SucheScriptoriumBuchversandArchiv IndexSponsor


Theresienstadt
(Seite 1 von 2)
Bericht Nr. 91
read this report in English translation
Internierungslager "Kleine Festung"
Berichter: Dr. med. E. Siegel, prakt. Arzt

Lage von TheresienstadtDa ich selbst acht Monate in Theresienstadt verbracht habe, wobei ich als Arzt Gelegenheit hatte, mehr zu sehen als andere, so will ich die Vorgänge in der sogenannten "Kleinen Festung" in Theresienstadt (Tschecho-Slowakei) schildern; eine Schilderung, die mit geringen Änderungen auch auf jedes andere Internierungslager oder Gefängnis der Tschechoslowakei passen würde.

Als erste Insassen kamen dorthin die auf dem Durchmarsch oder Heimweg befindlichen Soldaten der Deutschen Wehrmacht, die von der tschechischen "Revolutionsgarde" (in Abkürzung RG genannt) aufgegriffen wurden. Damals bildete die RG zum Großteil die Besatzung.


Die "Kleine Festung"

Theresienstadt war in den Kriegsjahren von der ganzen Bevölkerung geräumt und als Ghetto eingerichtet worden, in welchem etwa 40.000 Juden Aufenthalt fanden. Ungefähr einen Kilometer von der Stadt entfernt, am anderen Ufer der Eger, liegt die "Kleine Festung", die als Konzentrationslager diente. Sie besteht aus vier Höfen, die sich konzentrisch an einen kleinen Park mit Herrenhaus, einer Mannschaftskaserne, Wirtschaftsgebäuden, Ställen und einem Kino, einem größeren Badebassin und einem Steingarten reihen.

Die ersten drei Höfe umschließen Kanzleien, Magazine, Tischler- und Schlosserwerkstätten. Als Unterkunftsräume für die Internierten dienen die Kasematten, die direkt in den Wällen der aus der Zeit Maria Theresias stammenden Festungsanlage liegen. In den ersten Monaten war jedoch nur der sogenannte 4. Hof mit Gefangenen belegt. Dieser liegt zwischen Innen- und Außenwall und man gelangt dorthin durch einen 15-20 m langen, schräg abwärts führenden, tunnelartigen Durchgang. Der Hof selbst ist ein ungefähr 80 m langer Platz, an dessen Längsseiten sich neuerbaute ebenerdige Zellen befinden, und zwar rechts die Einzelzellen, in Gruppen zu 10 aneinandergereiht. Eine Einzelzelle ist aus blankem, glatten Beton, 1.45 m breit und 2.45 m lang, hat in einer Ecke eine Porzellanschüssel mit Wasserspülung und ein dickes kleines Drahtglasfensterchen, das auf einen kleinen Hof hinaus geht. Die Tür geht auf ein anderes kleines Höfchen und hat eine etwa 12x12 cm messende Luftöffnung, die mit Drahtgitter verschlossen ist. Die kleinen Höfe sind ungefähr 2,5 m breit und 15 m lang. Jeder dieser Höfe mündet durch eine nachts ebenfalls abgeschlossene Tür auf den Haupthof. Drei oder vier der kleinen Höfe waren mit Glas überdacht, die anderen waren nach oben gänzlich frei.

Auf der linken Seite des Haupthofes befinden sich fünf Großzellen zur Unterbringung von je 200 Mann. In diesen Zellen stehen dreistöckige Holzpritschen als Schlafstellen. Die Pritschen sind aus Rohholzbrettern (wie diese aus der Säge fallen) gebaut. Jede Zelle hat zwei Aborte und einige Waschgelegenheiten. Am Ende des Hofes befinden sich zu beiden Seiten je drei Zellen, besser gesagt, dunkle, vergitterte Gänge, nämlich ehemalige Kasematten im Außenwall.


Empfang der Opfer

Hier will ich einen größeren Empfang von ankommenden neuen Gefangenen schildern, wie er unter anderem am 24. Mai 1945 stattfand. Es handelte sich um einen ungefähr 600 Menschen beiderlei Geschlechtes umfassenden Transport. Alle Altersstufen waren vertreten. Unter den Eingelieferten befanden sich viele Rot-Kreuzschwestern aus den Prager Kliniken.

Auf dem Wall, durch den der Zugang zu dem 4. Hof führt, wehten Rot-Kreuz-Fahnen, verschiedene Empfangspersonen trugen Rot-Kreuz-Binden am Arm, wozu allerdings die mit Eisen beschlagenen Erdhackenstiele, die sie in den Händen hielten, wenig paßten. In dem dunklen Durchgang war ungefähr 4 m vor dem Ausgang das Pflaster tief aufgerissen worden. Unter Gebrüll und Drohungen, Faustschlägen und Prügel wurden die angekommenen Männer als erste im Laufschritt den dunklen Gang hinuntergetrieben. Gleich die Ersten kamen bei dem tiefaufgerissenen Pflaster, das wie ein Graben quer zum Weg lief und im Dunkeln kaum gesehen werden konnte, zu Fall, auf sie traten und stürzten die Nächsten und in diesen meterhohen Haufen von sich windenden Menschenleibern schlug die RG, die sich auf beiden Seiten des Ganges aufgestellt hatte, unaufhörlich mit den langen, eisenbeschlagenen Knüppeln mit voller Wucht ein. Ohne schwere Schläge und Verletzungen kam wohl niemand auf den Hof. Der Grundsatz, daß jeder, der nicht von selbst wieder aufsteht, ganz totgeschlagen (der KZ-Ausdruck lautet hierfür: "fertig gemacht") wird, wurde eisern festgehalten. Am Hof wurden die Leute weiter herumgetrieben, es war eine Art Spießrutenlaufen. Wer zu Fall und von selbst nicht wieder hoch kam, zu dem trat, sich herablassend, der Festungskommandant Prusa und schlug ihm mit einigen Schlägen die linke und dann die rechte Niere ab. Die so "Fertiggemachten" wurden in die Betonzellen geschleift, wo man sie verröcheln ließ. Der Herr Kommandant zählte die Reihen derart ab, daß er beim Zählen die in der Reihe stehenden mit einem Eisenknüppel über den Schädel schlug. Nach dieser Prügelei mußten sich alle mit erhobenen Händen acht Stunden an die Wand stellen. Wer die Arme sinken ließ, wurde erbarmungslos wieder geprügelt. Allein bei diesem Empfang büßten etwa 70 Mann ihr Leben ein. 500 Mann wurden in eine Großzelle hineingetrieben, in der sie, eng aneinandergepreßt und nur auf der Seite liegend, Platz landen. So mußten sie die Nacht zubringen, deren Stille immer wieder von Schüssen und dem Geschrei der Geprügelten unterbrochen wurde. Die Hitze war entsetzlich, die Luft zum Ersticken. Und solche Nächte reihten sich monatelang aneinander.

Am nächsten Tage wurden alle Kleidungsstücke weggenommen und zerlumpte Sträflingskleider ausgegeben. Jedem Mann wurden mit der Nuller-Haarschneidemaschine ein Streifen von der Stirn zum Nacken ausgeschoren. Als Kapos wurden in der Mehrzahl Schwerverbrecher und ausgesprochene Sadisten ernannt, die sich dadurch ihre Posten hielten und denen es Vergnügen machte, die Internierten auf jede erdenkliche Weise zu quälen. Der Verkehrston war nur Brüllen. Die Gefangenen mußten in Hockestellung mit vorgestrecktem Arm eine halbe Stunde auf Brot- und Essenempfang warten. Ein Umfallen oder Schwanken gab Anlaß, die Betreffenden neuerlich zu prügeln. Im Raum selbst standen die Menschen dicht gedrängt einer an dem andern. Sitzen oder Liegen war tagsüber streng verboten. So also standen die Menschen von 5 Uhr in der Frühe bis 9 Uhr abends, manchmal zu einem stundenlangen Appell auf den Hof getrieben, wobei gebrüllt, geprügelt und auf jede nur erdenkliche Art schikaniert wurde. Kommandant Prusa und sein Verwalter Tomes erklärten wiederholt, daß jeder, der hereingekommen sei, auch hier krepieren müsse. Die Gnade, sofort erschlagen oder erschossen zu werden, wurde niemandem erwiesen. Erst müsse jeder ordentlich "büßen", auf deutsch gesagt: durfte nur langsam zu Tode gefoltert und geprügelt werden. Als weitere Konsequenz wurden fast täglich in einer Hofecke neben dem Eingang Wertpapiere, Dokumente, Ausweise, Andenken, Photographien usw., die den Gefangenen gehörten und die ihnen abgenommen worden waren, zu einem Haufen getürmt und verbrannt, denn, so erklärte der Kommandant höhnisch, niemand mehr wird einen Ausweis oder ein Andenken brauchen!

Aus technischen Gründen scheiterte die beabsichtigte Vergasung und so blieb nur das langsame Zu-Tode-Peinigen am Programm. Das unmenschliche Hineinpressen von über 500 Menschen in die Zelle 43 dauerte Wochen hindurch. Die anderen Zellen waren wohl auch sehr überfüllt, wenn auch nicht in diesem unvorstellbaren Maße.


Das eigene Schicksal

Wenn ich jetzt meine Verhaftung so ausführlich schildere, dann nur deshalb, um ein Beispiel aus eigener Erfahrung zu bringen.

Ich schicke voraus, daß ich nie politisch tätig war. Ich war Kreisführer-Stellvertreter des Deutschen Roten Kreuzes. Kreisführer konnte ich nicht sein, weil dies ein Vertrauensmann der Partei sein mußte. Während des ganzen Krieges hatte ich täglich viele Tschechen, Slowaken, Slawen u. a. in meiner Ordination. Mit diesen wurde stets tschechisch gesprochen. Ich hatte also keinerlei Ursache anzunehmen, daß mir von den Tschechen etwas geschehen würde. Am 30. Mai 1945, in der Mittagszeit, donnerte man plötzlich an meine Haustür. Zwei Autos mit Schwerbewaffneten standen draußen. "Hier Polizei, sofort öffnen!" hörte ich brüllen. Ich öffnete, wurde sofort vor die Brust gestoßen und mußte die Horde in die Wohnung einlassen. Zuerst wurde ich fürchterlich geohrfeigt und mit der Faust geschlagen. Man brüllte mich an, wo ich die SA-Uniform und die Waffen versteckt habe. Auf meine Antwort, daß ich nie bei der SA gewesen sei, und die Waffen ordnungsgemäß abgeliefert habe, erhielt ich neuerlich Ohrfeigen. Meine Frau wurde, wie auch ich selbst, dauernd mit der auf die Brust gesetzten Pistole bedroht, die Wohnung wurde systematisch geplündert. Wertgegenstände, Schuhe, Wäsche, Kleider, Uhren, Geld usw. wurde in die bei mir vorhandenen Lederkoffer verpackt und weggeschleppt. Gold, Brillanten, wertvolle Uhren fand man nicht, da meine Frau alles in einem Säckchen am Dachboden versteckt hatte. Ich kannte das Versteck aber gar nicht. Ehe ich noch etwas erklären konnte, wurde ich solange gewürgt, bis ich bewußtlos am Divan lag. Meiner Frau wurde ich in diesem Zustand gezeigt und es wurde ihr erklärt, daß sie ebenfalls erwürgt werde und den Kindern werde man die Augen ausstechen, wenn nicht sofort das Gold und der Schmuck herbeigebracht würden. Angstzitternd lief meine Frau nach den Wertsachen. Die gründliche und systematische Plünderung der Wohnung bewies die bereits erworbene Praxis der Polizei. Da man keine SA-Uniform fand, wollte man mich durchaus zwingen, zu gestehen, wo ich dieselbe versteckt hätte. Ich konnte jedoch nichts angeben, weil ich nie eine SAUniform besessen hatte. Ich wurde deshalb wiederholt mit einem eisernen Schürhaken mit aller Gewalt geschlagen, mußte die Schuhe ausziehen, mich auf den Bauch legen, die Fußsohlen hochheben und erhielt eine Bastonade (Schläge auf die Fußsohlen). Nach vielen Schlägen, Ohrfeigen und anderen Mißhandlungen wurde ich schließlich, ohne meine Angehörigen nochmals gesehen zu haben, die Treppe hinuntergestoßen und in einem Auto nach Theresienstadt gebracht. Während der Fahrt wurde mir ununterbrochen erklärt, auf welche grausame Art und Weise man mich totprügeln werde.

In der Festung Theresienstadt angekommen, mußte ich erst einige Stunden mit erhobenen Händen an der Wand stehen, eine Zeit, die nur durch wiederholte heftigste Ohrfeigen unterbrochen wurde. Dann begann das Verhör. Es wurde gefragt: "Warst du bei der SS?, SA?? usw.". Und auf jede Antwort erhielt ich Ohrfeigen und Faustschläge mit voller Wucht. Dann wurde ich vor der Kanzlei aufgestellt und erhielt schwere Fausthiebe in die Magengegend, so heftig, daß ich jedesmal zu Boden stürzte. Am Boden liegend wurde ich mit aller Gewalt mit Füßen getreten und gehackt, besonders auf den Brustkorb, Kopf und Geschlechtsteile. Einer versuchte mir immer wieder, den Arm auszurenken. Später sah ich viele mit ausgerenkten Armen. Kaum stand ich wieder, ging ich infolge Bauchschlags zu Boden. Dies wiederholte sich längere Zeit. Dann wurde ich auf eine Pritsche gesetzt und man stopfte mir ein schmutziges Handtuch in den Mund. Dann zeigte man mir einen mehr als meterlangen, mit Eisen beschlagenen Knüppel und erklärte mir, man werde mir alle Zähne aus dem Mund stoßen. Ein Internierter mußte meinen Kopf halten und mit dem eisenbeschlagenen Ende des Knüppels stieß man mir dann mit aller Gewalt gegen die Zähne. Da sich das Tuch vor die Zähne legte, hielten die Zähne die Stöße aus, die Lippen aber wurden unförmig zerstoßen. Wie mir später der Internierte, ein gewisser Karl Erben, erzählte, konnte er es nicht mehr mit ansehen und mußte weg, da ihm beim Halten meines Kopfes übel wurde. Dann wurde ich mit dem Bauch auf die Pritsche gelegt und mit dem Knüppel, der mit beiden Händen geführt wurde, mit voller Wucht auf das Gesäß, den Rücken und den Nacken geschlagen. Auch jedes Gelenk sowie der Brustkorb erhielt systematisch einen oder mehrere Hiebe. Dabei wurde mir der Zeigefinger der rechten Hand gebrochen und zwei weitere Brüche erlitt ich an den Mittelhandknochen. Auf meiner Stirn zieht sich von der Stirnhaargrenze senkrecht bis durch die Augenbrauen eine Narbe, die rechte Ohrmuschel wurde eingerissen und zerquetscht und zahllos waren damals die Abschürfungen und Risse. Der ganze Körper war blutunterlaufen. In diesem Zustand wurde ich in eine direkt an dem Festungswall liegende Zelle geschleift, die noch voller Winterkälte steckte. Dort ließ man mich drei Tage und drei Nächte lang, am blanken Beton in einer Blutlache liegen. Bekleidet war ich nur mit einem total zerfetzten Hemd, sodaß der Oberkörper so gut wie nackt war, und den Hosen.

Durch die Schläge auf die Wirbelsäule und die Gelenke kam es zu einer teilweisen Lähmung meines Körpers, sodaß ich fast bewegungslos mit wahnsinnigen Schmerzen und vor Kälte zitternd am eiskalten Betonboden lag. Ich flehte zu Gott, er möge mich schon sterben lassen und von meinen Qualen erlösen. Am dritten Tag kam ein tschechischer Arzt und brüllte mich an, ich solle aufstehen, da ich mich jedoch nicht rühren konnte, riß er mich am Haar hoch und warf mich wieder zu Boden. Dies war die erste ärztliche Behandlung von einem tschechischen Kollegen. Wahnsinnig quälte mich der Durst. Zu essen bekam ich auch nichts, aber ich hätte mit meinen Mundverletzungen auch gar nichts essen können. Als ich dann eine Schale Kaffee hingestellt bekam, mußte mir ein Soldat, den man in der dritten Nacht zu mir in die Zelle gesperrt hatte, die Flüssigkeit langsam durch einen Mundwinkel einflößen. Wiederholt wurde durch die Schergen nachgesehen, ob ich noch lebe. Dabei wurde jedesmal festgestellt: er krepiert schon, er wird gleich verreckt sein, usw.


Als Lagerarzt eingesetzt

Am 4. Tage kam ein Häftling zu mir herein, um nachzusehen, ob ich noch lebe. Er sagte mir, ich müßte mich arbeitsfähig melden, sonst müßte ich hier elend zugrunde gehen. Da ich glaubte, man würde mich aufgrund der falschen Meldung wenigstens rasch im Freien erschlagen, meldete ich mich arbeitsfähig. Ich hatte Glück. Ich wurde als Arzt eingesetzt. Nach einer Stunde teilte mir dies der Häftling mit. Er hob mich hoch, stellte mich auf, sodaß ich dann, nach mehrfachen Versuchen ganz langsam heraustaumeln konnte. Durch das Haar wurde mir auf der Stirn beginnend bis zum Nacken mit der Haarschneidemaschine eine Bahn ausgeschnitten, ich bekam andere Hosen, ein Hemd, einen Rock und Schuhe und konnte meinen Dienst antreten. Dienst antreten ist etwas zuviel gesagt. Ich konnte mich ohne fremde Hilfe nicht einmal auf einen Stuhl setzen, noch weniger von einem solchen aufstehen. Mit der linken Hand mußte ich mir dauernd den Kopf halten, da die Nackenmuskulatur furchtbar zerschlagen war und mir der Kopf immer wieder auf die Brust herunterfiel. Am linken Auge sah ich nur zentral einen Schein, hören konnte ich sehr schlecht infolge der vielen Schläge auf die Ohren. In der ärztlichen Ambulanz erhielt ich erstmals einen Verband und konnte auch zum ersten Male, allerdings nur mit fremder Hilfe, genügend trinken. Eine Ärztin, die auf der deutschen Klinik in Prag gearbeitet hatte, dort gefangengenommen und nun ebenfalls hier in Theresienstadt interniert war, kannte mich. Sie schickte mir einen Strohsack, auf dem ich nun schlafen konnte, denn alle Internierten mußten ausnahmslos auf Brettern direkt am Boden liegen. Welche Schmerzen die oft am ganzen Körper Zerschlagenen ausstanden, ist kaum vorstellbar. Vielfach wurde das zerschlagene Fleisch brandig und es kam zur Abstoßung von oft handgroßen Gewebsfetzen und viele Internierte erlagen dadurch oft nach Wochen qualvollen Leidens den vor längerer Zeit erlittenen Schlägen. Man legte mich in eine Zelle auf den Strohsack und ich fiel in einen totähnlichen Schlaf. Nach zwei Stunden wurde bereits gefragt, ob ich arbeite. Man erklärte, daß ich gerade bis jetzt gearbeitet habe und mich nur ein wenig hingelegt hätte. Ich erwähne nur nebenbei, daß ich im Anschluß an die Mißhandlungen schwere Herzstörungen bekam und nur durch Kombetin-Traubenzuckerinjektionen am Leben blieb. Diese erhielt ich von einem gleichfalls internierten Arzt namens Dr. Benna, der in Prag verhaftet und nach Pankratz eingeliefert worden war. Er hatte noch vom Empfang in Theresienstadt (24. Mai) stark eiternde Wunden am Kopf, die von Knüppelschlägen herrührten. Dr. Benna hatte sich u.a. auch diese Injektionen selbst verschafft, denn im ehemaligen Ghetto Theresienstadt lagen Medikamente wirklich in Bergen herum.


Tötung auf Befehl

Langsam fing meine ärztliche Tätigkeit wieder an, da wurde ich aber auch schon aufgefordert, Internierte, die auf der nebenanliegenden Zelle Nr. 50 untergebracht waren, durch Injektionen zu töten. Ein "Nein" meinerseits hätte nur bedeutet, zu Tode geprügelt zu werden. Ich wies auf meine zerschlagene rechte Hand hin und erklärte, daß ich noch keine Injektionen ausführen kann. Zwei oder drei Tage später wurde mir neuerdings der Befehl gegeben, diese Leute mit der Spritze ins Jenseits zu befördern. Man erklärte mir kurz, es sei schade, diese älteren Leute weiter zu füttern, der Aufwand stehe in keinem Verhältnis zu dem, was sie noch leisten könnten. Daß meine zerschlagene Hand dies unmöglich mache, wurde nicht anerkannt. Welche Pein mir dieser Auftrag verursachte, kann jeder fühlende Mensch ermessen. Die Weigerung bedeutete für mich den Tod. So sagte ich "ja", ließ aber die für die Injektion bestimmten Ampullen heimlich aus dem Medikamentenschrank verschwinden und versteckte sie unter meinem Strohsack. Ein weiteres Hinausziehen aber war kaum möglich - es ging nur um Tage - es wurden neue Ampullen besorgt. Da kam mir ein anderer Umstand zu Hilfe. Da im Lager Flecktyphus ausgebrochen war, kam der Vorstand des Hygienischen Institutes in Prag, Dr. Patocka, nach Theresienstadt und überprüfte die Internierten auf Infektionsfälle. Er stellte 16 Fleckfieberkranke fest und gab daraufhin den Auftrag, außerhalb des 4. Hofes, in den Räumen des abseits liegenden Kinos eine Fleckfieberstation zu errichten, und ich wurde als Arzt für dieselbe bestimmt. Dies war am 6. Juni 1945.

Ich war dadurch außerhalb des 4. Hofes, der am Abend immer abgesperrt wurde und hatte Gott sei Dank keine Gelegenheit mehr, die Einspritzungen, die in der Nacht durchgeführt wurden, auszuführen. Als Flecktyphusarzt hatte ich die Pflicht, regelmäßig sämtliche Zellen zu kontrollieren, und so kann ich auch als Augenzeuge über die bereits erwähnte Zelle 50 berichten. Die ärztliche Ambulanz befand sich auf Zelle 49, die der Zelle 50 angegliedert wurde. Strohsäcke gab es in diesen Zellen nicht, sondern nur ungehobelte, ungesäumte Bretter lagen auf dem Fußboden. Da lagen nun die Kranken so eng, daß sie nicht auf dem Rücken, sondern nur auf der Seite liegen konnten. Dabei befanden sich unter den Kranken viele frisch amputierte, meistens handelte es sich um Bein- bzw. Oberschenkelamputationen, mehrere hatten auch den Arm abgesetzt. Es waren fast durchweg Burschen im Alter von 16-18 Jahren, angeblich SS-Leute. Sie saßen am blanken Betonboden aneinandergepreßt, stießen sich gegenseitig mit den Stümpfen, die Verbände waren völlig mit Eiter durchtränkt, stanken entsetzlich und wimmelten von Fliegenmaden. Bei einigen waren die Verbände abgefallen, und es war die bloße eiternde Wunde, bzw. der Knochenstumpf zu sehen. Sie baten flehentlich, verbunden zu werden und ich werde nie in meinem Leben die verhärmten und von furchtbaren Qualen und unendlicher Verzweiflung gezeichneten Gesichter vergessen, wie sie eng aneinandergepreßt am Boden hockten und dauernd sich gegen ihre Wunden stießen. Diese Ärmsten waren das Entzücken des Festungskommandanten Prusa und seiner Helfershelfer. Im allgemeinen wurden diese Zellen den wiederholt von Prag kommenden Kommissionen nicht gezeigt; nur ab und zu kam es zu Vorführungen der dort Liegenden, wenn der Kommandant Prusa speziell guten Bekannten eine kleine Freude machen wollte. Ich durfte als Arzt weder einen Verband anlegen, noch ein Wort zu den Burschen sprechen. Beim Kontrollieren wurde ich am Arm gehalten und man erklärte mir, wenn ich nur ein Wort mit den Amputierten spräche, müsse ich gleich mit hier bleiben. Das Martyrium dieser Ärmsten dauerte einige Wochen. Ich sah sie noch einmal - als Leichen, mit Spuren von Hieben, besonders auf den Stümpfen Blutunterlaufungen. Ob sie zu Tode geprügelt oder nach "Patent Theresienstadt" erwürgt worden waren, oder eine gnädige Spritze bekommen hatten, das entzieht sich meiner Kenntnis.


Die Fleckfieberstation

Als ich am 6. Juni 1945 die Fleckfieberstation einrichtete, bekam ich 2 Schwestern zugeteilt und hatte den ersten Tag eine Belegung von 16 Fleckfieberkranken (Männern), den 2. Tag kamen noch 15 Männer dazu. Alle hatten 40 Grad Fieber, hörten infolge der Erkrankung sehr schlecht, waren größtenteils völlig benommen, unruhig und mit Durchfall behaftet. Wäsche für die Kranken war nicht vorhanden. Es wimmelte von Flöhen. In der Benommenheit verließen sie dauernd ihr Lager, reagierten auf keinen Anruf und in kurzer Zeit war der ganze Raum und Abort mit dünnem Stuhl völlig verschmiert, ebenso die Strohsäcke und die Patienten selbst. Dazu kamen die Umenge von Flöhen und Schwärme von Fliegen, die von der gegenüberliegenden Leichenhalle herüberkamen, wo viele Leichen oft tagelang nackt lagen. Wanzen gab es in rauhen Mengen. Da wir für die Patienten nichts zu trinken hatten, taumelten sie dauernd auf die Wasserklosetts hinaus, um dort aus den Abortschüsseln das Wasser zu trinken. Ich selbst war am ganzen Körper so zerschlagen, daß ich vom Sessel ohne fremde Hilfe kaum aufstehen konnte; abends mußte mich eine Schwester auf das Lager legen, mich waschen und in der Früh wieder herausheben.

Ich war verzweifelt und hoffte nur, daß mich das Fleckfieber von meinen ganzen Qualen und Sorgen erlösen möge.

Am dritten Tage änderte sich plötzlich die Situation. Man erwartete eine Inspektion von Prag. Ich bekam 5 Schwestern zugeteilt, reichlich Wäsche, genügend Kaffee für die Kranken zum Trinken und das amerikanische Präparate D.D.T., auch Neozit genannt, ein mehlartiges Pulver, mit dem alle Strohsäcke, Kranke, das Personal, kurz die ganze Infektionsabteilung eingestäubt wurde, sodaß es aussah wie in einer Mühle. Der Erfolg war verblüffend. In ein bis zwei Stunden waren die Scharen von Flöhen restlos vernichtet, der Fußboden war schwarz von krepierten Fliegen, und binnen zwei Tagen begannen auch die Wanzen einzutrocknen, ebenso die Läuse, um die es ja hauptsächlich hier ging, wurden vernichtet. Der erste Lichtblick in meiner grenzenlosen Verzweiflung! Rasch wurde jetzt die Fleckfieberabteilung eine kleine, gute Mustereinrichtung, die allerdings mit den übrigen Lagerunterkünften und der Behandlung der Internierten im krassen Widerspruch stand. Prof. Dr. Patocka kam häufig inspizieren; ich bekam die nötige Wäsche, ebenso Medikamente und auch Neozit in genügender Menge. Einen kleinen Zwischenfall will ich jetzt schildern, der bezeichnend ist für den Ton und die Einstellung der Lagerleitung selbst:


Menschliche Bestien

Ich hatte einen neuen Fleckfieberfall festgestellt und ließ den Kranken vom Hof heraus zur Infektionsabteilung tragen. Als ich aus dem dunklen Durchgang herauskam, wurde ich vom Verwalter Tomes gestellt: "Was hast Du für ein Schwein hier auf der Bahre?" Ich entgegnete: "Einen Fleckfieberkranken." Darauf er: "Wozu die Umstände mit dem Schwein, schlag doch die Bestien gleich tot! Warum man überhaupt solche Bestien hier füttert, das ganze Lager muß krepieren." So brüllte er laut und hielt weiter brüllend eine Ansprache an die in seiner Nähe stehenden Gendarmen mit der Aufforderung, doch alles zu erschlagen. Da der Kommandant, er und der größte Teil der Besatzung alles, was an Wertgegenständen, Kleidern, Geld usw. im Besitze der Internierten gewesen war, sich angeeignet hatten, bzw. dem Staate unterschlagen hatten, wurden der Kommandant, Tomes und mehrere andere später verhaftet und an das Kreisgericht in Leitmeritz eingeliefert.

Dies geschah nicht wegen der unzähligen Morde, die diese auf dem Gewissen hatten, sondern wegen Unterschlagungen von Gold und Wertsachen, die sie, statt an den Staat abzuführen, für sich zurückbehalten hatten. Des Kommandanten Tochter Sonja Prusova hat z. B. ein kleines Köfferchen voll von Brillanten, Gold, Damenuhren, Schmuck und anderen Wertgegenständen, welches alles von Internierten aus Prag stammte. Sie läuft heute noch in Leitmeritz in einer Wildlederjacke herum, die sie einer Ärztin gestohlen hat. Ich habe übrigens noch nie ein Mädchen gesehen, welches derart sadistisch veranlagt war wie diese Sonja, die kaum 20 Jahre alt war. Man sagte mir, sie habe allein 28 Leute mit totprügeln helfen. Daß sie Frauen büschelweise die Haare ausriß, sie mit den Fäusten ins Gesicht oder in den Bauch schlug, oder mit den Füßen trat und sie auspeitschte, haben mir davon betroffene Frauen selbst erzählt. Jedenfalls wußte ich immer, wenn sie aufgeregt, mit leuchtenden Augen und gierigem Mund zum 4. Hof lief, jetzt werden wieder Leute gepeinigt und Blut wird in Strömen fließen.

Des öfteren in der Woche, besonders des abends oder nachts kamen Russen in die Festung in betrunkenem Zustand. Die Frauen mußten antreten und man suchte die zum Geschlechtsverkehr gewünschten heraus. Dafür erhielten die Vorgesetzten Schnaps, Tabak, Speck und dergleichen. Der damalige Hofkommandant, ein gewisser Alfred Kling, der aus Polen stammte, infizierte sich mit Tripper, was ihn jedoch nicht hinderte, immer wieder neue internierte Mädchen zum Geschlechtsverkehr mit ihm zu kommandieren.

Dieser "Alfred" betrachtete übrigens das Totschlagen von der wissenschaftlichen Seite. Er erklärte, er könne so prügeln, daß der Betreffende sofort, in zwei Stunden oder in zwei Tagen, selbst erst nach 8 Tagen sterbe oder auch in 14 Tagen wieder gesund sei. Diese seine Fähigkeit führte er auch praktisch ad exemplum wiederholt vor. Ein Beispiel: ein Internierter hatte zum dritten Male Brot gestohlen. Der Zellenkapo, ein früherer Berufsverbrecher, Männe genannt, bestimmte ihn daher zum "Fertigmachen". Vorher wurde er etwas blutig geschlagen. Als ich ihn das letzte Mal lebend sah, rann ihm das Blut aus verschiedenen Rißwunden über das Gesicht und in diesem Zustand wurde er zu Alfred gebracht. Dieser erklärte: "Fünfzig Schläge - zwei Stunden." Vor internierten Mädchen, die zusehen mußten, zerschlug er dann zählend dem Herbeigebrachten Arme und Beine, Brustkorb usw. und ließ ihn so am Boden liegen. Nach zwei Stunden starb dieser und Alfred war sichtlich stolz. Diese unsere Kommandanten waren wirklich stolz darauf, daß nach zwei bis drei Monaten Internierungslager die Internierten so elend und herabgekommen aussahen, wie früher die KZler nach 3-4 Jahren. Man warf sich in die Brust: "Wir haben Euch in zwei Monaten so fertig gemacht, wozu die Gestapo 5 Jahre gebraucht hat."


Die Kommandanten

Gegen Ende des Monats Juni-Anfang Juli wurde ein neuer Festungskommandant, ein gewisser Stabskapitän Kálal, für das Lager bestimmt. Er war bestimmt kein Freund der Deutschen, jedoch korrekt, ein wirklicher Offizier, was in einem derartigen Lager sehr viel heißen will. Er stand dort auf einem einsamen Posten. Sämtliche Untergebenen bildeten einen Block gegen ihn.

Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß hauptsächlich ihm und vielleicht auch zum Teil Prof. Dr. Patocka es zu verdanken ist, daß nicht sämtliche Lagerinsassen restlos vernichtet wurden, wie es im Programm Prusas's, Tomes's und Konsorten stand. Auch der Amtsarzt Dr. Schramm, sowie einige wenige Angestellte des Lagers zeigten sich als anständige Menschen, die zwar korrekt ihre Pflicht taten, jedoch noch etwas für Menschlichkeit übrig hatten. Der erste Kommandant der "Kleinen Festung" vom Mai 1945 an war ein gewisser Alois Prusa, der sich Kapitän (in der tschechischen Armee war Kapitän soviel wie Hauptmann) nannte und meist mit dem Sowjetstern, Hammer und Sichel, geschmückt in Uniform herumlief. Er war sehr feist, hatte ein brutales Aussehen und war früher im KZ Theresienstadt unter den Deutschen gewesen. Quälereien waren seine größte Freude, ebenso möglichst brutal Totschlagen und besonders ergötzte er sich an den in zwei Zellen zusammengepreßten Amputierten, die er immer wieder aufsuchte. Bei diesen Besuchen sprang er wie ein Clown vor Freude auf und nieder. Fast alltäglich wurden Feste gefeiert, d. h. wüste Gelage. Diese fanden in den Räumen statt, die knapp neben seiner Wohnung lagen, wo seine Frau mit zwei Töchtern schlief. Dazu wurden internierte Mädchen "eingeladen", und das Gelage schloß meist mit seinem Lieblingsspiel ab: es wurde Puff oder Bordell gespielt, und die Mädchen mußten sich nackt ausziehen und von den folgenden Orgien will ich nicht weiter erzählen. Diese Mitteilung habe ich von einem Mädchen erhalten, dem Prusa in seiner Trunkenheit eine Weinflasche am Knie zerschmetterte. Sie erlitt dadurch eine tiefe lange Wunde, deren Heilung Monate in Anspruch nahm. Auch eine Zweite bestätigte mir das gleiche, die ebenfalls von ihm "geladen" worden war. Näherer Details will ich mich enthalten.


600 Kalorien - aber Millionen Raubgut pro Tag

Die Kost war im Anfang reichlich, wenn auch des öfteren das Fleisch verdorben oder das Brot etwas schimmelig war. In Bälde wurde die Verpflegung bedeutend dürftiger. Kommentar Während früher ein Brot auf vier Leute verteilt wurde und die Suppe immerhin nahrhaft war, wurde aufgrund einer einheitlichen Regelung des Ministeriums des Innern die Brotzuteilung auf die Hälfte herabgesetzt und die Suppe wurde einem Abwaschwasser ähnlich, in welchem einige Graupen und einige Kartoffelstückchen schwammen. Dieses alles ohne jedes Salz durch Monate hindurch. Wir rechneten zirka 600 bis 800 Kalorien pro Tag aus, dasselbe auch im Winter, wo die Leute dauernd froren und auch noch arbeiten mußten. Man kann daraufhin einwenden, daß 250 g Brot und knapp 70 g Nährmittel unbedingt zum Tode führen müßten, was auch richtig ist und auch beabsichtigt war. Wenn dennoch ein großer Teil der Lagerinsassen den vorgeschriebenen und gesetzlich festgelegten Hungertod nicht starben, so nur deshalb, weil eines Teils die Russen, die sich ja in vieler Hinsicht viel menschlicher zeigten als die Tschechen, vielen Kommandos, die bei ihnen arbeiten mußten, reichlich Verpflegung gaben, sodaß diese sogar ihren Kameraden im Lager Nahrungsmittel mitbringen konnten; andererseits war es bei den landwirtschaftlichen Arbeitern ähnlich, da sich die tschechischen Bauern sehr oft nicht als Bestien, sondern als Menschen zeigten. Darüberhinaus kam es immer wieder bei dem vielfach herrschenden Durcheinander Gelegenheit zu wiederholten und auch größeren Diebstählen.

Auch sonst zeigten sich die Russen oft bedeutend anständiger. Sie schritten z. B. wiederholt dagegen ein, wenn unsere Leute zu stark geprügelt wurden. Ein russischer Arzt verband regelmäßig des morgens die zerschlagenen Köpfe derjenigen, die bei den Russen arbeiten mußten und nahm am Abend die Verbände selbst wieder ab, damit den Rückkehrenden in der Festung die Verbände nicht mit dem Prügel vom Kopf geschlagen werden sollten. Die Russen waren es auch, die vielen Internierten zur Flucht verhalfen, indem sie sie einfach im Auto mit über die Grenze nahmen. Ich gab in der damaligen Zeit vielen Mädchen den Rat, wenn sie verzweifelt zu mir kamen wegen wiederholter Vergewaltigungen, sich doch lieber an einen Russen zu halten und mit diesem abzuhauen und weiß, daß in vielen Fällen dieser Rat Erfolg hatte.

In der freien Zeit nahmen wir aufgrund einer ausgedehnteren Rundfrage eine Schätzung vor, wie hoch das in Theresienstadt gestohlene Vermögen zu veranschlagen sei. Bei vorsichtiger Einschätzung konnte man das Geraubte mit 500 Millionen tschechischen Kronen ungefähr veranschlagen. Ich glaube nicht, daß an den tschechischen Staat mehr als 5% abgeführt wurden.

Eine Anerkennung muß man dem tschechischen Innenministerium zollen, nämlich, daß es durch auf streng wissenschaftlicher Basis gegründetem Ausschalten jeder nennenswerten Zuteilung von Eiweiß sowohl in den vielen Gefangenenlagern als auch an die übrige deutsche Bevölkerung außerhalb derselben, eine unbedingt Erfolg versprechende Ausrottung aller Nichttschechen durchzuführen versuchte. (Außer einem Viertel Liter Milch für Kinder, einem Halben Liter Milch für Kleinkinder weisen die Nährmittelkarten keinerlei Eiweiß-Zuteilung auf.) Wenn diese Ausrottung nicht so planmäßig und vollkommen gelang wie sie beabsichtigt war, so ist dieses z. T. auf eine gewisse Schlamperei zurückzuführen, die es der deutschen Bevölkerung doch ermöglichte, sich hinten herum noch Nahrungsmittel zu verschaffen, und das umsomehr, da ja reichlich solche zur Verfügung standen; desweiteren, weil immerhin einige Tschechen und auch die Russen Menschen geblieben waren und halfen, und auf ein Unverständnis der amtlichen Organe, die dem tatsächlichen Sinn und Zweck der Anordnung nicht erfaßten. So konnte es vorkommen, daß zweimal ein notgeschlachtetes Pferd an die Internierten zur Verteilung gelangte und einige Male Blut als Essen zur Ausgabe gelangte. Auch daß man im Dezember 1945 die Verteilung einiger Zentner Trockenkäse zuließ, die das Schweizer Rote Kreuz zur Verfügung stellte, war eine unbewußte Durchkreuzung des amtlichen Programmes durch untergeordnete Organe, welche die wirkliche Sachlage nicht kannten. Dazu kommt die im Spätherbst und im Winter erfolgte Zulassung von Lebensmittel-Paketen bis zu 3 kg einmal monatlich. All dieses vereitelte den hundertprozentigen Erfolg der Planung. Zum Verständnis für den Laien will ich nur bemerken, daß man durch Ausschaltung des Eiweises aus der Ernährung zwar nicht rasch, jedoch sicher den Tod jedes Menschen herbeiführen kann. (Deutsch: Hungerödem, Hungerwassersucht; Englisch: protein deficiency. Die Russen bezeichnen es als Dystrophie, was zugleich der lateinische, wissenschaftliche Ausdruck ist.) Die Leute starben dann entweder: "durch Mangel an anderer Nahrung zum Skelett abgemagert" oder "unförmig aufgeschwollen", wobei ein terminaler Durchfall das Sterben erleichtert. Ich weise darauf hin, daß auch die russischen Gefangenen noch vor einiger Zeit stark aufgedunsen zurückkamen, ebenfalls durch Eiweißvitamin-Mangel bedingt, ein Zustand, der sich wohl in letzter Zeit gebessert hat.

Wir hatten reichlich Vertreter beider Arten, Skelette sowohl wie Aufgedunsene. Was aber ein Mensch vorher mitmacht, der zum Skelett abmagert, die Nacht auf rohen Brettern oder auf Betonboden liegend zubringen muß, durch nächtlichen Urindrang gequält, von Kälte oder Hitze gepeinigt in einer Luft zum Ersticken, mit Prügel oder Gebrüll immer wieder zur Arbeit gejagt wird, ist grauenhaft und den wohlgewogenen Intentionen des Prager Innenministeriums entsprechend. Auch die Prügel und Quälereien, die es jedesmal für die Insassen gab, wenn Aufseher durchgingen, dürften in allen Lagern aufgrund einer einheitlichen Regelung durchgeführt worden sein.


"Hitler hat schlecht gearbeitet"

Vielleicht ist es interessant, einen vielfach erwähnten Vorwurf, den die dortigen Tschechen Hitler machten, anzuführen, nämlich, daß er schlecht gearbeitet habe, denn es seien noch immer Juden am Leben. Da hätte er wirklich bessere und gründlichere Arbeit leisten können. Diese Ansicht ist wohl allgemein im tschechischen Volk verbreitet, wie mir auch von anderer Seite bestätigt wurde. Die antisemitische Einstellung geht vielleicht am besten aus Folgendem hervor: Ein slowakischer Jude namens Müller, welcher bereits 5 Jahre im deutschen KZ zugebracht hatte, wurde Anfang Juni nach Theresienstadt in die Kleine Festung eingeliefert. Er hatte sich jedenfalls in der allerletzten Zeit gut erholt, sah blühend aus und war ein Held in seiner Art. Er sagte immer: "Zum Arbeiten werden sie mich nicht bringen." Da er ein etwas komisches Benehmen hatte, wurde er tagsüber des öfteren zu verschiedenen Arbeiten, die er nicht machen wollte, kommandiert. Das Ende war immer eine ausgedehnte Ohrfeigen- und Prügelszene zur Erheiterung der Besatzungsmannschaften. Wenn z. B. eine Gruppe flott Ziegel zureichte, dann steckte man plötzlich den Müller dazwischen, der aus Prinzip jeden Ziegel zu Boden warf, obwohl er wußte, was danach kam. "Nicht zu fest schlagen, Herr Kommandant", sagte er immer und zog den Kopf ein und die Ohrfeigen und Prügel beendeten immer seine Arbeit. Oder es wurde ihm eine Eisenbahnerkappe auf den Kopf gesetzt und ein roter Schal um den Hals gebunden, und er mußte im Laufschritt einen Schubkarren schieben, wobei ein Kapo neben ihm herlief, ihm ein Bein stellte, sodaß er hinfiel. Wieder gab es Ohrfeigen. Er wurde dann einige Tage nach Theresienstadt kommandiert. Dort traf ich ihn wieder und erkannte ihn kaum mehr, so verfallen und elend sah er aus. Die Tschechische GPU fragte mich über ihn aus und ein Jude aus dem Reich, der das Ghetto von Theresienstadt noch nicht verlassen hatte, interessierte sich ebenfalls für Müller. Ich schilderte seine 5 Jahre KZ und bat, ihn doch zu entlassen, da er bestimmt kein Nazi und auch kein Deutscher sei. Aber Müller saß weiter und er, der nach 5 Jahren deutschen KZ's dasselbe in guter Gesundheit und gutem Aussehen verlassen hatte, starb nach 5 bis 6 Monaten in Theresienstadt infolge vieler Prügel und wenig Essen.

Auch andere Juden bzw. Halbjuden, die in Theresienstadt interniert sind und so viel ich weiß auch heute noch sitzen, will ich namentlich anführen: ein gewisser Schück, Glässner, Spieker, Herbert, Geitler u. a.


Sterblichkeitsziffer über 50%!

Es wurden 72 Soldaten der Wehrmacht, jedoch keineswegs SS, im Mai 1945 nach Theresienstadt eingeliefert. Im September 1945 waren davon noch 34 am Leben. Die Sterblichkeit im Monat Mai-Juni betrug buchmäßig etwas über 200 Männer, soweit überhaupt gebucht wurde, und 6 Frauen. (Viele Totgeschlagene wurden ja überhaupt nicht gebucht.) Die Erklärung der auffallend hohen Männer-Sterblichkeit bei gleicher Zahl ungefähr von Männern und Frauen im Lager, das ist 33 Männer zu einer Frau, ist sehr einfach: Mißhandlungen und Prügel waren ja hauptsächlich die Männer ausgesetzt.

Die Sterblichkeit an Flecktyphus war dank des möglichen ärztlichen Einsatzes und gefundener Medikamente in Theresienstadt und dank der relativ guten Unterbringungsmöglichkeiten sowie der wirklich gutartigen Flecktyphusepidemie (nur 11 Tote bei 74 Erkrankungen) gering. Von diesen starben die Hälfte an Aufliegen, nämlich die Betreffenden waren vorher so zerschlagen worden, daß handgroße Gewebsfetzen am Gesäß und Rücken ausfielen. Eine besondere Diät für Erkrankungen gab es nicht. Eine Epidemie von Dysenterie (Ruhr) konnte mit Bakteriophag (wieder vom Laboratorium Prof. Dr. Patocka zur Verfügung gestellt) weitgehendst bekämpft werden, obwohl es keinerlei Diät für Dysenterie gab.


Pathologische Verlogenheit

Die Verlogenheit der Lagerführung war pathologisch.

Wie z. B. Kommissionen u.a. düpiert wurden: eine Kommission kam, Prusa ging voraus und führte die Kommission unter folgenden Worten in die Zelle ein: "Hier ist alles SS und Gestapo!" Als ein Mitglied der russischen Kommission dies bezweifelte, da er mehrere Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren sah, die kaum SS gewesen sein konnten, erklärte Prusa frei erlogen, das sind Söhne von SS- und Gestapo-Leuten und einer davon hat alleine 11 Tschechen erschlagen.

Daß das Innenministerium dem Ausland im Radio wiederholt erklärte, in Theresienstadt befände sich nur SS, Gestapo oder zu langen Strafen Verurteilte, wurde mehrfach gehört, obwohl doch die Hälfte der Insassen in Theresienstadt Frauen bis zum Alter von 92 Jahren und Kinder waren, und auch die Männer, hauptsächlich Prager Deutsche, Blinde, blinde Soldaten aus dem Aussiger Krankenhaus verschleppt und bei den Raubzügen aufgegriffen sowie Gefangene waren, die vom Kreisgericht wegen Überfüllung überstellt wurden, weil gegen sie nichts Besonderes vorlag. Ich führe gleichzeitig ein Beispiel über Kinderbehandlung an. Beim Abzählen schlug Kommandant Prusa mit dem Knüppel die internierten Männer auf die Stirn. Weil die Knaben noch klein waren, wurden sie von dem Knüppel nicht auf die Stirn, sondern auf das Schädeldach gedroschen. Durch die Schwellung bekamen sie einen spitzen Kopf, verbunden durfte die Wunde nicht werden und es siedelten sich Fliegenmaden an, und der mit Eiter durchtränkte, behaarte Kopf stank furchtbar. Sehr ungünstig wirkte sich der fast regelmäßig für jeden Monat angesetzte Entlassungstermin aus, der z. T. auch von der Lagerleitung inspiriert wurde. Es wurde vorübergehend Hoffnung auf Entlassung erweckt, aber die immer wieder eintretende Enttäuschung gab zu schweren Depressionen Veranlassung. Für die Lagerleitung hatten die dauernd auf den nächsten Monat vorgespiegelten Entlassungstermine einen weiteren Vorteil, nämlich, daß viele die Flucht verschoben, weil sie immer wieder hofften, auch einmal so entlassen zu werden.


Aussiger Opfer tot eingeliefert

Ende Juli 1945 kam es bei Schön-Priesen (in der Nähe von Aussig a. E.) zur Explosion eines Munitionslagers. Darauf setzte besonders in Aussig in der Hauptsache durch herbeigeführte Swoboda-Gardisten eine allgemeine Deutschenverfolgung ein. Viele wurden in die Elbe getrieben und dort erschossen oder mit Handgranaten beworfen. Die aus der Schichtfabrik Kommenden wurden auf die Elbebrücke gestellt und gezwungen, von dort in die Elbe zu springen, wobei man ihnen nachschoß und Handgranaten warf. In einem geschlossenen Auto kamen am 31. Juli 1945 21 Leute an, mit weißen Binden am Arm, mit der Aufschrift: "Závody Schicht". Sie standen den ganzen Nachmittag an der Wand und wurden als Werwölfe bezeichnet. Knapp vor Mitternacht hörten wir das wohlbekannte Krachen von Knüppeln auf Schädel, Gebrüll und Klatschen von Prügel auf Leiber besonders stark. Ein Bekannter teilte mir später mit, daß er mit anderen Internierten noch in der Nacht im Toreingang Blut, Gehirn, Zähne und Haare wegputzen und frischen Sand streuen mußte. Die 21 Mann sah ich nie mehr. Ich erkundigte mich unter der Hand in der Kanzlei; dort wurden sie geführt mit dem Vermerk: "tot eingetroffen".

Ich lasse hier einen Bericht von M. W. selbst folgen:


Bericht über meine Internierungszeit
vom 13. Mai 1945 bis 10. Oktober 1946
in Theresienstadt CSR.

(von M. W.)
"Am 13. Mai 1945 wurde ich von 20 bewaffneten Tschechen in meinem Elternhaus in Zwettnitz bei Teplitz-Schönau verhaftet und von da aus in das Internierungslager Theresienstadt gebracht. Mit mir wurde mein Vater und ein landwirtschaftlicher Lehrling eingeliefert. Als wir nach Theresienstadt kamen, wurden wir getrennt und in arg verschmutzte, kalte, dunkle Einzelzellen gesperrt. Unser Lehrling war Kriegsinvalide und wurde angeblich gleich erschlagen; bis heute wissen wir nichts mehr von ihm. Mein Vater wurde in einer Einzelzelle neben mir untergebracht. In diesem Einzelzellengang waren ungefähr 20 Zellen, davon auch einige Dunkelzellen. Alle diese Zellen waren bis aufs Letzte belegt. Ich war als einzige Frau dort untergebracht hinter 3 Schlössern einer starken Eisentür. Tagsüber und auch nachts hörte ich, wie Menschen geschlagen und mißhandelt wurden. Auch mein Vater wurde von einem Tschechen mit einem Schlageisen so geschlagen, daß er die ganze Nacht in der Zelle neben mir geschrieen hat. Am nächsten Tage kam eine Krankenschwester zu ihm und an dem Nachmittag sollten wir zum Verhör drankommen. Hierbei bekam ich meinen Vater zu sehen und erkannte ihn nicht, da die Kleider ihm in Fetzen vom Leibe hingen und er total zerschlagen war. Nach drei Tagen wurde er von einem russischen Offizier mitgenommen und ich mußte allein zurückbleiben. Mein Vater wurde bereits im Februar 1946 von den Russen entlassen, als er jedoch in meine Heimat kam, wurde er von neuem bis Mai 46 interniert. Ich blieb in dieser Einzelzelle noch 12 Tage. Auch mich hat man mißhandelt und geschlagen und das bißchen Wassersuppe, was mir zustand, wurde mir manchmal ins Gesicht geschüttet. Nach diesen Tagen wurde ich, eines abends von einem Posten weggeholt, es war das erste Mal nach meiner Verhaftung, daß ich wieder frische Luft atmen konnte. Man hat mich auf einen anderen Hof der Festung gebracht. Dort wurden erst meine Daten aufgenommen, dabei wurde ich so geschlagen, daß man mir sogar einen Zahn einschlug. Eine Frau von einem SS-Mann wurde mit mir zusammen geschlagen, diese hatte man da erst verhaftet. Wir mußten mit der Fahne stehend das Deutschlandlied singen; dann brachte man uns einen Führerkopf, worauf wir spucken mußten und sagen 'Hitler, du Schwein, was hast du mit uns gemacht', dann mußten wir ihn wieder abküssen und sagen 'ich danke dir für alles, was du uns die Jahre getan hast' usw. Ich wurde dann weggebracht und die SS-Frau wurde über einen SA-Dolch gesetzt. Ich hörte sie bloß noch schreien. Mich brachten ein paar Männer wieder zu meiner neuen Einzelzelle, wo ich mich vor allem ausziehen mußte und noch einmal geschlagen wurde. Da ich ganz von Blut überströmt war, brachte man mir Wasser zum Waschen. So nackt wie ich war wurde ich dann in eine der Zellen gesperrt und bekam nur eine Fahne zum Draufstellen. Während der ganzen Nacht mußte ich so in der Zelle stehen. Am nächsten Morgen wurde ich herausgeholt und bekam Sträflingskleider, die alle Frauen trugen. Dann kam ich in eine Zelle, wo schon 200 Frauen untergebracht waren. Am selben Tage noch wurde ich sofort zur Arbeit angesetzt, obgleich ich so zerschlagen war, daß ich mich kaum bewegen konnte. Wir mußten in Theresienstadt das ehemalige Judenghetto reinigen und kranke Juden, die Typhus hatten, pflegen. In Theresienstadt waren damals Russen einquartiert, die uns dauernd belästigten. Diese Arbeit verrichtete ich 4 Tage. Da ich aus der Landwirtschaft stammte, wurde ich dem Feldkommando zugeteilt. Dort mußten wir schwerste Männerarbeit leisten und bekamen dabei nur einen halben Liter Wassersuppe und ein kleines Stück Brot, welches uns für den ganzen Tag reichen mußte. Nachts hatten wir in den Zellen auch keine Ruhe, denn es kamen Russen und holten sich Mädels, die die tschechischen Posten für ein paar Zigaretten oder Schnaps auslieferten. Die Russen machten ja vor keinem Alter Halt und so lebten wir ständig in Angst. Bei diesem Kommando blieb ich bis 12. August 1945. An diesem Tage holte man mich in die Kanzlei und teilte mir mit, ich hätte in der Revolution Tschechen ermordet. Man ließ mich gar nicht zu Wort kommen und sperrte mich gleich wieder in die Einzelzelle. Daraufhin wurde ich als Massenmörderin bezeichnet. Ich verlangte dauernd, vor Zeugen gestellt zu werden, was man jedoch gar nicht beachtete. Vom ersten Tage an wurde ich vier Wochen lang von einem Posten des Frauenhofes täglich 20 Mal um den ganzen Hof gejagt, dann mußte ich in den Duschraum und wurde kalt geduscht und so naß wie ich war mußte ich mich auf eine Pritsche legen, und bekam täglich 25 Schläge mit dem Gummiknüppel, Rohrstock, Riemen oder was sonst der Posten erwischen konnte. Es war ein ganz junger Kerl und er versuchte dauernd, mich zu vergewaltigen; da ich mich jedoch wehrte, wurde ich noch mehr von ihm geschlagen, bis ich ohnmächtig zusammengebrochen bin. Dann wurden mir meine Haare geschoren und außer einer Decke hatte ich nichts in meiner Zelle, sodaß ich auf dem Steinboden liegen mußte. Man hoffte, daß ich eines Tages diesen Strapazen erliegen würde. Eine Frau, die Aufseherin war, stand mit lächelndem Gesicht dabei. Damit die anderen Frauen, die im Hofe waren, nicht hören sollten, wie ich schreie, wurde mir ein Tuch in den Munde gestopft. Trotzdem hörten es aber alle und sahen auch, wie zerschlagen und blutig ich immer aus dem Duschraum kam und wie ein Stück Vieh in die Einzelzelle gejagt wurde. Oft bekam ich den ganzen Tag nichts zu essen. Die Frauen sagten mir später immer, ich sähe wie der wandelnde Tod aus. Da ich das alles nicht mehr ertragen konnte, versuchte ich Selbstmord, was mir aber nie gelungen ist, denn dauernd kamen Posten vorbei. Nach diesen 4 schrecklichsten Wochen mußte ich mit einer Gruppe ehemaliger SS-Männer als einzige Frau Leichen tragen gehen. Diese Leichen waren Häftlinge gewesen, die meistens an Typhus gestorben waren. Bei dem Leichengraben wurde ich auch derart arg geschlagen und mußte zusehen, wie die SS-Männer solange geschlagen wurden, bis sie tot liegen geblieben sind. Wenn ich durch den Geruch ohnmächtig wurde, wurde mir ein Eimer Wasser übergeschüttet und ich mußte weitergraben. Des öfteren bin ich in so ein Massengrab auf die Leichen gestürzt. Ich hatte am Fuß eine Wunde, die sich stark entzündete, worauf ich einen Schuh bekam und weitergraben mußte. Mit bloßen Händen und ohne jeden Schutz mußten wir diese Leichen ausgraben und jeden Toten in einen Sarg legen. Nach 6 Tagen hatte auch das ein Ende. Ich blieb weiter in der Einzelzelle und man kümmerte sich nicht um mich. Als es kalt wurde, bekam ich eine zweite Decke, aber weiter nichts. In ungeheizten Zellen mußten wir frieren, denn später kamen auch noch andere Frauen, die in Einzelzellen gesperrt wurden. Das Essen war knapp und meist ungesalzen. Wir bekamen einen halben Liter Wassersuppe, in der man die Kartoffelstücke suchen mußte, dabei war diese Suppe auch noch ungesalzen. Zehn Frauen bekamen ein Zweikilo Brot, das war unsere Tagesration; dazu kam noch ein halber Liter schwarzer, meist kalter Kaffee. So mußte ich über Weihnachten bleiben. Am 15. Februar wurde ich heraugeholt und durfte nach langer Zeit das erste Mal wieder zum Baden gehen. Den nächsten Tag wurde ich früh in eine Kanzlei gebracht, wo viele tschechische Notare waren. Dort wurde ich nochmals vernommen. Nach zwei Stunden sagte man mir, daß man keine Zeugen finde und daß ich unschuldig sei und sofort in die große Zelle zu den anderen Frauen komme. Auch sollte ich bald entlassen werden. So geschah es, daß ich nach über 20 Wochen wieder unter Menschen durfte. Ich war sehr menschenscheu geworden und viele zweifelten an meinem Verstand. Dank der guten Kameradschaft, die unter uns herrschte, erholte ich mich rasch. Im April wurden bereits die ersten entlassen. Ich hoffte von Tag zu Tag. Als ich aus der Einzelzelle kam, durfte ich das erste Mal meiner Mutter Nachricht geben. In den kalten Monaten sind viele Kameradinnen und Männer vor Hunger gestorben. Viele Mädchen wurden schrecklich von den Russen vergewaltigt. Abends wurden sie einfach aus der Zelle geholt oder kamen erst gar nicht von der Arbeit zurück. Die Aufseher verkauften uns, was konnten wir machen? Wenn sich eine weigerte, wurde sie geschlagen und in die Einzelzelle gesperrt. Als ich in der Einzelzelle war, ließ man Russen zu mir herein und ich wurde dort wie alle anderen vergewaltigt. Sehr vielen Mädchen wurde dadurch ihr ganzes Leben zerstört. Im Krankenrevier lagen viele geschlechtskranke Mädchen. Ich arbeitete in der Lagerbäckerei und als die gewesene Kapo entlassen wurde, war ich Kapo und hatte alle Frauen zu beaufsichtigen und die Buchführung zu machen. Dort habe ich mich dann etwas erholt. Auch war meine Aufseherin gut zu mir und gab mir hin und wieder ein Stück Brot, da ich ihr Zimmer aufräumte. Dauernd gingen dann Transporte, nur ich war nie dabei; man vertröstete mich von einer Woche zur anderen. Endlich am 10. 10. 46 als nur noch gegen 40 Frauen übrig geblieben waren, wurde auch ich als Einzelne entlassen. Ich kam nach Leitmeritz ins Evakuierungslager. Meine Mutter konnte ich noch rasch verständigen; sie kam und konnte mich ein paar Minuten sprechen. In zwei Tagen ging dann schon der Transport und ich ging nach Bayern. Was uns die goldene Freiheit bedeutete, kann nur ein Internierter wissen. Meine Eltern und meine Schwester leben noch heute in unserer Heimat in der CSR. Mein Vater arbeitet dort und meine Schwester besucht die tschechische Schule. Ich hoffe aber, daß ich sie bald auch bei mir haben darf, denn nun sind wir schon seit Mai 1945 getrennt. Als ich interniert wurde, war ich noch keine 20 Jahre alt. Ich wurde 1925 geboren. Alle mit mir Internierten können bezeugen, daß mein Bericht auf Wahrheit beruht. Das mir Angetane werde ich mein Leben lang nicht vergessen können. Viele mußten unschuldig sterben."


Der Wert internationaler Kommissionen

Fast komisch war das Benehmen der Lagerleitung, wenn eine Kommission angesetzt war. Im Anfang kam es z. B. vor, daß ein Russe die Frage stellte, was es für eine Bewandtnis habe mit dem blutigen Knüppel, der am Tisch der Zelle lag. "Wird vielleicht jemand geschlagen?" Natürlich schrien alle 500 Zelleninsassen unisono: "Nein". Es wäre unvorstellbar gewesen, welche Qualen einer hätte mitmachen müssen, falls er "Ja" gerufen hätte. Später, wenn Engländer angesetzt waren (vereinzelte Journalisten), war alles in Aufregung. Die Zellen wurden hermetisch abgesperrt, kein Internierter durfte die Zelle verlassen, und der Journalist wurde vom Kommandanten und Angestellten der Festung links und rechts eskortiert durch die Festung geführt. Er ging an allem Sehenswerten vorbei und ihm wurde nur ununterbrochen von den Grausamkeiten der Deutschen erzählt. Dabei hörte man oft Dinge, die lächerlich wirkten, z. B.: Es wären in einem steilen Steingarten tausende von Frauen (unter tausenden tat man es ja nie) von der SS vergewaltigt und dann in dem Badebassin ertränkt worden. Der Steingarten war derart steil, daß es auch dem gewiegtesten Lebemann schwer gewesen wäre, ein Plätzchen zum Geschlechtsverkehr zu finden.

Während im Anfang brutale Grausamkeit geherrscht hatte und ununterbrochen und hemmunglos geprügelt worden war, wurde das Schlagen später verboten. Der Festungskommandant selbst stand mit Strenge hinter dem Verbot; und sah auch sonst strikt auf Ordnung. Er konnte jedoch natürlich, bei der geringen Disziplin und der Einstellung der Untergebenen gegen ihn, die Mißhandlungen nur einschränken; hinter seinem Rücken geschah trotzdem noch ziemlich viel.


Hilfe aus der Schweiz

Den gleichen Erfolg hatte auch eine Zuteilung von Nahrungsmittel durch das Schweizer Rote Kreuz, das vielfach herbeigesehnt wurde und endlich zum ersten Mal im Dezember 1945 sich sehen ließ mit einer Spende von ca. 4 Tonnen Lebensmittel in Form von Nudeln, Büchsengemüse, Trockenkäse usw. Dabei war auch Milch in Konserven oder getrocknet für Kinder. Die Sterbeziffer sank auf die Hälfte. Ich danke bei dieser Gelegenheit dem Roten Kreuz, das so viel guten Willen zeigte und wirklich reichlich half und bedaure nur sehr, daß man sieben Monate auf das Erscheinen warten mußte. Wahrscheinlich durch Erfahrung gewitzigt, wurden mir und den Internierten dieses Lagers diese Lebensmittel übergeben, ich und die Internierten mußten die Übernahme bescheinigen, und ich wurde gefragt, ob auch die Internierten davon etwas bekommen würden. Ich sagte damals: "Hoffentlich." Dieses Vorgehen war das einzige Mögliche und Richtige, um eine tatsächlich zweckentsprechende Verwendung zu erlangen. Ich hatte dauernd schwere Kämpfe zu bestehen, weil man immer wieder versuchte, die Verpflegung einzustellen und diese Lebensmittel zur Verpflegung zu verwenden. Ich kann jedoch mit Freuden sagen und bitte dies dem Roten Kreuz mitzuteilen, daß tatsächlich über 80% und mehr der Spende den Internierten zu Gute kam, ein außerordentlich erfreulicher Erfolg, denn ohne diese Vorsicht des Roten Kreuzes wären wohl kaum 10% zweckentsprechend verwendet worden.

Nachträglich muß ich noch etwas richtig stellen. Bei meiner Entlassung Ende Januar 1946 war noch ein stattlicher Rest dieser Zuteilung vom Roten Kreuz vorhanden. Wie mir aber später Entlassene mitgeteilt haben, ist dieser Rest der Zuteilung doch noch zum größten Teil verschoben worden und kam nicht den Internierten zu Gute.


Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche

Interessant ist die Internierung von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern bis zu 12 Jahren, deren wir etwa 100 hatten. Die über 12 Jahre alten Kinder wurden wie Erwachsene gerechnet und ebenso be- und mißhandelt. Obwohl die Schweine in der Festung mit Milch gemästet wurden, war für die Säuglinge keinen Tropfen Milch aufzutreiben; es mußte erst die Bewilligung der vorgesetzten Dienststelle eingeholt werden, was ungefähr zwei bis drei Wochen dauerte. Ich war in Verzweiflung und stand vor dem Problem, ungefähr 20 Säuglinge ohne jeden Tropfen Milch mit Schleim und etwas Zucker aufzuziehen. Das Problem wurde insofern gelöst, als es mir gelang, auf Schleichwegen eine entsprechende Alete- und ähnliche Büchsenmilch aufzutreiben und ins Lager zu bringen. Später flog diese Sache zwar auf und ein Internierter, der Geld für diese Säuglingsmilch gegeben hatte, wanderte in die Einzelzelle. Die Kinder selbst wurden in einer Bretterbaracke, wo früher alte Häute lagerten, untergebracht, hatten einen großen Hof zum Spielen, es konnten dort Windeln und Wäsche getrocknet werden, kurzum diese Kinderabteilung, die von einer Ärztin geleitet wurde und mir direkt unterstellt war, wurde eine kleine Musterabteilung und wurde auch zu Reklamezwecken Journalisten vorgeführt, die sogar Film-Aufnahmen machten. Die Einstellung des Innenministeriums, die sich auch dort zeigte, beweist deutlich ein Ausspruch, der mir auch heute noch genau in Erinnerung geblieben ist: "Wir Tschechen sind hier gestorben und wir lassen Euch am Leben." So gut diese Bretterbaracke in den Sommermonaten war - sie war sehr luftig, man sah überall durch die Bretter den Himmel und konnte zwischen den Brettern mit der Hand ins Freie greifen - so unangenehm wurde es, als es immer kälter wurde. Man versprach jede Woche, die Kinder entweder zu entlassen oder anderweitig unterzubringen. Der Festungskommandant selbst und noch mehr der Amtsarzt gaben sich größte Mühe; aber alle Außenbehörden lehnten ab, nirgends war ein Platz für die Kinder. In Leitmeritz stand zwar eine Unmenge größerer Räume leer und ebenso über 600 Wohnungen, für diese Kinder war jedoch nirgendwo Platz. Es kam der Oktober, die Kinder froren schon entsetzlich und mit dem November setzten die ersten heftigen Fröste ein. Das Wasser war in der Frühe gefroren und wenn auch die Kinder mit zwei Decken zugedeckt zusammengepreßt beieinander lagen, so froren doch alle entsetzlich. Heizmaterial war sehr wenig da und das Heizen nützte auch nur so weit, als die Temperatur in nächster Nähe des strahlenden Ofens einigermaßen erträglich war; die Temperatur in der Baracke selbst blieb unter dem Nullpunkt. Einzelnen erfroren die Händchen, verschiedene konnten in der Kälte das Wasser nicht halten und lagen dann noch in der nassen Wäsche und auf dem nassen Strohsack. Endlich nach langem Bemühen und dank des Entgegenkommens des Festungskommandanten, Major Kálals selbst, gelang es mir, Ende November oder anfangs Dezember, die Überführung der Kinder auf den 4. Hof in eine Große Zelle durchzuführen, in der 2 große Öfen aufgestellt waren und die Temperatur einigermaßen erträglich war. Die Pflegerinnen schliefen in der eingangs erwähnten Holzbaracke zu sechst in einem Zimmer, was den Hofkommandanten namens Benes, einen jungen Burschen, nicht hinderte, mehrmals in der Woche in der Nacht ins Zimmer zu kommen, dort sich mit den Stiefeln mit einer der Internierten ins Bett zu legen und vor den anderen geschlechtlich zu verkehren.


Handel mit Schnaps, Tabak und Frauen

Bezeichnend war das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, eigentlich waren die Untergebenen die weitaus stärkeren und kam es zu Differenzen, so bekam immer der Untergebene Recht. Man kann sich daher auch den schwierigen Stand des Festungskommandanten vorstellen. Gewisse Sadisten wie ein Truka, ein Unteraufseher und 2. Kommandant des 4. Hofes, konnten die ganze Festung terrorisieren. Vor derartigen Bestien hatte ein jeder Angst. Eine ähnliche Type war ein gewisser Valchar, der bei keinem Totschlagen fehlte und auch sonst zu jeder Gemeinheit bereit war. Er war Kommandant des 2. Hofes. Viele von diesen kleinen Leuten waren dabei Schwerverdiener. Ein gewisser Ortl ließ von den Internierten Lederblumen herstellen, bis zu 45.000 in zwei Monaten. Man kann sich vorstellen, was dieser kleine Mann an den Lederblumen verdiente. Hunderte von Roßhaarmatratzen wurden in die Festung gebracht. Sie wurden in Theresienstadt nach dem Abtransport der Juden aus deren Wohnungen gesammelt. In der Festung wurden sie von den Internierten zerzupft, in große Ballen verpackt und verkauft. Wieder eine schöne Einnahme für die kleinen Leute. In der am 2. Hofe befindlichen Großtischlerei wurden dauernd Möbel hergestellt und auch noch andere Dinge. Außerdem verhandelte Ortl für Schnaps, Speck und Tabak Frauen an die Russen, einmal als besondere Delikatesse neun Frauen im letzten Monat der Schwangerschaft. Daß es dabei ein bis zwei tote Kinder gab, dürfte Herrn Ortl wenig gestört haben. Eine von diesen Hochschwangeren wollte sich zum Geschlechtsverkehr nicht hergeben, ich sah sie zwei Tage später, der Oberkörper, besonders die Brüste und Arme waren zerkratzt und blau geschlagen und der Bauch wies mehrere Spuren von Stiefelabdrücken auf. Ich wunderte mich damals, daß diese Frau nicht vorzeitig entband. Offiziell wurden die Frauen den Russen immer zur Arbeit zugeteilt, die dann die zur Verfügung gestellten Frauen auch geschlechtlich gebrauchten. Wenn sich die Frauen jedoch weigerten oder nicht entsprachen, wurden sie als faul ins Lager zurückgeschickt, wo sie dann entsprechend schwer bestraft wurden.


Das Altersheim

Einige Reihen von kleineren Zellen am 4. Hof waren als Altersheim und Heim für Invalide eingerichtet. Die Türen gingen auf den kleinen Hof. Wenn es regnete, lief das Wasser auf dem Beton in die Zellen und die Strohsäcke, die dort am Boden lagen, verfaulten. Im September ging es noch an; aber im Oktober, als die kalten Nächte kamen, froren diese Leute entsetzlich. In einer Zellenreihe, in der 27 (drei in jeder Einzelzelle) untergebracht waren, lebten nach zwei Monaten Kälte und Hunger nur noch sieben. Man kann sich vorstellen, was diese Leute an Hunger, Kälte und seelischen Qualen ausstanden. Als der Winter schon seinen Einzug gehalten hatte, gelang es mir nach dreitägigem Kampf, endlich ungefähr fünfzig Leute, den Rest des Altersheims, in einer Kasematte unterzubringen, wo sie zumindest nicht mehr so durch die Kälte litten. Viel schlimmer hatten es die Insassen der Zelle 44 am 4. Hof. In dieser Zelle wurden wegen Überfüllung des Kreisgerichtes in Leitmeritz etwa 60 Untersuchungshäftlinge von dort in die Festung abgestellt und dort gemeinsam mit den Insassen der Einzelzellen untergebracht. Es durfte nicht geheizt werden, von den Decken tropfte unaufhörlich das Wasser, der Mörtel löste sich dauernd und fiel von der Decke. Alles war feucht, auch die zwei Decken, die die Häftlinge zum Zudecken hatten. Wintermäntel gab es nur ganz vereinzelte. Diese armen Teufel durften die Zelle überhaupt nicht verlassen, in kein Krankenrevier kommen, sie durften nur auf der Zelle sterben. Solange sie noch Kraft hatten, liefen sie die halbe Nacht herum, um sich einigermaßen zu wärmen, dann mußten sie wieder unter die nassen Decken kriechen. Zeitweise war der Boden vereist. Daß hier ein Massensterben einsetzte, ist selbstverständlich. Wenn auch das Prügeln, seit Major Kálal das Festungskommando übernommen hatte, verboten war, bekümmerten sich die Untergebenen zeitweise recht wenig um dieses Verbot; oft gab es Nachtmusik spät abends, man hörte dann das Krachen von Knüppeln auf Schädel, das Klatschen von Ohrfeigen und Gummiknüppeln, das Schreien der Mißhandelten und Brüllen der Wachmannschaften.


Ein weiteres Einzelschicksal

Der Graf Ledebur, früherer Politiker der Christlich-Sozialen im Parlament, ein feiner, ruhiger und äußerst sympathischer Mensch, wurde trotz seines hohen Alter (72 Jahre) in den ersten Monaten dauernd in Einzelhaft gehalten, wobei ihm jeder Verkehr mit anderen verboten war, ausgenommen mit dem Arzt. Er war ein Idealist und glaubte, man würde ihn vernehmen. Er erzählte mir, er säße wegen eines archäologischen Schmuckes hier, der im Besitze seiner Frau sei und den man bis heute noch nicht gefunden habe. Er würde gerne sagen, wo sich der Schmuck befände, wenn er nur hier herauskäme. Doch er habe sich nie darum gekümmert, wo seine Frau den Schmuck aufbewahrte und konnte daher nichts aussagen. Aus diesem Grunde, nahm er an, würde er so streng bewacht. Trotz seines hohen Alters hielt er sich Monate lang tadellos. Nach einigen Monaten jedoch mußte er sich legen, da er ein Abszeß am Fuß hatte, das ich ihm öffnete und behandelte. Ich selbst kam 8 Tage lang nach Leitmeritz ins Hospital, um meine bei den Mißhandlungen gebrochene Hand röntgen und behandeln zu lassen (und eigentlich meine Frau und Kinder zu sehen). Als ich zurückkam, mußte ich eine Verschlechterung des Fußes und drohende Brandgefahr feststellen. Ich ging deshalb zum Sekretär und bat, den Graf nach Leitmeritz ins Krankenhaus überweisen zu dürfen, da der Fuß abgenommen werden mußte, sonst würde er sterben. "At chcipne!" war die Antwort, d. h. er möge krepieren. Ich flog hinaus. Da mir der alte Herr sehr leid tat, versuchte ich noch mehrmals, ihn nach Leitmeritz ins Spital zu bringen, jedoch stets mit dem gleichen Mißerfolg. Seine Frau, die man ebenfalls wegen des verschwundenen Schmuckes befragte (sie war noch frei und lebte in einem kleinen Häuschen in Milleschau), benützte die Gelegenheit, ihm mehrere Körbe mit Obst zu schicken. Ich weiß nicht, ob er zwei Äpfel von diesem Obst gesehen und bekommen hat. Nach weiteren 10 bis 14 Tagen war der Zustand des alten Herren recht traurig. Es kam eine Kommission aus Prag und ich wurde furchtbar angebrüllt, warum ich den Grafen nicht schon ins Spital gebracht hätte und noch am gleichen Tage kam der Graf ins Spital. Ich ließ noch der geistlichen Schwester ausrichten, sie möchte sich besonders um ihn bemühen, er wäre der Führer der Christlich-Sozialen gewesen und sei ein äußerst wertvoller Mensch, sie möchte daher das Menschenmöglichste mit ihm tun. Die katholischen Schwestern, die immer ein gutes Herz für die Internierten hatten und von den Internierten selbst mit Recht als "Engel" bezeichnet wurden, taten ihr Bestes. Der Graf selbst starb am gleichen Tage, als ihn der englische Gesandte und der Fürst Lichtenstein besuchen wollten. Die Gräfin wurde in den Wintermonaten in das Kreisgericht von Leitmeritz eingeliefert.


Verbrecher

Auch von einem Verbrecher will ich noch sprechen, von einem gewissen Kurt Landrock, Kapo der berüchtigten 50sten Zelle, Spezialist im Erdrosseln mit Stock und Schnur, einer ausgesprochenen Bestie in Menschengestalt, der allerdings zu seinen Lieblingen sehr nett sein konnte. Er machte das Krankenrevier für die Kranken zu einer Hölle. Ich war damals schon Chefarzt der Festung und versuchte, ihn als Kapo vom Revier wegzubekommen mit der Begründung, daß er nicht entspreche und auch nicht tschechisch könne. Aber der Mann hatte so viel Verdienste als Schwerverbrecher, daß seine Stellung nicht zu erschüttern war. Erst nachträglich fiel mir auf, daß er anfangs Leute mit Goldzähnen gern auf seine Abteilung aufnahm. Es stellte sich heraus, daß er Sammler von Goldzähnen war, die er den Leidenden aus dem Munde nahm. Dieses jedoch sollte ihm zum Verhängnis werden. Da er diese Goldzähne nicht abgeliefert hatte, wurde er ins Kreisgericht nach Leitmeritz eingeliefert. Wie gering man die Intelligenz der internationalen Öffentlichkeit einschätzte, zeigt folgendes: Der Pole Alfred Kling, der sehr viele Morde persönlich ausgeführt hatte, sollte als Deutscher erklärt werden. Landrock war Deutscher, ein Schwerverbrecher, der von den Tschechen wegen seiner Grausamkeiten als Kapo ausgesucht worden war und früher schon mehrere Jahre im deutschen KZ gesessen hatte. Also: Das damals vorgenommene Programm war: die ganzen zahlreichen Morde sind nicht durch die Tschechen sondern durch die Deutschen erfolgt. Dadurch wollte man einerseits sich selbst entlasten von dem Vorwurf des unberechtigten Massenmordes und die Deutschen aufs Neue schwer diffamieren. Daß Kapitän Prusa oder Tomes die dauernden Mißhandlungen durch ein Wort hätten einschränken können, und darüber hinaus jeden Mord hätten verhindern können, wird das dumme Ausland ja nicht annehmen. So rechnete man damals und ein möglicher Prozeß in dieser Richtung zur Täuschung der Öffentlichkeit würde mich nicht wundern. Von den vielen zerschlagenen Kiefern wird wohl keiner von den Betroffenen reden, denn wer einen schweren Kieferbruch hat und nichts als hartes Brot und wenig Suppe erhält, der stirbt.

Auch eine sportliche Kanone war vorhanden. Alfred Kling konnte mit einem kleinen Knüppel durch einen einzigen Schlag in den Nacken einen Menschen töten. Diese Leistung wurde trotz vieler Versuche von keinem der Tschechen erreicht und Alfred hatte hierdurch sehr an Ansehen gewonnen.


Vergleichende Betrachtungen, die sich aufdrängen

Ich bin durch die vielen, in ehemaligen deutschen KZ Eingesperrten, die in Theresienstadt weiter sitzen mußten, ziemlich genau und aus erster Quelle über die Methoden der Gestapo und die Grausamkeit der KZ's unterrichtet und zwar von solchen Leuten, die ja selbst Insassen waren und diese KZ's nicht lobten, aber doch alle übereinstimmend feststellten, daß das Lager in Theresienstadt schlimmer sei. Ich will nicht ausführlich werden und erwähne nur die Namen von zwei Bestien in Menschengestalt, einen gewissen Valchar, die personifizierte Grausamkeit und Böswilligkeit, und einen gewissen Truka, der ihm nichts nachgab. Was diese Leute brüllten, schlugen, ohrfeigten, mit den Füßen hackten und auf jede nur erdenkliche Weise Menschen quälten, würde Seiten füllen. Truka ließ u. a. die SS sich auf den Boden legen, ging auf ihnen spazieren, wobei er die empfindlichsten Stellen zum Hintreten aussuchte, und sprang mit beiden Füßen auf die Nierengegend und was derlei Vergnügungen mehr waren. Was Kälte, dauernder Hunger, Gebrüll, Mißhandlungen, an der Wand stehen, am Boden wälzen usw. Menschen seelisch und körperlich quälen kann, ist leicht vorstellbar. Zu schildern, wie man die Internierten Sonn- und Feiertags zur Erholung der Wachmannschaften dauernd in die dunklen Grabgewölbe sperrte und dergleichen mehr, würde zu lange aufhalten. Ich will nur eines noch dazu bemerken: Theresienstadt steht nicht allein. Ich habe mit Insassen aus anderen Lagern und Gefängnissen gesprochen, das System ist überall das Gleiche, es wird ja vom Innenministerium geregelt und angeordnet, wenn auch nach tschechischer Art niemand daran Schuld haben will, sondern immer nur der andere Schuld daran hat.

Man mag diese Schilderung glauben oder auch bezweifeln, es kommen jedoch immer wieder viele Leute aus der Festung Theresienstadt selbst frei, es werden zwar nur wenige so viel wissen wie ich, aber alle können sie bestätigen, daß das, was ich hier mitgeteilt habe, weder übertrieben noch unwahr ist. Wenn auch in späteren Zeiten das Totprügeln im Großen und Ganzen aufgehört hat, so sind dafür wieder andere Faktoren an die Stelle getreten. Die Kälte bei mangelnder Bekleidung, der Mangel an Heizmaterial und der Monate lang andauernde Hunger. Die Qualen sind dadurch keineswegs geringer, als sie bei dem Totprügeln waren, denn man kann eine Unmenge Leute sterben lassen, ohne eine gewaltsame Einwirkung.

Noch heute schmachten Tausende unschuldiger Menschen in einer Sklaverei, wie im tiefsten Mittelalter. Ich habe nur einen Wunsch: möge mein wahrheitsgetreuer Bericht, den zu beeiden ich jederzeit bereit bin, dazu beitragen, daß endlich einmal maßgebende internationale Stellen dazu veranlaßt werden, gegen diese menschenunwürdigen Zustände mit allen zu Gebote stehenden Mitteln einzuschreiten.


Seite zurueckInhaltsuebersichtSeite vor

Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen
Überlebende kommen zu Wort