich und in Freuden und gründete die gewagtesten Unternehmen. Im Jahre 1922 konnte er sich in Schwanenwerder eine prunkhafte Villa kaufen, wo die rauschendsten Feste nächtelang gefeiert wurden, an denen sich auch führende Sozialdemokraten, wie der Berliner Polizeipräsident Richter, beteiligten. Das Unternehmen Barmats, ursprünglich nur als Lebensmittelgeschäft betrieben, wuchs mit tropischer Geschwindigkeit zu einem ungeheuren Konzern aus. 34 Maschinenfabriken, Eisengießereien, Armaturen- und Feldbahnfabriken und Eisengroßhandlungen gehörten dazu, außerdem 10 Banken und 12 andere Unternehmen, Fabriken für Tuch, Kunstseide, Papier, Elektrizität, Holz, Kohle, Terpentin – bunt zusammengewürfelte und wahllos zusammengeraffte Betriebe, ohne jede Spur jenes großartigen inneren Aufbausystems und jener Wirtschaftsrationalisierung, wie sie den Stinneskonzern oder die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft auszeichnete.

Für seinen Konzern brauchte Barmat Geld, und so kam er auf Empfehlung zweier sozialdemokratischer Minister im Mai 1923 zur preußischen Staatsbank. Er fing damit an, daß er am 12. Mai 1923 72 000 Goldmark borgte, und Ende Dezember hatte er bereits anderthalb Millionen Goldmark Schulden. Das Schuldkonto wuchs lawinenhaft an und hatte Ende 1924 die Höhe von 14½ Millionen Goldmark erreicht. Da brach Barmat finanziell zusammen, nachdem er noch einmal vergeblich fünf Millionen zu erlangen gehofft hatte. Ein großer Prozeß enthüllte den Werdegang dieses Raffke, seine gewissenlose, betrügerische Art, sich auf Kosten des deutschen Volkes zu bereichern, und seine intimen Beziehungen zu den sozialdemokratischen Staatsmännern. – So wie diesen Barmat gab es aber Hunderte und Tausende von Emporkömmlingen, die, vielleicht weil sie sich weniger gewaltig entwickelten, das Glück hatten, der strafenden Gerechtigkeit zu entgehen, trotzdem aber wieder in Bedeutungslosigkeit und Armut untergingen, als wieder gesunde und geordnete Verhältnisse eingetreten waren.

  Versinkende Volksschichten  

[259] Häufig sahen die Ausländer in Deutschland nur den geräuschvollen und aufdringlichen Schieber, den Raffke. Sie schlossen daraus, daß es dem deutschen Volke sehr gut gehen müsse, und bauten darauf ihre Pläne und Forderungen. Wie anders aber war es in Wirklichkeit! Wo war der Wohlstand und die Sorglosigkeit geblieben, die einst das fleißige deutsche Volk auszeichneten? Das Volk schleppte eine furchtbare Bürde mit sich herum, die es von Tag zu Tag mehr zu Boden drückte. Abgemagerte, in Lumpen gehüllte Gestalten mit trüben und finsteren Augen schlichen durch die Straßen, wortlos, ohne Klage. Es war die Klasse derer, die früher, in glücklicheren Zeiten, geschafft und gespart hatten und die jene holländische Zeitung im Auge hatte, wenn sie schrieb, das deutsche Volk verhungere in großer Selbstbeherrschung. Wo sollte bei der großen Arbeitslosigkeit sich die Aussicht bieten, irgendeine gewinnbringende Beschäftigung zu finden? Zum Schieben und Wuchern zu ehrlich, blieb den Unglücklichen nichts weiter übrig, als dem Tode entgegenzugehen oder die allerniedrigsten Dienste zu verrichten. Längst schon hatte man das Dienstpersonal, an das man von Jugend auf gewöhnt war, abgeschafft, längst schon hatte man die herrschaftliche Wohnung gegen eine kleine, aus spärlichen Dachräumen bestehende, eingetauscht. Mancher betagte Mann, der einst ein Rittergut oder eine große Fabrik besessen, auf dessen Wink einst Dutzende von Menschen gehorchten, dankte jetzt dem Schicksal, wenn er in irgendeinem Hotel Teller spülen durfte. Manche Dame der besten Gesellschaft, in Ehren grau geworden, verdingte sich als Kochfrau und aß das Gnadenbrot der Raffkes. Oder sie fristete als Näherin ihr Leben. Oder tat verschämt Heimarbeit: klebte Tüten, knüpfte Spitzen, schrieb Adressen. Die Söhne und Töchter dieser einst reichen, jetzt in Armut versinkenden Familien waren froh, wenn sie in irgendeinem staatlichen Betriebe eine kleine untergeordnete Stelle einnehmen durften und ein geringes Gehalt bezogen.

Welche Herzenskämpfe, welche Tragödien spielten sich in aller Stille ab! Schmuck und Kleinodien, die einst in glücklicheren Tagen zur Schau getragen wurden, Silbergerät und alles, was irgendeinen Wert hatte, wurde zusammengerafft [260] und zum Trödler gebracht. Viele Stücke jahrhundertealter Familientradition gingen diesen Weg, von Schluchzen und Herzeleid begleitet, aber der angeborene Stolz verbot es den Unglücklichen, offen ihre Tränen zu zeigen. Andere wieder machten aus ihrer Wohnung einen Erwerb. Sie beschränkten sich auf ein, zwei Hinterzimmerchen, während sie die Prunkräume einer versunkenen Zeit, ausgestattet mit den Möbeln, die noch nicht verkauft waren, an Untermieter weitervermieteten, am liebsten an Ausländer, die in Dollar bezahlten. Sie verrichteten in ihrer eigenen Wohnung die Geschäfte des Kammerdieners und Zimmermädchens und waren dankbar für jeden gnädigen Blich, den ihnen der hochmütige, valutastarke Fremde schenkte. Wie wurde mit dem kostbaren Gelde geknausert! Es gab Familien, in denen es wochenlang nichts anderes als Kartoffelsuppe zu essen gab, selbst Heringe und Pferdefleisch waren unerschwinglich im Preise. Versagten aber alle Mittel, Geld zu verdienen, dann gab es noch einen Ausweg, der Not ein Ende zu bereiten: schweigend und unbemerkt aus der Welt zu gehen. In schwarzer Hoffnungslosigkeit schleppte sich der Unglückliche, dessen Nerven versagten, vor die Stadt hinaus zum Fluß und stürzte sich in die gurgelnde Flut, allen Jammer mit sich begrabend. Oder er legte sich bei geöffneten Gashähnen zum Schlafe nieder, um nicht wieder zu erwachen. Dieses Nirwana nach vielen sorgenvoll durchwachten Nächten wurde als Wohltat herbeigesehnt. In Berlin begingen in drei Tagen, Anfang November 1923, 16 Menschen Selbstmord aus Hunger! –

  Los der Offiziere  

Besonders furchtbar beeinflußte die Inflation das Los der ehemaligen deutschen Offiziere. Sie waren zum allergrößten Teile berufslos geworden und versuchten einem neuen Erwerb nachzugehen. Sie widmeten sich der Landwirtschaft, viele von ihnen traten auch in industrielle Unternehmungen ein. Ein anderer großer Teil widmete sich dem Studium und besuchte die Hochschulen, um einem akademischen Berufe nachgehen zu können. Wieder andere verrichteten die einfachen Dienste von Kraftwagenführern. Sehr viele von ihnen aber wandten sich aus Verzweiflung über ihre Not der französischen Fremdenlegion zu. Sie ließen sich anwerben mit vielen gescheiterten [261] Existenzen, Spartakisten, Arbeitern, Lehrern, Studenten und Ingenieuren, um auf dem heißen Sande Afrikas in steter Sehnsucht nach ihrem Vaterlande schließlich zu verbluten. Bedauernswert war auch das Schicksal dieser Opfer der Inflation. Wenn sie nicht selbst durch eine Kugel ihrem Leben ein Ziel setzten, so erlag ein großer Teil von ihnen den Strapazen und Anstrengungen. Einen Gradmesser für die deutsche Not bildete die Tatsache, daß die Hälfte der gesamten Fremdenlegionäre, etwa 15 000, Deutsche waren.

  Beamtenstand  

Trotz der immer stärker werdenden Jagd nach den Sachwerten war von allen Bevölkerungsklassen der Städte der Beamtenstand derjenige, der die Inflation am wenigsten bitter empfand, im Vergleich zu anderen Berufsständen. Der Beamte hatte sein festes Gehalt, seine Pension, er war versorgt und war nicht der grausamsten Not ausgeliefert, wie so viele ungezählte andere. Allerdings waren Staat und Reich nicht in der Lage, die Beamtengehälter stets in einer der Geldentwertung entsprechenden Höhe zu halten, und so kam es im Fortgang der Inflation dazu, daß auch das Diensteinkommen auf einen Bruchteil der Vorkriegszeit herabsank. Auch die durch die Revolution herbeigeführte Nivellierung der Gehälter, die Verwischung der Unterschiede zwischen den höheren und unteren Gruppen, wurde mit einem gewissen Unmut aufgenommen. Mußte der Postschaffner im Oktober 1922 mit einem Gehalt im Werte von 112 Mark auskommen, so erhielt der Regierungsrat kaum das Doppelte, während er vor dem Kriege über die vierfache Summe verfügte. Was aber wollten diese in der gewaltigen Notzeit immerhin kleinen Mißstände gegenüber der gewaltigen moralischen Überlegenheit sagen, die eben darin bestand, daß der Beamte jener Glückliche, Bevorzugte war, der allmonatlich sein sicheres Einkommen hatte, während der Arbeiter und Angestellte vor dem Abbau und der Not zitterte und die freien Berufe gar täglich nicht nur ihre Einnahmen, sondern auch ihre Vermögen dahinschwinden sahen!

  Politisierung der Beamtenschaft  
durch Sozialdemokratie

Diese bevorzugte wirtschaftliche Stellung des Beamten brachte es mit sich, daß ein gewaltiger Ansturm auf die zu besetzenden Beamtenstellen erfolgte. Für jede einzelne Stelle gab es [262] viele Hunderte von Bewerbern, und alltäglich ereignete sich dutzendemal ein erbitterter Wettlauf um die Erlösung aus der Not. Mit dem letzten Aufgebot ihrer Eleganz statteten die Stellenjäger allen Persönlichkeiten, die sie für einflußreich hielten, ihre Besuche ab, priesen in leuchtenden Farben ihre Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie für dieses Amt mitbrächten, beriefen sich auf alte Familienbeziehungen, ließen durchblicken, daß sie überzeugte Anhänger gerade derjenigen Parteirichtung waren, die sie bei der Besetzung des Postens für ausschlaggebend hielten, schließlich griffen sie zum letzten Mittel, indem sie in bewegten Worten herzerweichend ihre furchtbare Notlage schilderten. – Es sind in jenen Jahren sehr viele Beamte eingestellt worden nicht auf Grund ihrer Fähigkeiten, sondern durch irgendwelche Protektionen. Vorherrschend allerdings war hierbei in der Hauptsache der politische Gesichtspunkt. Die herrschende Partei der Sozialdemokratie glaubte besonders dadurch die Staatsmacht zu behaupten, daß sie ihre Anhänger gut versorgte und in alle möglichen Beamtenstellen hineinbrachte. Sie verdoppelte diese Anstrengungen, als ihr die nationalen Erhebungen eine gewisse Furcht vor der Erschütterung ihrer Herrschaft einflößten.

Besonders in Preußen unter dem sozialdemokratischen Minister Severing, dann auch in Sachsen, besonders unter Zeigner, in Thüringen und Braunschweig hatten diese sozialistischen Beamtenschubs große Bedeutung. Von den zwölf preußischen Oberpräsidenten waren fünf Parteisekretäre gewesen und nur zwei Verwaltungsbeamte. Von den 77 wichtigsten Stellen in der preußischen Verwaltung waren etwa 30 mit sozialdemokratischen Parteisekretären besetzt. Von 215 höheren Beamten der inneren Verwaltung in den Ministerien, Provinz- und Lokalbehörden war nur der achte Teil akademisch vorgebildet, während vier Fünftel Sozialdemokraten und die Hälfte ehemalige Parteisekretäre waren. Der sächsische sozialistische Minister sagte ganz unumwunden: "Weil von der Partei, die ans Ruder kommt, das Schicksal der Beamten abhängt, müssen sie bewußt und absichtlich in den Kreis der revolutionären Klassenkämpfer treten."

[263] Die Beamtenpolitik der Thüringer Regierung wurde in einer Denkschrift vom Jahre 1923 folgendermaßen gekennzeichnet:

      "Die Beamtenpolitik der Thüringer Regierung geht dahin, die Beamten immer mehr zu gefügigen Werkzeugen der herrschenden sozialistischen Parteien zu machen. In der Linie dieser Entwicklung liegt es, daß die thüringische Regierung ihren Beamten den sogenannten Beamtenrevers zur Unterschrift vorgelegt hat. Den Beamten wird darin zugemutet, daß sie eine "eidesstattliche und ehrenwörtliche" Erklärung darüber abgeben, ob sie nach Inkrafttreten der Reichsverfassung einer der im Lande Thüringen verbotenen Vereinigung – "Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund", "Deutschvölkische Jugend", "Bund der Aufrechten", "Alldeutscher Verband", "Verband nationalgesinnter Soldaten", "Stahlhelm", "Bund der Frontsoldaten", "Germanenorden", "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" – oder einer anderen Vereinigung angehört haben oder noch angehören, die an die Stelle einer verbotenen Vereinigung getreten ist oder monarchistische und antirepublikanische Ziele verfolgt. Die Vorschriften des Reverses sind für die Beamten eine schwere Gewissensbedrückung. Eine Anzahl von Maßregelungen ist tatsächlich erfolgt."

Die Inflation unterstützte außerordentlich diese sozialistische Beamtenpolitik, die letzten Endes eine Machtfrage war. Wie viele andersgesinnte Beamte wurden zu Heuchlern, aus Furcht, in dieser allgemeinen Wirtschaftsnot ihre Stelle zu verlieren. Für den, der von diesem Schlage betroffen wurde, war dies das größte Unglück, und es kam einer Verurteilung zum Hungertode gleich. Für hundert andere aber, die einen Beamtenposten zu erwischen hofften, wurde jede freiwerdende Beamtenstelle zum Gegenstand heftigster Umwerbung. Aber mehr und besser als alle Schilderungen werden diese Zustände beleuchtet durch eine Anzeige, die sich Anfang März 1920 in der Volksstimme, dem sozialdemokratischen Organ in Halle, fand. Da hieß es: "Welcher Genosse verhilft zu einer Amts- oder Gemeindesekretärstellung oder ähnlichem Posten? Entsprechende Kenntnisse vorhanden."

Der Staat wurde durch die Partei regiert, die Partei aber wurde durch die Inflation tatkräftig unterstützt. Zu einer Zeit, [264] da das deutsche Volk mit dem Hungertode rang, wurde das Beamtentum zu einer wohlbezahlten Pfründe für die Anhänger des herrschenden politischen Systems. Der Druck auf den Magen war für die deutsche Demokratie das sicherste Mittel zur Beherrschung der Staatsmaschine. Die gegnerischen Parteien brandmarkten diesen Brauch als "Futterkrippenwirtschaft", als "Raubsystem", da nicht Befähigung, sondern Parteizugehörigkeit den Ausschlag gab.

  Korruption im Beamtenstande  

Es wurde bald offenbar, daß der Beamtenstand trotz seiner günstigen wirtschaftlichen Lage von einer starken Korruption ergriffen war. Menschen, die ohne jede Vorbildung in ein Amt kamen, brachten nicht den nötigen Ernst und die sittliche Tiefe erforderlicher Pflichtauffassung mit. Oft waren sie auch schon nicht bloß wegen politischer, sondern auch wegen gemeiner Verbrechen vorbestraft. Sie ließen sich allzusehr von der Überzeugung leiten, daß die Erwerbung des Amtes lediglich der Erfolg eines Handels, eines Geschäfts, daß das Amt also selbst eine Sinekure sei, und sie betrachteten auch weiterhin ihre Stellung als eine Art Geschäft, dessen letztes Ziel sei, möglichst viel zu verdienen. Verführt durch solche Beispiele, murrten die anderen Beamten über ihr zu niedriges Einkommen und trachteten ebenfalls danach, ihre Einnahmen durch Nebengeschäfte zu vermehren, oder wenigstens die Inflationsverluste wettzumachen, die durch eine an bestimmte Termine gebundene Gehaltszahlung entstanden.

Verhältnismäßig harmlos, aber nicht anständig war der Spekulationstrieb, sofern er mit eigenem Gelde betrieben wurde. Das Spiel an der Börse wurde zur Leidenschaft. Das Studium der Kurszettel war sehr umfangreich und forderte viel Zeit. In Kürze waren einem Manne, der sonst nichts als seine Akten kannte, alle finanztechnischen Kniffe geläufig. Er bewegte sich an der Börse ebenso sicher wie in seinem Büro. Er führte ein Doppelleben und war ein halber Mann in seinem Beruf. Mit einer wahren Gier stürmte er auf alles, wo Geld zu verdienen war. Zum Verhängnis wurde die Erweckung dieser Leidenschaft bei solchen Beamten, welche Gelder zu verwalten hatten. Manche von ihnen griffen in die Kasse, um das fehlende Geld für irgendeine große Spekulation zu "bor- [265] gen". Sie waren fest entschlossen, nach geglückter Transaktion – und sie mußte glücken! – die Summe sofort wieder an ihren Platz zu tun. Oft aber wurde der verwegene Griff zur Katastrophe. Die Spekulation mißlang, das Geld wurde nicht zurückerstattet und der ungetreue Beamte büßte seine Schuld im Zuchthaus. Die Inflation hatte in manchem Beamten der Post, Eisenbahn, Gericht, Finanz, Sparkassen und Banken die Leidenschaft des Spielers geweckt. Viele hatten Erfolg im Glücksspiel an der Börse, viele aber auch wurden seine Opfer, indem sie Unterschlagungen begingen, die sie nicht wieder ersetzen konnten.

Bei anderen machte sich ein regelrechter Handelsgeist bemerkbar. Sie kauften Sachwerte, die sie zum größten Teil erst bezahlten, wenn die Entwertung weiter fortgeschritten war; im geheimen ließen sie dann durch ihre Frau und Kinder einen schwunghaften Handel treiben, oder sie betrieben ihn ungeniert auf eigene Faust. Oft war die Amtsstube nicht mehr die Stätte ernster Arbeit, sondern ein Markt, wo gefeilscht und gehandelt wurde, indem ein Kollege beim andern seine Ware möglichst vorteilhaft an den Mann zu bringen suchte. Hier war von Möbeln, Kristall, Schuhen, Kartoffeln, Fleisch bis hinab zu Likör und Seife alles zu haben. Es war nun nur noch ein Schritt, daß man auch für milde Gaben der Bittsteller aus dem Publikum eine offene Hand und ein weites Gewissen hatte. Nie blühte das Bestechungswesen so sehr wie in der Inflation. Die Käuflichkeit des Beamtentums war der Faktor, der den skrupellosen Wucherern und Schiebern bei der Durchführung ihrer Pläne förderlich war. Der ehemalige sozialdemokratische Reichskanzler Bauer erhielt Tausende von Mark von Barmat, und der Reichspostminister Hoefle gab aus Reichsgeldern Darlehen an Schieber, die ihm schließlich den Erwerb einer prächtigen Villa ermöglichten, bis auch ihn die unerbittliche Gerechtigkeit ereilte. Das furchtbarste Beispiel dieser Verworfenheit und Bestechichkeit war der sächsische Ministerpräsident Zeigner, der Leute hoch bestrafen ließ, um sich von ihnen seine Gnade teuer abkaufen zu lassen. In seiner 15 Monate währenden Ministertätigkeit verfügte er nicht weniger als 19 000 Begnadigungen, ein [266] wahrhaft lukratives Geschäft! Er büßte diesen allzu geschäftstüchtigen Geist mit drei Jahren Gefängnis und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Auch Sepp Örter, der braunschweigische Ministerpräsident, mußte vier Monate wegen Bestechung ins Gefängnis. – In jener Zeit waren nur allzu viele Beamte der Regierungen, der Finanz, der Banken, der Wohnungsämter der Bestechung zugänglich. Ehrlichkeit, Treue, Pflichterfüllung hatten sich auf einen keineswegs allzu großen Kreis des Beamtentums zurückgezogen.

  Allgemeine Not  

Zeitungen stellten ihr Erscheinen ein, weil sie nicht mehr gekauft wurden. Vom 1. Januar 1921 bis 1. Dezember 1922 gingen 243 deutsche Tageszeitungen ganz ein, 90 vereinigten sich mit andern Blättern und 167 beschränkten erheblich ihren Umfang. Drei Viertel der ständigen Bezieher hatten den Bezug der Zeitung eingestellt. Kleinbahnen und Straßenbahnen wurden stillgelegt, weil sie nicht mehr benutzt wurden. Das Briefschreiben wurde nur auf die nötigste Geschäftskorrespondenz beschränkt, um das teure Porto zu sparen.

Inflation im Briefporto.
[Bd. 3 S. 176a]      Inflation im Briefporto.      [Photo Scherl?]

Man legte sich bei Einbruch der Dunkelheit zu Bett, um keine Unkosten durch Licht und Heizung zu haben. Man starb, um keinen Arzt bezahlen zu müssen. Arbeiterfrauen wickelten ihre Säuglinge in Zeitungspapier statt in kostspielige Windeln. Überall wurde der billigste Ersatz, Leder von Pappe, Stoffe von Papier, Seife von Ton, bevorzugt. Der Fleischverbrauch war um zwei Fünftel, der Mehlverbrauch um ein Drittel, der Kartoffelverbrauch um die Hälfte gegenüber der Vorkriegszeit zurückgegangen. Sogar der Biergenuß hatte sich um zwei Drittel verringert. Die Genußmitteleinfuhr war um die Hälfte zurückgegangen; Kaffee, Tee, Gewürze, Lachs, Kaviar, Likör, Wein und Bier waren nicht für die hungernden Deutschen, sondern nur für die Ausländer und Raffkes vonnöten. Noch krasser zeigte sich der Rückgang in der Einfuhr der Luxusfabrikate: Seide, Samt, Federn, Pelze, Parfüme, Perlen, Möbel, Gold, Silber, Kinderspielzeug. Von all diesen Dingen wurde 1922 nur noch der sechste Teil gegen 1913 eingeführt! Das deutsche Volk hatte keine Bedürfnisse mehr, es hungerte!

Krankheit
  und Kinderelend  

Ein Heer von Krankheiten folgte dem Hunger. Die schweren [267] Entbehrungen des Krieges hatten die städtische Bevölkerung schon stark geschwächt. Nun kamen die neuen Qualen der Inflation. Unterernährung war eine allgemein verbreitete Erscheinung. Kinder und Erwachsene, bis zum Skelett abgemagert, starben an Entkräftung, am Hungertode. Kriegswassersucht zeigte sich, Fleisch- und Fischvergiftungen rafften viele Menschen hin, die sich im Heißhunger auf verdorbene Konserven gestürzt hatten. Ging doch der gewissenlose Geschäftssinn vieler Unternehmer so weit, sogar bewußt schlechtes Fleisch zu verarbeiten. So wurden am 1. Juni 1922 in der Neuköllner Wurstfabrik 113 Zentner verdorbenes Fleisch, 28 Zentner verdorbene Wurst und 60 Zentner Blut beschlagnahmt. Einwandfreie Ware wurde nicht gefunden. Krankenhäuser und öffentliche Anstalten, welche vor allem diese Konserven verwendeten, wurden förmlich Herde von Vergiftungsepidemien. Vor allem aber hielt die Tuberkulose eine reiche, aber traurige Ernte; im Freistaat Sachsen war jedes zehnte Schulkind tuberkulös. Die Mütter waren nicht mehr in der Lage, ihren Säuglingen die teure Milch zu kaufen. Tausende und aber Tausende dieser armen Geschöpfe starben dahin an Hunger und Krankheit. Die hohläugige und hohlwangige Schwindsucht war die treue Begleiterin des Hungers. Die Hälfte aller Schulkinder war unterernährt, blutarme, kleine, schwache Wesen, die schon morgens müde, matt und schlaff zur Schule kam. Oft hatten sie kein Hemd, keine Strümpfe, keine Unterwäsche auf dem Leibe. Hungrig und frierend, ohne Frühstück, saßen sie in ihren ärmlichen, zerrissenen Kleidern auf den Bänken und waren nicht fähig, dem Unterricht zu folgen. Es war ein stilles Dahinsiechen, ohne Lebenskraft und ‑freude. Kinder und alte Leute wurden gesehen, die zusammengekehrte Müllhaufen gierig nach Essenresten durchwühlten, um mit den besudelten Brosamen ihren vor Hunger tobenden Magen zu beschwichtigen. Die Regierungen sorgten nach Möglichkeit dafür, daß den Kindern morgens vor dem Unterricht Milch und Frühstück gegeben wurde. Barmherzige Gesellschaften des Auslandes nahmen sich der armen, elenden Würmer an. Die englischen Quäker spendeten Geld und Lebensmittel für Kinderspeisungen, Schweiz [268] und Schweden nahmen Kinder, die besonderer Erholung bedurften, während der Ferien auf.

Quäker speisen deutsche Mütter und Kinder.
[Bd. 4 S. xxx]      Quäker speisen deutsche Mütter und Kinder.      Photo Scherl.

  Not der Alten  

Die deutschen Regierungen gaben sich die größte Mühe, auch die Not der Alten, Siechen, Invaliden zu lindern. Die private Wohlfahrtspflege stand durch die rasende Geldentwertung am Ende ihrer Kraft. Kranken- und Pflegeanstalten, die hauptsächlich von wohltätigen Stiftungen existierten, konnten keine Kohlen, kein Holz, keine Lebensmittel kaufen. Die Legate und die Stiftungen waren durch die Inflation verschlungen worden. Die Zahl der Pfleglinge ging zurück, weil sie nicht mehr unterhalten werden konnten. Einsam kamen die Schwachen im Elend um, sie, denen nicht ein sicherer Zufluchtshafen offen stand. Es war Christenpflicht, daß diejenigen, die noch stark und gesund waren und schaffen konnten, sich der grausamen Not annahmen. Der "Stahlhelm" organisierte in großzügiger Weise in manchen Städten eine Volksspeisung, zu der ihm die Landwirtschaft die Lebensmittel zur Verfügung stellte. Ohne Parteiunterschied wurde täglich den Alten, Armen und Schwachen unentgeltlich ein Teller kräftiger Suppe und ein Stück Wurst verteilt.

Vernichtung des Sparsinns
  und des Nationalvermögens  

Der Sparsinn der Deutschen war längst erloschen. Hatte es noch einen Sinn, heute tausend Mark auf die Sparkasse zu bringen, wenn sie morgen nur noch die Hälfte oder gar ein Viertel wert waren? Wenn jemand noch so viel verdiente, daß er etwas erübrigen konnte, so ahmte er die Raffkes nach und brachte es durch. Hatte jemand ein Menschenalter hindurch vor dem Kriege 5500 Mark gespart, dann konnte er davon eine bürgerliche Wohnungseinrichtung von drei Zimmern und Bekleidung für ein Ehepaar mit zwei Kindern

Inflation: Ein Bleistift für ein 
Wohn- und Schlafzimmer!
[Bd. 4 S. 64a]   Inflation: Ein Bleistift
für ein Wohn- und Schlafzimmer!

Photo Sennecke.
kaufen. Mitte Februar 1923 hätte er dafür mehr als 26 Millionen Papiermark gebraucht. Von den 5500 Mark einschließlich Zinsen konnte er sich kaum noch ein Hemd kaufen. War es da ein Wunder, wenn die Sparkasseneinlagen, die im gesamten Deutschland 1913 fast 20 Milliarden Goldmark betrugen, nur auf 53 Milliarden Papiermark Mitte 1922 angestiegen bzw. auf ¾ Milliarde Goldmarkwert gesunken waren?

Auch die Industrie lag schwer darnieder. Ihre Aktien [269] waren zwar gestiegen, aber auf einen ganz geringen Bruchteil ihres ehemaligen Goldmarkwertes gesunken. Die Dividenden betrugen kaum den fünfzigsten Teil der Vorkriegszeit. [Scriptorium merkt an: d.h. weniger als 2 Prozent!]

Das deutsche Nationalvermögen war bodenlos zusammengeschrumpft. Nicht nur deshalb, weil es durch den verlorenen Krieg starke Verluste erlitten hatte, sondern auch deshalb, weil kein Geld mehr in Deutschland vorhanden war, um Sachwerte einigermaßen zu bezahlen. Das Nationalvermögen, vor dem Kriege auf über 300 Milliarden geschätzt, wurde Mitte 1922 auf 130 Milliarden geschätzt, und, wie der ehemalige Minister Gothein sagt, das war noch zu hoch. "Denn nicht auf den Anschaffungswert kommt es an, sondern auf den realisierbaren." Der aber habe beispielsweise bei Hausverkäufen in Wiesbaden nur sieben Prozent des ursprünglichen Goldwertes betragen. Der Gesamtkurswert der deutschen Aktien, der vor dem Kriege, am 31. Dezember 1913, über 31 Milliarden Goldmark betrug, war Ende 1922 nur kaum 5 Milliarden wert. Da strömten die Fremden aus aller Herren Länder herzu, kauften Häuser und Fabriken zu billigem Preise und drückten die Deutschen in Abhängigkeit hinab. Das deutsche Volk wurde ein Tagelöhnervolk. Was galt Besitz? Was galt Vermögen? Sie zerrannen unter den Händen. Das höchste Gut, das erstrebenswerteste, war die Dienststellung in einer Behörde, in einer Fabrik. So setzte ein wahrer Ansturm auf die "gesicherte Lebensstellung" ein. Die Handwerker schlossen ihre Werkstätte und suchten ihr Brot in der Fabrik. Die Söhne mit dem Reifezeugnis des Gymnasiums oder mit einigen Semestern Studium strebten nach dem Posten eines Büroschreibers oder Buchhalters. Die höheren Töchter erlernten Stenographieren und Maschineschreiben, um Geld zu verdienen und um sich die Aussteuer Stück für Stück anschaffen zu können, die die Väter nicht mehr bezahlen konnten. Oft wurden zwei, drei Kinder einer Familie erwerbstätig. Es gab kaufmännische Betriebe, welche nur Abiturienten als Lehrlinge einstellten. So einschneidend wirkte der Verlust des Besitzes durch die Inflation! –

  Spielleidenschaft  

Eine Spielwut sondergleichen hatte weite Kreise des Volkes ergriffen. Man verachtete das Geld und das Leben und sah in [270] diesem selbst nichts anderes als ein Glücksspiel. In der Kaschemme und im Prunksaal des Luxushotels herrschte der gleiche Geist entfesselter Spielleidenschaft. Nächtelang, bis in die frühen Morgenstunden hinein, saßen in den abgelegensten Dörfern die aufgeregten Spieler, in der Mehrzahl die ganze männliche Bevölkerung, zusammen und verspielten Haus und Hof, Hab und Gut, während die Frauen zu Hause kaum ein Stück Brot hatten, um ihren schreienden Kindern den Hunger zu stillen. Im Winter 1921/22 beklagten sich viele Frauen von Hamburger Werftarbeitern bei der Kriminalpolizei, daß ihre Männer und Familienernährer auf den Elbefährdampfern ihren ganzen Wochenverdienst im Spiele verloren hätten und die Familie also hungern müßte. Im März 1922 überraschte eine Polizeistreife an einem Lohntage auf einem Fährdampfer zwischen Deutscher Werft und St.-Pauli-Landungsbrücke in Hamburg neun Glücksspieler beim Hasardspiel "Die krumme Sechs". In allen großen Städten bestanden verborgene Spielhöllen, die hauptsächlich von Großverdienern und Neureichen besucht wurden.

  Verbrechen  

Nicht nur Not und Jammer und Tod hatte die Inflation zur Folge, sie züchtete auch einen großen verbrecherischen Geist. Da, wo er nicht durch den Besitz von Geld gezähmt und übertüncht war, äußerte er sich in seiner ganzen brutalen und nackten Roheit. Gewalttaten und Blutvergießen häuften sich. Schiffe und Speicher, Eisenbahnzüge und Postsendungen wurden systematisch überfallen, beraubt und geplündert. Der Diebstahl in Fabriken und Güterschuppen nahm ungeheure Formen an, so daß ein Heer von Beamten nur für den einen Zweck eingerichtet werden mußte, diese Diebstähle zu verringern und zu verhindern. Die Deutsche Werft und die Vulkanwerft im Hamburger Freihafengebiet mußten mehr als 40 Kontrolleure anstellen, um die umfangreichen Metalldiebstähle nicht zu verhindern, aber zu verringern. Zahlreiche Händler hatten sich in der Nähe der Werften niedergelassen, die lediglich das gestohlene Gut kauften. Auf dem Altonaer Fischmarkt arteten die Fischdiebstähle der Hallenarbeiter geradezu ins Unglaubliche aus. In den Kruppschen Werken wurden Millionenwerte gestohlen. 240 [271] Personen wurden mit insgesamt 17 Jahren Zuchthaus, 33 Jahren Gefängnis, 28 Jahren Ehrverlust und 8000 Mark Geldstrafe bestraft. Im Frühjahr 1922 wurden im Hamburger Freihafen 15 Matrosen und Heizer ertappt, welche Stiefeln, Kleidungsstücke, Lebensmittel, ja 16 Thermometer gestohlen hatten. Auf dem Görlitzer Bahnhof in Berlin verschwanden die Frachtgüter. Sieben Rangierer hatten sich zusammengetan, um die Güterwagen planmäßig zu berauben und das gestohlene Gut sofort zu verkaufen. Arbeiter und Angestellte, welche Vorsitzende und Mitglieder des Betriebsrates waren, fälschten Frachtbriefe und unterschlugen die Sendungen. Der Kutscher eines großen Speditionsgeschäftes schaffte das Diebesgut, meist Tuchstoffe und Wollwaren, zu seinem Schneider, der Anzüge und Kostüme daraus fertigte und mit gestohlenen Naturalien bezahlt wurde. Ein andermal wurden fünf Zollbeamte als Güterräuber verhaftet.

Für die Falschmünzer war das goldene Zeitalter angebrochen. War es doch so leicht, die aus unedlem Metall, Zinn, Aluminium, hergestellten Münzen nachzuahmen, die Geldscheine nachzudrucken, auf die bei der milliardenweisen Anfertigung keine besondere Sorgfalt verwendet werden konnte. Fast in allen Städten gab es verschwiegene Keller mit geheimnisvollen Apparaten und Maschinen, die sich befleißigten, der Reichsdruckerei die Arbeit zu erleichtern. Falsche Geldscheine durchschwirrten das Land, und man gab sich kaum die Mühe, sie vom richtigen Geld zu unterscheiden. Glaubte jemand einen unechten Schein in der Tasche zu haben, so ging er in den nächsten Bäckerladen und kaufte ein Brot dafür. Der Kampf aller gegen alle nahm ganz bizarre Formen an.

  Mundraub  

Mundraub war eine alltägliche Erscheinung. Bestellte ein Bauer im Frühjahr sein Kartoffelfeld, dann stellte sich nachts eine hungrige Meute ein und grub die Kartoffeln wieder aus, die am Tage gesteckt worden waren. Nahte die Ernte, dann erschienen im nächtlichen Dunkel Scharen von Männern mit Spaten, Säcken und Dreschflegeln,

Feldzug gegen Kartoffelraub in der Inflation.
[Bd. 4 S. 64b]      Feldzug gegen Kartoffelraub
in der Inflation.
      Photo Scherl.
ernteten Kartoffeln, wo sie keine gesät hatten, und draschen den Weizen, den Gott und der Bauer für sie hatte wachsen lassen, an Ort und Stelle auf dem Stoppelfeld. Hatte jemand geschlachtet, dann stellten sich [272] bereits in der Nacht die ungebetenen Gäste ein und entführten in aller Stille Schinken, Speck und Würste. Einsame Hecken und Wiesen waren für Gänse und Hühner verhängnisvoll. Kühe wurden nachts von der unbewachten Weide fortgetrieben.

Massenmörder hat es zu allen Zeiten gegeben. Kaum aber dürfte den blutigen Verbrechen die Menschenfresserei gefolgt sein, wie dies bei dem Massenmörder Haarmann in Hannover während der fünf Jahre der Inflation der Fall war. Dieser entmenschte Geselle wurde durch seine widernatürliche, homosexuelle Veranlagung zum Mörder. Er mordete von 1919 bis 1923 an die 25 junge Männer, deren Leichen er zerstückelte und als Schweinefleisch höchst billig an die notleidende niedere Bevölkerung verkaufte. Zwar waren seine Abnehmer nur Dirnen und Zuhälter, aber grausam und beschämend war die Tatsache, daß in einer hochstehenden Kulturnation Fälle von Menschenfresserei vorgekommen waren – eine Folge der Inflation und ihrer teuren Preise.

  Raub und Schändung  

Daß man bei Gutsbesitzern und Fabrikdirektoren einbrach, um Silber zu stehlen, kam auch anderwärts vor. Daß man aber die letzten Schranken der Scham und der Scheu niederriß und selbst Gotteshäuser nicht verschonte, war vor allem ein Zeichen des Inflationszeitalters. Kirchen wurden von Dieben heimgesucht und die kostbaren Geräte geraubt; sie wurden barbarisch zerbrochen und zerstückelt, um leichter verkauft werden zu können. Selbst vor Leichenschändungen schreckte man nicht zurück. Die in Kirchen und Kapellen aufgestellten Särge wurden geöffnet. Den Toten wurden die Ringe vom Finger gestreift, jeder Schmuck, ja oft sogar noch die Kleider weggenommen. Selbst Grüfte wurden erbrochen und von den entmenschten Räubern geplündert, wie dies bei der Fürstengruft in Weimar Ende September 1923 geschah.

Hatte man vor den Toten keine Achtung mehr, so hatte man erst recht keine vor den Lebenden. Das Leben des Menschen galt nichts, keinen Deut mehr, um so höher aber bewertete der Straßenräuber alles das, was der lebende Mensch mit sich herumtrug. Sehr häufig waren die Fälle, daß einsame Wanderer nachts an entlegenen Stellen überfallen und splitternackt ausgezogen wurden. Dann ließ man sie laufen. Das Hemd, die Kleider, [273] die Schuhe, der Hut, all dies war eine kostbarere Beute als Milliardenscheine, für die man sich kaum einen Teil dieser Ausstattung kaufen konnte.

  Kommunistische Überfälle  

Dieser verbrecherische Zeitgeist kam besonders den Kommunisten zustatten. Anfang Dezember 1921 verübte eine Räuberbande verwegene Überfälle auf die Deubener Bank, auf die Zechenkasse der "Grube Alwine" in Bruckdorf bei Halle, auf den Kassierer der Glasfabrik Siemens. Die Taten wurden, nach dem Vorbild von Hölz, mit Kraftwagen und Revolver ausgeführt. Die Bande erbeutete insgesamt ¾ Millionen Mark. Sie bestand aus fünf Männern und einem Mädchen! Ihr Anführer war der kommunistische Wanderredner Karl Robert Plättner, der lange den Nachforschungen der Polizei entging. Die Zusammenkünfte der Bande fanden in verschiedenen Lokalen statt. Durch besondere Kuriere wurden die Mitglieder nach einem dieser Lokale hinbeordert. Dort fand auch eine genaue Verteilung der Beute aus den Raubzügen statt. Auch Mitglieder, die nicht tätig mitgewirkt hatten, erhielten ihren Anteil, alle eine Summe, die als fester Wochenlohn galt. Plättner jedoch behielt den Hauptanteil für sich, um, wie er sagte, damit einen besonderen Fonds anzulegen, aus dem Verhaftete und Hinterbliebene unterstützt werden sollten. Die Räuber waren mit falschen Papieren versehen, welche ihnen von der Kommunistischen Partei ausgestellt waren. In Hohenerxleben im Kreise Bernburg wurde Anfang Januar 1922 die große Scheune des Rittergutes mit Getreide im Werte von 60 000 Mark ein Raub der Flammen. Der Brandstifter war ein Kommunist, der angab, aus politischen Gründen Feuer angelegt zu haben.

Im Jahre 1923 wurden fast zwei Prozent der gesamten strafmündigen deutschen Bevölkerung durch den Strafrichter verurteilt, während es 1912 kaum 0,9 Prozent, 1925 dagegen 5¼ Prozent waren. Fast eine Million Verurteilungen wurden 1923 ausgesprochen, während es 1912 und 1925 kaum 600 000 waren! 40 Prozent aller abgeurteilten Straftaten waren Diebstähle jeder Art. Auch Mord, Raub und Erpressung, Unterschlagung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Hehlerei, Glücksspiel und Lotterie wurden wesentlich [274] zahlreicher abgeurteilt als früher. So zeigte sich die Not der Inflation in der ungeheuren Zunahme aller Verbrechen gegen Leben, Geld und Eigentum.

  Unsittlichkeit  

Die ganzen Zustände jener Zeit führten auch zu einer bedenklichen Lockerung der Sitten. Die drückende Not führte zu einer sehr starken Verbreitung des offenen und geheimen Dirnentums. Auf den Straßen und in den Betrieben zeigten sich jene Geschöpfe, die sich schamlos in Wort und Tat gebärdeten und zu Exzessen reizten, um damit einige Geldscheine zu verdienen. Nacktkultur und Schundliteratur standen in vollster Blüte. Unsittlichkeit war pikant und wurde mit ungenierter Offenheit verlangt. Nicht nur jugendliche Arbeiter verpraßten ihren Wochenlohn in Dirnenhäusern oder füllten die Lichtspieltheater, die, um zu verdienen, genötigt waren, ihre Darbietungen dem Wunsche ihrer Besucher anzupassen. Die Inflationsgewinnler bevölkerten die Theater, die demselben Geiste entsprachen, oder besuchten die Kabaretts und Varietés, wo allabendlich Dutzende von nackten Tänzerinnen sich dem Publikum präsentierten. In breiter Öffentlichkeit propagierten die Kommunisten das Recht der freien Liebe und der Abtreibung der Leibesfrucht, so daß der Staatsanwalt oft gezwungen war, einzuschreiten. Abtreibungen, Kindesmord und Kindesaussetzungen häuften sich, teils infolge der Lockerung der Sittlichkeit, teils infolge der ungeheuren wirtschaftlichen Not. Bezeichnenderweise war die Zahl der 1923 wegen Notzucht Verurteilten geringer als 1912 und 1925, nicht etwa deshalb, weil die Masse des Volkes sittlicher geworden war, sondern weil ein großer Teil der betroffenen Frauen und Mädchen, infolge der herrschenden Not zu Dirnen geworden, die Angelegenheit lieber durch Geldscheine als durch Strafparagraphen regulieren ließ.

War es nicht eine trostlose, wirtschaftliche und sittliche Zerrüttung, in der sich das deutsche Volk befand? Hier setzte man sich gewissenlos über alle sittlichen Bedenken hinweg, man bestahl, betrog, bewucherte, mordete seinen Mitmenschen und spottete aller göttlichen Vergeltung, dort stöhnte man in Verzweiflung und krümmte sich im Hungertode, setzte man seinem Leben selbst in Not und Elend ein Ziel. Hatte es [275] nicht den Anschein, als sollte das deutsche Volk endgültig zugrunde gehen an der Entfesselung all jener wilden Instinkte des Kampfes aller gegen alle? Das Verbrechen und der Tod waren gut organisiert. Der Glaube an alles Große, Befreiende, Göttliche, war durch den Hunger erdrosselt worden, und das von der Weltgeschichte gezeichnete Volk taumelte seinem Untergang entgegen. Das Geld allein beherrschte das Leben, wer es besaß, war der Mächtige, wer keines besaß, war zum Tode verurteilt.

  Die deutsche Kulturschicht  

Und dennoch war dies nicht die letzte Macht, die das Schicksal des Volkes bestimmte! In der schweren Feuerprobe jener Inflationszeit erwies es sich, daß die deutsche Kultur und die, welche ihr dienten, doch stärker waren als alle materiellen Katastrophen. Die geistige Aristokratie des Volkes entschied das Schicksal zu Deutschlands Gunsten mehr durch ihr tapferes Aushalten in der Inflation als durch ihre Teilnahme am Kampfe der Parteien. Das stille, selbstvergessene, pflichtbewußte Heldentum der akademischen Jugend verhinderte, daß die gesellschaftliche Erschütterung zum Kulturumsturz führte, es bewirkte, daß auch nach dem Verlust von Geld und Reichtum noch Geist und Bildung die führende Macht des deutschen Volkes blieben. Nicht das geräuschvolle Hinstapfen Raffkes an die Spitze des deutschen Wirtschaftslebens leitete eine neue kulturlose Epoche der deutschen Gesellschaftsgeschichte ein, sondern die stille, aber um so entschlossenere Bekämpfung Raffkes durch Deutschlands geistige Schicht verhinderte den drohenden Kulturzusammenbruch!

Die Wissenschaft und ihre Kulturpioniere hatten unter grausamer Not zu leiden. Universitäten, wissenschaftliche Institute, Laboratorien, Bibliotheken, Sammlungen konnten nur die allergeringsten Mittel von Reich und Staat erhalten. Sie waren kaum lebensfähig, geschweige denn ausbaufähig. Wissenschaftliche Veröffentlichungen waren unmöglich. Doktordissertationen wurden nicht mehr gedruckt, alte, bedeutende Zeitschriften stellten das Erscheinen ein. Die Wissenschaft half sich selbst durch die von ihr gebildete Notgemeinschaft, welche alle Freunde der deutschen Universitäten in Landwirtschaft, Handel und Industrie vereinigte. Hierdurch kamen Spenden ein, welche die äußere Not abwendeten, andererseits bildete [276] sich ein festerer Zusammenschluß aller Freunde der Kultur über die Grenzen der Universität hinaus als Abwehrdamm gegen die drohend emporstrebende kulturlose Schicht der Neureichen, – dieser Neureichen in Staat und Wirtschaft.

  Werkstudententum  

Die deutschen Studenten waren vor allem die Söhne des notleidenden Mittelstandes und der mittleren und höheren Beamten – jenes Teiles der alten Beamtenschaft, der nicht von den Lasten und Sünden der Inflation angegriffen war. Die Einnahmen dieser Schichten reichten aber gerade dazu aus, ein höchst notdürftiges und bescheidenes Dasein zu führen, die Kosten für Wohnung und Nahrung zu bestreiten, während für die Kleidung wenig übrigblieb, für die Erziehung der Kinder aber fast nichts. Nach dem Verlust des Vermögens war es sehr vielen Vätern unmöglich, auch wenn sie in höheren Beamtenstellen waren, den Sohn auf der Universität studieren zu lassen. Aber der scharf ausgeprägte kulturelle Selbsterhaltungstrieb der geistigen Oberschicht war stärker als die materielle Not. Man fand einen Ausweg der Selbsthilfe. Der wahre Adel geistiger Bildung überwand alle sozialen Vorurteile, und in dieser Tatsache lag die gewaltige schöpferische Kraft der deutschen Zukunft. Die Studenten, die einst ein frohes, unbekümmertes Leben mit dem väterlichen Wechsel in der Tasche führten, waren mutig und stark genug, alle Entbehrungen und Härten des Lebens zu ertragen und durch eigener Hände Arbeit sich die Mittel für Lebensunterhalt und Studium zu verdienen. Sie stiegen herab von der Höhe ihrer harmlosen Lebensfreude und hinein in die bedrückende Sphäre unbarmherziger körperlicher Arbeit. Mehr als drei Fünftel der etwa 100 000 deutschen Studenten unterzogen sich zum Teil schwerster körperlicher Arbeit und betrieben dabei gleichzeitig ihr Studien. Hatten sie am Tage ihre Vorlesungen besucht, dann verrichteten sie abends und nachts schriftliche Arbeiten, die ihnen ein geringes Entgelt einbrachten. Manche übten einen vollen Beruf aus, als Buchhalter, Schreiber usw., und konnten sich erst in den Abend- und Nachtstunden ihrer Wissenschaft widmen. In den Ferien ging die akademische Jugend in die Bergwerke und Fabriken, der Student stand neben dem Arbeiter am Schraubstock oder an [277] der Drehbank, er bediente Maschinen und förderte gemeinsam mit dem Bergmann die Kohle. Er ging hinaus in die Dörfer und half dem Landmann in Sonnenbrand und Wettersturm die Ernte bergen. In heroischer Selbstverleugnung und Entsagung brachte er dem Dienste des Geistes und der Wissenschaft jedes Opfer. Seine Tatkraft stählte sich, seine Zähigkeit wuchs, und aus der trübe rauschenden Flut der Inflation ragte von Jahr zu Jahr mächtiger und leuchtender der Fels, auf den sich Deutschlands Zukunft gründete: die Macht des Geistes und der Kultur, die alle irdischen Schwierigkeiten überwand, um dem Sturme zu trotzen.

In den Sommerferien 1921 arbeiteten etwa 10 000 deutsche Studenten in Bergwerken, Fabriken und auf Gütern, im folgenden Sommer war es bereits die sechsfache Anzahl, die sich auf diese Weise das Studium im Winter ermöglichte. Das war die jeunesse dorée Deutschlands, die nicht, getrieben von erschlaffender Genußsucht und Geldgier, Gütern nachjagte und sich an dem wahnsinnigen Taumel der Genießer beteiligte, die auch nicht alles verloren gab und das Leben in Ekel und Verzweiflung von sich warf, sondern die, auf sich selbst gestellt, die freudige Kraft in sich spürte, ihr Schicksal zu meistern! Das Doppelleben in Hörsaal und Werkstatt erforderte gewaltige seelische Opfer, enorme Opfer an Nervenkraft. Was aber wollte das besagen, wo es um das Schicksal der Nation ging auf ein Menschenalter, auf hundert Jahre oder länger hinaus, vielleicht auf ewig? Während alles versank, blieb die Macht der Kultur bestehen. Diese Fähigkeit zu Opfer und Entsagung, welche die Jugend der am härtesten betroffenen Volkskreise Deutschlands bewies, war die schützende Macht. Die deutsche Studentenschaft war das Bollwerk, welches verhinderte, daß die aufgewühlte Sturmflut der Inflation auch die deutsche Gesellschaft mit in den Abgrund riß. In Frankreich und Rußland brachten die großen politischen Revolutionen und die damit verbundene Inflation auch gewaltige, dauernde gesellschaftliche Umwälzungen mit sich, weil die führenden Schichten, die Träger der Kultur, entnervt und erschlafft waren, keine Kraft mehr besaßen. In Deutschland zeigte sich, daß die geistige Führerschicht, an der Adel, Bürger- [278] tum und Mittelstand teilhatten, einen granitenen Kern besaß und allen Stürmen gewachsen war. Aus diesem souveränen Stolz der Selbstbehauptung leitete die deutsche Studentenschaft das wohlbegründete Recht ihrer freien Selbstverwaltung und der Kritik an der demokratischen Verfassung und an ihren Nutznießern her.

Auch hatte sich unter den Akademikern ein System der Selbsthilfe herausgebildet. Sie stellte billige Studentenwohnungen zur Verfügung, verschaffte wohlfeile Kohle und richtete akademische Speiseanstalten ein, in denen für wenig Pfennige eine gute und kräftige Mahlzeit geboten wurde. Auch an hochherzigen Zuwendungen reicher Deutsch-Amerikaner und Amerikaner fehlte es nicht. Die für diese Zwecke eingehenden Dollarspenden wurden ausschließlich für studentische Wohlfahrtszwecke verwendet. Auch Lesehallen wurden eröffnet, in denen man sich bis in die späten Abendstunden aufhalten konnte, um Licht und Heizung zu ersparen. –

  Wohnungsnot  

Eine besonders üble Begleiterscheinung der Inflation war die Wohnungsnot. Der Wohnungsmangel begann bereits während des Krieges. Die Zahl der Eheschließungen nahm infolge der Kriegstrauungen zu; die Bautätigkeit dagegen wurde immer geringer, da die notwendigen Baustoffe für Kriegszwecke gebraucht wurden. Am Ende des Krieges, November 1918, schätzte man die Zahl der in Deutschland fehlenden Wohnungen auf 500 000 bis 800 000. Erst jetzt, nach dem verlorenen Krieg, spürte das deutsche Volk die furchtbare Schwere der Wohnungsnot. Das Heer strömte zurück, Flüchtlingsscharen kamen ins Land. 1921 berechnete man die nicht vorhandenen Wohnungen auf eine Million, davon entfielen allein 100 000 auf Berlin! Ende 1922 wurde der Wohnungsbedarf sogar auf annähernd anderthalb Millionen geschätzt! Zwei Millionen Wohnungen brauchte das deutsche Volk seit 1914, 620 000 konnten also nur beschafft werden durch Neu-, Auf-, Um- oder Einbauten und leer gewordene alte Wohnungen. Hunderttausende von kinderreichen Familien wurden in wenige und kleine Räume zusammengepfercht, Volkskrankheiten, vor allem Tuberkulose, und sittliche Verwahrlosung breiteten sich aus.

[279] Durch die Umschichtung der wirtschaftlichen Verhältnisse ergaben sich weitere Schwierigkeiten im Wohnungswesen. Die Kriegsgewinnler, die Schieber und Neureichen begehrten große, herrschaftliche Wohnungen. Auch ein Teil der Arbeiter, die jetzt bessere und höhere Löhne erhielten, strebte nach größeren Wohnungen. Doch dies Moment war nicht sehr nachhaltig, denn Arbeiter und Angestellte verwandten meist ihren höheren Verdienst für bessere Ernährung und für Vergnügungen, in zweiter Linie für Kleidung und ganz zuletzt erst für Wohnung. Zudem kam hier die Unsicherheit des Arbeitsverhältnisses hinzu, die drohende Gefahr der Erwerbslosigkeit und der damit verknüpften Unfähigkeit, weiterhin eine große Miete zahlen zu müssen. Die Angehörigen des mehr und mehr verarmenden Mittelstandes dagegen versuchten ihre mittleren Wohnungen gegen Kleinwohnungen einzutauschen. Auch aus den oberen Schichten fand eine Abwanderung aus großen Wohnungen in mittlere statt, um der von der Behörde angeordneten Zivileinquartierung Wohnungsloser zu entgehen. Jedoch zeigte sich, daß die Abwanderung der oberen und mittleren Schichten in kleinere Wohnungen wesentlich größer und erheblicher war als das Streben der besser bezahlten unteren Schichten nach größeren Wohnungen. Hervorgerufen durch die Wirtschafts- und Währungsnot, ließ sich im deutschen Volke der vorherrschende Zug nach beschränkten kleinen Wohnungen deutlich erkennen. Viele allerdings mußten in ihren großen Wohnungen bleiben, da es nicht so viel Kleinwohnungen gab, wie gesucht wurden. Dieser Zwang führte dazu, daß die Inhaber großer Wohnungen einen Teil ihrer Räume an Untermieter weitervermieteten. Dies "Abvermieten" erwies sich bald als eine besonders gute Einnahmequelle, und viele in Not geratene Familien machten einen einträglichen Erwerb daraus, und es wurde bald festgestellt, daß das Unter- oder Aftermietwesen in Deutschland eine weitverbreitete Erscheinung war.

Das Reich, die Länder und die Gemeinden versuchten auf die verschiedenste Weise, der Wohnungsnot abzuhelfen. Große Wohnungen wurden beschlagnahmt und mit "Zwangsmietern" belegt. Dieses System entwickelte sich bald zu einer Art [280] politischer Dragonade, indem sozialistische Gemeindebehörden in erster Linie kinderreiche Arbeiterfamilien in die gepflegten Wohnungen des wohlhabenden Bürgertums einquartierten. Dies geschah "von Amts wegen" in Tausenden von Wohnungen. Kasernen, Schulen, Hotels und studentische Verbindungshäuser wurden in Kleinwohnungen aufgeteilt, Lagerschuppen, Wagenremisen, Ställe, Dachböden und dumpfe Keller wurden als Wohnungen hergerichtet. Neue Häuser wurden kaum gebaut infolge der damit verbundenen ungeheuren Schwierigkeiten. Zunächst fiel die große Verteuerung des Bauens ins Gewicht. Anfang 1921 kostete die Errichtung eines Hauses das Zehn- bis Fünfzehnfache, zwei Jahre später über das Viertausendfache des Preises von 1914! Die Inflation entwertete das Geld, die Löhne waren gestiegen, die Arbeitsleistung war gesunken infolge des Achtstundentages, der allgemeinen Arbeitsunlust, der vielen Streiks. Vor allem herrschte ein großer Mangel an Baustoffen, besonders an Kohle, da diese durch den Friedensvertrag zum Zwecke der Reparationen an Frankreich abgeliefert werden mußten. So war die Unternehmungslust durch die Unsicherheit der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aufs äußerste gehemmt. Wer auch hätte die ungeheuren Mieten bezahlen sollen, welche die Folge dieser allgemeinen Teuerung waren? Es war keine Seltenheit, daß ein Neubau, der vor dem Kriege in wenigen Monaten aufgeführt wurde, sich jetzt über Jahre erstreckte, ehe er fertiggestellt werden konnte. Bald fehlte es an Steinen, bald fehlte es am Geld, bald war wieder ein Streik ausgebrochen. Unterdessen heulte der Wind durch die kahlen Mauern, und Schnee und Regen sammelten sich in den hohlen Räumen und wurden von den roh aufgeführten Wänden aufgesogen.

Es bildeten sich gemeinnützige Siedlungsgenossenschaften, deren Mitglieder solche Leute waren, die nach einer Wohnung verlangten. Oft wurden sie die Opfer betrügerischer Spekulanten. Vor den Städten entstanden Siedlungen, armselige, einstöckige Hütten, in langen, nüchternen Reihen aneinandergelehnt. Aus Lehm, Asche und Schlacke waren sie zusammengebacken, und es ereignete sich, daß die braunen Wände bei heftigem Gewitterregen sich in Brei verwandelten [281] und unter dem Dach davonflossen. Die großen Industriebetriebe und die Gutsbesitzer linderten die allgemeine Not dadurch, daß sie für ihre Angestellten und Arbeiter Siedlungshäuser errichteten, in denen sogenannte "Werkswohnungen" für ein, zwei oder mehrere Familien vorhanden waren. Leichte, hölzerne Lauben in den Schrebergärten, kaum nur einen einzigen kleinen Raum fassend, wurden als Wohnungen benutzt. In diesem einzigen Raume wurde gekocht, gewohnt und geschlafen, oft zu dritt, zu viert und zu fünft. Von den ausgemusterten Güterwagen der Reichsbahn wurden die Räder entfernt, während das Gehäuse, auf Sockel gesetzt, eine obdachlose Familie beherbergte. Einsiedler gingen sogar dazu über, sich im Walde oder auf dem Felde Höhlen und Unterstände zu schaffen, um so der Obdachlosigkeit zu entgehen. – Die Wohnungsnot war die furchtbarste und aufreibendste Folge der Inflation, und an ihr ist das Glück und die Existenz von Tausenden von Familien gescheitert. Männer verließen ihre Frauen, Brüder lebten mit ihren Schwestern in Blutschande. Es war eine elementare Not, der gegenüber die Menschen und ihre Regierungen machtlos waren. Das Reich, die Länder, die Gemeinden steuerten Millionen und Milliarden bei, um neue Wohnungen und Häuser bauen zu helfen. Doch umsonst! Der unerbittliche Moloch Inflation fraß diese Summen, ohne auch nur eine Spur zurückzulassen.

Kleinkrieg zwischen
  Hausbesitzer und Mieter  

Je unerbittlicher der Mangel neuer Häuser das Volk bedrückte, um so fester klammerte sich der Inhaber einer Wohnung in einem alten Hause an diese. Diese Angst, die Wohnung zu verlieren, führte geradezu einen Krieg zwischen Hausbesitzer und Mieter herauf. Der Bürger sah in seiner Wohnung, nachdem er alles verloren hatte, den letzten Besitz, den er zäh verteidigte. Wurde ihm auch der noch genommen, wurde er seines Obdachs beraubt, welche Schranke trennte ihn dann noch vom Bolschewismus? Der Bürger hielt mit grausamer Entschlossenheit an seiner Wohnung fest, diesem Wrack seines früheren Wohlstandes. Der Arbeiter zitterte vor der Mietpreissteigerung. Im Banne des Schlagwortes vom Bodenwucher sah er im Hausbesitzer den "Hausagrarier", der ihn durch wucherische Mieten bedrückte, ihm seine Einnahmen [282] schmälerte. Er betonte sein Recht auf Wohnung als das primitivste Recht jedes Kulturmenschen und redete deshalb der Sozialisierung des Hausbesitzes das Wort. So kam es, daß Bürgertum und Arbeiterschaft sich zu einer geschlossenen Front gegen die Hausbesitzer vereinigten, aus zwei ganz verschiedenen Motiven: das Bürgertum aus Angst vor seiner gänzlichen Verproletarisierung, die Arbeiterschaft aus Haß gegen die Besitzenden. Die geschlossene, zahlenmäßig überlegene Mieterfront marschierte gegen die Miethausbesitzer auf, wobei die Regierungen auf Seiten der Mieter, des zu schützenden wirtschaftlich schwächeren Teiles, standen.

  Mietsgesetzgebung  

Die Mietsgesetzgebung im Zeichen der Inflation war ein Dornenweg für beide Parteien. Aus notwendigem Mieterschutz geschaffen, wurde sie zur Härte für den Hausbesitzer und den Mieter. Die während des Krieges eingeführte Wohnungszwangswirtschaft wurde nicht nur aufrechterhalten, sondern verschärft. Mit rigoroser Strenge und stets wacher Eifersucht wahrten die Wohnungsämter ihr alleiniges Recht, den Wohnungsuchenden die Wohnung zuzuteilen. Zu diesem Zwecke wurden Kontrollkarten ausgegeben, die nummernweise registriert und langsam oder gar nicht mit Wohnungen beliefert wurden. Geschah es, daß ein Mieter ohne Besitz einer Karte des Wohnungsamtes eine leere Wohnung mietete, dann erschien plötzlich der zuständige Beamte und räumte die Wohnung, indem er kurzerhand das gesamte Mobiliar auf die Straße setzen ließ. Sämtliche Wohnungen, welche bis zum 1. Juli 1918 in Deutschland existierten (sogenannte "Altwohnungen"), waren auf diese Weise von der Behörde beschlagnahmt und der freien Verfügungsberechtigung ihrer Inhaber und Besitzer entzogen. Indem man denjenigen, die eine Wohnung besaßen, vor Augen führte, wie ungemein glücklich und bevorzugt sie vor denen seien, die wohnungslos wären, nahm der Reichstag Ende Juni 1921 ein Gesetz über die "Abgabe zur Förderung des Wohnungsbaues" an, wodurch die Länder verpflichtet wurden, von den Hausbesitzern und Mietern sämtlicher vor dem 1. Juli 1918 fertiggestellten Häuser eine Hauszinssteuer zu erheben, deren Ertrag für den Neubau von Wohnungen bestimmt sein sollte. Den Gemeinden wurde das Recht [283] gewährt, zu dieser Steuer Zuschläge zu erheben. In Anbetracht der ungeheuren Wohnungsnot bedeutete diese Steuer, die gleichmäßig Hausbesitzer und Mieter betraf, allerdings das Eingeständnis eines Bankerottes der bisherigen Wohnungspolitik in Reich und Ländern, die bisher durch das Mittel der festen Zuschüsse die Bauunternehmer zum Bauen neuer Häuser anzureizen hofften, doch die von Zwangseinquartierungen geplagten Besitzer und Mieter erwarteten in Kürze eine merkliche Entlastung ihrer sogenannten "Altwohnungen". Darin allerdings hatten sie sich gründlich getäuscht, denn bald offenbarte es sich, daß die durch die Hauszinssteuer aufgebrachten Summen infolge der fortschreitenden Geldentwertung kaum ausreichten, um die zur Verwaltung dieser Abgabe notwendigen Beamten zu besolden. Dies führte zur Mißstimmung besonders unter den Hausbesitzern, welche die berechtigte Auffassung vertraten, daß dem Wohnungsbau besser gedient würde, wenn ihnen die Hauszinssteuer, auf welche sie bei der künstlichen Herabdrückung der Mieten Anspruch erhoben, zuflösse. Man würde dann auf dem Wege des freien Kapitalverkehrs wieder Mittel erübrigen können, die, als Hypotheken ausgegeben, der Bautätigkeit mehr nützten, als die jetzt nur zur Bezahlung von Beamten verwendeten Hauszinssteuererträge. In der Tat scheiterte das staatliche Monopol der Wohnungswirtschaft, das an sich eine Art Sozialisierung darstellte, schließlich vollständig.

Inzwischen führte die Inflation und die damit verbundene Unfähigkeit, neue Häuser zu errichten, zwangsläufig zu Maßregeln, welche einer tatsächlichen Enteignung des Hausbesitzers so gut wie gleichkamen. Es war dies die Folge der von den bürgerlichen und proletarischen Mietern gemeinsam erhobenen Forderung auf Schutz der eigenen Wohnung. Das Reichsmietengesetz vom März 1922 sollte den Mieter gegen jede ungerechtfertigte Mietssteigerung schützen, dagegen dem Hausbesitzer die zur Erhaltung des Hauses erforderlichen Mittel geben. Dies war ohne Zweifel eine Tendenz, die gewisse Konflikte mit sich bringen mußte, besonders aus dem Grunde, da sich die Hauszinssteuer zwischen Mieter und Hausbesitzer geschoben hatte, welche zwar die Mieter belastete, aber dem [284] Besitzer seine Einkünfte schmälerte. Die heikle Frage wurde gelöst, indem man dem Besitzer jegliche Grundrente versagte, denn dies war ja die tatsächliche Auswirkung der Bestimmung, daß die Grundrente nach dem Friedensstande in vollkommen entwerteter Papiermark berechnet blieb, ohne durch irgendwelche Entwertungszuschläge erhöht werden zu können. Diese drakonisch harte Maßnahme zog das Elend aller Hypothekengläubiger nach sich, da ihre Kapitalien und Zinsen infolge der entwerteten Hausrente ebenfalls nicht im geringsten aufgewertet werden konnten. Das Gesetz gehörte zu denjenigen Maßnahmen der Regierung Wirth, welche den stark vorherrschenden sozialistisch-proletarischen Charakter dieses Kabinettes deutlich offenbarten. Unter seinem Einfluß kam es allmählich dahin, daß die Ausgaben für Miete, die vor dem Kriege durchschnittlich ein Fünftel aller Ausgaben für die Lebenshaltung betrugen, immer mehr auf ein verschwindendes Maß zurückgedrängt wurden auf Kosten der Besitzenden.

Der wirtschaftlichen Knebelung des Hausbesitzes folgte bald auch die rechtliche. Mitte Mai 1923 nahm der Reichstag gegen die Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten und eines Teiles der Deutschen Volkspartei und des Zentrums das Gesetz über Mieterschutz und Mieteinigungsämter an, das vorläufig bis zum 1. Juli 1926 in Kraft bleiben sollte. Dem Hausbesitzer wurde prinzipiell das Kündigungsrecht entzogen. Nur in besonderen Fällen durfte er einen Mieter die Wohnung kündigen, z. B. wegen erheblicher Belästigungen des Hausbesitzers oder eines Hausbewohners oder wegen Mißbrauch der Wohnung. Eine Kündigung durfte nur auf dem Wege der Räumungsklage durchgesetzt werden. Man ließ auch in einigen Fällen, nicht in allen, Räumungsklage wegen Nichtzahlung der Miete zu. Ein Besitzer, der im eigenen, dringenden Interesse einen andern Gebrauch von seiner Wohnung machen wollte, sollte verpflichtet sein, nach dem Ermessen des Gerichts den Mieter für seine Umzugskosten zu entschädigen.

Es waren für den Hausbesitz geradezu furchtbare Gesetze, die in der Notzeit der Inflation geschaffen wurden. Kaum ein anderer privatkapitalistischer Wirtschaftszweig wurde so seiner Besitzrechte in jeder Beziehung beraubt wie der städtische [285] Hausbesitz. Die Betroffenen setzten sich leidenschaftlich zur Wehr, aber ohne Erfolg. Sie protestierten gegen die "Bolschewisierung", wie sie es nannten, doch war es nach Lage der Dinge in Wirklichkeit keine Bolschewisierung, sondern ein gewisser Schutz gegen den drohenden Bolschewismus der Mieter. Diesen Schutz übten die Regierungen aus einer gewissen politischen Zweckmäßigkeit heraus in der Weise aus, daß sie ihn nicht den Besitzenden, sondern den Besitzlosen zukommen ließen, derjenigen Partei, welche die größere bolschewistische Gefahr in sich barg. Viele Hausbesitzer verkauften damals ihre Häuser an Ausländer. Die Überfremdung dieses Teiles des Nationalvermögens nahm erheblichen Umfang an. Nicht nur Engländer, Amerikaner, Dänen, Rumänen und andere Ausländer, sondern auch aus dem Osten zugewanderte Elemente kauften zu Spekulationszwecken Häuser zusammen, die sie für geringe Summen ihrer hochwertigen Devisen erhielten. Auf diese Weise beförderte die deutsche Wohnungsgesetzgebung, die einen inneren Schutz darstellen sollte, die Verschleuderung des deutschen Nationalgutes an das Ausland.

Eine ungeheure Spannung zwischen Hausbesitzer und Mieter war die Folge all dieser Zustände. Beide betrachteten sich wie zwei durch eine höhere Gewalt aneinandergefesselte Todfeinde, die augenblicklich, wenn sie sich begegneten, bereit waren, auf Tod und Leben miteinander zu kämpfen. Ein regelrechter Kleinkrieg wurde geführt. Bald verübte diese Partei eine Attacke, bald ging jene zum Angriff über. In blinder Kampfeswut kehrte man sich nicht mehr an die verhängnisvollen Folgen des Hausfriedensbruches, man drang gegenseitig in die Wohnungen ein und schlug, stach, schoß sich halb oder ganz tot. Ging einer in den Keller, stand der andere mit der erhobenen Axt hinter der Tür und versuchte seinem Gegner den Schädel zu spalten. Die raffiniertesten Schikanen wurden gegeneinander erdacht und ausgeführt. Fenster wurden zertrümmert, Wohnungen verwüstet. Selbst Brandstiftungen gehörten nicht zu den Seltenheiten. Im großen ganzen hatte die schöne Sentenz: "Mein Haus ist mein Heim" die Variation erfahren: "Mein Haus ist meine Hölle."

Man soll dem nicht entgegenhalten, daß die Verurteilungen [286] wegen Hausfriedensbruches im Jahre 1923 auf ein Drittel dieser Verurteilungen im Jahre 1912 zurückgegangen sei; wie ja denn überhaupt die Zahl der Verurteilungen wegen der Antragsdelikte (Hausfriedensbruch, Beleidigung, Sachbeschädigung, leichte Körperverletzung) nicht ganz zwei Drittel der Verurteilungen von 1912 erreichte (83 153 : 133 334). Sehr häufig wurden keine Anzeigen von der betroffenen Partei erstattet aus Angst, den Haß des Gegners zu steigern. Auch trugen die deutschen Gerichte in weitgehendem Verständnis durch Milde dieser traurigen Not der Deutschen Rechnung.

Andererseits entlud sich der Groll des gequälten Volkes vor allem auch gegen die betreffenden Behörden. Die Mieteinigungsämter und Wohnungsämter wurden die Schauplätze schrecklichster Auftritte, und nie hat der Revolver eine so bedeutungsvolle Rolle gespielt wie bei der Regelung von Mietsstreitigkeiten. Der sanfteste Mensch wurde zum blutdürstigsten Tiger, der sich mit haßfunkelnden Augen auf seinen Gegner stürzte, sobald er in die Tür trat. Verzweifelte Bluttaten, herzzerreißendes Elend spielte sich ab. Besonders gefährlich wurden diese Vorgänge dadurch, daß sie stets mit einer politischen Note versehen wurden. Der Hausbesitzer sah in dem von ihm bekämpften Mieter gewöhnlich immer den "roten Hund", und viele Mieter bezeichneten ihren Gegner meist als "reaktionären Hausagrarier und Haustyrannen". Die kommunistische und sozialdemokratische Presse erläuterte dann derartige Vorgänge mit einem breiten, hetzerischen Kommentar. Wollten doch die Linksparteien nichts anderes, als aus der Not der Zeit die vollständige Sozialisierung des Hausbesitzes herbeiführen. – Viele Ströme von Blut und Tränen ergossen sich aus diesem Bette in die trübe Flut der Inflation!

  Verfall der Häuser  

Die wirtschaftliche Entrechtung des Hausbesitzes brachte einen starken Verfall der Häuser mit sich. Von den zementierten Fassaden der Großstadtmietshäuser, deren Erbauung in die siebziger und achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts fällt, hatte sich der Putz in großen Flächen gelöst. Die nackte Backsteinmauer schimmerte aus der Durchlöcherung, und ganze Straßenzüge boten ein Bild trauriger Verwahrlosung. Der Sturm deckte das Dach ab, der Regen tropfte durch die [287] Zimmerdecke, deren Putz zu Boden fiel, ohne daß eine Ausbesserung vorgenommen wurde. Zerbrochene Fensterscheiben wurden nicht ersetzt. Der Eindruck der großstädtischen Straßen wurde von Jahr zu Jahr trauriger, verkommener. Es kam vor, daß Bewohner zwei Stockwerke hoch durch die morschen Dielen in den Keller hinabfielen, wobei sie sich einige Gliedmaßen brachen. Bei manchen Häusern bestand eine so große Einsturzgefahr, daß sie durch die Feuerwehr mit starken Pfosten von der Straße aus gestützt werden mußten, wenn sie nicht vorher von der Behörde geräumt worden waren. Ein Schild verkündete dann: "Wegen Einsturzgefahr geräumt", um alle die, welche die Gelegenheit, eine leere Wohnung zu finden, begrüßten, zu warnen. So war schon der oberflächlichste Eindruck, den ein Fremder beim Betreten einer Stadt gewann, der, daß die Zeit der Inflation für Deutschland eine Zeit tiefen Verfalles war. –

  Steuerpolitik und Steuerlast  

Eine besondere Erschwerung für die Existenznot des deutschen Volkes bildete die Überbürdung mit Steuern und die Schärfe ihrer Eintreibung, die um so intensiver wurden, je mehr die Mark verfiel. Es war eine Fülle von Einnahmequellen, die sich Reich, Länder und Gemeinden schufen. Während der Inflation zahlte das deutsche Volk etwa die Hälfte seines gesamten Nationaleinkommens an Steuern jeder Art! Am furchtbarsten drückten die Besitzsteuern, eine Folge des verlorenen Krieges und der sozialdemokratischen Herrschaft. – Da wurden zunächst durch erzwungene Abgaben, die außerordentliche Kriegsabgabe für 1919, die Kriegsabgabe vom Vermögenszuwachs und das Reichsnotopfer, große Teile der Vermögen, oft bis zur Hälfte, von Staats wegen konfisziert. Dann verwirklichte Erzberger ein Steuersystem, in dem er die großen Steuern vom Besitz allein dem Reiche vorbehielt: die Einkommensteuer, Körperschaftssteuer, Vermögenssteuer und Zwangsanleihe, welche durch den Steuerkompromiß vom Frühjahr 1922 aufgelegt wurde. Auch die sehr fruchtbare Kapitalertragssteuer behielt die Reichsregierung für sich. Mit einem wahrhaften Eifer bemühten sich die Staatsmänner, immer neue Steuern zu erfinden. Eine tausendfältige, fast unübersichtliche Vielseitigkeit zeigte sich in den Steuern von [288] Verkehr und Verbrauch. Allein drei Steuern erfaßten den Vermögensverkehr: die Erbschaftssteuer, Grunderwerbssteuer und Kapitalverkehrssteuer. Der Personen- und Güterverkehr auf der Eisenbahn wurde ziemlich bis zu einem Sechstel des Fahrpreises besteuert. Kraftfahrzeuge, Versicherungen, Rennwetten, Lotterien, Wechselstempel und zahllose kleine Stempel erwiesen sich als gute Steuerobjekte. Der Verbrauch von Tabak, Bier, Wein, Schaumwein, Essigsäure, Zucker, Salz, Zündwaren, Spielkarten, Beleuchtungsmittel war mit hohen Steuern belegt, die in Prozenten des Verkaufspreises erhoben wurden, so bei Zigaretten mit 40 Prozent, beim Schaumwein mit 30, bei Wein und Zigarren mit 20 Prozent. Eine barbarische Grausamkeit für das gesamte Volk, welches auf Kohle angewiesen war, aber eine gute Einnahmequelle für die Regierung, die Geld brauchte, stellte die 40prozentige Kohlensteuer dar, die 1917 eingeführt, 1920, 1921, 1922 verlängert wurde und erst im Oktober 1923 verschwand. Sie sowohl wie die zweiprozentige Umsatzsteuer belasteten von vornherein jeden Verbrauch. Luxussteuer, Zölle, Branntwein- und Süßstoffmonopol wurden zu ergiebigen Einnahmequellen gesteigert. Was gab es in Deutschland, das nicht besteuert gewesen wäre?

Dadurch, daß sich das Reich durch Erzbergers Steuerreform die ergiebigsten Steuern vorbehalten hatte, vor allem aber die Einkommensteuer als sein Monopol betrachtete, waren Länder und Gemeinden, dieser ihrer besten Einnahmequelle aus früheren Zeiten beraubt, gezwungen, die ihnen verbleibenden Steuern vom Ertrag, Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuern, übermäßig anzuspannen, wozu noch die für den besonderen Zweck der Linderung der Wohnungsnot geschaffene Hauszinssteuer oder Wohnungsbauabgabe kam. Geradezu erfinderisch wurden die Parlamente, wenn es eine neue Steuer zu ersinnen galt. Es gab Gemeinden, die besteuerten den Besitz eines Klaviers, das Halten von Dienstpersonal, ja sogar die Markisen vor den Schaufenstern der Kaufläden. In einigen Orten wurden auch die trunkfesten Männer und seßhaften Skatspieler zu ihrem Kummer mit Steuern bedacht, indem man von ihnen eine sogenannte Hockersteuer erhob, wenn sie nach einer bestimmten Stunde im Wirtshaus angetroffen wurden.

  Einkommensteuer  

[289] Auch diejenigen, die aus Arbeitsleistung ein Einkommen hatten in Form von Gehalt oder Lohn, spürten die mit der Inflation zunehmende Bedrückung. Ließ das Einkommensteuergesetz vom 29. März 1920 ein Einkommen von 1500 Goldmark steuerfrei, so wurde es nach dem Gesetz vom 23. Dezember 1922 mit mehr als zehn Prozent besteuert! Bei 5000 Goldmark wurde die Steuer versiebenfacht, von drei auf 22 Prozent erhöht! Bei 15 000 Goldmark wurde sie verdreifacht, während die Steigerungen bei den höheren Einkommen verhältnismäßig niedriger waren. Ein Einkommen von 500 000 Goldmark mußte nach Gesetz von 1920 die Hälfte, seit 1922 drei Fünftel an Steuern abführen! Wieviel leichter und gleichmäßiger war die Besteuerung der Einkommen verheirateter Steuerpflichtiger in anderen Ländern! Im Jahre 1922 zahlte ein verheirateter Steuerpflichtiger mit zwei Kindern folgende Einkommensteuer:

Einkommen    
in Papiermark    
Amerika
v. H.
   England   
v. H.
Frankreich
v. H.
   Italien   
v. H.
Deutschland
v. H.
100 000     1,68      14,25     8,1       
500 000     3,68      16,39     10,5       
1 000 000     6,04      17,21     15,7       
5 000 000     1,10    14,09      10,04      19,89     36,7       
10 000 000     4,12    19,89      15,14      21,86     46,9       
20 000 000     7,71    28,71      21,62      24,43     53,4       
50 000 000     15,95    40,02      36,11      29,18     57,4       
100 000 000     27,79    45,41      45,05      34,22     58,7       

Dabei entsprach das Einkommen von fünf Millionen Papiermark einem solchen von 15 000 Goldmark.

  Ruhrkampfsteuer  

Der Ruhrkampf bewirkte eine weitere Vermehrung des Steuerdruckes. Der Geldmangel konnte nicht allein durch die Notenpresse der Reichsbank behoben werden, er forderte auch erhebliche Opfer von den Besitzenden. So wurden die berühmten Steuergesetze vom 11. August 1923 geschaffen, die in grausamer Weise vor allem auch den Grundbesitz heranzogen. Danach wurde eine sogenannte "Landwertabgabe" in Höhe von etwa einem Prozent des Wehrbeitragswertes erhoben, die [290] sechs Monate lang in Goldwert zu entrichten war, vom September bis Februar. Jedoch für die zwei letzten Monate unterließ man die Einziehung, da der Erfolg geradezu einer Erdrosselung der Landwirtschaft gleichkam. Daneben wurde noch eine besondere "Rhein-Ruhr-Abgabe" in der Gestalt einer doppelten Einkommen- und Kraftfahrzeugsteuer zur Mitfinanzierung des passiven Widerstandes beschlossen. Unter gewaltigsten Opfern wurde von den Besitzenden nahezu eine Milliarde Goldmark aufgebracht, die vom Reiche zur Unterstützung der Ruhrindustrie und ‑arbeiterschaft verwandt wurde. In der Tat war im Spätsommer 1923 im deutschen Wirtschaftsleben der Zustand des Weißblutens erreicht, der dann auch einen Hauptgrund für die Aufgabe des passiven Widerstandes bildete.

Wer möchte leugnen, daß außer all den vielen anderen Nöten der Inflation auch die Steuerpolitik des Reiches, der Länder und Gemeinden sich zu einem wesentlichen Faktor der gegenseitigen Verbitterung, zu einer Quelle von Unzufriedenheiten, Vergehen und Betrügereien entwickelte? Die Besitzenden, welche sich der Überzeugung hingaben, daß ihr seit Generationen erhaltener Besitz täglich der Gegenstand neuer Bedrückungen und Opfer wurde, sannen darauf, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Sie versuchten, den Steuern zu entfliehen, indem sie ihren Besitz zu niedrig einschätzten oder ihn über die Grenze ins Ausland brachten. Es bildete sich ein großartiges System der Kapitalflucht heraus, welches in wenigen Jahren Werte in der Höhe von sieben bis acht Milliarden Goldmark über die Grenzen abschob. Auch die drakonischsten Strafbestimmungen der Reichsregierung, welche geradezu mit Vermögenskonfiskation drohte, vermochten hieran nichts zu ändern. Die besitzlosen Lohnempfänger dagegen grollten, sie allein hätten die ganze Steuerlast zu tragen, ihnen könnte man das unzureichende Einkommen auf Heller und Pfennig nachrechnen, ihnen würden die Steuern bereits abgezogen, ehe sie ihren Lohn ausgezahlt erhielten, und so seien sie nicht in der Lage, auch nur einen Pfennig zu hinterziehen, wie dies die "Reichen", die Besitzer der Sachwerte, täglich im großen Stile täten!

[291] Die Steuern der Inflation waren nicht zuletzt die Ursache, daß sich ein tiefer Grimm im Volke ausbreitete, ein Neid und eine Mißgunst der einzelnen Volksschichten gegeneinander, die in furchtbarer Weise alle sittlichen Grundlagen zerrütteten. Der Kaufmann schmähte den Beamten, der Arbeiter den Landmann, der Mieter den Hausbesitzer. Und wie die Wohnungsämter, so wurden die Finanzämter öfter zu Schauplätzen erschütternder Tragödien. Der Steuerzahler wurde von einem wilden Haß gegen das erbarmungslose, inquisitorische Vorgehen der Behörde gepackt, die ihrerseits von der unerbittlichen Not der Regierung getrieben wurde. Oft kam es vor, daß der ganze Besitz eines Mannes vom Finanzamt gepfändet und versteigert wurde, um rückständige Steuern einzuziehen. Der verzweifelte Steuerzahler stürmte mit dem Revolver auf das Finanzamt, griff die Beamten an, oder er kam mit seiner Familie und schoß sie und sich vor den Augen der Beamten tot. Wie viele offene und geheime Verzweiflungstaten quollen in jenen Jahren aus der blutigen Steuernot, in jenen grauenvollen Jahren, da das deutsche Volk nicht für sich arbeitete, sondern für den Moloch Inflation Frondienste tat! –

  Druck des Versailler Vertrages  

Doch die deutsche Reichsregierung selbst spürte die ungünstigen Folgen der Inflation. Das von Steuern und Abgaben bedrückte Volk warf ihr vor, sie wirtschafte zu kostspielig. Tatsächlich waren die Ausgaben des Reiches für seine innere Verwaltung geringer als 1914. Sie betrugen im Mittel etwa zwei Milliarden Goldmark, während sie im letzten Vorkriegsjahre noch um 500 Millionen höher waren. Der furchtbare Druck ergab sich aus der Erfüllung des Versailler Vertrages, der etwa vier Milliarden Goldmark verschlang. Es waren lediglich die Ausgaben für Eisenbahn und Post, für Polizei- und Finanzverwaltung gestiegen, während diejenigen für Heer und Marine kaum den zwanzigsten Teil der Kosten des Jahres 1914 betrugen. Fast 70 Prozent aller Summen, die Deutschland aufzubringen hatte, mußten an die Alliierten ausgeliefert werden!

  Charakter des Geldes  

Ebenso chaotisch wie die sittlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der Inflationszeit war auch das deutsche Geld selbst. Nicht nur das Reich, auch die [292] Gemeinden und Provinzen, ja sogar die Industrieunternehmen gaben "Notgeld" heraus. Fast jede Stadt hatte ihr eigenes Notgeld, druckte ihre Assignaten. Man glaubte sich in die Zeiten des frühesten Mittelalters versetzt, als Hunderte von kleinen und kleinsten Potentaten ihre eigenen Münzen prägten. Kam man von Halle nach Leipzig, so konnte man das Hallesche Notgeld nicht verwerten, und in Magdeburg wies man die Scheine von Hannover oder Braunschweig zurück. Der beschränkte Geltungsbereich dieses lokalen "Notgeldes" erschwerte außerordentlich den wirtschaftlichen Verkehr, auf der anderen Seite hatte sich die Fabrikation solchen Notgeldes zu einem regelrechten Industriezweig entwickelt. Die Reichsdruckerei in Berlin arbeitete Tag und Nacht und spie unaufhörlich einen wahren Bergstrom von Papierscheinen aus. Sie entwickelte dabei eine Mannigfaltigkeit von geradezu überwältigendem Eindruck. In den ersten Jahren wurde das Zettelgeld noch mit einer gewissen Sorgfalt und künstlerischen Form ausgestattet. Farbenprächtige, große Scheine mit eingepreßtem Wasserzeichen und bunten Fasern zeigten auf der vorderen und rückwärtigen Seite Ornamente, mit Männerköpfen nach Bildnissen alter deutscher Meister verziert. Man trug auf diese Weise dem Bildungsdrange des Volkes Rechnung und popularisierte die Kunst. Allmählich jedoch ließ diese künstlerische Gestaltung nach, die Scheine wurden kleiner im Format, nüchterner in ihrer ästhetischen Wirkung. Die ornamentalen Beigaben fehlten, man beschränkte sich darauf, Wasserzeichen, den Wert der Note angebend, einzupressen und am bunten Rande zum Schutz gegen Falschmünzerei die herkömmliche Faserung anzubringen. Schließlich sah man auch hiervon ab, man stellte Scheine her, die auf der Vorderseite den Wert angaben und auf der Rückseite unbedruckt blieben. Ein solcher Zettel, acht Zentimeter hoch und zwölf breit, sagte zum Beispiel: "Fünfhundert Millionen Mark zahlt die Reichsbankhauptkasse in Berlin gegen diese Banknote dem Einlieferer."

Inflation 
1922-1923.
[Bd. 3 S. 160b]      Inflation 1922 – 1923.      [Photo Scherl?]

Oft war die Reichsbank gar nicht in der Lage, die genügende Anzahl von Scheinen mit den erforderlichen hohen Werten herzustellen. Dann mußten die Löhne und Gehälter in kleinen Werten gezahlt werden, was zur Folge hatte, daß [293] ungeheure Mengen davon gebraucht wurden. Im Jahre 1923 glichen die Empfangsräume der Banken gleichsam Bahnhofswartehallen. Die Kassierer der Behörden und Betriebe erschienen mit Koffern und Körben, in denen sie zentnerweise das bedruckte, beschnittene und gebündelte Papier verpackten, unbesehen und ungezählt. Dem glücklichen Gehaltsempfänger wurden dutzendweise gebündelte und stoßweise geschichtete Papiernoten ausgehändigt, die er ebenso unbesehen und ungezählt hinnahm. Da es unmöglich war, solche Mengen in Geldtaschen unterzubringen, wurden sie in Aktentaschen befördert. Oft kam es vor, daß Bankhäuser während der Geschäftsstunden schlossen, weil ihr Papiervorrat erschöpft war. Waggonweise wurden die Banken täglich von der Reichsbank mit dem Zettelgeld des Reiches beliefert.

Einige zaghafte Versuche wurden auch mit der Ausgabe von Metallgeld gemacht. Man wählte, in verständiger Würdigung, hierzu ein leichtes und billiges Metall, dessen erste Eigenschaft dem Empfänger, die zweite dem Hersteller, dem Reich, zustatten kam: man stanzte Aluminium in Münzform. So erschienen 1922 Fünfzigpfennigstücke, die auf der Rückseite vor einer Ährengarbe die Devise "Sich regen bringt Segen" führten. 1923 gab es kleine Aluminiummünzen über 200 Mark, deren Rückseite den Reichsadler zeigte mit der Umschrift: "Einigkeit und Recht und Freiheit." Dieses federleichte Idealgeld hatte nur den einen Fehler, daß hundert von ihm auf eine Goldmark gingen schon zur Zeit der Ausgabe. Wer 2000 Mark in Zweihundertmarkstücken in der Tasche trug, war keineswegs vom Gewicht beschwert.

Stahlhelmnotgeld, Aluminiumgeld, Teuerungsgedenkmünzen.
[Bd. 3 S. 176b]      Stahlhelmnotgeld, Aluminiumgeld, Teuerungsgedenkmünzen.      [Photo Scherl?]

Kluge Praktiker verkauften die Masse kleiner Geldscheine, welche im täglichen Leben nicht mehr verwendet wurden, als Altpapier an den Lumpenhändler und erzielten einen Erlös, der vielleicht doppelt, dreimal oder noch größer war als der Nennwert der unbrauchbaren Scheine! Was keine Bank vermochte, das brachte der Lumpenhändler zustande: er verzinste das Kapital in einer bis dahin ungekannten Weise! – Andere wieder zündeten sich die Zigarette mit Tausendmarkscheinen an, da diese im Kurs niedriger standen als Streichhölzer, oder sie hefteten ein Bündel Banknoten [294] zusammen, um einen billigen Notizblock zu haben! Witze, wie sie schon zur Zeit der französischen Revolution umherschwirrten, lebten wieder auf: man erteilte einander den Rat, die Wohnräume mit Reichsbanknoten zu tapezieren, da es augenblicklich keine billigere und zeitgemäßere Wandbekleidung gebe!

  Ansichten der Regierung  

Für die Regierungen und für die Behörden war die Inflation ein Problem, dessen Lösung durch Palliativmittel sich sehr bald als unmöglich erwies. Es hat keine deutsche Regierung gegeben, die nicht die furchtbare Not des Volkes erkannt und auf Mittel zur Abhilfe gesonnen hätte. Wirth, Cuno und Stresemann haben des öfteren in ihren Reichstagsreden das Elend geschildert. Der Reichskanzler Cuno führte am 24. November 1922 folgendes aus:

      "Unsere Mark ist bis auf einen winzigen Bruchteil des Friedenswertes gegen den Dollar gesunken. Diese Entwertung der Mark schmälert immer mehr die Einfuhr notwendiger Rohstoffe und Lebensmittel und läßt die Preise im Inland sprunghaft in die Höhe schnellen. Dies alles bedeutet eine ungeheure Umschichtung der Lebenslage unseres Volkes, wie sie noch nie in so kurzer Zeit erlebt wurde, Entschuldung derjenigen, die Goldmarkschulden in Papiermark zurückzahlen, Enteignung der Gläubiger, die an Privatleute und besonders an den Staat hochwertige Mark in gutem Glauben hingegeben haben. Löhne und Gehälter können bei weitem nicht dem Sinken des Geldwertes angemessen werden, die Mark hat ihre Geltung als Mittel der Werterhaltung und ‑bemessung verloren. Die Folge ist, trotz des äußeren auf die Papiermark gegründeten und daher irreführenden Scheins der Prosperität mancher Unternehmungen, fortschreitende Minderung der Substanz, ist steigende Kreditnot, die alsbald die Beschaffung von Rohstoffen und damit die volle Beschäftigung der Arbeiter gefährdet, ist eine außerordentlich gesteigerte Nachfrage nach ausländischen Zahlungsmitteln, verabscheuenswürdig da, wo nur für spekulative Zwecke gekauft wird, volkswirtschaftlich berechtigt bei den mit der Einfuhrwirtschaft verbundenen Betrieben, ist ferner die Tötung des alten Sparsinns, eine vielfach unberechtigte Flucht in Waren, und zwar nicht bei dem breiten Durchschnitt des Volkes, dessen Lebenshaltung immer [295] tiefer sinkt; in gewissen Kreisen eine für Volkswirtschaft wie Volkssitte gleich schädliche Flucht in den Genuß mit all den unerfreulichen Bildwirkungen, die im Inland verbittern, den ausländischen Beobachter aber irreführen."

Und am 9. Juni 1923 erklärte Cuno:

      "Die Verworrenheit unserer Wirtschaftslage hat wertvolle Schichten unseres Volkes zum Sinken gebracht und weiterhin schwere Not verbreitet. Manche häßliche Erscheinung von Wohlleben und Ausschreitungen erregen die Notleidenden nicht allein gegen diejenigen, die solche Erscheinungen zur Schau tragen, sondern auch gegen den Staat, dem man Mangel an Willen und Kraft zum Vorwurf macht."

Cunos Nachfolger, der Reichskanzler Dr. Stresemann, wies besonders auf den Untergang der deutschen Kulturschicht hin. Am 22. August gewährte er dem Arbeitsausschuß des Schutzkartells für die notleidende Kulturschicht Deutschlands eine Unterredung, in der er sagte:

      "Der Verlust der Kulturschicht, zu deren Ersetzung wir sehr viel längere Zeit brauchen als zum Aufbau von Ruinen, ist für uns völlig untragbar. Ich erkenne durchaus die Pflicht des Staates an, diesen Schichten in erster Linie zur Seite zu stehen, denn wenn diese Schichten ins Elend gekommen sind, so sind sie in erster Linie ins Elend gekommen wegen ihrer Staatsgesinnung. Sie waren die Träger des Patriotismus, sie waren die Träger der Kriegsanleihen, damit vor allem auch die Träger all der Vermögen, die dahingeschwunden sind. Sie waren ferner die Träger der seelischen Auffassung des deutschen Lebens, die sich nicht in Spekulationen, sondern in Spareinlagen und Hypothekeneinlagen äußerte; und alles, was in Deutschland an Vermögenswerten dahingeschwunden ist, hat diese Schicht getragen, die von der Spekulation nichts wissen wollte, die nichts anderes wollte als eine gesunde Vermögensgrundlage aus dem Ertrag eines arbeitsreichen Lebens. Wenn der Staat nicht in der Lage war, diesen Währungsverfall, die Folge eines verlorenen Krieges und einer brutalen Weitervergewaltigung des deutschen Volkes, die sich bis in die letzten Tage weiter auswirkt, aufzuhalten, so hat der Staat mindestens die Verpflichtung, diejenigen, die in diese Notlage gekommen sind, in erster Linie bei der Gesetzgebung zu berücksichtigen, hindernd und [296] fördernd, hindernd, indem er sie vor weiterer Belastung schützt, aber auch fördernd in der Wiedererlangung ihrer Stellung... Infolge unseres Währungsverfalles sehen wir auf der einen Seite eine immer größere Zusammenfassung der ganz starken Kräfte und auf der andern Seite eine immer größer werdende Zahl der abhängigen Existenzen... Eine starke geistige Mittelschicht in Deutschland ist auch ein Aktivposten in unserer auswärtigen Politik... Der Wiederaufbau wird nicht kommen auf der Grundlage der Wirtschaft und Politik, wenn ihm nicht der Wiederaufbau der geistigen Kräfte in unserem Vaterlande vorangeht."

Die Reichsregierung versuchte, soweit es in ihrer allerdings sehr beschränkten Macht stand, die täglich sich vergrößernde Not nach Möglichkeit zu lindern. Sie gab Unterstützungen an verarmte und erwerbsunfähige Rentner, sie stellte Summen zur Verfügung, die zur Verbilligung der notwendigsten Lebensmittel verwendet wurden. Um die Beamten einigermaßen vor der Geldentwertung zu schützen, wurde statt der vierteljährlichen, die monatliche Gehaltszahlung eingeführt, wobei man durch Vor- und Nachschüsse die Inflationsverluste auch während dieser kurzen Spanne möglichst herabzumindern suchte, ein Verfahren, das übrigens auch in den Privatbetrieben angewandt wurde. Ja, bei vorgeschrittener Inflation ging man zu vierzehntägiger, oder gar wöchentlicher Gehaltszahlung über. In Form von Vorschüssen wurden Beträge in namhaften Höhen ausgezahlt, die aber bereits zum Termin der ordentlichen Gehaltszahlung derart entwertet waren, daß ihr Abzug gar nicht mehr empfunden wurde. Andererseits aber konnte das Reich auch gewissen Härten nicht aus dem Wege gehen. Die ständige Erhöhung der Beiträge zur Sozialversicherung, der Eisenbahnfahrpreise und Postgebühren wurde vom Volke mit Unmut hingenommen. Seit dem April 1923 wurden die Steuern der Geldentwertung angepaßt und wertbeständig festgesetzt, um die großen Verluste des Reiches infolge verzögerter Steuerzahlung zu vermeiden.

Kampf gegen
  Valutaspekulation  
und Wucher

Besonders schwierig war es, die verbotene, aber heimlich um so stärker betriebene Valutaspekulation zu unterbinden. [297] Der Besitz von ausländischen Zahlungsmitteln war in beschränktem Umfange nur den Exporteuren gestattet. Es mehrte sich aber die Zahl derjenigen Leute, die keine Exportgeschäfte trieben, jedoch auf alle mögliche Weise in den Besitz von Devisen zu kommen suchten, um feste Werte zu besitzen oder damit zu spekulieren. Gegen diese dunklen Treibereien richtete sich die Valutaspekulationsverordnung vom 8. Mai 1923, welche durch eine Verordnung vom 22. Juni ergänzt wurde. Hiernach wurde mit Gefängnis bis zu drei Jahren und Geldstrafe bis zum Zehnfachen des Wertes der ausländischen Zahlungsmittel derjenige bestraft, der gegen Reichsmark amtlich in Berlin nicht notierte Devisen erwarb. Auf diese Weise wollte man den unkontrollierbaren internationalen Schleichhandel mit deutschem Gelde lahmlegen, der einen erheblichen Anteil an der Zerrüttung der Mark hatte. Doch die verwegenen und routinierten Devisenschieber umgingen die Bestimmungen, und das Reich hatte nur sehr geringe Erfolge bei seiner Bekämpfung der Valutaspekulation. Auch ließ sich nicht immer infolge der besonderen Verhältnisse der Inflation die Grenze zwischen erlaubtem Handel und Spekulation scharf ziehen, so daß schon diese Tatsache die Wirkung der Valutaverordnung sehr stark beeinträchtigte.

Auch der Kampf gegen den Wucher wurde von den Regierungen des Reiches und der Länder aufgenommen. Im September 1922 waren die Lebensmittelpreise bereits auf den dreihundertfachen Vorkriegspreis gestiegen. Die Linksparteien beschuldigten in gewissenloser Weise die Landwirtschaft des Lebensmittelwuchers. In Wahrheit waren es jene dunklen Zwischenhändler in den Städten, jene Neureichen, jene Lebensmittelschieber, welche die Waren an sich rafften und dann zu ungeheuren Preisen verkauften. Dieser früher unbekannte, verbrecherische Typ der Inflationsdrohnen, den ich bereits oben schilderte, schob sich in Gestalt von Aufkäufern und Großhändlern zwischen den ländlichen Erzeuger und den städtischen Verbraucher und verteuerte die Lebensmittel in ungeheuerlicher Weise. Was nützten die Drohungen der Regierung, die Strafen, die von den Gerichten verhängt wurden? Diese Bande von Wucherern ohne Ehre und Scham ließ sich [298-299=Tabelle] [300] durch keine Strafe von ihrem anrüchigen Handwerk abschrecken, wurde doch in der Auffassung dieser Leute ein Jahr Gefängnis vollkommen aufgewogen durch einen Verdienst von Hunderttausenden, der meist schon in Sicherheit gebracht war, ehe ihn der Staat konfiszieren konnte. Immerhin wachten Wuchergerichte, die nach den Bestimmungen der Verordnungen gegen die Preistreiberei arbeiteten, darüber, daß die Preise nicht höher stiegen, als dies mit einem verhältnismäßigen Anstieg der Löhne und Gehälter in Einklang zu bringen war. Vielfach wurden aber hierdurch die ehrlichen Kaufleute in ihrer Existenz erschüttert, während die richtigen Wucherer kaum gefaßt werden konnten.

  Haltung der Gerichte:  
"Mark gleich Mark"

Verwehrte man den Gewerbetreibenden für die Waren, die sie verkauften, den Preis zu fordern, der nötig war, um dieselbe Ware in derselben Güte wiederzukaufen, den sogenannten Wiederbeschaffungspreis, im Hinblick darauf, daß auch die Löhne und Gehälter trotz ihrer dauernden Steigerungen in ihrer inneren Kaufkraft sanken, so entbrannte ein anderer Streit darum, ob Kapitalien, die in Goldmark angelegt worden waren, mit dem gleichen Nennwert in Papiermark zurückgezahlt werden durften. In dieser Frage standen sich zwei Anschauungen gegenüber; die eine bejahte, die andere verneinte. Es war vorauszusehen, daß die Kapitalrentner eines Tages die Forderung nach Aufwertung ihrer Kapitalien stellen würden. Sie stützten sich dabei auf den Grundsatz von Treu und Glauben, der im Bürgerlichen Gesetzbuch ausgesprochen und die Grundlage des ganzen deutschen Wirtschaftslebens sei. Die deutschen Gerichte aber waren anderer Auffassung. Bei den zahllosen Prozessen, die in dieser Angelegenheit geführt wurden, brachte der Richter zunächst das Argument vor, daß eine Aufwertung nach dem Dollarstande überhaupt nicht in Frage kommen könne, da dies ein ungerechtfertigter Vorteil den Lohn- und Gehaltsempfängern gegenüber bedeute, deren Lebenshaltung täglich sinke. Dann aber sagten die Juristen, die "Mark" sei das einzige gesetzliche Zahlungsmittel in Deutschland, und es sei unstatthaft, zwischen Goldmark und Papiermark einen Unterschied zu machen. Diese Unterscheidung gebe es wohl im Wirtschaftsleben, doch im [301] Rechtsleben sei sie weder durch Herkommen noch durch Gesetz irgendwie begründet. Für den Richter gelte der Grundsatz: Mark gleich Mark.

Diese rein formale Gleichsetzung von Goldmark und Papiermark war die Quelle all des vielen Elends, das den deutschen Mittelstand und die deutsche Kulturschicht traf. So machten sich Bestrebungen bemerkbar, welche diesem drückenden Zustande auf gesetzlichem Wege ein Ende bereiten wollten. Anfang Juli 1923 legte Dr. Düringer, ein Abgeordneter der Deutschen Volkspartei, dem Reichstag einen Gesetzentwurf zum Schutze der Hypothekengläubiger vor. Hier aber versagte die Reichsregierung. Der Reichsjustizminister Dr. Heintze bekämpfte den Entwurf als undurchführbar. Schwere Erschütterungen müßte ein solches Gesetz für die Wirtschaft mit sich bringen, da ihr hierdurch neue Zinslasten auferlegt würden zu einer Zeit, in der sie überhaupt kaum lebensfähig sei. Auch der spätere Reichsfinanzminister Hilferding, der dem unabhängigen Flügel der Sozialdemokratie angehört hatte, bekämpfte entschlossen jede Aufwertung. Wenn etwas dieser Art in Frage käme, so könne es sich lediglich um eine rein charitative Fürsorge für die Enteigneten handeln. Die Sozialdemokratie mußte ja aus Prinzip den Verfall der Kapitalvermögen als einen großen Fortschritt auf ihrem Wege zur Sozialisierung des Privatbesitzes betrachten! Auch das Reich und die Staaten erklärten kurzerhand ihre Unfähigkeit, zeitgemäße, der Geldentwertung angepaßte Zinsen für Vorkriegsanleihen aufbringen zu können. So opferte das Deutsche Reich seine Sparer, weil man keine Möglichkeit sah, die Mittel zur Tilgung goldwerter Schulden und ihrer Zinsen zu beschaffen. Erst am 23. November 1923, nachdem die Rentenmark eingeführt war, bejahte das Reichsgericht in einer Entscheidung die rechtliche Zulässigkeit der Aufwertung von hypothekarisch gesicherten Darlehnsforderungen auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches § 242, der von der Beachtung von Treu und Glauben durch den Schuldner handelt. –

Man hat häufig gegen die deutschen Reichsregierungen im Inland und Ausland den Vorwurf erhoben, sie hätten absichtlich die Inflation herbeigeführt oder befördert, um sich [302] den Versailler Verpflichtungen zu entziehen und um den deutschen Besitz zu zerstören. Diese Vorwürfe waren ungerecht. Die Inflation war eine Art höherer Gewalt, eine notwendige Folge des verlorenen Krieges, eine Folge des auf utopischen Illusionen aufgebauten grenzenlosen Trugschlusses der Sozialdemokratie von der allgemeinen Völkerversöhnung und der Beseitigung des Klassenstaates, sie war das Produkt, das mit geschichtlicher Notwendigkeit sich ergab aus der ganzen gewitterschwülen Atmosphäre des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie war, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, die Lava all der politischen und sozialen Vulkane, die seit Jahrzehnten unter dem Abendlande wühlten und schütterten. Weit mehr als die Inflation des bolschewistischen Rußland, war die deutsche Inflation eine europäische Katastrophe von generellem Charakter, traf sie doch eines der kulturell und wirtschaftlich am höchsten entwickelten Völker.

  Versuche der Regierung  

Die deutsche Regierung hat verschiedene Versuche unternommen, die Inflation aufzuhalten. Schon Ende 1921 war der Reichskanzler Wirth deshalb mit der deutschen Industrie und mit den Banken in Verbindung getreten. Man glaubte, durch eine Auslandsanleihe die Mark stützen, sie stabilisieren zu können. Der Versuch schlug fehl. Ein zweiter Schritt, der in derselben Richtung bei der Reparationskommission im Frühjahr 1922 unternommen wurde, endete mit dem gleichen Mißerfolg. Nun wurde im Juli eine Zwangsanleihe aufgelegt, um die schwebende Schuld tilgen zu können. Was aber konnte man von einer Anleihe erwarten, deren Wert sich selbst mit der ständig abwärts gleitenden Währung verringerte? Im Herbst 1922 berief Wirth einen Sachverständigenausschuß nach Berlin, der die Frage der Markstabilisierung untersuchte und ebenfalls drei Mittel hierfür vorschlug: eine äußere Anleihe, eine innere Anleihe und ein Moratorium für Wiedergutmachungsleistungen. Auch Wirths Nachfolger, der Reichskanzler Cuno, hielt an diesen Gedanken fest. All diese Bestrebungen hingen in ihrem Erfolg aber zu sehr vom Auslande ab, von der Anleihe und vom Moratorium. Da das Ausland aber beides ablehnte, konnten die Stabilisierungsmaßnahmen nicht durchgeführt werden.

[303] Der Ruhreinbruch der Franzosen und das damit verbundene weitere unaufhaltsame Sinken der Mark zeigten auch dem hoffnungsfreudigsten Optimisten zweierlei: erstens, daß an eine Hilfe des Auslandes überhaupt nicht mehr zu denken war, und zweitens, daß es verlorene Liebesmühe war, die schrecklich gestürzte Mark zu retten oder sie gar aufzurichten. So blieb dann nur noch ein letzter Ausweg übrig, nämlich der, daß Deutschland aus sich selbst von innen heraus eine neue gesunde Währung hervorbrachte. Mannigfach waren die Versuche, welche seit dem Frühjahr 1923 hierin unternommen wurden. Der Ruf des Volkes nach wertbeständigen Zahlungsmitteln wurde immer lauter. Die Industriewerke gaben Schuldverschreibungen heraus, die nicht mehr auf Mark, sondern auf Zentner Kohle lauteten. Die landschaftlichen Banken gaben Pfandbriefe nicht mehr auf Mark, sondern auf Zentner Roggen heraus. Diesem Beispiel folgte die Reichsregierung, als sie Ende Juli eine sogenannte wertbeständige Anleihe auflegte, welche den breitesten Volksschichten die Möglichkeit bieten sollte, das Sparbedürfnis zu befriedigen, sich gegen die Entwertung zu sichern und so dem ungesunden Ansturm auf Warenvorräte und Devisen entgegenzuwirken. Neben dieser Roggenrentenanleihe wurde eine Roggenzwangsanleihe ausgegeben, die nach der Verordnung vom 25. August mit Devisen und anderen ausländischen Vermögensanteilen bezahlt werden und zur Sicherung der Brotversorgung verwandt werden sollte.

  Helfferichs Plan  

All dies waren Notbehelfe, die nicht an den Kern der Sache herankamen, aber doch dem neuen Gelde den Weg bereiten halfen, nachdem auch Hilferdings veralteter, an Wirthsche Traditionen anknüpfender Gedanke einer Markstabilisierung überwunden worden war. Nach monatelangen Vorarbeiten trat Helfferich mit seinem Plan der Roggenmark an die Öffentlichkeit. Unter all den unmöglichen Vorschlägen, das Reich solle Vorräte an Getreide, Kohle, Kali und anderen Erzeugnissen in Verwaltung nehmen, um darauf ein neues Geldmittel zu stützen, wirkte Helfferichs genialer Plan höchst einfach und einleuchtend. Er baute das neu zu schaffende Geld auf einer Verpfändung des landwirtschaftlichen und industriellen Besitzes auf, der etwa nach Art der frideri- [304] zianischen Pfandbriefe in Geld verwandelt werden sollte. Helfferich gab dem Rentenbankgesetzentwurf die grundlegende Fassung; er war es, der durch seine Tatkraft, sein Ansehen, seinen sittlichen Ernst Landwirtschaft und Industrie bewog, das Opfer der Belastung durch Rentenbankbriefe auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite trat Schacht, der großartige Finanzpraktiker, der die lediglich auf ein landwirtschaftliches Produkt gestützte Roggenmark Helfferichs in die auf Gold basierte Rentenmark umwandelte. Sein Verdienst war der Erfolg des neuen Geldes, das er in sicherer und verständiger Weise dem Volke zuführte.

  Ende der Inflation  

So hatte die düstere Zeit der Inflation im November 1923 ihr Ende erreicht. Mit ihr war die Epoche der inneren Unruhen und Erschütterungen abgeschlossen. Das goldene Zeitalter wirtschaftlicher, kultureller, politischer und krimineller Verbrechen, die alle letzten Endes ihre Quelle in der Inflation hatten, war vorüber. Den Franzosen wurde das Recht entzogen, weitere Quälereien gegen Deutschland zu verüben. In seiner tiefsten Not fand Deutschland durch die Tatkraft und Einsicht hervorragender Männer und den Opfermut seiner staatserhaltenden Schichten wieder den Mut und die Kraft, sich zu erheben; es eröffnete sich ihm ein Ausblick in hoffnungsvollere, ruhigere Zeiten. Das deutsche Volk hatte den Weg durch eine finstere und blutige Nacht zurückgelegt, aus seinem Innern strömte der gewaltige Wille, zurückzukehren zur Ruhe und zur Ordnung, dessen erstes Manifest die Einführung der Rentenmark war. Der Besitzende und der Arbeiter betrachteten dieses Ereignis in gleicher Weise als eine Befreiung, als eine Erlösung: Befreiung von jenen Inflationsparasiten, den Raffkes, Erlösung von jener grausamen, zermürbenden Seelennot, stündlich über dem Abgrund der individuellen Vernichtung zu schweben.



Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra