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[Bd. 1 S. 105]
2. Kapitel: Der Übergang.

Als Prinz Max von Baden sein Amt niedergelegt hatte, erließ Friedrich Ebert folgende Proklamation:

      "Mitbürger! Der bisherige Kanzler hat mit der Zustimmung aller seiner Minister mir die Leitung der Geschäfte übertragen. Ich werde in Gemeinschaft mit den Parteien eine Regierung bilden. Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Ihr Ziel muß sein, dem deutschen Volke so schnell wie möglich den Frieden zu bringen und die Freiheit, die es errungen hat, zu sichern. Mitbürger! Ich bitte euch dringend, Ruhe und Ordnung zu wahren."

Die Berliner Ereignisse wirkten auf das ganze Reich, die Fürsten verließen ihre Hauptstädte, ohne Blutvergießen errang die Sozialdemokratie die Macht, Soldatenräte bildeten sich in allen Truppenteilen der Front und der Heimat, überall entstanden Arbeiterräte.

Ebert forderte die Unabhängigen auf, sich gleichmäßig an der Regierungsbildung zu beteiligen. Allerdings verspürten diese keine große Lust, mit den Mehrheitssozialisten zusammen zu arbeiten, und besonders unversöhnlich zeigte sich bei den Verhandlungen der intransigente Ledebour. Liebknecht war inzwischen mit seinem Anhang zum kaiserlichen Schloß gezogen, hatte dort die rote Fahne gehißt und von einem Fenster aus eine Ansprache ans Volk gehalten. Jetzt betrat er das Verhandlungszimmer mit diktatorischer Geste und bestimmte: "Alle Exekutive, Legislative und Gerichtsbarkeit gehört den Arbeiter- und Soldatenräten." Daraufhin forderte Scheidemann eine Entscheidung der Unabhängigen, ob sie sich an der Regierungsbildung beteiligen wollten oder nicht. Im Laufe des Nachmittags ernannten diese unter der Voraussetzung, daß das Kabinett nur aus

Der Rat der
  Volksbeauftragten  

sozialdemokratischen Beauftragten bestehen dürfe, drei Mitglieder aus ihrer Mitte: Haase, Dittmann und den ganz links stehenden doktrinären Metallarbeiter Barth. Die Spartakisten wiesen das Angebot, einen Vertreter zu nominieren, schroff zurück. So wurde der [106] "Rat der Volksbeauftragen" gebildet aus den Mehrheitssozialisten Ebert, Scheidemann, Landsberg und den Unabhängigen Haase, Dittmann, Barth.

Wels vor den Soldatenräten.
[Bd. 1 S. 32b]      Wels vor den Soldatenräten im Reichstag, Ende 1918.      Photo Scherl.

  Vollzugsrat der Arbeiter-  
und Soldatenräte

Neben diesem aber stand, als Inhaber der eigentlichen Regierungsgewalt, ein "Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte". Dieser wurde aus den Delegierten der Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die am Abend des 9. November im Reichstag zu ihrer ersten Sitzung zusammentraten. Ihren Beschluß, am nächsten Nachmittag eine Regierung zu bilden, machten sie rückgängig, nachdem der Rat der Volksbeauftragten konstituiert war und von diesem die Bedingung angenommen worden war, daß alle politische Macht in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegen solle. Ebert, Scheidemann und Liebknecht sprachen vor den 3000 Delegierten, und mit besonders stürmischer Freude wurde Eberts Mitteilung aufgenommen, daß beide sozialdemokratische Parteien eine gemeinsame Regierung gebildet hätten. Es zeigte sich, daß bei der überwältigenden Mehrheit der Unabhängigen der Wille bestand, die infolge des Krieges entstandene Trennung von den Mehrheitssozialisten wieder aufzugeben. Der Wille nach einer demokratischen Republik beseelte diese Leute. Nur eine kleine intransigente Mehrheit unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stand abseits: sie erstrebten die bolschewistische Diktatur des Proletariats. Von dieser Seite ging das an jenem 9. November verteilte spartakistische Flugblatt aus, worin die Arbeiter aufgefordert wurden, die Regierungssozialdemokraten zu boykottieren, da sie die Revolution vier Jahre lang verraten hätten und fortfahren würden, sie zu verraten.

Drei Tage hatte die deutsche Revolution gedauert: vom 7. – 9. November. Innerhalb zwölf Stunden war sie entschieden und hatte sie gesiegt. Nüchtern, ohne große Schwierigkeit und ohne viel Blutvergießen vollzog sich dies historische Ereignis. Mittags erklärte Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers, und Scheidemann proklamierte die Republik, um Mitternacht hatten sich die beiden sozialdemokratischen Parteien zu gemeinsamer Regierung gefunden. Die Entwicklung dieser zwölf Stunden war durchaus friedlich, [107] ohne jede Machtprobe, fast geschäftsmäßig abgelaufen. Die Revolution war dem deutschen Volke wie eine überreife Frucht, die nicht erst gepflückt zu werden brauchte, in den Schoß gefallen.

Soweit das Bürgertum nicht aktiv an dem Umsturz beteiligt war, sah es teilnahmslos der Entthronung des Kaisers zu, weil es fieberhaft auf das Ende des Krieges wartete. Soweit noch nationale, machtpolitische Energien lebendig waren, beschränkten sie sich auf den Adel und einen verschwindenden Teil des Bürgertums, zersplittert und in verschiedenen Richtungen laufend, jahrelang enttäuscht durch das Verhalten des Kaisers, durch seine Flucht geradezu entmutigt. Kaum ein Zwölftel des Volkes mag in jenen Tagen hetzender Wirrnisse daran gedacht haben, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Die linksradikale Seite verfügte zwar über eine hohe Aktivität – denn der Zusammenbruch der Marine und der Armee war vorwiegend ihr Werk – aber über eine immerhin verschwindende Anhängerschar ohne straffe Organisation und Disziplin. In drei Heeressäulen marschierte das deutsche Volk seiner Zukunft entgegen: eine starke Mitte, die Frieden nach innen und außen wollte, etwa 50 Millionen des Volkes umfassend, eine Rechte, die einen starken und sicheren Staat wünschte, kaum mehr als insgesamt 7 Millionen Anhänger zählend, und eine Linke, den Umsturz und die Diktatur des Proletariats vorbereitend, aber nur kaum 3 Millionen Anhänger stark.

  Der Waffenstillstand  

Die wichtigste Sorge der neuen Regierung galt vor allem dem Abschluß des Waffenstillstandes. Hiervon hing überhaupt ihr Bestand, ihre Zukunft ab. Aus ihrem Gelöbnis, den Frieden herbeizuführen, leitete sie allein das Recht und die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz ab. Der Waffenstillstand mußte also zwangsläufig abgeschlossen werden, um jeden Preis. Die neue Regierung mußte zeigen, daß sie imstande war, der Welt den Frieden zu geben, wozu sich die kaiserliche Regierung als unfähig erwiesen hatte. Ein Frieden der Versöhnung würde geschaffen werden, und alle Völker, einschließlich des deutschen, würden sich im Völkerbunde zum Weltfrieden zusammenfinden. Kein Mensch in Deutschland dachte daran, daß die Ententestaaten [108] ihren Sieg bis zur vollständigen Niederschmetterung Deutschlands ausnutzen würden, am allerwenigsten die neue Regierung. Die Deutschen glaubten, nach den jahrelangen Täuschungen, die ihnen aufgetischt worden waren, auch in Frankreich und England stehe die Revolution nahe bevor, und die Regierungen dieser Länder mußten auf die Stimmung ihrer Völker Rücksicht nehmen, die allen Ernstes zu einer Verbrüderung mit dem deutschen Volke schreiten würden.

Waffenstillstandswald von Compiègne.
[Bd. 1 S. 16c]      Der Waffenstillstandswald
von Compiègne.
      Photo Scherl.

Denkmal im Wald zu Compiègne.
[Bd. 1 S. 16c]      Das tragische Denkmal
im Wald zu Compiègne.
      Photo Scherl.

Ablieferung deutscher Lokomotiven.
[Bd. 1 S. 144b]      Versailles: Ablieferung
deutscher Lokomotiven.
      Photo Scherl.
In dieser hoffnungsfrohen Stimmung hatte sich bereits vor dem Umsturz die deutsche Waffenstillstandskommission an die Front begeben, von Erzberger geführt. Man vermied es ängstlich, bei dieser Reise das Große Hauptquartier zu berühren. Erzberger betrachtete bereits am 8. November die Abdankung des Kaisers als vollzogen. In Begleitung des ehemaligen Pariser Militärattachés, Generals von Winterfeldt, passierte die Kommission an diesem Tage die feindlichen Linien und traf im Walde von Compiègne mit der von Marschall Foch geführten feindlichen Kommission zusammen. Es wurde den Deutschen erklärt, daß Verhandlungen von vornherein ausgeschlossen seien. Es gäbe nur Annahme oder Ablehnung der Bedingungen, die ein höchst grausames Diktat darstellten. Bis spätestens 11. November, mittags elf Uhr, müßte sich die deutsche Kommission zu einem Ja oder Nein entschieden haben.

Diese Waffenstillstandsbedingungen verlangten von Deutschland in der Hauptsache folgendes: Frankreich, Belgien und Elsaß-Lothringen müßten bis spätestens 26. November mittags elf Uhr geräumt sein. Truppen, die sich nach diesem Zeitpunkt noch in diesen Gebieten befinden, sollten als Gefangene interniert werden. 5000 Kanonen, zunächst schwere, 30 000 Maschinengewehre, 3000 Minenwerfer und 2000 Flugzeuge waren sofort abzuliefern. Bis zum 6. Dezember müßte das linke Rheinufer geräumt sein. Mainz, Koblenz und Köln würde in einem Umkreis von 30 km Durchmesser von den Verbündeten besetzt werden. Auf dem rechten Rheinufer war eine 30–40 km tiefe neutrale Zone zu schaffen. Deutschland hatte die Besatzungstruppen zu unterhalten. Die in Deutschland inhaftierten Kriegsgefangenen waren freizugeben, ohne [109] daß die Alliierten die gleiche Forderung erfüllten. Die Verträge von Brest-Litowsk und Bukarest wurden aufgehoben. 5000 Lokomotiven, 150 000 Wagen, 5000 Kraftwagen und die elsaß-lothringischen Eisenbahnen mußten ausgeliefert werden. Der Bestand der belgischen Bank, das russische und rumänische Gold war zurückzuerstatten. Ostafrika sollte bedingungslos aufgegeben werden. Sämtliche U-Boote werden ausgeliefert. 6 Panzerkreuzer, 10 Linienschiffe, 8 kleine Kreuzer und 50 neueste Zerstörer waren sofort abzurüsten und in neutrale oder, falls keine geeignete vorhanden waren, in interalliierte Häfen zu überführen. Die Durchfahrt durch das Kattegat sollte freigegeben werden. Die Blockade blieb weiter bestehen. Der Waffenstillstand dauerte sechsunddreißig Tage.

Deutsche Landmaschinen für Frankreich.
[Bd. 1 S. 144b]      Versailles: Deutsche Landmaschinen für Frankreich.      Photo Scherl.

Das waren die Bedingungen, die Erzberger entgegennahm. Sie sahen erheblich anders aus als das, was man aus Wilsons Versprechungen erhofft hatte. Es handelte sich nicht mehr um allseitigen Verzicht auf Entschädigungen und Annexionen, sondern um regelrechte Kapitulation eines durch eine schwere Niederlage gedemütigten Deutschland vor unerbittlichen Feinden trotz des Sturzes der Monarchie. Verhandeln ließen diese nicht mit sich. Ablehnung bedeutete weiteres Vorrücken der Alliierten, Verlängerung des Krieges. Vor allem aber hätte eine Ablehnung den Sturz der neuen Regierung durch die Spartakisten zur Folge gehabt. Es blieb also nur Annahme übrig. Das Volk und die Regierung wollten Frieden haben, und wenn es sein mußte, um jeden Preis, das Volk, weil es des Krieges müde war, die Regierung, weil sie sich behaupten wollte und mußte.

So blieb Erzberger nichts weiter übrig, als anzunehmen. Am 11. November morgens fünf Uhr zwanzig Minuten westeuropäischer Zeit unterzeichnete er im Salonwagen des Marschalls Foch die Waffenstillstandsbedingungen. Um elf Uhr westeuropäischer Zeit war der Weltkrieg zu Ende. Unter furchtbaren moralischen und materiellen Opfern für Gegenwart und Zukunft liquidierte die deutsche Republik die Politik des deutschen Kaiserreiches. Es war ein nebelfeuchter Novembertag, nicht sehr kühl. In den französischen und belgischen Städten wurden um die Mittagsstunde die [110] Glocken geläutet. Die Luft war still, wie schon seit Jahren nicht, denn die Kanonen schwiegen. Die Glockenklänge schwebten durchs Land, weithinein ins deutsche Heer. Den Feinden kündeten sie Sieg, den Deutschen Niederlage. Ein tiefer Zwiespalt der Empfindungen erschütterte die Herzen der deutschen Armee. Die einen atmeten auf, daß nun der Friede komme, während den anderen, die sich bis zuletzt den Sinn für nationale Größe und Freiheit bewahrt hatten, ein bitteres Weh die Seele durchschnitt. Das deutsche Heer, von den Belgiern gehöhnt, gelästert und hinterrücks beschossen, strebte dem Rheine zu.

Deutsche Truppen überschreiten den Rhein.
[Bd. 1 S. 96a]      Deutsche Truppen
überschreiten im November 1918 den Rhein
bei Ehrenbreitstein.
      Photo Scherl.
Der Generalfeldmarschall von Hindenburg war in jenen Tagen der am allertiefsten gedemütigte Deutsche. Aber sein unerschütterlicher Charakter wuchs über alle irdische Not hinaus. Im Grunde seiner Seele das erbärmliche Verhalten des Kaisers, wenn nicht bewußt, so doch instinktiv mißbilligend, wandte er sich von diesem ab und stellte sich in den Dienst der deutschen Pflicht. Mit Würde entledigte er sich dieser Aufgabe. Er leitete den Rückzug der deutschen Millionenarmee, so daß er sich geordnet vollziehen konnte und nicht noch ein großer Teil des Heeres in Gefangenschaft geriet, wie es die Folge eines ungeordneten und planlosen Zurückflutens gewesen wäre. Das deutsche Heer trat von der Weltbühne ab, nicht in regelloser Flucht, sondern in Anstand und Würde; den nachdrängenden Feind im Rücken, überschritt es den Rhein, mit verhüllten Fahnen, 1 700 000 Deutsche, die den Heldentod im Weltkriege gefunden hatten, hinter sich lassend.

Rückkehr der letzten deutschen Truppen.
[Bd. 1 S. 160b]      Rückkehr letzter deutscher Truppen aus dem Elsaß über den Rhein,
November 1918.
      Photo Scherl.

Erste Verordnungen
  der neuen Regierung  

Als der Waffenstillstand unter Dach und Fach gebracht worden war, ging die Berliner Regierung unverzüglich dazu über, die durch den Krieg der Bevölkerung auferlegten Fesseln zu lösen. Am 12. November erließ der Rat der Volksbeauftragten folgendes Manifest:

            "An das deutsche Volk!
      Die aus der Revolution hervorgegangene Regierung, deren politische Leitung rein sozialistisch ist, setzt sich die Aufgabe, das sozialistische Programm zu verwirklichen. Sie verkündet schon jetzt mit Gesetzeskraft folgendes:
[111] 1. Der Belagerungszustand wird aufgehoben.
      2. Das Vereins- und Versammlungsrecht unterliegt keiner Beschränkung, auch nicht für Beamte und Staatsarbeiter.
      3. Eine Zensur findet nicht statt. Die Theaterzensur wird aufgehoben.
      4. Meinungsäußerung in Wort und Schrift ist frei.
      5. Die Freiheit der Religionsübung wird gewährleistet. Niemand darf zu einer religiösen Handlung gezwungen werden.
      6. Für alle politischen Straftaten wird Amnestie gewährt. Die wegen solcher Straftaten anhängigen Verfahren werden niedergeschlagen.
      7. Das Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst wird aufgehoben.
      8. Die Gemeindeordnungen werden außer Kraft gesetzt, ebenso die Ausnahmegesetze gegen die Landarbeiter.
      9. Die bei Beginn des Krieges aufgehobenen Arbeiterschutzbestimmungen werden hiermit wieder in Kraft gesetzt.
      Weitere sozialpolitische Verordnungen werden binnen kurzem veröffentlicht werden. Spätestens am 1. Januar 1919 wird der achtstündige Maximalsarbeitstag in Kraft treten. Die Regierung wird die geordnete Produktion aufrechterhalten, das Eigentum gegen Eingriffe Privater sowie die Freiheit und Sicherheit der Person schützen.
      Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens zwanzig Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.
      Auch für die Konstituierende Versammlung, über die nähere Bestimmung noch erfolgen wird, gilt dieses Wahlrecht."

Dieses Regierungsprogramm brachte einerseits den Abbau aller Kriegsverordnungen, andererseits aber wurde klar, daß die Regierungsabsichten der Mehrheitssozialisten mehr auf eine Vereinigung mit dem demokratischen Bürgertum als mit den Linksradikalen hinstrebten. Die Spartakisten fühlten sehr wohl [112] diese Tendenz, und so wuchs auch im Rate der Volksbeauftragten die innere Spannung, da ein Teil der Unabhängigen den Linksradikalen nahestand. Es lag in der Luft, daß zwischen den Mehrheitssozialisten und Spartakisten bald scharfe Auseinandersetzungen um den endgültigen Besitz der Macht stattfinden mußten.

Liebknecht spricht zu den Spartakisten.
[Bd. 1 S. 16b]      Liebknecht spricht zu den Spartakisten.      Photo Scherl.

Spartakisten im Berliner Tiergarten.
[Bd. 1 S. 32a]      Spartakisten im
Berliner Tiergarten.
      Photo Sennecke.
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stellten am 18. November ihre Forderungen in der Roten Fahne auf: Arbeiter- und Soldatenräte, Räteparlament, Rote Garde, Konfiskation des Großgrundbesitzes: "Verwirklichung des letzten Zieles des Sozialismus." Der Unabhängige Polizeipräsident Eichhorn hatte sich mit einer starken Prätorianergarde umgeben und erweckte dadurch das Mißtrauen der Mehrheitssozialisten. Der zu ihnen zählende Berliner Stadtkommandant Otto Wels stellte nun eine republikanische Bürgerwehr auf, und am 21. November kam es zwischen beiden bewaffneten Haufen zur Schießerei. Die Spartakisten drohten in ihrer Wut: "Wer der Sozialrevolution im Wege steht, wird in Stücke gerissen."

Am 25. November trat eine Reichskonferenz der Länderregierungen zusammen, in der Erzberger und Solf einen sehr düsteren Bericht über die auswärtige Lage entwarfen. Eine schreckliche Enttäuschung war dem Ergebnis des 11. November gefolgt. Eisner erhob schwere Anklagen gegen die Regierung und erklärte, diese außenpolitischen Bedrängnisse kämen lediglich daher, daß die Regierung mit Männern wie Erzberger und Solf zusammenarbeite, die schon unter der alten Regierung hervorgetreten seien. Er verlangte die Entlassung Solfs, welcher Staatssekretär des Auswärtigen Amtes war, und am 20. Dezember wurde dieser durch Graf Brockdorff-Rantzau ersetzt, der bis dahin Gesandter in Kopenhagen war. Eine linksradikale Forderung auf sofortige Sozialisierung wurde abgelehnt, dagegen beschloß man möglichst schnelle Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung. "Bis dahin sind die Arbeiter- und Soldatenräte die Vertreter des Volkswillens."

Die Linksradikalen waren sehr unzufrieden mit dem Ergebnis; sie wünschten die Wahl zur Nationalversammlung so lange wie möglich hinauszuzögern, damit erst die alte Militär- und Beamtenhierarchie gebrochen wurde und der Sozialismus [113] nicht durch Reaktion und Gegenrevolution gefährdet werde. Eine starke Agitation der Linksradikalen setzte ein, die darauf hinauslief, die Mehrheitssozialisten aus der Regierung zu verdrängen und schließlich die Diktatur des Proletariats zu errichten und die Wahl des Parlamentes gänzlich zu vereiteln.

Alliierter und
  polnischer Vormarsch  

Während dieser internen Auseinandersetzung hatten polnische Truppen am 18. November Grenzorte der Provinz Posen okkupiert. Die deutsche Regierung begann Verhandlungen anzuknüpfen, die von dem pazifistischen Unterstaatssekretär Helmuth von Gerlach geführt wurden, und die deutschen Truppen wurden zum großen Teile zurückgezogen. Dies hatte später den Verlust der Provinz zur Folge.

Seit Mitte November befanden sich die alliierten Truppen im Vormarsch auf den Rhein. Die Franzosen besetzten Mülhausen (14. November), Metz (17. November), Saarbrücken (18. November). Afrikanische und indische Truppen versuchten sogar am 24. November widerrechtlich einige Orte der Pfalz zu besetzen. Grausam und rigoros verfuhren die neuen Herren gegen das Deutschtum im Elsaß, Haus und Hof und alle Habe mußten die Deutschen zurücklassen, als Geächtete und Bettler unter schimpflicher Behandlung wurden sie über den Rhein geschickt oder interniert, in den Forts von Straßburg. Am 8. Dezember sperrten die Franzosen die deutsche Universität Straßburg und entließen sämtliche Professoren ohne Gehalt und Pension. Anfang Dezember erreichten die feindlichen Truppen das Rheinland. Am 6. zogen die Engländer in Köln, am 8. in Bonn ein. Die Belgier okkupierten am 10. Rheydt, und vier Tage später waren Mainz und Wiesbaden in französischer Gewalt. Unter eisiger Zurückhaltung, ja mit drohenden Mienen empfing die Bevölkerung die Sieger, und nur zu den englisch-amerikanischen Streitkräften bahnten sich mit der Zeit bessere Beziehungen an.

Aus den Waffenstillstandsverhandlungen war den deutschen Vertretern deutlich klar geworden, daß die Alliierten die ganze Schuld am Weltkriege auch auf das republikanische Deutschland abwälzen wollten. So unsinnig an und für sich diese Ansicht war, so war sie doch im Laufe von vier Jahren durch zielbewußte Propaganda geradezu zu einem unumstößlichen [114] politischen Glaubensbekenntnis des Auslandes geworden. Zudem war ja im ersten revolutionären Übereifer von der Sozialdemokratie "An Alle" gefunkt worden, daß Deutschland um Verständigung bitte und sich als Alleinschuldiger am Weltkriege erkläre. Die Sozialdemokraten Molkenbuhr und Müller hatten den Funkspruch unterzeichnet, der in der Absicht gegeben war, die ehemalige kaiserliche Regierung zu kompromittieren, ohne daß man sich über die bedenklichen Folgen klar wurde, die ein solches Eingeständnis bei den Feinden hervorrufen mußte. Am 29. November richtete die deutsche Regierung an die Regierungen von England, Frankreich, Belgien, Italien und den Vereinigten Staaten eine Note, in der sie die Einsetzung einer neutralen Kommission zur Klärung der Kriegsschuldfragevorschlug. Sämtliche kriegführenden Mächte hätten ihr vollständiges Urkundenmaterial zur Verfügung zu stellen. Der Schritt war sinnlos nach Molkenbuhrs Funkspruch und hatte keinen Erfolg. England antwortete erst am 7. März.

  Wachsende Spannung  
in Berlin

In Berlin stieg unterdessen die politische Spannung immer höher. Am 5. Dezember kam es, als Truppen durch die Straßen marschierten, zu einer Schießerei, bei der vierzehn Spartakisten getötet wurden. Unvermeidlich trieben die Dinge zum Höhepunkt, zur Entscheidung. Am 16. Dezember trat der Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte zusammen,

MGs und Drahtverhau gegen Spartakisten in Berlin 1918.
[Bd. 1 S. 32a]      Maschinengewehre und Drahtverhau gegen Spartakisten am Hallischen Tor zu Berlin 1918.      Photo Sennecke.
der mit ungeheurer Mehrheit die Teilnahme Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs an den Beratungen ablehnte. Der Kongreß bewies wiederum, daß die Arbeiter- und Soldatenräte im allgemeinen auf der Seite der Mehrheitssozialisten standen, nur wenige Spartakisten waren unter seinen Mitgliedern. Die Linksradikalen inszenierten große Massendemonstrationen und erzwangen am 18. einer Deputation "im Namen von 250 000 Arbeitern" den Eintritt in den Kongreß. Sie erhoben hier schwere Anschuldigungen gegen die Regierung. Schließlich wurde ein Kompromiß angenommen: Der Kongreß, der die gesamte politische Macht Deutschlands verkörperte, übertrug dem Rate der Volksbeauftragten alle legislative und exekutive Gewalt bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung. Der Kongreß richtete ferner einen Zentralrat der Arbeiter- [115] und Soldatenräte ein, zur Beaufsichtigung des deutschen und preußischen Kabinetts, deren Mitglieder er ernennen und entlassen konnte. – Der Zentralrat, bestehend aus 27 Mitgliedern, von denen 9 den Arbeiter- und Soldatenräten angehörten, war ganz und gar mehrheitssozialistisch, da die Unabhängigen die angebotenen Sitze ausgeschlagen hatten. Es war der Theorie nach die oberste Instanz des Reichs, in der Praxis regierten die Volksbeauftragten mit diktatorischer Gewalt. Es wurde beschlossen, das stehende Heer durch eine Miliz abzulösen, deren Offiziere durch Soldaten gewählt und durch Soldatenräte kontrolliert wurden. Am 19. Dezember stimmte der Reichskongreß dem Vorschlag der Regierung zu, Wahlen für die verfassunggebende Nationalversammlung auf den 19. Januar 1919 auszuschreiben.

Die Spartakisten waren sehr rührig. Mit unerhörtem Fanatismus predigten sie Kommunismus und Klassenkampf und organisierten bewaffnete rote Garden. Sie waren fest entschlossen, die Macht der Regierung in die Hände zu bekommen, ehe die Nationalversammlung gewählt wurde. Sie wollten nach russischem Vorbild die proletarische Diktatur errichten; an ein Volksparlament war dann nicht mehr zu denken, wenigstens nicht im demokratischen Sinne.

Regierungstruppen gegen Kommunisten.
[Bd. 1 S. 128a]      Regierungstruppen gegen Kommunisten,
die den Marstall in Berlin besetzt haben.
      Photo Scherl.

  Weihnachtskämpfe  

Ein Anlaß, diese Aktionen in die Wege zu leiten, fand sich für die Linksradikalen sehr bald. Die Beaufsichtigung des kaiserlichen Schlosses war der in den Marställen untergebrachten Marinedivision anvertraut, deren Entwaffnung der Stadtkommandant von Berlin, Wels, forderte, da die Matrosen
Der Schloßhof zu Berlin am 24. Dezember 1918.
[Bd. 1 S. 48b]      Der Schloßhof
zu Berlin am 24. Dezember 1918.

Photo Scherl.

Zerschossenes Hauptportal des Königlichen Schlosses zu Berlin.
[Bd. 1 S. 48b]      24. Dezember 1918:
Zerschossenes Hauptportal des
Königlichen Schlosses zu Berlin.

Photo Scherl.
viele Gegenstände des Schlosses entwendeten. Diese waren einverstanden, verlangten aber Weiterzahlung ihrer Löhnung, was jedoch verweigert wurde. Wels wurde im Schlosse gleichsam wie ein Gefangener zurückgehalten, während ein Teil der Matrosen zum Kanzlerpalais zog. General Lequis erhielt nun Befehl, die Matrosendivision aus dem Schlosse zu entfernen. Als sein Ultimatum unbeantwortet blieb, eroberte er am frühen Morgen des 24. Dezember das Schloß, wobei es dreißig Tote gab. Die Unabhängigen vermittelten einen Waffenstillstand, und die Matrosen zogen ab. Zum erstenmal hatte ein General auf die Aufrührer geschossen. Das Ereignis vollendete [116] den Bruch zwischen Mehrheitssozialisten und Unabhängigen. Die Mehrheitssozialisten erkannten, daß eine Zusammenarbeit mit den Unabhängigen auf die Dauer nicht möglich sei. Allein aber konnten sie sich nicht mehr von diesen befreien. Da riefen sie die alte kaiserliche Armee zu Hilfe, und nur auf sie gestützt, konnten Ebert und Scheidemann die Wendung von der bolschewistischen Diktatur zur bürgerlichen Demokratie vornehmen.

Barth sympathisierte ganz offen mit den Matrosen und beschuldigte die Mehrheitssozialisten, sie hätten das Blutvergießen verschuldet, was diese natürlich energisch ablehnten. Auch Haase und Dittmann sahen in den Vorgängen des 24. Dezember eine Gefahr für die Revolution, und so erklärten diese am 29. Dezember ihren Austritt aus der Regierung. An ihre Stelle traten die beiden Mehrheitssozialisten Noske und Wissell. Das Tischtuch zwischen Mehrheitssozialisten und Linksradikalen war zerschnitten. Während sich die nun rein mehrheitssozialistische Regierung der bürgerlichen Demokratie zuwandte, rüsteten die Spartakisten offen zum Entscheidungskampfe gegen die Machthaber. Das Reichskabinett bestand aus Ebert (Inneres), Scheidemann (Äußeres), Noske (Heer und Marine), Landsberg (Finanzen) und Wissell (Sozialpolitik). Ebert und Scheidemann führten den Vorsitz. Bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung sollten die Geschäfte des Reichs von dieser Regierung geführt werden.

Die außenpolitische Lage verschlechterte sich immer mehr. Am 13. Dezember trafen Erzberger und Foch in Trier zusammen. Der französische General erhob Vorwürfe, daß Deutschland mit den Ablieferungen im Rückstand sei, demgegenüber beklagte sich Erzberger, daß die Frist zu kurz sei und die Nahrungsmittelzufuhr noch nicht begonnen habe. Der Waffenstillstand wurde um einen Monat verlängert. Auch die Aktivität der Polen nahm wieder zu. Schon seit Mitte November wühlten in Posen und Oberschlesien polnische Elemente gegen Deutschland. Am 15. Dezember brach dieser neue, eigentlich noch gar nicht existierende Staat die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab. Die Weihnachtsfeiertage benutzten die Polen zur Vorbereitung der Über- [117] wältigung und Entwaffnung der noch in Posen stehenden deutschen Truppen. Dies geschah nach zweitägigen blutigen Straßenkämpfen am 27. und 28. Dezember, deren geistige Urheber die Polen Dmowski und Paderewski waren. Am folgenden Tage besetzten die Polen Gnesen. So bahnten sie sich den Weg zur militärischen Besetzung der infolge der Novemberverhandlungen Hellmuth von Gerlachs fast ganz von deutschen Truppen entblößten Provinz, die im Laufe des Januars erfolgte.

  Drohender Bürgerkrieg  

Am Ende des Jahres 1918 befand sich Deutschland in einer trostlosen Lage. Zwar war die Entwicklung der Revolution bereits soweit gediehen, daß die Regierungsgewalt ausschließlich in den Händen der Mehrheitssozialisten lag, die ihrerseits die Verbindung mit dem demokratischen Bürgertum statt mit den linksradikalen Spartakisten anstrebten, aber das Heraufziehen eines Bürgerkrieges wurde immer deutlicher und offensichtlicher, und an seiner Erbitterung war kein Zweifel nach allem, was man bisher von Liebknecht und seinen Anhängern erfahren und vernommen hatte. Nach den harten Waffenstillstandsbedingungen war auch von den Westmächten keine Gnade zu erwarten, während im Osten der polnische Feind mitten im Lande stand. Je wilder das deutsche Volk von den Fiebern des Bürgerkrieges geschüttelt wurde, um so zufriedener war man draußen, in Frankreich und England, in Polen und Rußland. –



Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra