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der deutschen Kolonien
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Gewalt vor Recht - geraubt und aufgeteilt
(Teil 5)

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Kolonialer Aufbau mit dem ganzen Volk!
Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg
Gouverneur a. D., Präsident des Kolonialkriegerdank

Die Kolonialbewegung hatte in Deutschland in den ersten zwei Jahrzehnten ihres Bestehens zwar in den oberen Schichten an Breite zugenommen, sie war aber nicht in die Tiefe zu den arbeitenden Volksmassen vorgedrungen. Ein Wandel trat erst langsam ein, als nach Niederwerfung des südwestafrikanischen und ostafrikanischen Aufstandes die abgelösten Truppen nach Deutschland zurückkehrten. Manch einer war in den Kolonien als Ansiedler verblieben; die übrigen, fast durchweg altgediente Kapitulanten aus wurzelechtem Volkstum, von denen viele schon den China-Feldzug mitgemacht hatten, wurden in ihrer überwiegenden Mehrheit Mitarbeiter am kolonialen Aufklärungswerke.

In jene Zeit - 1908 - fällt auch die Gründung des Kolonialkriegerdank als eines Werkes reinster Kameradschaftlichkeit und des ersten Versuches, neben praktischer Hilfeleistung zugleich volkstümliche koloniale Propaganda zu treiben. Sie hatten draußen in Übersee, Offizier und einfacher Soldat, oft fieber- und durstgequält den letzten Bissen und den letzten Trunk miteinander geteilt und wollten nunmehr auch in der Heimat einer für den anderen einstehen, in dem oft noch viel zermürbenderen Kampfe der Unterbringung der stellungslosen, zum größten Teil auch tropendienstbeschädigten Kämpfer. Diese kolonialen Frontkämpfer hatten jahrelang im Felde gestanden und u. a. auch die Fürsorge entbehrt, die die Heeresverwaltung in der Heimat den altgedienten Soldaten durch Unterrichtserteilung und durch sonstige Ausbildungsmöglichkeiten gewährte, um ihnen den Übergang in einen Zivilberuf zu erleichtern. In der kleinen Schar lebte schon das, was wir später im Weltkriege als wertvollstes Gut der Zusammengehörigkeit aller kennengelernt haben, der heldische Frontgeist, bei dem es nicht auf das Kleid, den Rang und das Geld, sondern auf das Herz und den ganzen Mann ankam! Aber es wurde von vornherein keine reine Unterstützungszahlstelle ins Leben gerufen, und die Mittel sollten auf die Dauer möglichst nicht mit dem Klingelbeutel aufgebracht werden. Instinktiv fühlten die Männer, die sich zur Gründung des Kolonialkriegerdank zusammenfanden, daß es notwendig sei, neben der Fürsorge für die Kameraden und die Hinterbliebenen auch noch etwas anderes zu tun, nämlich Zeugnis abzulegen von dem Erlebnis, das ihnen und uns allen draußen geworden war. Sie hatten mit eigenen Augen gesehen, wie groß die Welt ist, in der die anderen Völker sich vorausschauend weite Räume als Kolonialbesitz gesichert hatten und sie wollten aufklärend in der Heimat wirken und Anhänger für die stolze koloniale Idee, die sich viel zu langsam im Volke ausbreitete, werben. Uns allen ist heute der Begriff der "Propaganda" geläufig. Damals war es ein ungewisser [345] Anfang, durch Schaffung von geschäftlichen Unternehmen ("Koloniale Photo-Zentrale", "Annoncenexpedition", Buchhandlung u. a.) und durch Herausgabe von Kolonialen Taschenbüchern Wohlfahrt und koloniale Propaganda miteinander zu verbinden. Aber es glückte! Bereits 1913 wurden dem jungen Unternehmen die Rechte einer "milden Stiftung" verliehen.

Als der Weltkrieg hereinbrach, begann auch für den Kolonialkriegerdank ein neues Kapitel seiner Geschichte. Der Heldenkampf der kleinen Schutz- und Polizeitruppen in Deutsch-Südwest, in Kamerun, in Togo und in der Südsee, vor allem aber die Lettowschen Siege in Deutsch-Ostafrika fanden in der Heimat ein begeistertes Echo. Der
Heimkehr der deutschen Afrikakämpfer unter 
Lettow-Vorbeck in Berlin.
[323]      Heimkehr der deutschen Afrikakämpfer
unter Lettow-Vorbeck in Berlin.
Kolonialkriegerdank hatte bereits eine ertragreiche Soldaten-Liederbuch-Stiftung ins Leben gerufen, durch die den im Felde stehenden Truppen ein brauchbares Liederbuch als Geschenk gewidmet und der Stiftung zugunsten der Kolonialkrieger Wohlfahrtsmittel zugeführt wurden. Unter der Schriftleitung von Dr. Paul Rohrbach schuf er weiterhin den in vielen Hunderttausenden verbreiteten Kolonialkriegerdank-Kalender.

Nach Übernahme der Reste der vom Reichskolonialamt noch kurz vor dem Zusammenbruch 1918 durchgeführten großen Volkssammlung zugunsten aller Kolonialleute erweiterte sich das Arbeitsgebiet der Stiftung außerordentlich und umfaßt nunmehr praktisch die Gesamtheit der Kolonialdeutschen und ihrer Hinterbliebenen neben den alten Kolonialsoldaten. Eine Namensänderung hat die Stiftung nicht vollzogen, denn auch die neuen Schützlinge waren fast ausnahmslos Kolonialkrieger gewesen.

Soweit als irgend möglich waren Mittel in die Gefangenenlager, die sich in Afrika, in Indien und in vielen anderen Teilen der Welt befanden, gesandt worden, und in Gemeinschaft mit den anderen kolonialen Organisationen mußte nun für Bekleidung für die völlig abgerissen Heimkehrenden gesorgt werden. Das war in dem damaligen Deutschland, das Brot und Fleisch hatte rationieren und Bezugsscheine für Bekleidung, Wäsche und Strümpfe einführen müssen, wahrlich keine leichte Aufgabe. Unvergessen brennt uns das Schandmal in der Erinnerung, als wir erstmalig in den Winterstürmen 1919 unsere zwangsweise in die Heimat abgeschobenen Kolonialleute in Empfang nahmen, von denen viele nur noch die leichten Khakisachen aus den Tropen, die sie auf dem Leibe hatten, ihr ganzes Eigentum nannten.

Die deutsche Kolonialgeschichte schien für viele damals für alle Zeiten beendet zu sein. Verzagtheit war in den Kreisen eingerissen, die bis dahin der kolonialen Sache gedient hatten. Da entschloß sich der Kolonialkriegerdank Ende 1920 unter Mitarbeit zweier in der Kolonialbewegung wohlbekannter Persönlichkeiten, der Frau von Bredow vom Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft und des Gouverneurs Hahl vom Reichsverband der Kolonialdeutschen, ein neues Sammelbecken für die kolonialen Kräfte im Volke zu schaffen. Die Stiftung unternahm das Wagnis, die koloniale Zeitschrift, Der Kolonialdeutsche (heute: Deutsche Kolonial-Zeitung) herauszubringen, nachdem sie [346] in dieser allertrübsten Zeit nicht weniger als 69 Kolonialkriegervereine wieder um ihre Fahne versammelt hatte.

Mit der Fürsorge für das leibliche Wohl ihrer Schutzbefohlenen verband die Stiftung im kühnen Vertrauen auf die deutsche koloniale Zukunft auch die geistige Ertüchtigung. Die geschichtliche Entwicklung hat ihr recht gegeben.

Ich will die bitteren Jahre des Zusammenbruchs in der Inflation und des mühseligen Wiederaufbaues übergehen. Mit eisernem Fleiß ist gearbeitet worden, um aus Trümmern wieder Neues zu schaffen. Uns ist im Kolonialkriegerdank eine große und verantwortungsvolle Aufgabe gestellt. Unsere Maßnahmen werden sich nie darin erschöpfen, einer Anzahl beschädigter Kolonialkrieger oder verarmter und vertriebener Pflanzer aus den deutschen Schutzgebieten, denen etwa wegen Mietschulden die Ausweisung droht, beizuspringen. Nein! Wir wollen und müssen viel mehr vollbringen. Wir betreuen ein Menschengut, dem das Schicksal ein hartes Los auferlegte und das der vergangene Staat schlecht behandelt hat mit seiner ungeschickten Regelung der Entschädigung für die zum Teil völlig entwurzelten Kolonialleute. Diese wertvollen deutschen Männer und Frauen müssen tunlichst bald gerade im jetzigen allgemeinen Aufbruch der Nation wieder auf diejenige Scholle zurückgeführt werden, auf die sie auf Grund ihrer reichen Erfahrungen, ihrer treuen Arbeit und ihrer unerschütterlichen Liebe zur zweiten Heimat über See nicht nur einen moralischen, sondern einen unumstößlichen Rechtsanspruch haben. Und wir müssen weiter die geistige Verbindung mit unseren deutschen Volksgenossen in den alten Kolonien pflegen, deutsche Sitte und Art auf umbrandeten Vorposten stärken und die lebendige Brücke zwischen Kolonie und Mutterland festigen und ausbauen, die die deutsche, in Afrika geborene Jugend darstellt; diese hoffnungsstarke, frische Jugend, die in einem unablässigen Kommen und Gehen den Weg über die Meere in die Heimat ihrer Väter zurücklegt, um hier einige Jahre lang in deutschen Lehr- und Werkstätten und auf deutschen Hochschulen Wissen und Bildung und handwerkliche Fertigung sich anzueignen. Solange es der Reichsregierung nicht tunlich erscheint, Gelder für alle diese vielgestalteten Zwecke zur Verfügung zu stellen, so lange muß auf dem Umwege über die private Caritas diese für das Volksganze notwendige Arbeit geleistet werden. Hilfsbereite Volkstumsarbeit wird Hüterin einer besseren kolonialen Zukunft!

Hartnäckig erhält sich unter den Eingeborenen Ost- und Westafrikas das Gerücht, daß die Mandatsherrschaft über die alten deutschen Kolonien bald zu Ende sei. Sie wird einmal zu Ende gehen müssen, weil ihre Voraussetzung, die koloniale Schuldlüge, längst zusammengebrochen ist, und auch um deswillen, weil die Lösung der Kolonialfrage nunmehr wohl vom ganzen deutschen Volke gefordert wird, und nicht zuletzt, weil diese Lösung durchaus auf friedlichem Wege erreicht werden kann.

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Das Buch der deutschen Kolonien
Herausgegeben unter Mitarbeit der früheren Gouverneure
von Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo und Deutsch-Neuguinea.
Vorwort von Dr. Heinrich Schnee.