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II. Danzigs Handel und wirtschaftliche Stellung unter Berücksichtigung des Friedens von Versailles

1. Die Einwirkung des Krieges auf das Danziger Wirtschaftsleben

Durch den Ausbruch des Weltkrieges fiel mit einem Schlage das kunstvolle Gebäude der Weltwirtschaft zusammen. Die meisten internationalen Beziehungen wurden zerstört, einige wenige nur mühsam aufrecht erhalten. Handelsverträge wurden mit Ausbruch des Krieges einfach gegenstandslos. Alle Bedingungen des wirtschaftlichen Lebens änderten sich, die gewohnten Arbeitsmöglichkeiten verringerten sich, der Verkehr sowie der Warenhandel über die Grenzen stoppte. An die Stelle des Weltverkehrs trat für die Zeit des Krieges ein fast ausschließlicher Handels- und Finanzverkehr der Verbündeten untereinander. Der Krieg führte natürlich auch im Danziger Handel tiefgehende Veränderungen herbei. War ein Seeverkehr in den ersten Kriegsmonaten noch möglich, so stockte er im Laufe der Zeit bald vollständig. Eine Ausfuhr seewärts fand in größerem Maße nicht statt, ebensowenig eine Einfuhr. Ausgenommen war der Verkehr mit den neutralen Ländern und den benachbarten deutschen Seestädten. Es betrugen Danzigs

[14]

    G e t r e i d e -
    Zufuhren:    Verschiffungen seewärts:
    1913: 541 111 t 336 714 t
    1914: 421 346 t 250 009 t
    1915: 158 540 t 8 751 t
    1916: 202 979 t 4 483 t
    1917: 91 815 t 15 615 t
    1918: 72 719 t 6 128 t 17

    H o l z -
    Zufuhren:    Verschiffungen seewärts:
    1913: 365 057 fm 271 713 t
    1914: 123 951 fm 88 537 t
    1915: 64 738 fm 27 798 t
    1916: 76 622 fm 67 945 t
    1917: 95 617 fm 36 059 t
    1918: 164 609 fm 28 055 t

    Im  Z u c k e r h a n d e l  wurden seewärts verladen:
    1914: 681 538 Sack  (der Sack zu 100 kg)
    1915: 61 136    "    
    1916: 8 478    "    
    1917: 9 653    "    
    1918: 4 272    "    

Im Herbst 1918 fand der Weltkrieg seinen Abschluß. Aber erst gegen Ende des Jahres 1918 setzte langsam ein Abbau der Kriegswirtschaft in allen Ländern ein.18


2. Das Danziger Wirtschaftsleben nach dem Kriege

Das wirtschaftliche Chaos, das der Weltkrieg verursacht hatte, indem er die natürlichen wirtschaftlichen Beziehungen der Länder zerriß und diese zwang, neue Wege des Welthandels und Weltverkehrs aufzusuchen, vermochte auch der eingetretene Friedenszustand nur ganz allmählich zu besei- [15] tigen, insbesondere da die Bedingungen des Waffenstillstandes und des Friedensvertrages den wirtschaftlichen Lebensnotwendigkeiten Europas und vor allem Deutschlands in keiner Weise gerecht wurden.

Daß die freie Stadt Danzig in dem Friedensvertrag eine besondere Rolle spielen mußte, liegt in ihrer großen Bedeutung als Schlüssel zum Stromgebiet der Weichsel und gleichzeitigen Einfallstor für die wirtschaftliche Befruchtung des europäischen Ostens begründet.19 Gemäß Art. 100 des Friedensvertrages verzichtet Deutschland zugunsten der alliierten und assoziierten Mächte auf alle Rechte und Ansprüche betr. des Danziger Gebiets. Der Friedensvertrag läßt Danzig als freie Stadt begründen und unter den Schutz des Völkerbundes stellen. Eine Verfassung ist gemäß Art. 103 gewährleistet. Mit dem 10. Januar 1920, dem Tage des Inkrafttretens des Friedensvertrages, haben alle im Gebiet des Freistaats wohnenden deutschen Reichs- und Staatsangehörigen ihre bisherige Staatsangehörigkeit verloren und sind Angehörige der freien Stadt geworden. Die Staatsgewalt steht vorläufig dem Vertreter der alliierten Mächte zu. Am 15. November 1920 wurde Danzig als freie Stadt proklamiert und der Danzig-polnische Vertrag abgeschlossen. Zweifellos ist dieser Danzig-polnische Vertrag das wichtigste Dokument, das neben dem Friedensvertrag über Danzigs Schicksal in wirtschaftlicher und nationaler Hinsicht entscheidet. Durch den Vertrag wird Danzig in das Gebiet der Zollgrenze Polens aufgenommen. Das bedeutet für Danzig den Verlust jeder engeren Fühlungnahme mit dem deutschen Mutterlande. Andererseits ist das Streben des Danziger Kaufmanns nach einem gewissen Zusammenschluß mit den polnischen Handelskreisen gegeben. Eine Repressalienpolitik Deutschlands gegen Polen kann Danzig nicht mitmachen, ohne selbst wirtschaftlichen Schaden zu leiden.

[16]
3. Danzigs künftige wirtschaftliche Stellung und Wirtschaftspolitik

Mit dem Inkrafttreten des Friedensvertrages hatte das Danziger Wirtschaftsleben mit ungeahnten Schwierigkeiten zu kämpfen; Schwierigkeiten, die sich infolge seiner Loslösung vom Reich, Umschließung durch Polen und der ungünstigen Wirtschaftslage Polens ergaben. Danzig mußte sich, um sich wirtschaftlich auf eigene Füße stellen zu können, und dadurch einer Polonisierung resp. Internationalisierung durch die Alliierten zu entgehen,20 danach umsehen, wie es sich am besten mit Lebensmitteln, Rohstoffen und Kohle versorgen konnte. In beiden Fällen, sowohl im Falle einer Polonisierung wie einer Internationalisierung, würde Danzig seines Charakters als selbständige Handelsstadt verlustig gehen; es würde eine rege Hafenstadt, aber keine Handelsstadt werden. Danzigs Handelsbetätigung wäre dann lediglich auf dem Gebiete der Spedition zu suchen. Gemäß dem Friedensvertrag und dem Danzig-polnischen Vertrag muß Danzig mit Polen nun einmal zusammen wirken. Danzig kann dies tun, ohne daß nationale Gegensätze hervorgekehrt zu werden brauchen. Es wird aber gewillt sein, auf Grund einer eigenen Wirtschaftspolitik sich seine staatliche Sonderstellung zu sichern und zu erhalten. Eine jede Wirtschaftspolitik muß zunächst auf größtmöglichste Produktion gerichtet sein. Nur durch Förderung der Produktion wird Danzig sich einen genügend großen Markt für Waren schaffen können, um damit den Anforderungen als Handelsstadt genügen zu können. Für die wirtschaftliche Entwicklung und Hebung der Produktion des Freistaates ist weiterhin das Zustandekommen eines Ausgleichs der Gegensätze zwischen Arbeitgeber und Arbeit- [17] nehmer wichtig.21 Besonders ist die Danziger Industrie berufen, die wirtschaftliche Kraft des jungen Freistaates zu stärken. Die zukünftige Lage der Danziger Industrie wird von der Kohlenversorgung, von der Gestaltung der Währung und von der Entwicklung der Arbeitsverhältnisse abhängen. Bezüglich einer Regelung der Währungsfrage läßt der Friedensvertrag dem Freistaat völlig freie Hand. In Danzig besteht zurzeit die deutsche Währung und es herrscht auch keine Neigung zu einer Währungsänderung. Im übrigen verpflichtet der Danzig-polnische Vertrag Polen und Danzig, in Verhandlungen einzutreten, um ihre Münzsysteme zu vereinheitlichen.


4. Danzig als Messestadt

Jede Messe ist eine örtliche und zeitliche Konzentration von Angebot und Nachfrage des Groß- und Kleinhandels und der Produzenten. Die Abhaltung von Messen, die sich im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung während des Krieges und nach dem Kriege in den großen Handelsstädten mehr und mehr eingebürgert hat, ist wohl auf das Streben nach Zusammenschluß und nach Vereinheitlichung und Vereinfachung der Handels- und Verkehrsorganisationen zurückzuführen. Es ist vielleicht interessant, daran zu erinnern, daß die gleichen Gesichtspunkte es waren, die im Mittelalter überhaupt zur Entstehung der Messe führten. Auch damals brachte die Not und die Teuerung die Notwendigkeit mit sich, durch Sammlung aller Wirtschaftskräfte die Schwierigkeiten zu überwinden. Danzig wird durch seine neugeschaffene politische Stellung eine Brücke nach dem Osten und den dort neu entstandenen Staaten bilden; wird nun noch die Weichsel in entsprechender Weise reguliert, dann sind für Danzig inmitten eines regen Verkehrs alle Voraussetzungen gegeben, [18] die einmal einen regen Handels- und Marktverkehr erhoffen lassen, weiter aber auch die Gründe für das Abhalten einer Messe berechtigt erscheinen lassen. Jedes größere Wirtschaftsgebiet besitzt außerdem besondere Merkmale, wertvolle Eigenart der Produktion und nur ihm eigentümliche ausgedehnte privatwirtschaftliche und handelspolitische Beziehungen zu bestimmten Teilen des Auslandes. Diese Beziehungen soll man nicht zerreißen, sondern sie müssen dazu benutzt werden, mit dem Ausland wieder in enge Fühlungnahme zu treten. Diesem Zweck sollte die Danziger Messe vom 18.-25. Februar 1920 dienen. Danzig wird weiterhin den Plan zu verfolgen haben, ein Bindeglied zu schaffen zwischen sich und den Staaten, auf die es angewiesen ist. Dem Westen erschließen sich auf diese Art neue Absatzgebiete für seine Waren nach dem Osten, und dem Osten bietet sich Gelegenheit, dem Westen seine Rohprodukte und Erzeugnisse anzubieten.


5. Danzigs künftige Stellung als Handelsstadt in der Weltwirtschaft

Die Beantwortung der Frage nach einem eventuellen späteren Aufblühen Danzigs als Handelsstadt im internationalen Handelsverkehr wird nicht zum wenigsten davon abhängen, ob es Danzig gelingen wird, sich zu einem unentbehrlichen Export- und Importhafen für die westrussischen Randstaaten zu machen. Es bedeutet dies für Danzig zugleich die Frage, ob es zu einem "Konsumplatz" oder zu einem reinen "Umschlagsplatz", der mehr Verkehrs- als Handelsbedeutung hat, und an dem sich vor allem das Speditionswesen zu hoher Spezialisierung entwickelt, werden wird. Um auf die Höhe eines Konsumplatzes zu kommen, wird es sich für Danzig darum handeln, ob sich in absehbarer Zeit die Verhältnisse in den betreffenden Ostgebieten so geklärt haben werden, daß an einen großzügigen Warenaustausch gedacht werden kann. Es sind immerhin Absatzmöglichkeiten vorhanden, um so mehr, als diese Länder nicht in der Lage sind, [19] alles zum Aufbau Notwendige im eigenen Lande zu produzieren. Hier wird es vor allem Aufgabe der Danziger Maschinen- und Textilindustrie sein, sich ein großes Absatzgebiet zu schaffen. Besonders wird Danzig ein wichtiger Mittelpunkt des Holzhandels und der Holzindustrie bleiben. Handel auf eigene Rechnung wird Danzig erst erfolgreich treiben können, wenn es ihm gelingt, sich eine eigene Handelsflotte zu schaffen, und damit eine eigene unbehinderte Verbindung mit Übersee herzustellen. Hierzu ist die Danziger Schiffsbauindustrie berufen, für deren Entwicklung in Danzig infolge der bevorzugten Lage die günstigsten Vorbedingungen gegeben sind. Es mag auch hier auf die Bedeutung Danzigs als Auswandererhafen hingewiesen werden. Bei Einsetzen des Auswandererstromes, besonders aus Polen, wird Danzig mit einem großen Ansturm zu rechnen haben, um so mehr, als Hamburg und Bremen durch den Friedensvertrag (Art. 327) ihre bisherige Monopolstellung in dieser Hinsicht verloren haben. Zunächst wird es zu einem Konkurrenzkampf zwischen Danzig und Polen kommen. Dieser Kampf, der auf der Basis des Danzig-polnischen Vertrages entbrennen wird, wird den Fähigeren und Stärkeren als Sieger sehen. Deutsche Art, Danziger Arbeit und Fleiß lassen die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß Danzigs Bemühungen mit Erfolg gekrönt sein werden, und daß die freie und Hansestadt Danzig aus ihren vielhundertjährigen Beziehungen zu ihrem engeren und weiteren Hinterland und aus der Lage an Meer und Strom Kraft ziehen wird zu neuem Leben.

"Ex undis divitiae
Ex agris vita."

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17Vergl. für die Tabellen die Berichte des Vorsteheramts der Kaufmannschaft zu Danzig für die Jahre 1914-1918. ...zurück...

18Volkswirtschaftliche Chronik für das Jahr 1918, S. 891. ...zurück...

19P. Damme, Die Freiheit der freien Stadt Danzig, Festgabe für Dr. Otto Liebmann, Berlin 1920, S. 53 f. ...zurück...

20Interessant ist das Buch des Warschauer Historikers Simon Askenazy, der einen Anspruch Polens auf Danzig aus der Geschichte abzuleiten sucht und der Ansicht ist, daß Danzig völlig zu Polen gehört. Vergl. sein Buch Danzig und Polen, Warschau 1920. ...zurück...

21Vergl. zu dieser Frage J. Chrzan, Die volkswirtschaftliche Bedeutung einer industriellen Arbeitsgemeinschaft mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse des Freistaates Danzig. Greifswalder Dissertation 1920. ...zurück...

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Danzig als Handelsstadt
Unter besonderer Berücksichtigung der
durch den Frieden von Versailles geschaffenen Lage

Kurt Heimrich