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Prag
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Bericht Nr. 75
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Prag 1945 - 1947
Berichter: Dr. med. Hans Wagner Bericht vom 27. 9. 1950

Lage von PragDurch einen Blitzüberfall der RG auf das Sendehaus in der Schwerinstraße - Fochová - heute Stalinová - verloren die Deutschen eine ihrer wichtigsten Positionen, den Rundfunk. Es wurden von nun an tschechische Haß- und Vernichtungsparolen gesendet: Smrt vsem Nemcum! Smrt vsem okupantum! Tod allen Deutschen! Tod allen Okkupanten!

Erschlagt die Deutschen, wo Ihr sie trefft! Nehmt keine Rücksicht auf Kinder, Frauen und Greise! Ein jeder Deutsche ist unser Todfeind! Jetzt ist die Zeit, diese Feinde endgültig zu vernichten! Rottet sie mit Strunk und Stiel aus!

Schon in den ersten Stunden nach Bekanntgabe dieser Losungen liefen massenhaft Meldungen über Ermordungen und grauenhafte Mißhandlungen deutscher Soldaten und Zivilisten ein und Berichte über das Entsetzen der ersten lebenden Fackeln von Prag wurden von Augenzeugen durchgegeben.

In erster Linie wurden SS-Männer dem Flammentod überantwortet; da aber von den Kommunisten großzügig jeder Uniformträger als SS-Angehöriger hingestellt wurde, waren unter diesen Feueropfern auch zahlreiche Soldaten anderer Wehrmachtsteile und Angehörige verschiedener Formationen.

Am siebenten Mai 1945 steigerte sich die Schlacht um Prag zu größter Intensität. Das Wüten der RG gegen die deutsche Zivilbevölkerung wurde fortgesetzt und über der Stadt lag der Geruch von verbranntem Menschenfleisch. Wir erhielten Meldungen über die Räumung der deutschen Kliniken und Zivilkrankenhäuser, wo Schwerkranke aus den Betten gerissen und dem Pöbel in die Arme getrieben wurden.

Einwandfreie Augenzeugen berichteten über das Ende der letzten Magnifizenz, des Rektors der Deutschen Universität in Prag, Prof. Albrecht, der vom Pöbel auf seiner Klinik - er war Direktor der Deutschen neurologischen und psychiatrischen Klinik - überfallen, zu Boden geschlagen und schließlich am Speicher der Irrenanstalt aufgehängt wurde. Auch der Tod Prof. Dr. Rudolf Greipel-Bezecnys, des Direktors der deutschen dermatologischen Klinik, wird bekannt.

Am Dienstag, den achten Mai 1945 wird die Gefechtstätigkeit in der Früh stärker, dann aber flaut sie ab, denn es kreisen Gerüchte über einen bevorstehenden Waffenstillstand. Um 12 Uhr wird wirklich die allgemeine Waffenruhe verkündet.

Der Wehrkreisarzt und ich statteten sofort dem Reservelazarett VIII, Thierschhaus eine Visite ab und lasen, daß es jetzt Náhradní nemocnice (Ersatzkrankenhaus) heißt. Zum Chefarzt war Dr. N., im Range eines Stabskapitäns, bestellt worden, den ich von früher her gut kannte. Er war benevolent und brachte als Chefarzt eines Reservespitals im ersten Weltkrieg den Belangen der Verwundeten großes Verständnis entgegen. So überließ er dem deutschen Chefarzt volle Bewegungsfreiheit bei der Behandlung der Patienten. Während wir mit Dr. N. konferierten, telefonierte das Polizei-Kommissariat in Prag-Kleinseite und bat um Übernahme von etwa 100 Schwerverletzten. Sankas fuhren sofort dorthin und brachten 100 Tote, meist junge, kräftige Menschen, mit furchtbar verstümmelten Körpern und entstellten Gesichtern, denn jeder empfing als Abschluß der Folterungen den Genickschuß. Die Überstellung der Opfer in das Ersatzkrankenhaus war nur eine raffinierte Tarnung dieses Verbrechens. Ich besuchte in dem Ersatzkrankenhaus auch eine Abteilung, wo eine Anzahl meiner früheren Patienten lagen. Hier erlebte ich selbst den Einbruch der RG. Mein Hinweis bei dem Partisanenführer, daß Waffenruhe eingetreten sei, löste lediglich die Drohung aus, daß er mich verhaften lassen würde. Unter dem Vorwand der Waffensuche plünderten die Partisanen die Verwundeten aus.

Bis zum Abend sollte der Abmarsch der deutschen Wehrmacht aus Prag vollzogen sein, daher begaben wir uns nach Dejwitz zurück, um wegen der Mitnahme der Verwundeten und der Bevölkerung Weisungen entgegenzunehmen. Allein die Dienststellen des Befehlshabers waren in vollster Auflösung und weder er noch sein Vertreter, General Ziervogel, oder einer der Herren seines Stabes waren anzutreffen. Die engsten Mitabeiter des Wehrkreisarztes verabschiedeten sich von ihm, seine persönlichen Adjutanten und Referenten wählten die Freiheit. Ich wählte die Pflicht und blieb bei den verwundeten Kameraden. Wir gaben an die Lazarette, mit welchen wir Verbindung hatten, die Weisung durch, daß alle gehfähigen Patienten und das entbehrliche Sanitätspersonal sich dem allgemeinen Aufbruch der Wehrmacht anschließen sollten. Leider hatten wir keine Möglichkeit, die besetzten Lazarette und die Lagerinsassen zu verständigen, was nach den Abmachungen mit den Tschechen von ihrer Seite hätte veranlaßt werden müssen. Bei den Verhandlungen war ausdrücklich vom Abmarsch aller Deutschen die Rede und in den Vertrag war auch dieser Passus eingebaut worden. Durch diesen Wortbruch des tschechischen Nationalrates fielen wohl an die achtzigtausend Deutsche in die Gefangenschaft und Internierung.

Während nun die Wehrmacht und einige Gruppen von Zivilisten sich nach Westen, Richtung Pilsen, zu den Amerikanern in Bewegung setzten, übersiedelten wir in das Reservelazarett XVI im Palais der Rumänischen Gesandtschaft in der Spornergasse - Nerudová, um in der Nachbarschaft des IRK zu sein. Ungefähr auf dieselbe Zeit fallen die Todesmärsche der Deutschen aus Prag nach Theresienstadt, wo kaum ein Zehntel der Ausmarschierten einlangte und die übrigen mit ihren Leichen die Straßen säumten.

Am Mittwoch, den neunten Mai drang ein RG-Kommando unter Führung eines Polizeiinspektors in unser Lazarett ein und behauptete, es sei aus dem Hause geschossen worden. Leider waren wir noch im Besitze der Pistolen, da wir keine Gelegenheit hatten, die Waffen abzuliefern. Es hätte nicht viel gefehlt und wir Sanitätsoffiziere wären an die Wand gestellt worden, wenn nicht durch eine Fügung des Schicksals ein tschechischer Arzt vom IRK durch sein Erscheinen dies verhindert hätte.

Kurz darauf erschien schon wieder Polizei und befahl, daß das Tor und die Fenster gegen die Gasse geschlossen werden müßten. Auch dürfe sich kein Deutscher bei Androhung der Todesstrafe beim Fenster blicken lassen, solange der Einmarsch der Russen dauere. Einige Stunden nachher donnerten schwere Panzer die Spornergasse herab, die Rote Armee war da. Das geräumige Gebäude unterhalb der Rumänischen Gesandschaft, im alten Österreich Sitz eines Korpskommandos, in der Tschechoslowakei Landesmilitärkommando und während der Hitlerzeit Standortkommandantur, wurde als russische Stadtkommandantur ausgewählt.

Als ich am Donnerstag, den zehnten Mai 1945 zu Dr. Dobbek ins Tierschhaus ging, begegnete ich einem Treck, der vom Kleinseitner Ring über die Karmelitergasse bis gegen Smichov reichte. Es waren nur Frauen, Kinder und Greise. Ich erfuhr, daß die Heimatvertriebenen aus Ohlau in Schlesien stammten und in Prag von der Revolution überrascht wurden. Sie hofften, beim IRK Unterstützung und Hilfe zu finden, aber sie erhielten nicht einmal Milch für die Säuglinge. Ich ging ins Lazarett zurück und brachte zwei Flaschen Milch, aber als ich sie übergeben wollte, wurden sie mir von RG aus der Hand geschlagen und zerbrachen. Kinder ließen sich vom Wagen herabfallen und wollten die Milch aus dem Schmutz der Gasse auflecken, aber die Partisanen ließen dies nicht zu und bedrohten mich mit Erschießen. Der Treck stand einige Tage, die Pferde krepierten und die Menschen starben vor Hunger und Durst. Eines Morgens waren die Wagen verschwunden.

Dr. N. war uns behilflich, General Srunek, den Chef des tschechischen Armeesanitätswesens in den Amtsräumen des städtischen Physikates in der Bartholomäusgasse gegenüber der Polizeidirektion ausfindig zu machen. In diesem Gebäude gellten Schmerzens- und Todesschreie und es knallten Schüsse. General Srunek empfing uns korrekt und nahm unsere Wünsche verständnisvoll entgegen. Sie lauteten:

Einsetzung tschechoslowakischer Sanitätsoffiziere als Spitalskommandanten in den Ersatzkrankenhäusern an Stelle der RG, Sicherung einer ausreichenden Verpflegung für die Verwundeten, Ausweichräume für die Insassen des Einserlazarettes, da die Russen drohten, die Insassen aus den Fenstern zu werfen, wenn es nicht ohne Aufschub freigemacht würde, Hilfe für die in den Lagern und Kerkern befindlichen Deutschen. Srunek sagte uns zu, daß er sich bemühen werde, unseren Anregungen, so weit es ging, Rechnung zu tragen. Hinsichtlich des Abtransportes der Lazarette könne er jedoch nur unsere Wünsche unterstützen, da die Regierung mit den Amerikanern verhandeln müsse. Der gefangenen Zivilisten könne er sich nicht annehmen, da für diese nur die Polizei zuständig sei.

Am Freitag, den 11. Mai waren wir wieder bei Srunek. Die Ernennung der Sanitätsoffiziere schien bereits durchgeführt, denn es meldete sich bei uns im Res.-Laz. XIV ein Oberstleutnant Dr. Haas in tadellosem Deutsch, bestätigte den bisherigen Chefarzt als leitenden Arzt und sorgte für die Einhaltung der Verpflegssätze.

Bei einer Vorsprache beim IRK erhoben wir Vorstellungen wegen des Massensterbens in den KZs, im besonderen auf dem Strahover Stadion, wo allein 25.000 Menschen zusammengepfercht auf engstem Raum unter freiem Himmel kampierten. Es wurde ihnen jede Verpflegung vorenthalten, sogar das Trinkwasser nur in dürftigster Menge zugeteilt. Wir schilderten auch aus eigener Anschauung, was für Roheitsakten die deutschen Arbeitskommandos beim Barrikadenabbau ausgesetzt wären, sodaß bei jedem Einsatz eine ganze Anzahl Toter und Verwundeter auf dem Platze bleibe. Weiters baten wir dringend um Abstellung der Räumung der Krankenhäuser und der Kliniken und um Intervention, daß solche Todesmärsche wie der nach Theresienstadt in Hinkunft unterblieben. Die Herren trachteten sicherlich alles zu tun, was in ihrer engbegrenzten Kompetenz lag, konnten aber nicht durchgreifen, da wohl auch ihre Handlungen viel zu sehr von der Furcht vor den Russen bestimmt waren.

Ich fuhr mit einem im höchsten Grade diphterieverdächtigen Kind an die tschechische Kinderklinik, wo uns von der Schwester gedroht wurde, daß sie die Hunde auf uns hetzen würde, wenn wir nicht augenblicklich verschwänden. Sie betrachteten schon die Zumutung, ein deutsches Kind aufzunehmen, als unerhörte Provokation, die sich nur deutsche Schweine zu erlauben getrauen.

Am selben Tage wurde mir auch der dringliche Befehl hinterbracht, mich augenblicklich bei Dr. N. zu melden. Dieser eröffnete mir, daß sich die Polizei sehr für mich interessiere, daß er mich aber in Schutz genommen habe, sodaß die Beamten von meiner Verhaftung abgesehen hätten. Er habe die Bürgschaft für mich gegenüber der Polizei übernommen.

Am Samstag, den 12. Mai 1945 fand ich Gelegenheit, mit einem Auto, das zum Wilsonbahnhof fuhr, mitzukommen und meine Wohnung am oberen Wenzelsplatz zu besuchen. An der Tür hing ein Zettel, auf dem geschrieben stand, daß der Frauenarzt Dr. Tichy meine Räume besetzt habe. Die Tür war aufgebrochen und ich trat ein. Wohnung und Ordination waren völlig verwüstet, im Schrank fand ich zufällig einen dunklen Anzug, den ich mit der Uniform vertauschte.

Am Sonntag, den 13. Mai 1945 zog gegen Mittag der Präsident Dr. Benes in Prag ein. Zu seiner Ehre wurden deutsche Menschen reihenweise als lebende Fackeln angezündet.

In den nächsten Tagen fanden viele Vorsprachen beim IRK statt, auch gelang es uns, in offenen Aussprachen mit den tschechischen Spitalskommandanten häufig eine Aufbesserung der Verpflegung für die Verwundeten zu erzielen. Im Reservelazarett VII, jetzt Ersatzkrankenhaus Frauenheim (Zenský domov) fanden wir den Generalarzt Dr. Otto Muntsch und seine Gattin sterbend infolge der Gewalttätigkeiten.

Infolge der Maßnahmen der Russen, die ihre Hände nach den noch verbliebenen Lazaretten ausstreckten, durch die Aufnahme Deutscher, die auf den Arbeitsplätzen und Straßen infolge von Mißhandlungen und Erschöpfung zusammenbrachen, aber von mitleidigen Tschechen geborgen wurden und durch die Unterbringung der hinausgeworfenen Klinikpatienten war eine unglaubliche Bettennot und Platzmangel eingetreten, sodaß von einem geregelten Betrieb keine Rede mehr sein konnte. So beschlossen Dr. Dobbek und ich, beim russischen Stadtkommandanten, Generaloberst Gordow vorzusprechen, um einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Gordow leistete sich den Ausspruch: "Wenn ihr keinen Platz für euere Verwundeten habt, werft sie in die Moldau, dort ist noch genug Platz für sie!"

Am Nachmittag gelang mir ein weiterer Rundgang durch die Stadt. Am Alstädter Ring ragten die berußten Trümmer des ausgebrannten Rathauses und die einiger Bürgerhäuser gegen den Himmel. "U svatého Havla", einem bekannten Restaurant gegenüber dem Ständetheater hingen an der schmiedeeisernen Firmentafel die halbverkohlten Überreste eines deutschen Soldaten mit den Füßen nach oben gebunden. Der rechte Arm fehlte bis zum Schultergelenk, offensichtlich war er amputiert. Alle größeren Geschäfte trugen die Aufschrift: "Národní podník". Am Graben prangte überreicher Flaggenschmuck, fast an jedem zweiten Palast hing eine Tafel mit der Aufschrift: "Majetek komunistické strany ceskoslovenské". (Eigentum der tschechoslowakischen kommunistischen Partei.) Das deutsche Haus, Graben 26, hieß nun Slovanský dum (Slawisches Haus) und gehört ebenfalls den Kommunisten. Das Palais der Böhmischen Escomptebank ist der Sitz des Zentralsekretariats der kommunistischen Partei. Im Gebäude der Böhmischen Unionbank befindet sich das Zentralsekretariat der sozialdemokratischen Partei. Die größte tschechische Großbank, die Zivno, firmiert als národní podník, ihr Generaldirektor und Präsident, der hochbetagte Jaroslav Preis, ist - obwohl er kein Kollaborant war - in Pankratz festgesetzt. Das Petschekpalais in der Bredauergasse, seit 1939 Zentrale der Gestapo, hat jetzt die GPU aufgenommen. Das Gebäude ist von einem Kordon von Wachen umgeben und ein Stehenbleiben in der Nähe ist verboten. Am Deutschen Theater steht: Divadlo patého Kvetna - Theater des fünften Mai.

Ich betrat das Kaffeehaus Elektra, das im Besitze der Kommanditgesellschaft Wagner & Co. gewesen ist und deren öffentlicher Gesellschafter ich war. Der geschäftsführende Ober beklagte sich bitter über den jetzigen Geschäftsgang. Ich wurde gut bewirtet und erhielt eine schriftliche Bestätigung, unterzeichnet von den 35 anwesenden Angestellten, daß ich mich ihnen gegenüber immer anständig verhalten habe.

Vor dem Haupteingang des Wilsonbahnhofes erscholl Geschrei. Ich bemerkte, daß eine blonde Frau von der Menge attakiert wurde, trotzdem sie sich in akzentfreiem Tschechisch verteidigte. Im Nu war sie umringt, es wurden ihr die Kleider vom Leib gerissen und schon lag sie blutüberströmt am Boden, wo sie weiter bearbeitet wurde. Da passiert ein schwerer Bierwagen die Stelle, unter Tumult werden die Rosse ausgespannt, an jedes Bein der niedergeschlagenen Frau eines angebunden und in entgegengesetzter Richtung angetrieben.

Am Donnerstag, den 17. Mai 1945 besuchte ich in aller Frühe das IRK. Das sonst so geräuschvolle Getriebe hat aufgehört. Es hat eine Hausdurchsuchung durch die Russen und RG stattgefunden. Die Bittsteller sind eingeschüchtert. Die Anerkennung des IRK ist ausgeblieben, während nach Mitteilung aus Genf Jugoslawien die Genfer Institution akkreditierte.

Nach meiner Rückkehr ins Lazarett erwarteten mich zwei Herren, einer in Zivil, einer in Uniform. "Lassen Sie alles im Lazarett, Sie werden nur zu einem kurzen Verhör vorgeführt", erklärten sie mir.

Ich verabschiedete mich von Prof. v. Susani, dem verdienstvollen beratenden Chirurgen beim Wehrkreisarzt und dem ehemaligen Chefarzt Dr. Hanebuth vom Einser-Lazarett.

In der Polizeidirektion sah ich auf dem Gang eine Frau, den Kopf in eine Hakenkreuzfahne gewickelt, sonst splitternackt, die Haut mit blauen Flecken und Hautabschürfungen übersät. Sie wurde mit Fäusten und Gewehrkolben durch ein Spalier von RG und Polizei hin- und hergetrieben und konnte kaum mehr gehen.

Im dritten Stock wurde ich einem Kriminalrat, Dr. Weiß vorgeführt. Der Kriminalrat nahm ein Foto vom Tisch und fragte, ob ich das sei, ich antwortete "ja". Zu meinen Begleitern sagt er: "Roter Bogen". Ich fragte was dies bedeute. Er: "Verhaftet". Ich wies mich mit einer Legitimation als Delegat des IRK aus, er machte nur eine wegwerfende Handbewegung und sprach: "Das sagen Sie beim Verhör". - Die Herren veranlaßten mich, ihnen zu folgen; wir kamen in einen weitläufigen Saal, in der Mitte ein Tisch mit mehreren Beamten, rechts in einer Ecke eine Schar weinender Frauen. Kein Zweifel, Verhaftete. Auch hier ein Verhör nach einem vorgedruckten Fragebogen. Ich protestierte unter Vorweis der Papiere vom IRK gegen meine Verhaftung. Darauf sagte man mir nur: "Das sagen Sie beim Verhör". Ein Teil des Inhalts meiner Geldbörse verschwand in seiner Schublade, die der Mann offensichtlich für seine Privatschatulle einkassierte. Bald wurden wir Männer in einer Gemeinschaftszelle im Keller untergebracht. Keiner kann sich hier auf den Fußboden legen, auf einer Pritsche hocken die Häftlinge wie die Heringe gedrängt und unter den Brettern in einer Stickluft ohnegleichen kriechen Männer herum. Ich litt unter Atemnot, konnte mich aber an die Lucke heranschieben, wo ich etwas freier atmen kann. Auf einmal wurde die Tür geöffnet, Namen werden verlesen, auch meiner ist darunter. Wir kamen in einen düsteren Hof, mit erhobenen Händen, Gesicht zur Wand mußten wir stehen. RG zog auf, die Verschlüsse von Maschinenpistolen knackten, aber es fällt kein Schuß, Frauen gesellten sich zu uns, Schicksalsgenossinnen. Durch das Eisentor ergoß sich eine wilde Meute, raubte uns noch das Letzte und verteilte Schläge und Ohrfeigen. Plötzlich hieß es: Zum Autobus, der drüben auf der anderen Straße steht. Es war schwierig, durch die lärmende Menge den Autobus zu erreichen, mancher blieb zerschlagen und leblos auf dem Pflaster zurück. Noch im Autobus wurden wir mit Steinen beworfen und mit Messern bedroht.

Wir wurden in das Gefängnis Pankratz gebracht. Vor dem Tor zum Gefängnisgebäude wurden wir vom Pöbel mit Steinwürfen und Pistolenschüssen erwartet. Der Bus macht einen längeren Aufenthalt. Endlich fuhren wir in den Gefängnishof ein. Die Aufseher in ihren violetten Uniformen begrüßten uns mit Schlägen mit dem "Pendrek", wie der Gummiknüttel im Volksmund heißt. Dann wurden wir in das Innere der Gefängnisanstalt geführt, registriert, der allerletzten Habe beraubt und auf die Zellen verteilt. Wir werden zu acht anderen Häftlingen zu zweit in eine kleine Zelle gesperrt, die sonst nur für einen Häftling bestimmt ist. Trotz der hochsommerlichen Hitze ist das kleine, vergitterte Fenster nur in der oberen Hälfte offen, die Strohsäcke sind alt und muffig, die Wanzenplage beinahe unerträglich.

Das Amt eines Abteilungskommandanten hat der Aufseher Koberle inne. Er versteht es, den halbstündigen täglichen Spaziergang zu einem zusätzlichen Martyrium zu machen. Die Verpflegung ist allerschlechtestes Schweinefutter und besteht aus Salaquarda (Dörrgemüse aus Karotten und Möhren), aus alten Kohlrabi und aus schwarzen, halbverfaulten Kartoffeln. Am Abend bekommen wir Suppe aus warmen Wasser und etwas Kleie darin verrührt. Brot und schwarzer Kaffe sind auch beinahe ungenießbar. Dabei sind die Portionen winzig klein. In wenigen Tagen waren die meisten von uns an Magen- und Darmkatarrh erkrankt. Das Zimmerklosett war Tag und Nacht besetzt, Klosettpapier, Seife, Bürste, Handtuch und Kamm wäre Luxus gewesen.

Plötzlich wurde Koberle ein Reinlichkeitsfanatiker, es gab Seife und auch andere Waschmittel. Im Gefängnis am Karlsplatz war Flecktyphus ausgebrochen und unter den Todesopfern befand sich auch ein Aufseher.

Am Pfingstsonntag fingen die Verhöre an, auch ich wurde gerufen; ein russischer Kapitän und eine Kommissarin nehmen es ab, sie verdolmetscht meine deutschen Aussagen, keines von beiden kann tschechisch. Ich werde über alle Persönlichkeiten in der Wehrmacht und im öffentlichen Leben befragt, auch über Sanitätseinrichtungen der Wehrmacht und dergleichen. Ich bin sehr einsilbig und gebe zu verstehen, daß ich mich nicht für Such- und Spitzeldienste hergebe.

Es war Brauch geworden, daß die Helden der Nation nach Zechgelagen als Höhepunkt der Unterhaltung Besuche im Gefängnis machten. Die Wächter gewährten ohne weiteres Einlaß. Irgendein Häftling wurde gepackt und unter Hieben und Stößen aus der Zelle gezerrt. Noch lange hörte man seine Schmerzensschreie, bevor er zu Tode gemartert war. Ein besonderer Sport war gerade in Pankratz sehr beliebt: Die furchtbar zugerichteten Menschen wurden vom zweiten Stock über das Geländer geworfen und während des Falles als lebende Ziele benützt und abgeschossen.

An einem Sonntag Nachmittag drang eine Schar RG in eine Doppelzelle unserer Abteilung ein, wo etwa 25 Jungen im Alter von 14-16 Jahren untergebracht waren. Sie stammen aus der Reichenberger Gegend und sollten Werwölfe gewesen sein. Die Jungen wurden, wie aus den Anordnungen zu entnehmen war, vor unserer Türe aufgestellt und standen sich in zwei Reihen gegenüber. Sie mußten zuerst Hahnenkämpfe aufführen, dann "Heil Hitler" rufen und sich gegenseitig ohrfeigen. Von Männern und Zuschauerinnen wurden sie dazu angetrieben, sie halfen auch mit Gummiknüppeln nach. Dieses Spiel artete in Blutvergießen aus; die Jungen mußten das Blut von den Steinfließen auflecken. Wenn dies einer nicht tat, wurde er windelweich geprügelt. Einige der Kinder erbrachen und die anderen mußten das Erbrochene verzehren. Schließlich brachten es die Gepeinigten nicht mehr fertig, diese Widerlichkeiten auszuhalten, weshalb sie erneuten Schlägen ausgesetzt wurden, wobei das Blut den ganzen Boden besudelte. Die Jungen mußten selbst den Boden reinigen. Nun wurden die Delinquenten gezwungen, sich splitternackt auszuziehen und mußten sich einer nach dem anderen auf einen Tisch legen, auf dem sie solange gegeißelt wurden, bis das Fleisch in Fetzen von den Knochen hing. Die Peiniger konnten sich dabei nicht der blödesten Witze und gemeinsten Zoten enthalten. Als alle Jungen so traktiert waren, wurden sie in den Keller geschleift und die, welche noch ein Lebenszeichen von sich gaben, sollten an Haken an der Wand aufgenüpft und so endgültig liquidiert werden.

Trotz des furchtbaren Hungers und dauernder Magenschmerzen mußte ich zehn 85 kg schwere Mehlsäcke vom Lastauto über eine Stiege in ein Magazin tragen. Nach Tragen des 11. wurde mir übel und der Sack rutschte mir herab. Ich sank zu Boden. Nach einer Weile zwang mich der Aufseher in die Zelle zurückzugehen. Auf einem Hof übte gerade eine Abteilung; ich entdeckte unter den Inhaftierten den letzten Dekan der deutschen medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Maximilian Watzka. Ich nickte ihm vorsichtig zu. Der Aufseher bemerkte dies und versetzte mir einen wuchtigen Stoß ins Gesäß, daß ich mit dem rechten Knie auf die Kante einer Steinstufe schlug und mir eine erhebliche Verletzung zuzog.

Durch den Unfall bei der Arbeit ist zu meinem Magenleiden eine Magenblutung hinzugekommen, wie ich aus den teerschwarzen Stühlen diagnostizieren konnte.

Die Marodka, das Marodenzimmer, genoß keinen guten Ruf. Ich entschloß mich schweren Herzens, im Krankenrevier Hilfe zu suchen. Koberle erhob keinen Einwand. Der Kommandant des Krankenzimmers hieß Cerny. Den ersten Kranken packt er am Halse, als dieser von einer Angina redet, behauptet nichts zu sehen und wirft ihn hinaus. Der zweite klagt über Stechen in der Brust, ein wuchtiger Boxhieb trifft auf die schmerzende Stelle und die Konsultation ist zu Ende. Der dritte zeigt auf seinen Verband am Unterschenkel, Cerny hat schon die Fetzen losgerissen, daß das Blut zu laufen beginnt. Mit einem Fußtritt fliegt der Kranke hinaus. Die beiden Ärzte, selbst Gefangene, stehen hilflos da und können nicht helfen. Cerny fragt: "Was fehlt Dir?" "Magenblutung". "Was?? Das sag dem Arzt, aber wenn es nicht wahr ist, bekommst Du Dresche, wie noch nie in Deinem Leben!" Ein Eßlöffel Karlsbader Salz wird mir in den Mund geschoben. Die groben Stückchen würgen mich, ich trete zur Wasserleitung und trinke einen Schluck Wasser. Da brüllt schon C.; ich drehe mich um, da habe ich schon rechts und links eine Ohrfeige sitzen, daß mir das Blut aus Mund und Nase schießt. Zwei obere Backenzähne werden mitausgeschlagen.

Unser Zellenkommandant wird als erster von unserer Gemeinschaft einvernommen. Er kommt etwas glimpflicher davon, weil seine Schwester seit Jahren Kommunistin ist und mit der Armee des Generals Svoboda, der tschechoslow. Gruppe in der Roten Armee als Feldwebel mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet, in Prag einmarschierte.

Der nächste unserer Zelle, auf den die GPU vergessen zu haben schien, war ein Baumeister; er blieb lange aus. Erst nach dem Nachtmahl wurde er in die Zelle hereingeworfen. Wir erkannten ihn kaum. Sein ganzer Körper wies Spuren entsetzlichster Mißhandlungen auf. Viele Stunden lag er ohnmächtig und viele Tage krank auf seinem Strohlager.

Das dritte Opfer der Verhöre war Ing. Reiß, der ebenfalls fürchterlich entstellt und halbtot geprügelt, bewußtlos zurückgeschleppt wurde. Als er wieder zum Bewußtsein kam, schilderte er, daß er mit den Füßen in den Bauch getrampelt wurde.

Der andauernde Blutverlust macht sich bald bemerkbar. Ich kann nur noch auf allen Vieren kriechen, Ohrensausen, Ohnmachtsanfälle und schließlich vier Tage lang Bewußtlosigkeit veranlaßten Koberle, mich am 20. Juli 1945 ins Gefängniskrankenhaus einzuliefern. Dort erhole ich mich langsam dank der Pflege zweier deutscher Ärzte, die gegen ausdrückliches Verbot für mich Kartoffelbrei einschmuggeln. Die "Diät" für die deutschen Patienten bestand aus der gleichen Kost, wie sie in den Zellen verteilt wurde, nur in noch minderwertigerer Qualität. In meiner Zelle war vor kurzer Zeit auch Minister Machnik, seinerzeit Minister für nationale Verteidigung und Führer der tschechischen Bauernreiterei, interniert. Ein Leidensgenosse von mir ist Herr Bubenicek, ein deutscher Prokurist der Holzgroßhandlung Lechner. Bubenicek mußte auf einem Platz vor einer Kirche in Holleschowitz mit vielen anderen Deutschen barfuß auf Glasscherben hin- und herlaufen, zerschnitt sich den Fuß und erkrankte an einer bösartigen Phlegmone, die einige Operationen notwendig machte, bei welchen jedoch die Ärzte keine Narkose oder örtliche Betäubung anwenden durften.

Bubenicek war Zeuge der Begebenheiten, die u. a. auch zum Tode Dr. Langs führten, des Primarius der Tbc-Abteilung der Bulovka, dem größten neuen Krankenhaus, dem Prof. Dr. Walter Dick, heute Direktor der zweiten chirurgischen Klinik in Köln, vorstand.

Sofort nach dem Ausbruch der Revolution am Samstag, den 5. Mai wurde Bubenicek mit vielen anderen Deutschen in den Kellern des Hotels "Schwarzer Adler" in den Weinbergen inhaftiert, wo sich das Wehrmachtsbordell befunden hatte. Die Dirnen und ihre Zutreiber feierten wahre Orgien des Sadismus und der Perversität an den nackt ausgezogenen Männern und Frauen. Besonders Dr. Lang wurde schwer mißhandelt. Über und über mit Wunden bedeckt verfiel er vor Schmerzen in Wahnsinn und erhängte sich an einer Bierkette, unter der er stehen mußte.

Trotzdem Bubeniceks Wunde noch eiterte, wurde er auf Geheiß des tschechischen Chefarztes, Dr. Rein (deutscher Abstammung aus Postelberg) entlassen und mußte zurück in ein Zwangsarbeitslager.

Mein nächster Zellengenosse war Dr. Chrobok, ein Österreicher, der während der Protektoratszeit an das Postministerium nach Prag versetzt worden war. Sein Sohn lebte angeblich in Linz. Mit einem akuten Magen- und Darmkatarrh wahrscheinlich infektiösen Ursprunges wurde Chrobok hierher verlegt. Der Patient erhielt lediglich einige Pülverchen, die gar keine Wirkung hatten. Auch Tierkohle hatte gar keinen Effekt. Dafür wurde ihm ein Blechnapf voll Süßspeise hingestellt, die er trotz Verbots gierig verschlang, da er an unstillbarem Durst litt. Die Folgen stellten sich im Moment ein. Nach schwersten Qualen verstarb er in der Nacht. Ich kroch zur Tür und klopfte, da es keine Klingel gab. Endlich kam der Nachtwächter und als ich ihm mitteilte, daß Chrobok gestorben sei, sagte er zu mir: "Und deswegen belästigst Du mich? Gott sei Dank, wieder so ein deutsches Schwein weniger."

Jeden Morgen war die erste Arbeit der Gonkari, wie die Gangarbeiter genannten wurden, die fünf bis sieben in der Nacht Verstorbenen in die Leichenkammer zu tragen.

Bis 20. August 1945 dauerte mein Aufenthalt im Krankenhaus und ich wurde, obwohl ich noch kaum auf den Füßen stehen konnte, der sogenannten Volksgerichtsabteilung, der Abt. IIa zugewiesen. Auf ihr waren so ziemlich alle Prominenten konzentriert, die nach dem jüngst erlassenen Retributionsdekret des Präsidenten Benesch als Kriegsverbrecher vor ein Volksgericht gestellt werden sollten. Nach diesem Dekret ließ sich bei jedem Sudetendeutschen, geschweige denn bei Wehrmachtsangehörigen infolge der Elastizität seiner Paragraphen ein Fall von Hochverrat konstruieren.

Mein Magenleiden hatte sich wesentlich verschlechtert, außerdem traten Schwellungen an den Beinen auf, sodaß ich abends meine Hose nicht mehr ausziehen konnte. Dazu stellte sich noch ein akuter Gelenkrheumatismus ein, der besonders die rechte Körperhälfte befiel. Das beim Sturz auf die Steinkante verletzte rechte Knie war wie ein Ballon aufgetrieben und sehr schmerzhaft.

Auf dieser Abteilung traf ich den Prager Stadtphysikus, Dr. Viktor Kindermann, der am 27. Mai in Aussig bei der Verhaftung durch die RG bis zur Unkenntlichkeit mißhandelt und über die Polizeidirektion Prag nach Pankratz eingeliefert worden war.

Meine Magenschmerzen steigerten sich zur Unerträglichkeit und ich meldete mich auf der Marodenstation, wo es etwas ruhiger zuging, seit Cerny zum Kommandanten des Krankenhauses ernannt worden war. Unter den Kranken traf ich den ehemaligen Abgeordneten der sudetendeutschen Partei Dr. Hanns Neuwirth. Während ich auf den Chefarzt wartete, konnte ich einige Worte mit dem Primatorstellvertreter von Prag, Prof. Dr. Josef Pfitzner wechseln, der an einer schweren Angina litt und ebenfalls dem Chefarzt vorgestellt werden sollte.

Am 5. September 45 werde ich zum zweitenmal in das Gefängniskrankenhaus transportiert, die Zelle 13 wird mein Quartier.

Hier erfuhr ich, daß Bubenicek, der mit seinem unausgeheilten Fuß auf schwere Arbeit geschickt worden war, bald ins Krankenhaus zurückkam. Eine lebensbedrohende Phlegmone zwang zu wiederholten Eingriffen. Auch jetzt durften keine Betäubungsmittel angewandt werden. Alle Eingriffe nützten nichts und eine allgemeine Blutvergiftung erlöste ihn von seinen Leiden.

Mein Zellengenosse, Oberstleutnant Walena aus Bilin, erkrankte an einer Lungenentzündung und war nach drei Tagen infolge hinzutretender Herzschwäche tot, sein ausgemergelter Körper, durch Hunger entkräftet, besaß keinen Widerstand mehr.

Dann lag in meiner Zelle noch der tschechische Werkschutzmann Cink von der Auto- und Flugmotorenfabrik Walter aus Jinonitz bei Prag mit hohem Fieber. Diagnose: Nierenerkrankung. Eines Nachts stürzte er im Delirium aus dem Bett und blieb bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Als ich die Decke von seinem Bett abzog, um ihn damit zuzudecken, warf mich der Latrinengestank aus seinem Bett fast um. Es gab für ihn weder Urinflasche noch Nachtgeschirr, sodaß er alles unter sich ließ. Sterbend wurde er in das Allgemeine Krankenhaus gebracht. Als das sogenannte Leintuch, ein kotstrotzender, verfaulter Fetzen, abgezogen wurde, bemerkte ich, daß der Strohsack ganz grauweiß war. Beim näheren Zusehen stellte es sich heraus, daß es lauter Fliegenmaden und -larven waren, von welchen es da wimmelte.

An einem schönen Septemberabend gab es auf dem Platze vor dem Pankratzer Gerichtsgebäude einen ungeheuren Tumult. Der Teil des Platzes, den ich von meinem Fenster aus verbotenerweise übersehen konnte, war von Autos und Fußgängern dicht gespickt, Mütter fuhren mit Kinderwagen herbei und Schuljugend erkletterte die Dächer der Autos. Auf einmal nicht enden wollender Applaus, Prof. Dr. Josef Pfitzner ist auf dem mittleren der drei hohen Galgen, die auf einem schwarz behängten Podium aufgebaut waren, durch den Strang hingerichtet. An 50.000 Zuschauer nahmen an dieser Exekution teil.

Pfitzner folgte ein SS-Obergruppenführer Schmidt vom SS-Hauptamt in Berlin, Inspekteur des Arbeitseinsatzes in den Kriegsgefangenenlagern. Ihm folgte der Rechtsanwalt Dr. Fritz Schicketanz, mein Zellengenosse auf IIa, der des Hochverrates beschuldigt wurde, da er das Rechtsgutachten der Sudetendeutschen Partei für Runciman 1938 ausgearbeitet hatte. Der vierte in der Reihe war der Staatsanwalt Dr. Blaschtowitschka vom deutschen Sondergericht in Prag. Sein Vater, Senatspräsident in Prag, starb kurz darauf an Hunger.

Unter den nächsten Opfern war Dr. Franz Wabra, Vorstand der Abteilung für Innere Krankheiten und Direktor des Krankenhauses in Beraun, gleichzeitig mit ihm mußte ein tschechischer Versicherungsbeamter Stanek den Galgen besteigen.

Die Behandlung und Pflege in der Krankenabteilung war weiterhin sehr schlecht. Es wurde der Bruder des Protektoratsministers Moravec aufgenommen, der, gelähmt an beiden Beinen, nach einem Flecktyphus aus dem deutschen Krankenhaus in der Salmovka hierher kam. Ein anderer Prominenter war General Blaha, der nach einem Selbstmordversuch nach der Einvernahme des Innenministers eingeliefert wurde.

Zu Weihnachten 1945 setzt die Zentralheizung gänzlich aus, die erst einige Tage vorher notdürftig in Betrieb genommen worden war.

Für Mitte Jänner war der Prozeß gegen Blaha, Richtrmoc und Major Mohapl anberaumt. Es war der erste Prozeß vor dem neuinstallierten Nationalgericht - Národní soud, vor welchem sich ausschließlich Tschechen, die sich gegen die nationale Ehre vergangen hatten, zu verantworten haben sollten.

General Blaha war der Gründer der Gesellschaft der Freunde Deutschlands, dessen Präsidentschaft er an Richtrmoc, dem seinerzeitigen Divisionär in Leitmeritz abgab. Später schuf Blaha den Bund tschechischer Frontkämpfer, Major Mohapl fungierte als Geschäftsführer beider Organisationen. Blaha und Richtrmoc wurden zum Tode, Mohapl zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Im Jänner 1946 verschied in unserer Nachbarzelle der Präsident der Zivnobank, Dr. Jaroslav Preis.

Seit Beginn meines zweiten Krankenhausaufenthaltes konnte ich tagtäglich zwischen 1 und 2 Uhr mittags Karl Hermann Frank bei seinem Spaziergang beobachten.

Am 20. Feber 1946 wurde ich aus der Krankenabteilung entlassen und bezog eine Zelle im Kellergeschoß des Hauptgebäudes. Am 21. Feber wurde ich zur Arbeit eingesetzt, ich hatte weder Hut noch Socken, geschweige denn einen Mantel. Ich wurde u. a. dem Hadernkommando in Holleschowitz zugeteilt, bei dem ich die Kinder des von den Tschechen erschlagenen Dozenten Dr. Egon Ritter v. Weinzierl antraf. Von den Arbeitskommandos hatte ich Gelegenheit, manchmal in die Stadt zu gehen und suchte tschechische Bekannte auf, die mich durch Geld und Lebensmittel unterstützten. Ende März wurde ich in das Aussiedlungslager Moderschan-Modrany überstellt. Hier traf ich Prof. Dr. Riehl, den Vorstand des Institutes für experimentelle Pathologie, den früheren Sektionsrat Dr. Hoffmann aus dem Handelsministerium in Prag, Ing. Manzer, Baron Korb v. Weidenheim und viele andere. Hier erfuhr ich auch von einem Augenzeugen vom Tode eines meiner besten Freunde, Dr. Viktor Kindermann im Gefängniskrankenhaus in Pankratz. Knapp vor Abgang des Transportes vor Abmarsch zum Bahnhof wurde mir eröffnet, daß ich wegen wichtiger Zeugenaussagen noch zurückgehalten würde. Am 5. April 46 wurde ich wieder nach Pankratz gebracht. An Bekannten traf ich hier Dr. Polk, praktischer Arzt aus Smichov, Ing. Farnik, den Leiter der Pensionsanstalt der Berg- und Hüttengewerksgesellschaft Prag, Ing. Ferg usw. Auch der ehemalige Ministerpräsident Beran war dort inhaftiert. Auf der Marodka taten damals Dienst der tschechische Arzt Dr. Kleveta und der Oberarzt der Klinik Prof. Hohlbaum, Doz. Dr. Erich Brandstätter.

Ende August 1946 komme ich in das Gefängnis am Karlsplatz.

Anfang 1947 fand die Hinrichtung von Ernst Kundt, Hans Krebs, Hans Westen, Schreiber, Böhm und Werner statt. Gauärzteführer Dr. Karl Feitenhansl wurde zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Die Anklagen gegen Ing. Rudolf Jung und Dr. Rosche wurden ausgeschieden, beide waren in Pankratz an Hunger gestorben.

Am 8. April kam ich wieder nach Pankratz. Hier traf ich den stellvertretenden Chef der Gestapo in Kladno, Thomson und Dr. Fritz Köllner.

Am 15. April 1947 war mein Prozeß vor dem Volksgericht anberaumt. Die Hauptbelastungszeugin, Frau Cerniková-Fischlová war nicht erschienen. Der nächste Zeuge, ein höherer tschechischer Offizier sagt aus, daß ich ihn und seine jüdische Frau behandelt hatte, zu einer Zeit, als dies längst verboten war, auch hatte ich ihn im Herbst 1944 einige Zeit vor dem Arbeitslager bewahrt.

Nach vierstündiger Verhandlung fällt das Gericht einen Freispruch. Am 24. April 1947 wurde ich aus Pankratz entlassen. Zugleich mit mir verließ Herr Anton Kiesewetter, Oberdirektor der Kreditanstalt der Deutschen, Pankratz, wurde aber nach Reichenberg überführt.

Mit einem Lastauto wurde ich in das Lager Rusin gebracht, wo ich Arbeiten verrichten mußte, die ich infolge meines Magenleidens kaum leisten konnte. Inspektor Kout ließ meine Einwände nicht gelten. In meiner Arbeitspartie befand sich auch der Schriftsteller Dr. Wilhelm Pleyer. Von Rusin kam ich in das Aussiedlungslager Leschan. Nach Allerheiligen kam ich in das Aussiedlungslager Taus, vorher wurde unser dürftiges Gepäck noch ausgeplündert. Am 27. November 1947 bestieg ich einen Personenzug, der mich über die Grenze nach Furth i. W. brachte. Mein Gepäck bestand aus einem Bündel alter Wäsche und einigen mottenzerfressenen Kleidungsstücken.

Ich erkläre hiermit an Eidesstatt, daß vorliegende Schilderung in allen ihren Einzelheiten der Wahrheit entspricht.


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Überlebende kommen zu Wort