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[Bd. 8 S. 5]

Vorwort, Band 8.

"Die Geschichte ist keine Metaphysik; man kann sie nicht nach der Phantasie schreiben und nach Belieben aufbauen, sondern man muß sie zuerst lernen." Dieses inhaltsschwere Wort stammt von Napoleon. Wir kennen keinen großen europäischen Staatsmann, der nicht erst Geschichte gelernt hätte, bevor er daraus die Erkenntnisse für seine eigene Zeit gezogen hätte. Friedrich der Große, der Freiherr vom Stein, Bismarck, Adolf Hitler sind uns Beweis dafür.

Im ursprünglichen Sinne ist Geschichte der elementare Ablauf eines Volkserlebens. Er muß verschiedene Zustände durchlaufen, bevor er zu einer Kraft der Kulturschöpfung werden kann. Der, der dann als Kulturträger die Geschichte zu gestalten hat, muß alle diese verschiedenen Zustände kennen, wenn er nicht stets ein gefährlicher Dilettant und Nichtskönner bleiben will.

Die Geschichte ist zunächst etwas Tatsächliches, also ein Zusammenwirken von Tatsachen, das seinen Niederschlag findet in all jenen schriftlichen, mündlichen, geistigen oder auch politischen und sonstigen Aufzeichnungen, Äußerungen usw., die wir Quellen nennen. Der Umfang der Quellen wächst, je mehr wir uns aus der Vorzeit unserer eigenen Zeit nähern. Zunächst sind es, in der Frühzeit, Kulturreste, die wir dem Boden entnehmen, dann, im Mittelalter, sind es bereits schriftliche Aufzeichnungen, Chroniken, Staatsurkunden, Äußerungen von Staatsmännern und Geistlichen, zu denen hin und wieder die Stimme eines Laien sich gesellt. Je weiter die Zeit vorschreitet, desto mehr wächst die Zahl der literarischen Quellen an: seit den Tagen Luthers finden wir eine sehr ausgedehnte publizistische Mitarbeit des Volkes, die sich in Flugblättern, Büchern, Briefen, Berichten niederschlägt. Seit dem 17. und 18. Jahrhundert tritt die Memoirenliteratur als neue Quelle zu den vorhandenen, dazu die zahlreichen Briefsammlungen von Staatsmännern und Privatleuten. Als letzte Quelle ist uns seit dem 19. Jahrhundert die Presse geworden, die politische Tages- [6] zeitung und die unpolitische periodische Zeitschrift. Und gerade die Presse ist durch ihre Veröffentlichungen amtlichen Charakters und durch ihre Berichte aus dem täglichen Leben zu einem wertvollen Spiegel des gesamten Staats- und Volkserlebens geworden.

Es zeugt von einer gewissen geistigen Rückständigkeit, wenn heute einer den Quellenwert der Presse leugnen oder wenigstens herabwürdigen will. Die Möglichkeiten, sich zu informieren, sind bei der heutigen Presse so verfeinert und vervollständigt worden, daß ein Ignorieren dieser sehr maßgeblichen Quellen unserer historischen Erkenntnis jüngster Zeit jedes Geschichtswerk über diese Epoche unvollständig erscheinen lassen würde. Bereits in der liberalistischen Zeit hatte die Presse als Volksdokument eine beachtliche Stellung erlangt. Ich habe deswegen in meinen Werken Geschichte unserer Zeit, Der Kampf um das Dritte Reich und Deutsche unter Fremdherrschaft sehr ausführlich das Quellenmaterial der deutschen und ausländischen Presse verwertet und muß sagen, daß sich für diesen Band der Völkische Beobachter als ganz vorzügliche Quelle erwiesen hat.

Die Existenz dieser Quellen ist eine elementare Tatsache. Sie ist unabhängig vom Zutun und Willen des einzelnen, der sich ihnen naht, genau so, wie die Existenz des Bodens unabhängig ist vom Zutun und Willen des Bauern: er ist da und wartet darauf, daß einer kommt, ihn zum Leben zu erwecken. Das zweite Stadium aber, das nötig ist, diese als Quellen bezeichneten, im Grunde toten Überbleibsel vergangenen Lebens neu zu beleben, ist nun, daß der zum Historiker Berufene sich die Kenntnis dieser Quellen verschafft. Es ist das, was Napoleon als "lernen" bezeichnet. Die Kenntnis der Quellen vermittelt die Eigenart, die gleichsam das gemeinsame Band durch die Kette der Jahrhunderte darstellt, die seelische Kontinuität, welche die richtungweisende Sinngebung und das sittliche Gesetz der völkischen Geschichte ist.

Darüber hinaus muß der Historiker sodann in das dritte Stadium eintreten, nämlich in die Erforschung der Geschichtsquellen. Die Geschichtsforschung ist nötig, um die Quellen zu reinigen, Fremdkörper zu beseitigen, Lücken in dem großen [7] Gemälde der Zeiten auszubessern, Fehler und Schäden gut zu machen, kurz, mit der Sachkenntnis eines Handwerksmeisters das Material gebrauchsfertig zu machen, die Steine zu behauen, das Holz zu hobeln. Wir verfügen in Deutschland seit der Zeit des Freiherrn vom Stein über eine Geschichtsforschung im eigentlichen Sinne. Sie nahm Platz an unseren Hochschulen, und die ausschließliche Tätigkeit der überwiegenden Mehrzahl unserer Universitätsprofessoren bestand in der letzten Endes unpersönlichen "Geschichtsforschung". Zweierlei war die Folge dieses Zustandes: erstens die Herausbildung eines weitverzweigten Spezialistentums, das bar jeglicher Ganzheit nur Teilgrößen hervorbrachte, sowohl in bezug auf die Geschichtsforscher als auch in bezug auf die Gegenstände der Geschichtsforschung und so dahin führte, daß der bornierte Historiker allmählich auf die Stufe eines Kammerdieners und Lakaien herabsank, zweitens die Auffassung, als sei die Geschichtsforschung höchster und letzter Selbstzweck jeder Geschichte, der gegenüber die Geschichtsschreibung als etwas Sekundäres vernachlässigt wurde. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den Umstand, daß das liberalistisch-parteiische 19. Jahrhundert über keine geschlossene, umfassende, völkisch begründete Weltanschauung verfügte. Die stets gegenwärtige, volksumfassende Totalität war nicht da.

So kam es, daß dieses dritte Stadium, das der Geschichtsforschung, und zwar einer nach Interessen der Vergangenheit und Gegenwart zerfaserte und spezialisierte Geschichtsforschung ein Jahrhundert hindurch als Selbstzweck der Geschichte galt. Aber eine solche blieb immer nur Stückwerk, eine Schreibtischangelegenheit der Gelehrten und Professoren. Sie war nie in der Lage, eine wirkliche, lebendige Macht völkischer Kulturschöpfung zu werden. Sie blieb lebensfremd, lebensfern, tot und abstrakt, sie kam dem großen seelischen Erleben des Volkes nicht nahe.

Somit müssen wir ein letztes und höchstes Stadium der Geschichte fordern, nämlich jenes Stadium, da Geschichte wirklich zum Leben erweckt wird und als lebendige Kulturtat des Volkes erscheint: die Geschichtsschreibung. Wir haben einige auserwählte Geister, die Spitzenleistungen kulturschöpferischer [8] Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert vollbracht haben: Ranke, Treitschke, Sybel, Mommsen, Droysen, Gustav Freytag. Aber diese Männer waren Ausnahmen, sie waren Genies. Das hindert aber nicht, daß die Geschichtsschreibung nun einmal ein wesentlicher Bestandteil der Kulturbetätigung unseres Volkes ist und bleibt, denn schließlich wird ja alle Kultur nicht von Intellektualisten, sondern von Genies geschaffen.

Im nationalsozialistischen Dritten Reich ist die Geschichtsschreibung endgültig und eindeutig als wesentlicher Bestandteil kultureller Betätigung anerkannt worden.

      "Man lernt eben nicht Geschichte, nur um zu wissen, was gewesen ist, sondern man lernt Geschichte, um in ihr eine Lehrmeisterin für die Zukunft und für den Fortbestand des eigenen Volkstums zu erhalten. Das ist der Zweck, und der geschichtliche Unterricht ist nur ein Mittel zu ihm."

In diesem Ausspruch des Führers, den er in seinem Buche Mein Kampf niedergeschrieben hat, ist nicht nur die elementare Weisheit Napoleons enthalten, sondern die elementare Weisheit aller Großen unseres Volkes, Friedrichs des Großen, Steins und Bismarcks, nämlich, daß man die Geschichte kennenlernte, um damit dem eigenen Volke zu dienen, und drittens die Anerkennung der großen Geschichtsschreiber als Lehrer und Erzieher unserer Nationen, wie ich sie oben genannt habe.

Der Nationalsozialismus hat somit die Umwertung der Geschichte aus einer weltfremden Gelehrtenwissenschaft zu einem allgemeinen Volkskulturgut vorgenommen. Er hat erstens den Primat der abstrakten, von den Fragen der Weltanschauung gelösten Geschichtsforschung gebrochen und diese zu einem untergeordneten Zweig erklärt kraft seiner Forderung der Totalität alles Lebens. Er hat zweitens auf der Grundlage der gesamtvölkischen, rassisch durchfluteten Weltanschauung die Geschichtsschreibung zu einem wesentlichen Faktor der Volkskultur proklamiert. Es gibt also keine "Tendenzgeschichtsschreibung" mehr wie früher, die ein gewisses Teilziel hatte und zu seiner Erlangung irgendeine liberalistische, formalistische Richtung nahm, es gibt nur noch eine gesamtvölkische, d. h. nationalsozialistische Geschichtsschreibung. [9] Drittens aber hat der Nationalsozialismus kraft des von ihm vertretenen Leistungsprinzips das Können zur Grundlage der Geschichtsschreibung erklärt. Es kann und darf nicht, wie in der liberalistischen Epoche, jeder Dilettant "Geschichte schreiben", sondern nur der, der den Befähigungsnachweis dafür erbracht hat!

Weltanschauung, Wissen und Können – diese drei gehören unzertrennlich zusammen. Es darf nicht sein, daß Gesinnungstüchtigkeit ohne Wissen zu Ungerechtigkeit, und Wissenschaft und geistiges Können zu Gesinnungslosigkeit verleiten. Gesinnungstüchtigkeit ohne Kenntnisse und Kenntnisse ohne Gesinnungstüchtigkeit sind in gleicher Weise charakterlos, abscheulich, gefährlich. Erst dann wird der Geschichtsschreiber im Dritten Reich ein wahrhafter Kämpfer für die lebendige Kultur seines Volkes, wenn sein weltanschaulicher Schild die Treue zum Reich, d. h. zu Führer und Volk, und sein geistiges Schwert die Liebe zur Wahrheit, d. h. die Gerechtigkeit, sind! Wir lassen nicht zu, daß Dilettanten, Konjunkturritter und Korruptionisten das erhabene Bild unseres Volksschicksals verzerren und entehren! Wir sind es dem Führer schuldig, daß nur das in seiner Gesamtheit Bestmögliche in der Geschichtsschreibung bestehen bleibt.

In dieser Devise setze ich konsequent mein vor sieben Jahren begonnenes Werk der Geschichtsschreibung unserer Zeit mit diesem Buch fort. Aufs tiefste durchdrungen von der ernsten Verantwortung des Geschichtsschreibers war es seit je mein Bestreben, nicht die Geschichte zu fälschen, sondern die Geschichte zu schreiben! Ich weiß sehr gut, daß die Gesinnungstüchtigen ohne Kenntnisse hier und da Anstoß nehmen an meinen Werken, d. h. dem vierbändigen Werke Geschichte unserer Zeit, dem dreibändigen Werke Kampf um das Dritte Reich, dem zweibändigen Ergänzungswerke Deutsche unter Fremdherrschaft und dem dreibändigen Werke Das Ringen der Titanen. Aber ich bin mutig genug, zu erklären, daß mich dieser Anstoß der "Gesinnungstüchtigen" nicht im mindesten stört. Ich weiß, daß ich unserem Reich, unserem Führer, unserem Volk und unserer Partei als Nationalsozialist der [10] Kampfzeit, der im Gegensatz zu manchem "Gesinnungstüchtigen" bereits lange vor der Machtübernahme als einziger die Geschichte unserer Zeit zu schreiben wagte, am besten diene, wenn ich als den Leitsatz meiner Geschichtsschreibung jenen Satz hier wiederhole, den ich vor einem Jahre in meinem Buche Deutsche Politik niederschrieb:

      "Nur wo Überzeugungstreue und unbedingteste Wahrhaftigkeit sich paaren, kann in der nationalsozialistischen Weltanschauung eine neue Geschichtslehre und Geschichtsschreibung entstehen, die ihren Wert behält über den vergänglichen Tag hinaus."

Ich habe dem heute weiter nichts hinzuzufügen.

Halle a. d. Saale-Cröllwitz, am Heldengedenktag, 17. März 1935.

Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra.




Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra